Danke, VW

Da ist man als ganz normaler Bürger längst zum Satiriker gereift und glaubt, dass einen so schnell nichts mehr überraschen kann, dass so gut wie alles auf der Welt den Tatbestand des Alltäglichen erfüllt, und dann kommen die Software-Lumpen von VW daher und überrumpeln uns mit jahrelangem Getrickse und Getäusche. Was das Ansehen in der Welt betrifft, sorgt VW als deutsches Vorzeigeunternehmen immerhin für einen gewissen Ausgleich. Gerade noch rechtzeitig, bevor wir als Super-Nation der offenen Arme in die jüngere Geschichte eingehen.

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Flüchtlinge.

Wie immer lohnt ein Blick in die eigene Familie. Auch Deutsche stammen von Flüchtlingen ab, und sei es in soundsovielter Generation. Viele von uns sind Nachkommen von Menschen, die ein besseres Leben gesucht haben in einem anderen Land, viele gleich in einem anderen Teil der Welt.

Meine Großeltern mütterlicherseits kamen Punkt 1900 aus Prepotto im Friaul, einer verarmten Bergregion in Norditalien an der Grenze zu Slowenien. (Heute weltberühmt für den Wallfahrtsort Castelmonte.) Die Sippe der Lesizzas (man kam in Mannschaftsstärke) heuerte in Solingen als Straßenpflasterer an, Deutsche wollten solche Arbeit nicht mehr machen. Meine Großmutter, schon in Deutschland geboren, galt dennoch als Italienerin und erzählte oft davon, wie sie in der Schule bespuckt, getreten und beschimpft wurde, als dreckiges Ölauge und Itakker-Hure.

Das ist eine Seite des Themas, die nachvollziehbare Sicht der Flüchtlinge, die andere Seite zeigt Deutschland als zu kleines, zu eng bewohntes Land, um x Millionen neuer Menschen unterbringen zu können, während viele Staaten um uns herum blöd am Zaun stehen und gaffen. (Mit einer gewissen Schadenfreude.) Ich finde, was die Zahl der Menschen betrifft, die Europa aufnehmen kann, müssen Obergrenzen eingezogen werden, jedenfalls seh ich keinen anderen Weg.

Ich höre immer wieder das Argument, dass Länder wie die Türkei oder der Libanon schon jetzt Millionen von Flüchtlingen Schutz bieten, aber der Vergleich hinkt. Die Menschen leben dort nicht nur in riesigen Lagern unter beschissenen Bedingungen, sie sind auch so nah zur Heimat, dass sie bei der erstbesten Möglichkeit ihre Habseligkeiten zusammenraffen und zurückkehren werden. Von Integration ist dort keine Rede, weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Ganz anders in Deutschland. Wer es hierhin geschafft hat, will bleiben. Und je weiter ein Mensch von zu Hause fort ist, desto eher bleibt er in der Fremde.

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Was den Umgang mit Flüchtlingen betrifft, darüber hat Oliver Driesen bereits am 8. September in Dieser eine, rauschhafte Moment des Gutseins geschrieben:

.. Was uns aber dabei zuverlässig aus der Bahn wirft, ist unser Hang zum melodramatischen Augenblick, zur vermeintlich selbstlosen, in Wahrheit aber grandiosen Geste. Es ist, als wollten wir um jeden Preis Selfies produzieren und zur Selbstvergewisserung immer bei uns tragen, die uns als  fröhliche, tolerante, weltoffene, sorglose und sorgende Menschen im Kreise unserer Lieben zeigen. Eine Szene, an die wir glauben möchten, für einen rauschhaften Moment. ..

Driesen, Wirtschaftsjournalist und Blogger, der gerade mit seinem Roman Wattenstadt debütiert, traut der ganzen Wllkommens-Tümelei ebensowenig wie ich. Denn was bleibt, wenn die Gefühle erkalten? Was, wenn die Zelebration vorüber ist? Die Rechten brauchen sich bloß in Geduld zu üben, nur ein bisschen zu warten, bis sie die Meinungsführerschaft auf der Straße übernehmen, man hebt jetzt schon überall das Köpfchen. Der Hass auf zu viele Einwanderer kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Häuser in Flammen, Menschenfleisch, ich hab es schon einmal gerochen in Solingen..

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Nun hat Driesen seine Zeilen bereits Anfang September geschrieben, vor Bekanntwerden der großen Diesel-Verarsche durch VW. Mittlerweile sind wir Deutsche ja wieder die Schurken. Sagen wir, halb und halb. Wir sind halb gut, halb schlecht. Wie die meisten Völker. Die Welt ist wieder im Gleichgewicht. Danke, VW.

Für die Viele Wahrheit.

4 Gedanken zu „Danke, VW

  1. Stimmt, wir Deutschen wollen nett und unverkrampft sein, zumindest die Netteren unter uns. Klappt nicht ganz, aber immer besser, wenn ich mal die Zeit überblicke, die ich als Deutscher unter Deutschen so hinter mir habe

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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