Die 50 besten Pop-Platten (17): Like a rolling stone, Bob Dylan

Als das Jahr 2000 anbrach, verbannte ich über 99 Prozent meiner Schallplatten auf den Dachboden. Ich hatte die Nase voll von Platzfressern, die mir nichts mehr sagten, die ich nicht mehr hörte. Lediglich einige ausgesuchte Juwelen behielt ich unten in der Wohnung. Die Auswahl traf ich spontan, doch die Fehlerquote war gering, wie sich zeigen sollte. Nur selten musste ich in den folgenden Jahren die Treppen raufsteigen, vorbei an Lester, unserem hauseigenen Karlsson vom Dach, um das ein oder andere Vinyl nachzuordern, etwa City Lights Dr. John. Pop Pop – Rickie Lee Jones. He is the Light – Al Green.

Dass ich selten Musik hörte, lag auch am kränkelnden Equipment. Mal war bloß der Stecker des CD-Players kaputt, (was heisst „bloß“ – ohne Stecker geht gar nichts), mal gab der Plattenteller des Plattenspielers seinen Geist auf und steckte mit 0 Umdrehungen in seinem schwarzen Gummigrab fest.

Erst als mein Vater ins Altenheim umsiedelte und ich mir seinen relativ hochwertigen HiFi-Turm unter den Nagel riss, inklusive Plattenspieler, Kenwood-Verstärker, einem Satz Boxen und HiFi-Recorder mit zwei Motoren, CD-Player sowie einem zweiten Verstärker und einem weiteren, insgesamt dritten Kassettendeck, war ich wieder im altehrwürdigen Musikgeschäft.

Sagen wir, ich hätte es sein können, denn ich war es nicht. Trotz des funktionierenden 6stöckigen Equipments , ich hatte das Interesse an Popmusik verloren. Es reicht vollkommen aus, ein LP-Cover zur Hand zu nehmen und im Geiste die Stücke durchzugehen, die ich früher oft gehört habe. Mehr brauche ich nicht. Mein Speicher ist zum Bersten gefüllt.

Die 50 besten Platten meines besten Lebens, Folge14.

An einem Samstag Ende September sind wir im Trio unterwegs, Mann, Frau, Hund, – die 3 ist eine magische, eine mystische Zahl, die 3 zeigt an, dass es losgeht, dass die Dinge ins Rollen kommen – doch die folgende Sensation wird lediglich von mir wahrgenommen:

Als ich beim Gehen gleichmütig nach rechts schaue, kommt wie aus dem Nichts ein rotes Laubblatt angeschaukelt. Ganz automatisch öffnet sich meine Hand und ich schnappe das Blatt mit einer Lässigkeit aus der Luft, als würde ich Wechselgeld entgegennehmen und dabei noch mit dem Wind flirten.

Großartig.

„Hast du das gesehen..?“

„Mh?“

„Na, das Blatt.. Wie das angesegelt kam und wie locker ich das aus der Luft gepflückt habe..“

„Was für ein Blatt?“

„Na, das hier..!“

Es liegt auf meinem Handteller. Ich bin begeistert vom eigenem Flair. Dass mir das passiert. Ich bin auserwählt. Big Deal, Honey.

„Ist direkt hier reingetrudelt, in the palm of my hand. Ich glaub, das ist mir noch nie passiert, in meinem ganzen Leben nicht.. So locker, wie bestellt.“

„Moment mal.. In the palm of my hand?“ Die Gräfin bleibt stehen. „Woher kenn ich das noch mal..? Ist das nicht aus einem Song von Dylan?“

„Dylan? Welcher Dylan?“

„Wie, welcher Dylan?! Bob Dylan natürlich!“

„Ja gut, aber heutzutage hat jeder seinen eigenen Bob Dylan. Es gibt einen italienischen Bob Dylan, einen russischen und einen bayrischen, es gibt Songwriter in Australien, die als the new Bob Dylan gefeiert werden, Köln hat seinen Bob Dylan, England hat einen, Montenegro wahrscheinlich auch, und Amerika.. Amerika hat garantiert hundert Bob Dylan.“

Als ich fertig bin, legt sie diesen Blick auf, den sie immer dann auflegt, wenn mir die Gäule durchgehen. Ein Blick, der ungefähr so viel bedeutet wie, jetzt mach mal halblang, du alter Schnurrrad-Conferencier auf dem Sommerfest vom Spar-Klub.

„Wenn ich Dylan sage, meine ich natürlich den einzig echten Welt-Bob Dylan“, sagt sie feierlich.

„Du meinst Robert Zimmermann.“

„Genau. Und der kommt aus Amerika, wie so ziemlich alle echten Menschen in den letzten hundert Jahren.“

„Bis auf Juri Gagarin.“

„Juri Gagarin?“

„Ja, der erste Astronaut im All, ein Russe. Als er zurück auf der Erde war, sagte seine Mutter: Was hat der Junge bloß wieder angestellt? Eine Legende.“

Sie lächelt.

„Na schön. Aber weißt du auch, was Dylans Geheimnis ist?“

Ich überlege ein bisschen, weil Dylan vermutlich das größte Geheimnis der Popmusik insgesamt ist, aber das mal eben auf einen Nenner bringen.. mh, schwierig.

„Dylans Geheimnis ist, dass er es sich erlauben kann, Rätsel aufzugeben“, fährt sie fort. „Dass die Leute sich nicht gelangweilt abwenden, sondern versuchen, seiner Magie auf die Schliche zu kommen. Das schafft nur er, auf die Länge der Karriere gesehen.“

Beim Weitergehen beginnen wir Like a rolling stone zu summen, und je länger wir summen, desto mehr reisst uns das beste Lied aller Zeiten mit. Zuletzt stürzen wir kopfüber in den Refrain, als ginge es die Klippen runter, mit Sehnsucht und Südstaaten-Whiskey in der Stimme.

„Darin kommt aber nicht in the palm of my hand vor. Das ist ein anderer Song. Aber ich komm nicht drauf, welcher..“

Da kann ihr auch nicht weiterhelfen.

„Na, nicht schlimm“, meint sie. „Hauptsache, ich denke automatisch an Bob Dylan, wenn mir irgendwo das Wort palm begegnet, und nicht an Palm-Fett. Ich bin immer noch ein Rocker.“

Am 16. Juni 2015 war es genau 50 Jahre her, dass Like a rolling stone in New York aufgenommen wurde – ein Song, der ursprünglich 50 Strophen zählte und von dem Dylan selbst sagt, es sei der beste, den er je geschrieben habe.

Das amerikanische Rolling Stone Magazin kürte Like a rolling stone im Jahr 2004 zum besten Song aller Zeiten (bis dahin), vor Satisfaction von den Stones und Imagine von Lennon.

Ich seh mich 1976 mit langem Haar und orangefarbenen Stereo-Kopfhörern vorm Plattenspieler sitzen und dieses (irgendwie frugale) Meisterwerk hören, wieder und wieder. Allein der Schwung, mit dem Like a rolling stone aus den Startblöcken kommt, diese gewaltige Raubkatze, die sich sechs Minuten lang daran macht, ihr Revier mit Träumen zu markieren.. und tief in den Büschen versunken hocken wir, die Beute, die 16jährigen, die Dylanmafia, voller Hingabe.

Was für ein Gefühl das sein muss, über die Straße zu gehen und zu denken, Mannomann, ich hab den cleversten Popsong aller Zeiten geschrieben.

Boah.

4 Gedanken zu „Die 50 besten Pop-Platten (17): Like a rolling stone, Bob Dylan

  1. Markus war etwas anders als wir anderen.wir waren uns anfangs nicht sympathisch.dann war Klassenfahrt.März 84 nach Bernau.ich mit meiner Klasse in der 8.,Markus weil er in meiner Parallelklasse klebengeblieben war, mit der 7.am vorletzten Tag schlossen wir im Suff Freundschaft.wir leerten ne Pulle Apfelkorn und da sich unsere Alkerfahrung noch in Grenzen hielt,waren wir sternhagelvoll.es war der 30.März 84,ich weiß das Datum noch,weil ich danach nie wieder bis heute mit dem Kippenrauchen aufgehört habe.vorher hatte ich erst zweimal Kippen auf Lunge geraucht und war fürchterlich abgekackt,mit Kotzen und krank sein.das konnte ich mir auf Klassenfahrt natürlich nicht erlauben,deshalb rauchte ich die erste Kippe am besagten Tag heimlich auf dem Klo der Jugendherberge,damit ich mich nicht groß bewegen mußte,wenn’s mir hochkam.und natürlich weil wenn,es so keiner mitbekam. Und-alles gut,keine Übelkeit,kein Leichenblaßwerden.endlich war ich cool genug zum Rauchen.jedenfalls,am Ende des Tages waren Markus und ich Kumpels,wenn nicht sogar mehr,denn da waren ein paar Sachen an ihm,die ich so noch nicht kannte.unter anderem hatte er eine unglaubliche Plattensammlung.durch ihn lernte ich Pink Floyd,Genesis,Barclay James Harvest,Supertramp,Marillion,aber auch Lindenberg,Nina Hagen und noch soviel mehr kennen.dann kam die Zeit als er Alan Bangs’Nightflight im Radio entdeckte.ein englischer Musikjournalist und -DJ,mit endlosen Musik Kenntnissen.Markus nahm gleich die kompletten Sendungen auf,nicht nur die Songs.egal wo man Markus antraf,er hatte immer n Tape mit ner Alan Bangs
    Sendung dabei.dadurch lernte er Dylan kennen.und dadurch ich natürlich auch.es gibt unzählige Stücke von Dylan,die einfach geil sind,aber ich teile die Meinung,daß like a rolling stone immer noch das Geilste ist.Markus würde Einspruch einlegen,er findet Stücke von Dylan sensationell,an denen ich nach einmal hören n Haken dranmach.ich weiß noch,im Thalia gab es mal so ne Dylan-Sammlung,ich glaub mit sieben Alben in einer großen Schachtel,ich glaub für über 100 DM.ich klemmte mir das Teil unterm Arm und marschierte raus.ich war enttäuscht,all die geilen Klassiker waren nicht dabei.es war aber irgendwie von vornerein klar,daß ich die Scheiben Markus schenke.er war DER Dylanfan.meine Güte,war der mir dankbar,für ihn waren da DIE Dylanstücke schlechthin drauf.später ging Markus für einige Jahre nach La Gomera.vorher hatte das Pulver schon für einen Keil zwischen uns gesorgt.vor ein paar Jahren hat er mir nochmal den Arsch gerettet.ich hatte nur noch zwei Tage Zeit um mit 600€ ner Haftstrafe aus dem Weg zu gehen.aber ich war blank.ich traf Markus zufällig und er lieh mir das Geld.den größten Teil schulde ich ihm bis heute.aber die Schuld werde ich in Kürze endgültig begleichen(falls das nach so langer Zeit überhaupt möglich ist).übrigens spielte Alan Bangs mal ne Coverversion von rolling stone,die war wirklich noch geiler als das Original.von wem weiß ich nicht mehr,ich werde Markus nächstes Mal fragen.

      • Hab ihn fast n Jahr nicht gesehen.gestern rief der große Micha an,der war mit Markus am snookern und hat mich was über Snookerregeln gefragt.jedenfalls Gruß zurück.und Spirit hieß die Band,die rolling stone so geil gecovert hat.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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