Penny und der Kassierer

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Boxer, ich spreche von der Hunderasse, kann ich um Längen besser leiden, seit man ihnen das Speicheln größtenteils weggezüchtet hat. Dieses ganze Gespucke und Gesabber, das ihnen aus der Schnauze flog wie ausser Kontrolle geratene Scum Shots – ich meine, dem Sauzeugs trauert wirklich niemand hinterher.

Zudem lernten wir die wunderbare Penny kennen, eine Frau mit zwei Boxern, die uns zeigte, was für liebe Hunde diese Boxer sind. Trotz des vertrottelten Anblicks. Trotz einer Tonne Wichse in der Fresse. Penny war etwa so alt wie wir, sah aber zwanzig Jahre älter aus, womit sie wenig Probleme hatte. In gewissem Sinne kokettierte sie sogar mit ihrem verwohnten Antlitz.

„Jedes Mal, wenn ich in den Bus einsteige, springen die Einäugigen und die Lahmen auf und bieten mir eilfertig ihren Sitz an. Was willst du mehr.“

Sie trug abgewetzte, ehedem knallbunte Regencapes, auch im Hochsommer, und einen pflaumenblauen Hut. Nicht, dass sie kein Geld für Klamotten gehabt hätte, sie gab ihr Geld lieber für anderen Kram aus. Keine Ahnung, wofür. Irgendwas wird es schon gewesen sein. Sie war Beamtin. Sie hatte monatlich Geld.

„Was soll ich mir großartig Sachen kaufen, wenn meine zwei Sprinkleranlagen mich ständig bewässern. Da kann ich ja schon besser Neopren-Anzüge tragen.“

Bobby und Stan, ihre beiden durchtrainierten Boxer, waren vom alten Schlag, mit mächtig Speichelfluss. Echte Sabbertaschen, deren Köpfchen ich grundsätzlich nicht streichelte, wenn man sich auf den weiten Spazierfeldern rund um Theeegarten begegnete.

Es war früh am Nachmittag, einer der letzten Wintertage. Es schneite nicht, es fluste vom Himmel. Winzige weiße Flöckchen. Als hätte der Herrgott fürs ganze Land eine läppische Handvoll Schnee eingesteckt, und die wurde auch noch verweht, just in dem Moment, als er die Hand öffnete, um das Land zu segnen.

Penny hatte nur einen ihrer beiden Schützlinge dabei, Stan, der ganz verrückt nach Frau Moll war, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Und so machten sich die beiden Flittchen und Hurensöhne sofort übereinander her, gingen in den Clinch, bis die Rippen krachten.

Penny, gesprächig wie immer, kam sofort auf den Punkt.

„Ich hab heute einen Anruf gekriegt. Unser Kassierer hat sich erschossen. Im Wohnzimmersessel. “

Moment mal.. Wenn man das so hört, ein Kassierer hat sich erschossen, denkt man da nicht gleich „Unterschlagung?“

„Keine Unterschlagung. Ist ja nur unser kleiner Boxer-Club, da lohnt keine Unterschlagung. Ausserdem hätte der Willi das nicht getan.“

„Na, denkt man das nicht immer? Nur weil Kassierer harmlos in der Ecke sitzen und still die Mitgliederbeiträge zählen. Und hinterher stellt sich raus, es war der Buchhalter.“

„Der Buchhalter?“ blinzelte die Gräfin.

„Na, dann eben der Kassierer.“

„Ach, der Willi“, meinte Penny. „Der hat so was nicht.. also, der war..  nicht gewitzt genug um Geld zu unterschlagen. Eigentlich ein lustiger Kerl, ein richtig gemütlicher Kölner, bis man vor einem halben Jahr Darmkrebs bei ihm fand. Ich hab ihn nie mehr lachen gesehen. Der wurde immer trauriger. Der Willi.“

„Ach, der arme Kerl“, hauchte die Gräfin, die bis eben von Willis Existenz nichts geahnt und selbst einige Tage malad niedergelegen hatte.

„Ja, aber der Krebs war doch gutartig, der hatte gar keine Metastasen gebildet. Da lag gar kein Grund vor, sich zu erschiessen. Willi wäre wieder gesund geworden.“

Penny trug ein fliederfarbenes Blouson, ein komplett zerknittertes Unikum, das unterm Mantel hervorblitzte.

„Und dann auch noch im Wohnzimmer..“

Sie bevorzugte eine ruhige Tonlage. Sie war niemals aufgeregt, immer cool. Ein Monolith in der Klanglandschaft. Sie trug eine knubbelige kleine rote Nase im Gesicht, ein Clown, der keine Maske mehr aufziehen musste, weil das Leben sich tief genug eingraviert hatte.

Penny war eine praktische Frau. Vielleicht ein bisschen mäkelig.

„Ich mein, da kommt die Rosi von der Arbeit nach Hause, geht ins Wohnzimmer, und wer hängt da im Sessel und hat sich ein Loch in den Kopf geschossen?! Der liebe Ehemann. Muss das sein? Ich mein, ist das denn nötig? Hätte der Willi nicht in den Wald gehen können wie jeder andere Selbstmörder auch? Oder er wär meinetwegen vor eine Mauer gedonnert. Hätte einen Unfall vorgetäuscht, damit Rosi wenigstens die Lebensversicherung ausbezahlt kriegt – aber so.. bei Selbstmord.. da gibt’s nix. Es wird schon schwierig, einen Pfarrer zu finden, der die Beerdigung macht und ein paar Worte spricht. Der war ja schließlich Katholik, unser Willi. Ein Kölner Katholik. So einer bringt sich nicht um. Das tut ein Kölner nicht.“

Ich beobachtete eine Schneeflocke, die sich auf ihrer knubbeligen Clownsnase niederliess und auf der Stelle wegschmolz, wie Butter in der Pfanne.

„Also, vor eine Mauer fahren ist jetzt auch nicht ohne“, räusperte ich mich. „Stell dir vor, du bleibst querschnittsgelähmt zurück, dann hast du die Kacke aber richtig am dampfen.“

„Ach was, mit hundert Sachen vor die Mauer, da bleibt nicht viel übrig“, hielt Penny dagegen. „Willi fuhr einen klapprigen alten Ford, das hätte schon funktioniert, nee, lass mal – den hätte man mausetot aus dem Wrack gezogen. Aber so wie es gelaufen ist.. gemütlich im Sessel sitzen, Zeitung lesen und sich erschiessen, kurz bevor Rosi nach Hause kommt, also, ich weiß nicht.. Das muss doch nicht sein.“

Als Penny verschwunden ist und wir den Heimweg antreten, verlieren wir kein Wort mehr über die Angelegenheit. Wir kannten Willy nicht. Jeder hängt seinen Gedanken nach.

„Ich tippe auf Unterschlagung“, sag ich.

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3 Gedanken zu „Penny und der Kassierer

  1. „Verwohntes Antlitz“ – herrlich:
    Das setze ich mir jetzt auch immer auf, wenn ich öffentlich fahre.
    Ein wenig „Unterschlagung“ herrscht auch in Deinen Prosaskizzen: sie hören auf, etwas scheint noch in der Text-Luft zu liegen, wird aber nicht verwörtert, und so dürfen wir weiterspinnen.

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