Alle lieben Jungs heißen Andi

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07. September ’85

Lena hat sich einen chromgelben Golf zugelegt, ein ausrangiertes Postauto, Baujahr 75, direkt aus der Schrottverwertung. 200 Mark angezahlt, angemeldet, losgebraust. Ein Riss im Auspuff lässt den Motor so laut dröhnen, jeder glaubt, ein Panzer der Effizienz-Klasse XXL böge um die Ecke, auf dem Weg nach Stalingrad. Ein Monstersound.

„Und dann sieht man dieses kleine Postäuteken..“

„Ja, schon gut. Morgen schraubt mir der Mechaniker eine neue Pfanne drunter. Hat er mir versprochen.“

Aber sicher doch, sag ich. Klar doch. Schrauber sind dafür bekannt, dass man sich auf ihr Wort verlassen kann. Das sind Ehrenmänner. Wenn ein Schrauber was verspricht, dann geht das klar. Das ist Gesetz. Schraubergesetz. Eher segelt ein blutiger Pferdekopf durchs Schlafzimmerfenster und landet auf dem Daunenkissen, als dass ein Schrauber sein Wort nicht hält.

„Sei nicht immer so ironisch. Der macht das schon, der kleine Andi. Auf den kann man sich verlassen“

„Ach wie, der Schrauber heißt auch Andi..?”

„Genau. Alle lieben Jungs heißen Andi. Weißt du doch..“

„Ich scheiß dir gleich lieb vors Auto“, sag ich.

Sie hat den Führerschein seit einigen Wochen, und sie hat Probleme mit der Schaltung. Als sie unterm Fenster vorgefahren kommt, steht sie vor Freude auf der Hupe und der Wagen ruckelt und macht Männchen. „ICH HAB IHN! ICH HAB IHN!“ ruft sie so schwungvoll, als hätte sie wochenlang von nichts anderem gesprochen, dabei höre ich heute zum ersten Mal davon. Aber ich bin nicht mehr Teil ihres Lebens, ich gehöre nicht mehr richtig dazu. Ich bin auf dem Weg zum Ex, den man mehr aus Gewohnheit noch über eine Neuanschaffung informiert. Vielleicht bin ich auch schon der Ex.

Ich bin erledigt.

Sie steigt aus und stürmt die Haustreppe hinauf. Es ist das forsche, das fröhliche Klappern ihrer Absätze, das ich noch Monate nach unserer Trennung vermisse. Einmal hocke ich auf dem Lokus und glaube, ihr Geklapper zu hören. Ich springe auf, die Hose auf den Fußknöcheln, und stolpere im Geisha-Schritt zur Tür, um nachzusehen, ob sie zurück ist.

„Ich hab ihn!“ ruft sie und wirft mir den Zündschlüssel zu, den ich lässig auffange. Ich sitze am Küchentisch und esse von dem aufgewärmten Scharfen Reis, den sie Tage zuvor gekocht hat, unser Leibgericht.

„Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben!“ ruft sie völlig überdreht.

„Willst du auch was essen?“ frage ich, obwohl der Topf auf dem Herd so gut wie leer ist. Doch ich kenne die Antwort bereits, da kann man das riskieren.

„Ach wo, ich hab keinen Hunger. Ich bin viel zu aufgeregt. Komm, lass uns eine kleine Tour machen. Mal sehen, wie das Kätzchen schnurrt.“

„Wohin?“

„Wie, wohin?? Ist doch egal. Zuerst zur Waschanlage. Neues Schwein muss sein.“

Herbstlaub übersät die Schillerstraße, wobei überreifes Birnengelb dominiert. Welch hübscher Kontrast zum Postautogelb. Sie fährt so unsicher und übermotiviert, ich bin heilfroh, dass Sicherheitsgurte Pflicht geworden sind.

„Seit wann schnallst du dich an? Freiwillig!“ gackert sie. „Mach ich dich etwa nervös?“

Der Wagen legt einen so jähen Schlenker ein, dass ich mir nicht sicher bin, ob sie es extra macht oder ob sie es nicht besser kann. Beide Versionen machen mich krank. Als wir auf das Gelände der Tankstelle einbiegen, beginnt der Kühler zu dampfen. Ah, ist schon okay, meint Lena. Ah gut, sag ich. Ich weiß nicht, wie Autos funktionieren. Auf dem Beifahrersitz Platz nehmen ist meine größte fahrerische Leistung.

Mitten auf der Waschstraße plötzlich ein Scheppern. Der Betreiber der Anlage stoppt den Betrieb und schreit, wir sollen im Wagen bleiben. Nicht aussteigen! Ein Nummernschild ist abgefallen.
Später, als der ganze Wagen picobello glänzt, streikt der Motor und wir kommen nicht vom Fleck. Ich schiebe den Wagen quer über den Parkplatz. Lena ruft den Mechaniker an. Er hat sich den Finger gebrochen und kann nicht kommen. Seine Ferndiagnose: die Batterie ist alle.

„Ihr seid doch sowieso gerade auf ’ner Tankstelle..“

Auf so Typen steh ich total, knurre ich.

„Ach, maul nicht immer nur rum. Hilf mir lieber.“

Lena organisiert einen Schraubenzieher und zeigt mir, wie man eine eingerostete Batterie aus dem Motorraum schält. Alles ist voller Öl und Schmiere, eine einzige zähflüssige Paste. Sei nicht immer so zaghaft, sagt sie, du musst mal richtig rangehen. He, lass das, ich mach das auf meine Art, gebe ich genervt zurück. Schon mein Vater hat mir in der Kindheit alles aus der Hand genommen, wenn ich mich handwerklich ungeschickt anstellte. Ich stoße mit der Schulter gegen die Stange, die die Motorhaube oben hält, und das Ding knallt mir auf den Kopf, genau auf die Fontanelle. Ausgerechnet da, wo ich von Geburt an diese kahle Stelle habe, die sich mit der Zeit zu einer warzigen kleinen Kraterlandschaft gemausert hat, nur notdürftig überdeckt von den benachbarten Locken.

Lena kann sich das Lachen kaum verkneifen.

„Sag bloß, der Grützbeutel ist aufgeplatzt..“

Grützbeutel. Was für mich eine perfide Form von Krebs ist, stellt für sie nur eine harmlose Hautveränderung dar. Im Mumms sind die Leute schon auf mich zugekommen und haben gefragt, ob sie das Ding mal sehen könnten. Es hat sich herumgesprochen, dass ich da was am Kopp habe. Ein Karbunkel, laut Benzini. Ne fiese Fistel, diagnostiziert der dicke Hansa.

„Geh endlich zum Doc“, meint Lena. „Dann weißt du, woran du bist.“

Zum Arzt trauen. Die Wahrheit erfahren. Allein die vielen Muttermale, die meinen Körper eindecken und der strengen norditalienischen Blutlinie meiner Mutter entstammen. Ist bestimmt ein Malinom.

„Karbunkel!“ grölt Benzini.

Ich lege mir den Krankenschein schon mal raus und schreibe Die Wahrheit küsst man nicht in mein Notizbuch – ohne zu wissen, was ich damit nun genau meine. Aber weiß man das je genau. Gelegentlich rutscht einem ein Satz raus, den man im ersten Moment als Türöffner in eine golden reflektierte Zukunft feiert, und zwei Tage später, beim Durchblättern, hinterlässt er nur Stirnrunzeln und Kackreiz.

Spät in der Nacht warte ich auf Lena, dass sie vom Kellnern kommt. Ich guck in den blöden Fernseher, schlafe aber nicht ein. Obwohl die Luft kühl ist, bleibt das Fenster geöffnet, damit ich ihr Auto höre, wenn sie kommt. Um vier ist sie endlich da. Warum hast du nicht angerufen und Bescheid gesagt? Mich nervt, wenn ich nicht weiß, ob du noch kommst. Wieso, hier bin ich doch. Freust du dich nicht? Wenn du dich nicht freust, brauche ich auch nicht mehr zu kommen. Doch, ich freu mich. Einen Scheiß freu ich mich. Sie bleibt bis zum Morgen.

Lena erzählt von schwierigen Kneipeng ästen, mit denen eine Kellnerin zurechtkommen muss. „He, schöne Frau, bringen Sie mir irgendwas, wovon Sie glauben, dass es zu mir passt.“ Und wehe, der Kerl kriegt nicht das, wovon er glaubt, dass es ihm gut steht. Dann kann er das doch gleich bestellen, sag ich, wenn er doch sowieso keine Überraschung erträgt. Siehst du, sagt sie. Nachdem sie den Stress aus der Kneipe erstmal runtergefahren hat, sind wir ganz lieb zueinander. Es geht immer noch. Sex ist das tollste, lese ich Tage später im Notizbuch. Das sind die Sätze, die keine Fragen offen lassen.

Am nächsten Morgen. Punkt acht beginnt ein Bautrupp die Fahrbahndecke der Schillerstraße aufzureißen, der Lärm zerrt an den Nerven. Als die Pressluftbohrer eine Pause einlegen, hat Lena es plötzlich eilig. Sie hat die Mittagsschicht im Nordpol. Aber du musst doch erst um elf da sein. Ja, aber vorher muss ich noch duschen. Und ich muss mit Jacki klären, wie wir das mit dem Umzug machen. Ich muss los. Ich ruf an.

Ich öffne das Fenster in dem Moment, als sie losfährt. Dann ein dumpfer Aufprall. Sie setzt den Golf vor ein parkendes Auto. Ich seh sie zornig aus dem Wagen springen, „Verdammte Karre!“ Bis ich mich angezogen hab und draußen bin, ist sie schon abgedampft. Das hintere Nummernschild hat sich gelöst und kratzt über die Straße, Funken sprühend. Der Wagen verschwindet am Horizont, wie auf dem Weg zum Polterabend.

Um zehn hab ich den Termin beim Dermatologen. Die befürchtete Horrormeldung bleibt aus. Der alte Hautarzt mit dem polnischen Namen diagnostiziert irgendwas Lateinisches und fügt hinzu, dass es sich bei der fraglichen Stelle um eine angeborene Anomalie handeln müsse. Stimmt, sag ich überrascht. Hab ich von klein auf. Woher weiß der das? Alles kein Problem, Warze wird mit flüssigem Stickstoff entfernt. Dauert ein paar Sitzungen. Ist harmlos. Ist Mongolenfleck. nuschelt der alte Pole versonnen. Ist selten. Er wisse von einem polnischen Adelsgeschlecht, das den Mongolenfleck als Familienstempel von Generation zu Generation weiter vererbt hätte, in den alten Zeiten. Und dass die Warze irgendwann einfach abfallen würde, nach der vierten oder fünften Stickstoff-Behandlung.

Na, das ist doch mal was. Das ist ganz nach meinem Geschmack. Dinge, die sich wie von allein regeln, die zu Boden fallen und die futsch sind, weg damit, abgeräumt, für immer und ewig.

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