Die halbe Minute

Du hast immer so schwere weiche Augen gehabt, sagt sie betrübt. Aber seit dem Infarkt sind sie unruhig geworden. Du hast richtig harte Augen gekriegt: ein harter Blick, ein Blick des Erschreckens, so als hättest du die Hölle gesehen.

Na, die Hölle kannte ich auch zuvor schon, entgegne ich. Aber jetzt kenne ich auch den Hauptmann.

Vom Sehen.

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Der Unterschied zwischen Deutsch und Englisch? Herzinfarkt klingt böse und unmenschlich, Heart Attack sportlich.

*

Mit jeder halben Minute, die wir auf den Rettungswagen warteten, schnürte sich der Brustkorb mehr zu. Es war, als stünde eine Betonwanne auf meiner Brust, auf schweren Füßen, und in regelmäßigen Abständen stieg jemand hinzu.

Man hatte mich in ein Hinterzimmer gebracht, halb Lager, halb Garderobe, wo dieses große Sofa stand. Können wir etwas für Sie tun, können wir Ihnen etwas bringen? erkundigte sich eine der beiden Frauen leise. Ein Glas Wasser vielleicht? Ausser den Frauen war noch ein männliches Gemeindemitglied dabei, das sich im Hintergrund hielt. Ich fühlte mich schwach, und es war absurd. Ja.. ein Glas Wasser.., flüsterte ich und versuchte mich lang zu machen auf dem Sofa, versuchte etwas zu entspannen, doch wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt.

Der Hund saß vor mir und beobachtete mich. Er hatte schon auf dem Fronhof nicht gewusst, was in mich gefahren war. Auch die drei Mitglieder der evangelischen Gemeinde, alle um die sechzig, adrett, schienen ratlos.

Da wankt an einem schwülheißen Vormittag Mitte Mai im Souterrain der Stadtkirche ein Mann auf sie zu, durch die Hintertür, weil die ausnahmsweise offen steht. Der Mann hat einen Hund an der Leine und ist bleich, der Schweiss pläddert an ihm herunter, als käme er direkt aus der Sauna.

“Ich glaub ich.. hab einen Herzinfarkt..”, spricht er mit kläglicher dünner Stimme, “können Sie den Notarzt rufen..”

Wir warteten. Ich auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tod so nah, dass ich schon rüberspucken konnte. Ein biblischer Moment. Ich konnte ihm schon die Hand reichen, er wartete auf der anderen Seite, er hatte alle Zeit der Welt. Der Tod, großer Ankäufer aller Zeit. Vor mir der Hund, der mir nicht von der Seite wich, und drei gute Menschen, auf dem Sprung, um die Ambulanz nicht zu verpassen.

Mit jedem Moment, der verstrich, wurde ich schwächer. Es war, als rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild. Ich trat aus dem Rahmen, mit ruckartigen kleinen Gedanken. Bald bin ich raus. Bald bin ich weg. Es waren langsame, in sich stockende Gedanken. Und da war diese warme Hand, die sich unter meinen Körper schob, mich sachte aufschaufelte. Wie ein Astronaut war ich, schon halb aus dem Weltraumanzug, schon halb in der Ewigkeit.

Als ich die Stadtkirche Minuten zuvor über den Hintereingang betreten hatte, liess ich mich vor einer langen, im Dunkeln liegenden Holzbank nieder. Kauerte davor, als suchte ich das Gebet. Es war niemand zu sehen, niemand zu hören. Die Stille finsterer Katakomben. Natürlich hätte ich mich am Fronhof oder in der sonnigen Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, mit der Bitte, den Rettungswagen zu rufen, doch ich war ein Sterbender, der Schutz suchte, die Nähe vertrauter Dinge. Ich kannte die Kirche. Karlos Vater hatte hier lange Jahre als Küster gearbeitet. Wie oft hatten wir ihn am Nachmittag besucht, wenn er den Gottesdienst vorbereitete, Chorsingen, Posaunenchor. Und hier war ich nun. Dreißig Jahre später.

Ich lieferte mich in der Stadtkirche ein, über den offenstehenden Hintereingang. Es war reine Intuition. Im Mahlstrom des nachlassenden Bewusstseins hatte sich eine Idee eingeschlichen, eine Abwägung: was, wenn du dich sterben lässt. Du kannst dich ja auch sterben lassen. Wer sagt denn, dass du Rettung brauchst.. 

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Es war kein Suizidmoment, wo man selbst noch groß aktiv werden muss. Wo man eine Pistole besorgen oder von der Brücke springen muss, nein, alles nicht nötig. Keine Medikamente, kein Strick um den Hals. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen, eine halbe Stunde noch, und ich wäre sang- und klanglos aus dem Bild getreten.

In den Katakomben der Kirche roch es nach Politur und Filterkaffee. Du hast die Wahl, dachte ich, das Herz eingepfercht. Die Holme knackten. Musst bloß ein wenig warten, bis alle Aus- und Zugänge verschlossen sind. Die wärmende Hand unter mir liess schon los. Ich flog schon ein bißchen..

Dann erhob ich mich und wankte mit dem Hund an der Seite den langen Flur entlang, klapprig und gleichzeitig tonnenschwer, Richtung Sozialräume, wo drei Menschen mich empfingen und den Notruf wählten. Wo ich das Herz ruiniert auf dem Sofa ruhte, den Hund junkern hörte und ihn streichelte, er saß jetzt genau zu meinen Füßen. Wenn die Sanitäter kommen, dachte ich, haben wir ein Problem. Der Hund wird sie nicht an mich ranlassen. Ein Hütehund lässt niemanden ans Herrchen heran. Schon gar nicht ein Herrchen in Bedrängnis.

Na schön, die Sanitäter kamen, sie retteten mich, sie brachten mich ins Krankenhaus, und ich höre ihn noch fluchen, den Fahrer des Krankentransports, weil die Einkaufszone zugeparkt war und er nicht durch kam. Die haben alles zugeparkt! Dann war alles dunkel.. dann war ich weg.

Einmal Diazepam läuft durch!

Ich bekam drei Stents gesetzt, blieb zwei Tage auf der Intensivstation, ich lebte weiter. Für einen Moment aber hatte ich die Wahl gehabt zwischen Leben und Tod, einen winzigen Moment nur, wo ich mich zu entscheiden hatte, für diese oder jene Seite.. und immerhin, ich meine, ich hätte ja auch alles sausen lassen können..

Sehr beunruhigend, das alles.

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10 Gedanken zu „Die halbe Minute

  1. Zum Glück bist Du nicht für immer hin und kannst, im nachhinein, von diesem anderen „immerhin“ schreiben. Die Beunruhigung bleibt und nötigt auch zum Schreiben – oder?

  2. Ich weiß nicht, ob es fiktiv ist oder Wahrheit trägt. Aufjedenfall ein intensiver Text, gut geschrieben und er lässt hinein nehmen.
    Hier gibt es noch einiges zu erleben, gut, dass er es noch nicht sausen gelassen hat. Das kann noch warten.

  3. Danke für den Text. Für das Gefühl, wenn noch so viel geht, dann ist Entscheidung möglich.

    Und im Umkehrschluss: Wenn einer mich nicht mehr geweckt, nicht mehr um Hilfe gebeten hat, dann ging wirklich nichts mehr. Dann war es ein anderer, festerer, endgültiger Zugriff. Und er hat hoffentlich nicht mehr leiden, denken, fühlen, zweifeln müssen… Ich werde es nie sicher wissen, aber merkwürdiger Weise hatte er schon am Vorabend alles gesagt: 15.08.2015 @werwild „Hinterlässt einen aufgeweckten Eindruck.“ ❤

  4. ein zwei tage vorher beim spazieren im wald mit Frau Moll –
    sie wäre wie Lassie zur nächsten Telefonzelle gerannt oder so-

    das war knapp lieber Andreas

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