Extrem scheiße laut

Greta war 14, als sie mit ihrem alleinerziehenden Vater in die Wohnung über uns einzog und dabei Daddys alte Punkrock-Scheiben entdeckte. Fortan lebten wir in einer Art Punk-Museum, in dem die Historie des Garagen-Rock von 1976 bis in die Gegenwart aufgerollt wurde. Öffnungszeit war von mittags nach der Schule bis kurz zum Zubettgehen, in einer Lautstärke, als hätten durchgeknallte Fliesenleger bei der Renovierung der 3 Zimmer-Wohnung winzige, aber leistungsstarke Subwoofer in den Mörtel eingedrückt.

Na schön. Irgendwie hatte ich das verdient, dass ausgerechnet über uns ein Teenie mit Vorliebe für wilden Punk und Rumrotzen auf die Straße eingezogen war. Jetzt war ich Frau Sieloff, da musste ich durch. Die arme Familie Sieloff hatte in den Siebzigerjahren das Pech gehabt, in der Wohnung unter meinem Kinderzimmer zu leben, so wie ich nun das Pech hatte, unter Greta zu leben. Irgendwann hat jeder mal das Pech, unter jemand anderem zu leben.

1974 entdeckte ich den Glam-Rock. Ich hörte T. Rex und Cockney Rebel, ich war vernarrt in Slades Hymne CUM ON FEEL THE NOIZE und bezog alle drei Monate längst vergessene Rock’n Roll-Scheiben per Mail Order aus Wolverhampton, England. „Die Platten kann man nur laut hören!“ versuchte ich meiner Mutter klarzumachen. „Extrem scheiße laut, Mutti!“

Wenn ich mittags von der Schule heimkehrte, entspannte ich erst mal ein Stündchen zwischen wummernden Sonobull-Boxen, worauf man Frau Sieloff des öfteren gramgebeugt aus dem Haus fliehen sah. Ziel ihrer Flucht war Dr. Möring, ein Militär-Arzt alter Schule, der die Straße runter eine florierende, wenn auch nicht unumstrittene kleine Nerven-Praxis führte.

„JETZT STELLEN SIE SICH MAL NICHT SO AN, FRAU SIELOFF! MARSCHMUSIK HAT NOCH KEINEM GESCHADET!“

„Marschmusik!? Nein, Herr Doktor, der Bengel hört keine Marschmusik, der hört..“

„ACH, GEHEN SIE LIEBER PUTZEN, GUTE FRAU SIELOFF, DANN SIND SIE AUS DEM HAUS UND GEHEN DEM ARMEN BUB NICHT AUF DIE NERVEN!!“

Dr. Möring war auch Hausarzt meiner Familie, und aus irgendwelchen Gründen mochte er mich. Dabei schüchterte mich sein stiernackiger, von hohem Blutdruck überbordernder Körper derart ein, dass ich in seiner Gegenwart kaum ein Wort raus bekam. Mein Vater meinte, Dr. Möring wäre ein Doktor, der erstmal das Bein amputiert, bevor ihm aufgeht, dass die Fußnägel geschnitten werden müssen. Für mich war Dr. Möring eine britische Bulldogge mit Brikett-Haarschnitt und so hohem Blutdruck, dass sein Blut wie Instant-Suppe vor sich hin zu bubbeln schien, wie Tomatensuppe in einer heißen Dose.

Was Frau Sieloff anbelangte, so konnte ich ihren Unmut über meinen ständigen Radau erst nachvollziehen, als Greta über uns eingezogen war. Jahre später tat es mir plötzlich leid, wie ich früher auf ihren Nerven herumgetrampelt war, ohne mir darüber Gedanken zu machen. Meine Reue ging soweit, dass die Gräfin mich schon mit „Na, schau an, die Frau Sieloff!“ begrüßte, wenn sie abends nach Hause kam und ich mal wieder mit dem Besen an der Zimmerdecke zugange war: „Die kleine Punkerin da oben soll gefälligst die Zimmerlautstärke einhalten!“

Zimmerlautstärke. Das Reizwort der Siebzigerjahre. Die Losung des deutschen Spießers. „Und das aus deinem Mund, dreißig Jahre später!“ lachte die Gräfin, kurz bevor sie selbst die Nerven verlor.

„SCHNAUZE DA OBEN!!“

Tags drauf traf ich Gretas Vater im Hausflur und bat ihn herein.

„Auf eine Minute.“

Ein netter Mensch. Ein Alt-Punk. Er jobbte als Anstreicher. Wenn er nachmittags im beigefarbenen Blaumann von der Arbeit kam und Abendessen kochte, roch es im ganzen Haus nach Farbe und Zwiebeln. Er setzte sich zu mir. Oben rockte seine Tochter Sham 69. Ich sagte nichts. Wir saßen im Sessel.

Sham 69, sagte mein Blick, hörst du das?

Er blieb cool, blickte sich im Zimmer um. „Boh, Alter, hast du ne alte Anlage!“

Es dauerte keine Minute, und wir zeigten uns gegenseitig unsere alten, nicht internetfähigen Handys.

„Wenn du damit eine Nummer wählst, meldet sich noch das Frollein vom Amt“, feixte Gretas Vater. „Immerhin hab ich damit keine Probleme mit Viren. Wenn die mein altes dreckiges Handy sehen, gehen die laufen.“

Er kam auf die Probleme zu sprechen, die ein alleinerziehender Vater mit seiner Teenager-Tochter hat, die gerade im Begriff ist von den Punks zu den Metallern überzulaufen.

„Ich mein, was soll ich Greta groß erzählen, wenn sie alte Fotos von mir in die Finger kriegt, wo ich genauso aussah wie sie heute rumrennt. Nur ne Ecke härter natürlich. Wir waren ja keine Modepunks, wir hatten noch echte Pissflecke in der Hose.“

Das sah ich ein. Nee. Is klar. Gut.

„Was ist mit leiser machen?“ schlug ich vor.

„Leiser machen..?“ Er schaute mich verblüfft an. „Wovon redest du?“

„Na, die Musik da oben. Das nervt.“

„Ist keine gute Musik? Soll sie was anderes auflegen..?“

„Nein. Ich hasse laute Musik.“

Er schaute mich an. Verunsichert. Meinte ich das ernst? Natürlich meinte ich das ernst. Wir einigten uns darauf, es auf einen Versuch ankommen zu lassen.

Einfach mal äh Zimmerlautstärke.

Tags drauf, zur Ladenschlusszeit, war ich auf dem Fronhof unterwegs, mitten in der Stadt, als plötzlich eine Horde punkig gekleideter Jungs und Mädels zusammenströmte. Sie kamen von allen Seiten, es wurden immer mehr, es hörte überhaupt nicht auf. Sie kamen einzeln, sie kamen in Cliquen, sie kletterten aus Dutzenden unsichtbarer Löcher. Einige von ihnen traf ich am selben Abend in unserem Hausflur wieder, im Rahmen von Gretas Geburtstagsparty. Darunter einen baumlangen Knaben mit Irokesenschnitt sowie eine hübsche Teenagerin im Schottenrock. Der Bursche war am flennen, sein Kopf baumelte auf ihrer Schulter.

„Mensch, Alter, jetzt schmier doch hier emotional nicht so ab!“ hörte ich ihre genervte Klein-Mädchen-Stimme, als ich unsere Wohnungstür aufschloss. Sofort kam der Hund auf mich zugestürzt, kläffend, schwanzwedelnd. Seine Augen verrieten den Stress, unter dem er stand. „Alter, hier ist was los, ich sag es dir! Gut, dass du hier bist! Wir müssen schleunigst aufräumen da oben!“

„Hallooo! Frau Sieloff ist da!“ rief ich in die Küche.

„Hallo“, gab die Gräfin kleinlaut zurück, irgendwo aus dem hintersten Winkel der Wohnung.

Eine Weile blieb ich stehen, um mir die Szene im Hausflur gut einzuprägen. Der Junge heulte sich aus, ohne jede Scham, er sah aus wie eine unheimlich traurige Giraffe. Im ganzen Haus roch es nach Marihuana und verschütteten Likör. Oben setzten die MC5 ein, hammerhart, Kick out the Jams.

Ich wippte hymnisch mit den Zehen.

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Ein Gedanke zu „Extrem scheiße laut

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