Kettenreaktion

Es war nur eine winzig-kleine Kettenreaktion, vermutlich erfüllte es so gerade die technischen Voraussetzungen, um überhaupt als Kettenreaktion durchzugehen:

Einer sagte etwas witziges, ein anderer hörte zufällig mit und musste darüber lachen, ein Dritter, auch er zufällig zur Stelle, fand das überhaupt nicht witzig, was nun wiederum den Zweiten ärgerte und auf den Plan rief, während der Erste, der alles ausgelöst hatte, nur gelangweilt die Schultern zuckte und verduftete.

Kettenreaktion.

Es begann mit einem Lacher am Samstagmorgen am Haltepunkt Solingen-Mitte. Bahnhof kann man die fünfzig Meter schnurgerader Betonlandschaft wohl kaum nennen. Ich wartete auf die Regionalbahn. Weil ich keine Jacke übergezogen hatte, war mir kühl und ich lief kleine Wölkchen vor mir herpuffend die Rampe rauf und runter, immer der Sonne hinterher, die mal hier, mal dort hinschien, wie ein Bühnenscheinwerfer, der Gefallen hatte am Wackelkontakt.

Parallel zu den Bahngleisen verläuft am Haltepunkt Mitte die Fußgänger- und Radfahrer-Trasse, auf der sich um diese frühe Uhrzeit eine lärmende kleine Familie die Zeit vertrieb. Man hörte sie singen und scherzen. Es war, als zöge die Sonne mit der Familie mit, denn als sie ungefähr meine Höhe erreichte, am hinteren Ende des Bahnsteigs, nur von Schienen und mannshohem Drahtzaun getrennt, wurde auch mir hell und warm ums Herz:

Der Vater, der das Trüppchen anführte, blies auf dem Grashalm eine turbulente kleine Melodie. Das hatte ich lange nicht gehört, nicht so gekonnt. Die Gräfin pflückt hin und wieder einen breiten Grashalm und bläst darauf, wenn wir entlang der Maisfelder spazieren. Das klingt etwas morbider, nach einem Käuzchen, dem der Galgen droht, nach jahrzehntelanger Beugehaft bei Wasser und trocken Nachtfalter.

“Papa, wie pfeift man auf Gras? Wie geht das?” rief eins der beiden Töchterchen und sprang beschwingt am Vater hoch.

“Gras..? Das ist doch kein Gras, das ist eine.. eine Pan-Flöte”, behauptete der Papa bestens gelaunt.

“Pan?”

“Ja, ein römischer Gott, Pan. Das war nämlich ne Pfeife, der Pan. Hier, der hat immer so gemacht.. Pass auf..”

Er blies eine kleine Musik, spontan ausgedacht. Die Kinder lachten und johlten, Pa-haan ist ne Pfei-fe, Pah-aan ist ne Pfei-fe, was auch mich auflachen ließ, doch keine fünf Schritte von mir entfernt stand dieser Insektenforscher mit buschiger Siebzigerjahre-Frisur, dem nicht nach Lachen zumute war, mit seinen strengen Insektenohren und dem Spinnenbart.

Er war mir zuvor schon aufgefallen, als er in Begleitung einer attraktiven Frau den Raucherbereich des Bahnsteigs streifte und angeekelt mit den Armen fuchtelte, “widerlich, der Gestank”, worauf ich ihm noch einen schönen Extra-Kringel spendierte, hinten ins Hemd rein, obwohl ich gar keine Kippe in Arbeit hatte. Ich rauche nämlich gar nicht mehr, was manchmal schade ist. Es gibt Momente, da hätte ich gern eine fiese fette Gitanes im Maul, eine gelobte gelbe Doppel-Dampf-Lolle.

Okay. Die verdammte Nichtraucher-Memme löste sich also von seiner weiblichen Begleitung und baute sich belehrend und großkotzig an der Bahnsteigkante auf, gegenüber der Trasse.

“He, Sie da vorn..!! Pan ist eine Figur aus der griechischen Mythologie, nicht der römischen. Ein Mischwesen aus Mensch und Ziegenbock, das man nicht beim Mittagsschläfchen stören sollte, dann es kann sehr ungehalten werden und Panik auslösen”, erklärte er angewidert. “Daher das Wort Pan..ik.”

Manchmal reicht ein einziger kleiner Satz und man spürt, da hat ein Mensch in seinem Leben nichts, aber auch gar nichts kapiert. Wogegen der Anführer der kleinen fröhlichen Truppe nur kurz stehen blieb, verblüfft rüberblickte und dann achselzuckend weiterzog, auf seinem Schilf flötend, dup di dup di du. Er hatte keine Lust, sich die Laune verderben zu lassen. Den Chanson.

Ich, von der Sonne geblendet, drehte mich um und wandte mich dem Besserwisser zu.

“He, was reden Sie da fürn Scheiß? Was der Mann auf seinem Grashalm flötet, klingt tausend Mal besser als irgendwelche Belehrung.”

Damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte mich nicht auf dem Plan gehabt. Er wusste überhaupt nicht, dass ich existierte. Er schaute nach seiner Frau, die am Fahrplan stand und nicht greifbar war. Ich sah sie lächeln.

“Äh.. je nun, da gehen die Meinungen.. aber weit auseinander..”, erwiderte der Insektenforscher.

“Ja”, sagte ich, „genau“, und suchte in meinen Hosentaschen verzweifelt nach einer vergessenen, brennenden Fluppe.

9 Gedanken zu „Kettenreaktion

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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