499 Wörter – und irgendwo knackt es im Unterholz.

Junge, hab ich mich gestern Morgen aufs Maul gelegt. Und das nur, weil ich unbedingt meine Lieblings-Boots anziehen musste, schwere Schnürstiefel ohne Profil, perfekt eingetreten in zehntausend Tagen.

Wir sind zu dritt unterwegs, wir drehen eine große Runde. Die Gräfin hat ja noch ein paar Tage Urlaub. Niemand ist auf den Feldern rund um Theegarten unterwegs, keine Menschenseele, keine Hundebesitzer, nicht mal Schulschwänzer mit alten Onkelz-Aufnähern, nichts, niemand, nur wir 3.

Hund, Frau, Mann.

In der Nacht hat es geschneit, nasser Pappschnee, der jetzt im Begriff ist zu tauen. Es gluckert und seihert auf den Feldern, es sickert und trieft. Es flutet. Das Universum ist kein stiller Ort. Könnte man Geräusche fotografieren: das gäbe ein lautes, ein nasses Foto.

Im Wald dagegen: Stille, vornehme Dunkelheit. Wir sind auf diesem abschüssigen Weg unterwegs. Ich vorneweg, einen Fuß vor den anderen setzend, in Zeitlupe, eine bedächtige, beinah zaghafte Choreografie, so vorsichtig, als ahnte ich schon, was passieren würde – und dann passiert es doch. Dann passiert es erst recht. Unter dem matschigen Schnee lauert altes Laub, auf dem ich wegrutsche. Ich verliere den Halt, schlage der Länge nach hin, wie ein gefällter Baum, nur schneller, und knalle mit dem Kopf auf einen vereisten Wurzelstrang. Der Stoß trifft genau die Schläfe – und das ausströmende Adrenalin stellt mich sofort wieder auf die Beine.

„Scheiße!!!“

Sie stürzt erschrocken hinzu, „alles okay?!“ Der Hund bleibt ohne Regung. (Als ich Jahre später in eine ähnliche Situation gerate, ist der Hund sofort über mir – für den Bruchteil einer Sekunde bin ich für ihn nichts als Beute. Bis ihm aufgeht, Momentchen, das ist das Herrchen. Das ist tabu. Das gibt Ärger.) Ich reibe meine Schläfe, um zu fühlen, ob da was blutet, da ist aber kein Blut. „Nein. Da ist nichts“, sagt sie. Da ist auch kein Schmerz, kein wirklicher Schmerz, nur ein leichtes Stechen – aber im ersten Moment weiß man nie, was los ist. Nicht genau. Traue keinem ersten Moment, wenn du stürzt. Ich hätte genauso gut tot sein können, wäre ich nur einen Tick unglücklicher aufgekommen. Selbst die Gräfin, in solchen Dingen eher die geborene Abwieglerin („Jetzt übertreibst du aber, mein Lieber..“), ist den restlichen Weg seltsam still. „Wie hätte ich Hilfe holen sollen, mitten im Wald, ohne Handy..?“

Abends bin ich mit dem Hund im Park, zur finalen Pipi-Runde. Es ist stockfinster. Irgendwo knackt es im Unterholz. Ein Schlurfen und Rasseln ist zu hören, das sich langsam entfernt, ein Geräusch, als zöge ein Gespenst einen rostigen Schlitten hinter sich her, doch niemand ist zu sehen. Auch dem Hund wird unheimlich, er weicht nicht von meiner Seite, hält sich eng am Bein und bellt aufgekratzt ins Nichts.

Vielleicht war er das, er, der schwarze Meister, mit der Botschaft: Pass auf, Bürschchen. Ich bin immerzu in deiner Nähe. Ich vollstrecke, wann immer es mir passt.

Und dann war Stille im Park. Das totale Schweigen. Ich hab noch ein, zwei Stöckchen geworfen, die niemanden interessieren, und wir sind reingegangen.

* 10. April 2005

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Ein Gedanke zu „499 Wörter – und irgendwo knackt es im Unterholz.

  1. da ist er wieder, der seidene Faden, an dem unser Leben hängt- danke dir für deine Version …
    und gut, ist nichts weiter passiert, als ein grosser Schreck und ein Erinnertwerden
    herzliche Grüsse
    Ulli

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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