Glumm ist kein Name

Die Erfahrungen, die ich mit Buchverlagen gemacht hatte, waren ernüchternd. Keiner schien Mumm zu haben, mal was anderes zu probieren, keiner wollte ein Wagnis eingehen, alle hatten Schiss davor, dass schon wieder ein Buch nicht die erhoffte Auflage machte und somit den eigenen lumpigen kleinen Job bedrohte. Neugier Fehlanzeige, Mutlosigkeit. Dafür brauchte ich keinen anderen. Das kannte ich zur Genüge von mir selbst.

Jetzt, wo ich mutiger geworden war und jeden Tag am Schreibtisch saß, suchte ich eine Entsprechung in der Verlagswelt. Ich suchte einen Verlag, der mutig war und jeden Tag seine Arbeit machte. Das war schwerer als erwartet. Es hatte zwei, drei Versuche gegeben, leider zu einem früheren Zeitpunkt, als ich noch nicht reif gewesen war, als es noch nicht genug gute Texte gab, gut genug für eine Veröffentlichung. Jetzt hatte ich genug Material, aber keine Lust mehr mich an einen Verlag ranzuwanzen. Denn wie man es auch drehte und wendete, darauf lief es hinaus, aufs Ranwanzen. Nein, danke. Kein Interesse. Um am Ende mit 5 % des Ladenverkaufspreises abgefrühstückt zu werden.

Vom Finanziellen mal abgesehen: Das größere Problem rührte am Selbstverständnis der Verlagshäuser. Sie waren es gewohnt, dass sie sich nicht groß um neue Autoren bemühen mussten. Manuskripte kamen zu ihnen, sie schwappten in ihr Postfach und verstopften ihnen den Menschenverstand. Verlage waren es gewohnt, Beute zu machen ohne einen Finger zu rühren, und es war nicht aus ihnen heraus zu kriegen. Sie waren es gewohnt, Texte zu erhalten, zu bewerten und nach Gutsherrenart zu entscheiden, welcher eine Chance bekommen sollte und welcher nicht. Besonders welcher nicht. Weil es ja immer so viele Texte waren. So viele schlechte vor allem.

Auf die Idee, auf eigene Faust nach neuen Autoren zu fahnden, die gute Texte schreiben, kamen nur wenige. Hatten sie ja nicht nötig, hatten sie ja nie getan. Und wenn mal ein Verlagsmensch in die Niederungen des Internet hinabstieg, dann auf der Suche nach Autoren und Autorinnen, die Kriterium Nr. 1 erfüllten: jung mussten sie sein, je jünger, desto besser. Und dann kam ich alter Sack daher, mit dem Duktus eines Beatniks. Da konnte man es auch gleich bleiben lassen.

Ach na und, Bücher sind sowieso überbewertet, meinte die Gräfin. Jeder Hinz und Kunz bringt heutzutage ein Buch auf den Markt, daran ist nichts besonderes mehr. Bücher werden heutzutage wie Söckchen verramscht. 6 Stck. 3,99. Es ist mittlerweile was besonderes, als Autor KEIN Buch zu veröffentlichen. OHNE Buch als Autor zu bestehen. Ein rein virtuelles Dasein aus Nullen und Einsen zu bestreiten, im Internet, das ja angeblich nichts vergisst, – jedenfalls, solange es Nullen und Einsen gibt -, während der Buchmarkt dement ist und ein Buch innerhalb vierzig Tagen abhakt, wenn es keine Auflage schafft.

Na ja. Man kann es sich auch schön reden, wandte ich ein.

(Vielleicht sollten ja Bäume, Gräser, Äpfel beginnen ein Buch schreiben, damit wir endlich mitkriegen, wie die unsere Welt sehen.)

Außerdem: Ein Buch bedeutet Unannehmlichkeiten. Werbemaßnahmen. Eine Lesereise. Ich hasse es vor Publikum zu lesen, ich hasse Hotelzimmer, ich hasse Reisen. Das ist alles Mist, der einem nur Zeit raubt und Konzentration und wo man nachts die Groupies abräumen muss, die Genitiv und Genital erst verwechseln und dann total süß finden, süß wie falsche Artikel.

Der Person hat gereibt!

Also, warum zum Teufel solltest du knickrigen Buchverlagen hinterherjagen, wenn du das auch allein geregelt kriegst im Internet?! Wo du als Self-Publisher die Fäden selbst in der Hand hältst? Ohne sich einem Verlag auszuliefern, der dich mit einem Honorar in Pfennigstärken abspeist?

WARUM?

neues notizbuch

„Darum.“

Der Chef des mittelgroßen ambitionierten Verlages aus dem süddeutschen Raum hatte mein Manuskript mit nach Marseille genommen, wo er vierzehn Tage Arbeitsurlaub plante. Danach wollte er anrufen. Er mich. Als als nach drei Wochen immer noch kein Anruf kam, rief ich an.

Ach, der Herr.. Glumm. Sie wollte ich auch noch anrufen.

Na, das ist ja jetzt nicht mehr nötig, entgegnete ich kühl.

Die Stimmung war am Boden.

Er wollte etwas zu meiner Biografie wissen. Ich war sprachlos. Es ist nicht so schwer, meinen Namen zu googeln. Wer sich ein bisschen Zeit nimmt, erfährt etwas über mich. Wahrscheinlich hatte er diese Art von Recherche bislang nicht nötig gehabt, schliesslich rannten ihm die Autoren auch so die Bude ein, Autoren, die von Ruhm träumten, von grandios übers Papier fliegenden Satzbauten, von Groupies mit hochgestrubbeltem Haar. Träumern. Vollidioten wie mir. Also erzählte ich etwas von mir. Das nötigste. Wer ich war, woher ich kam, wo ich noch nie gewesen bin und auch nicht hin wollte. Dann sagte der Verleger, dass er unschlüssig sei, was mein Manuskript betraf. Es passe in keine Kategorie. Das sei schon mal.. schwierig. Im übrigen, es gehe großartig los, baue aber im zweiten Teil stark ab.

Kann sein, sagte ich. Mit dem zweiten Teil hab ich mir jetzt nicht so die Mühe gegeben wie mit dem Anfang. Aber daran lässt sich arbeiten. Autoren arbeiten ständig an Texten. Das ist der Job eines Autors.

Gut, aber er habe da noch ein Problem. „Du hast keinen Namen.“

Keinen Namen?

„Andreas Glumm“, sagte ich.

Nein. Keinen bekannten Namen.

Na wie denn auch, sagte ich. Wenn alle Verleger so reden wie du werde ich nie einen Namen haben, nicht auf dem Buchmarkt. Und so ganz unbekannt bin ich ja nicht, als Blogger.

Ja, als Blogger, sagte er. Doch wie viele Leute kennen und lesen dich? Ein paar hundert? Ein paar tausend, wenns hochkommt?

Ja, für den Anfang doch besser als nichts.

Ja, aber das sind doch selbst alles Blogger. Sagen wir so. Wenn du schon irgendwie einen Namen hättest, das wär besser. Egal als was, Hauptsache einen Namen. Als Basketballstar in Israel, als Schwanzlutscher in Arabien, ganz egal. Du verstehst, was ich meine? Die Leute kaufen kein Buch von jemanden, dessen Name ihnen nichts sagt. Besser noch sie kennen deine Fresse, die einen vorn auf dem Umschlag anknallt. Das ist Umsatzbringer Nummer 1. Deine Fresse.

Meine Fresse.., dachte ich.

Na, deine jetzt nicht. Die kennt ja keiner. Leider.

Pass auf, sagte er. Wir machen es so. Du hast eine Minute. Sag mir, warum ich mich für dich entscheiden sollte und nicht für Autor Y, von dem ich hier ebenfalls ein Manuskript auf dem Tisch habe – ein Autor, der jünger ist als du und schon ein bisschen bekannter.

Das soll ich dir beantworten?! sagte ich.

Ja, sagte er. Erkläre mir, was dich auszeichnet. Warum es ein Buch von dir geben muss. Eine Minute.

Ich saß da und dachte, jetzt kratzt jemand an deinem Lack. Da geht einer an deinen Stolz. Der will sehen, ob du dich verkaufen kannst. Ob du ein Marktschreier bist für deine eigenen Belange. Daran ist nichts ehrenrühriges, der Mann ist Unternehmer, der will verkaufen, dachte ich, und schwieg. Ein Name also. Glumm ist kein Name, da hatte er irgendwie Recht. Glumm ist ein Zustand. Ein physikalischer Widerstand. Eine Minute.

„Mal ehrlich: würde nicht jeder Autor, der auch nur halbwegs von sich überzeugt ist, jetzt sagen, pass auf, Chef, nimm mich! nicht den Anderen?“ sagte ich. „Dass ICH die Sachen schreibe, die die Leute lesen wollen? Das ist doch Humbug.“

Ich hörte Schreibtischgeräusche am anderen Ende der Telefonleitung. Ich hörte ein Verschieben von Stiften, Kratzgeräusche. Der Sauhund kritzelte, während wir miteinander sprachen. Wir nutzten beide Festnetz. Wir waren ungefähr gleich alt. Alter verlangt Chuzpe. Ohne Chuzpe bist du aufgeschmissen, und je älter du wirst, desto aufgeschmissener bist du, weil die Chancen weniger werden, wenn du kein Bein im Geschäft hast. Die Gräfin kritzelt auch immer, während sie telefoniert. Daran ist nichts respektloses. Aber der Typ ging mir auf den Sack. Vielleicht weil mir nichts passendes einfiel. Ein schöner Slogan. Irgendwas auf den Punkt.

Mir fiel doch sonst immer was ein.

„Wenn du wenigstens einen Roman hättest“, klagte er. „Nicht nur Storys.“

„Es gibt doch kaum Autoren, die so schreiben wie ich“, hörte ich mich sagen, ungenau und hochtraberisch. „Von Heroin, von Altersdemenz..“ Das waren alles keine Gewinner-, keine Bringersätze. Ein Verleger will nicht hören, dass man anders schreibt, ein Verleger will gefälligst hören, dass man so ähnlich schreibt wie Bestseller-Autor Heinz XY. Ist doch logisch.

Ich kackte ab. Dabei war ich fast sicher gewesen, dass der Verlag das Manuskript annehmen würde. Wir hatten schon über Vorschuss verhandelt und den Veröffentlichungstermin. Da hing die Wurst also vor mir, zum Greifen nahe, ich hätte nur noch Hinschnappen müssen, und plötzlich – war sie weg. Weggezogen, wie zum Hohn. Mal wieder.

Wenn du eine Chance vertust, tritt dir das Schicksal noch mal extra in den Hintern, mit der Pieke. Volle Lotte. So ist das.

cropped-foto-andi1994.jpg

Scheiß doch auf die Verlage, meinte die Gräfin später. Mach es selbst. (Nachdem sie zuvor etwas gesagt hatte, das ich interessanter fand: DIE CHANCEN SIND SOWIESO IN DER WELT. WENN DU SIE NICHT NUTZT, NUTZT SIE EBEN EIN ANDERER. DER CHANCE IST EGAL, WER SIE NUTZT.)

Nächster Satz der Gräfin:

„Du bist sowieso am besten, wenn du von hinten kommst und niemand mehr mit dir rechnet – genau das ist deine ganz persönliche Pole Position.“

Ich blickte sie an. Wir waren seit mehr als 25 Jahren zusammen, niemand kannte mich so gut wie sie. Was sie sagte, war Gesetz. Sie war die Botin. Manchmal ging sie durch die Wohnung und ich schaute ihr hinterher, mit diesem Gefühl der Rührung. Zwei Menschen, die gut miteinander können, haben etwas rührendes. Zerfall hat etwas rührendes. Sätze haben etwas rührendes, wenn sie zur Welt kommen in der richtigen Umgebung. In der Sprach-Serengeti: Als würde ein Junges aus dem Hintern der Antilopenmutter fallen und losstaksen, inmitten lauter Nullen und Einser.

Nur einen Namen musste das verdammte Kind haben.

Guntherschnabel, vielleicht.

foto.abendbrotgebiet

15 Gedanken zu „Glumm ist kein Name

  1. Dazu nur mal das: in Prag, lesend irgendwo sitzend, wurde ich von einem Dutzend junger Chinesen fotografiert- oder vielmehr das Buch!
    Und die Berühmtheitsskulpturendarsteller müssen auch was ändern – wer hat schon noch ein Buch in der Hand…

  2. Hm… Ein Verlagsfuzzi, der nicht erkennt, dass ein reichweitenstarker Blogger sämtliche Werbeanzeigen im Börsenblatt des deutschen Buchhandels überflüssig macht, hat nichts verstanden und bei dem solltest du sowieso nicht verlegen. Versuchs mal bei Klaus Bittermann oder Antje Kunstmann. Und veröffentliche deine Klickzahlen, das erspart so manches.
    Selbst verlegen bringt nicht wirklich was, weil Buchhandlungen nur bei bekannten Verlagen einkaufen. Andererseits, deine Leser werden es kaufen, so sicher wie das Amen in der Kirche.

  3. Wo kann ich unterschreiben? Ist mir eine Zeit lang auch so gegangen (und damals vor der großen Schriftmenschentumkrise schrieb ich im Vergleich zu heute gut…)

  4. Du darfst gerne die Biographie von Andy Bonetti übernehmen, um dich interessanter zu machen. König des Bahnhofsbuchhandels, goldenes Zippo von Montabaur gewonnen, den Dalai Lama vor einer Erlebnismetzgerei in Pirmasens getroffen usw.

    Im Ernst: Kenne ich alles. Vor allem: Keine Kurzgeschichten oder Gedichte. Romanmanuskripte. Und: bitte kein heterosexueller weißer Mann über vierzig. Hast du nicht wenigstens ein Holzbein oder einen Gefängnisaufenthalt in Bangkok zu bieten? Ich scheiß inzwischen drauf. Die Schecks von der VG Wort und den Verlagen (ja, die schicken alle noch Schecks!) ergeben zusammen keine dreihundert Mücken dieses Jahr. Vergiss es. Vergiss auch die Sache mit dem Selbstverlag. Bloggen. Gib uns deinen besten Schuss! Verzettel dich nicht mit dem ganzen Drumherum, Gluminho!

  5. manchmal gucke ich mir die veröffentlichungen so an (die der richtig großen verlage) und weiß nicht mehr, was ich denken soll… außer: WIE ZUR HÖLLE sind diese ganzen mittelmäßigen schreibschlunze an ihre verträge gekommen? und wenn die, wieso dann nicht auch ich mittelmäßiger schreibschlunz? fehlen uns die connections? vermutlich ist es das. wenn man nicht wen kennt, der wen kennt, hat man eben keinen namen. holzbeine und prominente liebhaber gehen auch immer, natürlich.
    dass kurzgeschichten gar nicht gehen, ist allerdings auch gelogen – man denke nur an die hochgejubelte judith hermann vor ein paar jahren.
    ach, was soll man sagen 😀 ick weeß doch ooch nüscht 😀 verlagswesen ist eine laune des schicksals, eine schickse des mühsals.

  6. Wie ich sehe, bist du doch noch nicht locker genug für die Hölle. Ich auch nicht. Du kannst froh sein, wenn du noch eine Muse hast und Lust zum Schreiben. Das ist wichtiger als ein Pappdeckel. Wenn es wichtig war, werden sich spätere Generationen schon drum kümmern.

  7. Ich versteh es nicht.früher las ich Bukowski,Fante,Hunter S.Thompson.ihre Geschichten hatten kein Anfang und kein Ende,sie begannen irgendwo und hörten irgendwo auf.heute les ich z.b.Irvine Welsh,Rocko Schamoni,wenn er mal Lust hat zu schreiben.bei ihnen ist es das Selbe.es sind Geschichten aus dem Leben,ich finde mich wieder in den Menschen dieser Stories,denn sie sind wie du und ich.ich fühle dann,meine Fehler sind menschlich,ich bin damit nicht allein.und ich finde auf manche meiner Fragen Antworten.und jetzt bin ich seit zwei Wochen Glummsüchtig.und würden in den Geschichten keine Drogen vorkommen,wäre es hier und da weniger interessant für mich,weil ich mit Drogen ähnliche Erfahrungen gemacht habe.aber auch dann würde ich die Geschichten verschlingen wie momentan.es wird sich irgendwann wieder legen,die Gier nach Glumm wird weniger werden.aber er wird ab jetzt immer zu meinen Lieblingsschriftstellern gehören.und in Zukunft soll ich ständig mein Highspeedvolumen aufladen,damit ich Glumm weiterhin in Bus und Bahn lesen kann?weil die Bekloppten kein Buch von ihm rausbringen?das paßt so richtig in die heutige Zeit.lieber immer mehr Trash mit D- Promis als etwas Echtes,etwas was Herz und Hirn anspricht.und dabei soll man nicht wütend werden.Traurig!

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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