Die 50 besten Platten (16): Shame shame shame, Shirley & Company

Sie hatten nur diesen einen Hit, aber was für ein Monster, was für ein Move, was für ein MOVEMONSTER,

Shirley (Goodman) and Company.

Wir trafen uns an der Schlagbaumer Straße, unsere ganze Haus der Jugend-Clique, bestimmt 30 Jungs und Mädchen, denn es war Sonntag, das Haus geschlossen, also saßen wir gegenüber des Top Ten, der Disco an der Schlagbaumer Straße, es war Frühjajr 1975, wir waren zu jung, um reinzukommen. Es war Sonntagnachmittag, alle trugen Jeansjacken und Hose mit Schlag, die Mädchen weiße Rüschenblusen und Apfelshampoo im Haar. Wir saßen auf dieser Mauer gegenüber des Top Ten, dazwischen die Straße, auf der die Autos im Schritttempo vorüberfuhren, neugierig, weil die Leute sehen wollten, was da los war, warum da so viele Kids auf einem Haufen hockten. Schuld war der Türsteher des Top Ten. Ein Typ Marke Rocky Balboa, der jeden Morgen die eigenen Eier zum Frühstück schlürfte, während ihm das Brusthaar aus dem Hemd quoll. Er hatte keine Gnade, er liess uns nicht rein, nicht einen von uns. Ihr seid zu jung. Haut ab mit euren Schülerausweisen, die hätte meine Omma besser gefälscht, ihr verdammten Hühnchen.

Und dann ging die Tür auf, weil jemand an die Luft wollte. Schon zuvor hatten wir beim Aufschnappen der Türe Schnipsel von Barry White mitbekommen, von Never can say goodbye, boy und George McCraes Rock your baby, von all diesen wunderbaren Phillysound-Hits, die uns nur noch zappeliger, noch hibbeliger machten. Das war unsere Musik, sie verboten uns zu tanzen, wir waren 15, wir hatten den Sex gepachtet, wir wollten uns bewegen, wir mussten uns bewegen, doch wir durften nicht, es machte uns wahnsinnig, Revolution lag in der Luft, The Sound of Philadelphia. Und dann setzte unten im Club Shame shame shame ein und brachte die Mauern zum Einstürzen.

Wie auf Kommando sprang alles auf, bei den ersten Takten, your feet want to move, es gab kein Halten mehr für uns. Selbst der Türsteher war baff über das plötzliche Treiben, dass er vergaß, die Eingangstür zu schließen, so lange Shame shame shame lief, der Smash-Hit lief, 3 Minuten 51. Die Sonne war draußen, wir groovten und shakten so ungelenk, als wäre es kein Soul, sondern Rock’n Roll, weit ab von jeder Disco-Coolness pulsierten die Füße und taten, was sie wollten, bumpen, jiven, Polonese, scheiß drauf – alles, was ging, ging, wir tanzten den Asphalt.

(Mausis Zähne waren so geweißt, sie blendeten bei Sonnenschein. Kurzrock erinnerte in seiner nervös nestelnden Art an diese verrückten Typen in alten Top of the Pops-Ausgaben, die alle immer einen Tick zu aufgeregt waren. Sie tanzten wie die Holzfäller, und sie vermasselten jede Nummer.)

Noch heute, wenn mir Shame shame shame irgendwo begegnet, in all seiner hitzigen und doch beinah post-koitalen Lässigkeit, seh ich es vor mir, wie 20, 30 Kids über die Schlagbaumer Strasse tanzen, während die Autos anhalten, aber niemand hupt, weil ungeheuerliches vorgeht an diesem Sonntagnachmittag, Frühjahr ’75.

I’m gonna dance ‚til the break of day.. My body needs action.. Ohh, it’s gettin‘ to me – aaaaaaahhhhhhhhhh……..

*

Wer bei dem Song keinen Ständer kriegt, kann nicht dabei gewesen sein.

*

Wahres Tanzen findet allein statt, Jahre später, mit den Ahnen.

sanne.basta.gross

13 Gedanken zu „Die 50 besten Platten (16): Shame shame shame, Shirley & Company

  1. Ach, ich kann das nicht unterschreiben, immer das mit den „allerbesten“ Platten.
    Jede Kohorte hat Ihren eigenen Sound.
    Mit dem was ich toll fand möchte ich hier erst gar nicht anfangen.
    Mich haben mich schon immer über die Leute aufgeregt, die im Schulhof, gerne Raucherecke, jaaaa, das gab es damals noch, man durfte mit 15 ungestraft auf dem Schulgelände quarzen, einem erzählt haben was „gute Musik“ ist.
    Das war das Dogma, an das man sich gefälligst zu halten hatte.
    Und es waren meistens die von Mutti gut alimentierten Weicheier, die genug Kohle hatten um sich die Platten auch zu kaufen.
    Alle anderen, die Mittags malochten um sich das Nötigste ( Dope, Bier, Sprit für’s Mofa ) leisten zu können waren hier gleich abgeschrieben.
    Deshalb nie mehr „bei Wagner muss ich kotzen und bei Mozart werde ich krank“
    Welche Band ??

    • Werter provinz-DJ,
      unter wechselnden Namen hast du mittlerweile schon mehrfach angemerkt, wie sehr dir das mit den „besten platten“ auf den Sack geht. ich glaube, wir haben es verstanden.

  2. in unserer Jugend war ja mehr los als ich dachte-
    erst diese Discoaera mit Hackstelzen auch für kleene Nummern und denn kam Elvis oder Woodstock quasi ohne übergang vom Discofreak zum Hippie und denn Punker oder Popper oder HipHopper und -nee datt war später aber irgendwas fehlt noch ?
    ach ja die Arschgeigen…hihi

    • Wenn man vom Schlagbaum Richtung Wasserturm fährt, auf der linken Seite. Was da heute drin ist weiss ich nicht. In den 80ern war es eine Kneipe namens La Village, später das Flamingo, ein Jazz-Club, in dem Chet Baker noch gespielt hat, kurz vor seinem Tode. Ich glaub, da ist heute irgendwas mit Auto-Reparatur oder so.

  3. Glumm, du Fuchs! Das Video – wohlweislich an den Beginn platziert – ist genau so lang, wie es dauert, deinen Text zu lesen (auf die Weise, wie ich deine immer lese ;-)) Da kommt bei dieser Kamelle tatsächlich Laune auf… Chapeu

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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