Die Fremden sind im Haus

cropped-foto-49gross.jpg

 

Neuerdings lebt ein junger Schwarzer im Haus. Er kommt aus Afrika. Früh am Morgen steigt  er so sachte die Stufen runter, als gingen ihm die Batterien aus. Oder als lade er gerade auf. Ein schüchterner Typ, vielleicht 18 Jahre alt. Pechschwarz. Oder, wie der Solinger sagt, pikke pakke schwatt.

Hi. Sprichst du Deutsch?

Er wohnt oben unterm Dach. Zweiter Stock. Die alte Bude von Lester stand lange leer, fast drei Jahre, nachdem er dort zwanzig Jahre gehaust hatte. Dann zog er aus und starb, sang- und klanglos, nach einem Schlaganfall, abends vorm Fernseher, mit Anfang Fünfzig, in der neuen Bleibe.

(Mit Anfang Fünfzig heißt es Sterben oder Sterben üben.)

Deutsch..? Ein bissche, sagt der Schwarze scheu. Wir stehen uns im Hausflur gegenüber.

English? setze ich nach.

Er nickt, wenn auch nicht sehr überzeugend.

Where do you come from?

Guinea, antwortet er leise.

Guinea?

Er nickt. Guinea.. yes.

Gut. Und wo liegt Guinea, denk ich. Schwarzafrika? Sind die korrupt? Kriegen die Asyl?

Whats your Name?

Lamy.

Ein hochgewachsener träger Bursche, der kaum den Mund aufkriegt. Was nicht weiter schlimm ist, so kann ich mich ganz auf diese grandiose Oberlippe konzentrieren. Was ein mächtig‘ Fleischding. Sicher, auch mein alter Freund Schnaat hat eine Oberlippe, die ihm wie ein Nudelholz unter der Nase liegt, ein weiches Nudelholz, doch dieses Stück Roastbeef, das mich Montags früh im Flur anstarrt, ist von einem anderen Stern. Aus Afrika.

(Manchmal steigt morgens auch ein zweiter Schwarzer die Treppe runter. Ein junges schwarzes Mädchen hab ich auch schon gesehen. Sie ist die Schwester, höre ich, von den beiden Brüdern. Es sind freundliche, reservierte, aber undurchsichtige Menschen.)

Lamy, grüße ich, hallo. I’m Andreas.

Er nickt verhalten.

Andy, präzisiere ich.

Ah. Ok.

Lamy erinnert mich daran, wie ich war, mit achtzehn. Schüchtern, jedenfalls Erwachsenen gegenüber. Vorsichtig. Ein bisschen arrogant. Anders. Nicht so.. verdammt.. Andreas.

*

Lester lebte über zwanzig Jahre oben unterm Dach, in seiner Zwei-Raum-Mansarde. Ein Einzelgänger, der in einem Galvano-Betrieb als Vorarbeiter beschäftigt war und seinen Jahresurlaub jeden September in Andalusien verbrachte, der rauen Landschaft wegen. Niemand sonst hat mir je mit solch stoischem Gleichmut Geld geliehen, mit einem brüderlichen Grinsen, wenn er die Brieftasche öffnete, die stets gut gefüllt war. Mit seiner üppigen Hippie-Krause, die fast unverändert die Jahrzehnte überstand, wirkte er aus der Zeit gefallen. Vielleicht ist das der Grund, warum es mir so schwer fällt, seinen Tod zu akzeptieren. Irgendwie ist er immer noch in Ferien. Wie gehabt.

“Gewohnheit vermittelt einem die Illusion, das Leben ginge auf ewig so weiter”, so die Gräfin. “Aber so leicht lässt sich das Leben nicht austricksen.”

Nein, so leicht nicht. Noch viele Wochen, nachdem er im Sommer 2012 ausgezogen war, meinten wir abends um Sieben seine federnden Schritte zu hören, wenn er sich zum Italiener in den Clemens Galerien aufmachte, um Espresso zu trinken und schwarzen Van Nelle zu rauchen. Und Punkt acht war er zurück. Abend für Abend. Man konnte die berühmte Uhr nach ihm stellen. Wenn Lester aus der Stadt heimkehrte, ging die Tagesschau los. Die man nicht unbedingt verfolgen musste, um zu wissen, was los war in der Welt. Solange Lester um acht nach Hause kam, war die Welt in Ordnung.

*

Die Genossenschaft hat eine Kehrtwende hingelegt, was unser Haus betrifft. Eine Zeitlang konnte es dem gemeinnützigen Wohnverein gar nicht schnell genug gehen, dass wir, die letzten Mieter, endlich ausziehen, damit das in der Zwischenkriegszeit 1926 erbaute grau-weiß verputzte Haus modernisiert werden kann. Was hat man uns alles versprochen. Sonderzahlungen, Sonderkündigungsrecht, man hat uns den roten Auszugsteppich ausgerollt, damit wir uns endlich vom Acker machen. Aber wir wollten nicht so recht. Wir liessen uns Zeit.

Und plötzlich, mit dem Hochschnellen der Flüchtlingszahlen, die Kehrtwende. Jetzt werden leerstehende Wohnungen rasch auf Vordermann gebracht und an die Stadt vermietet, die händeringend Wohnraum für Flüchtlinge sucht. Über uns, im 1. Stock, quartiert die Stadt eine albanische Familie ein – Vater, Mutter, zwei Jungs. Ziemlich kleine Menschen, meint die Gräfin. Wie, kleine Menschen? frag ich. Na, eben kleine Menschen. Kurze. Nicht so große.

Eine städtische Sozialarbeiterin begleitet die kleine Familie. Hunderte Überstunden haben sich in ihr Gesicht gegraben. Dafür sieht sie noch richtig gut aus. Vorgestellt hat sie sich als Frau Tereza Schätzchen. Wie die Leute so heißen. Und die Familie? Sie weiss es nicht. Muss ich nachschauen. Deutsch sprechen die nicht, sagt die Sozialarbeiterin, aber die Kinder gehen in die Schule, die lernen schnell. Können Sie sich ja mit denen unterhalten.

*

Wer keine Spielsachen hat, nimmt einen Bogen Papier. Der ist schnell gefaltet, bekommt zwei Flügel und segelt aus dem Schlafzimmerfenster im ersten Stock Richtung Vorgarten. Die Herbstböen bringen zusätzlich Schubkraft und Auftrieb.

„Guck mal. Der erste Papierflieger liegt auf dem Rasen“, ruft die Gräfin.

Da ist noch Saft auf den Kindern, sag ich.

*

Als uns die Flüchtlinge das erste Mal begegnen, ist das Licht diffus, unten im Keller, bei den Anschlüssen für die Waschmaschine. Die Verständigung ist nicht einfach. Am ehesten noch über die Kinder, die für die Eltern übersetzen. Der stillere größere Junge heisst Luan, der andere so ähnlich wie sein Vater, der heisst Tarik. Der Name der Frau ist Miranda.

Miranda hat einen Leberfleck über dem Mund, groß wie eine kleine Kaffeebohne, ähnlich wie das Muttermal der Gräfin, nur spiegelverkehrt angebracht. Der Leberfleck ist das Erkennungsmerkmal der Gräfin. Schon als kleines Mädchen war ihr jeder Mensch suspekt, der kein Muttermal im Gesicht trug. In den Sommerferien lief sie den Strand rauf und runter und malte jedem, der sich nicht wehrte, einen dicken Fleck ins Gesicht, mit Mutters Schminkstift.

“Die sind doch nicht vollständig! Das sind doch sonst keine richtigen Menschen!!”

Als die Gräfin mich im Halbdunkel des Kellers auf die seltene Ähnlichkeit hinweist, bin ich baff. Auch Miranda erkennt erst jetzt die Gemeinsamkeit. Aus lauter Freude beginnt sie zu lachen und fällt der Gräfin um den Hals, so als habe sie in der Fremde ein Stück Heimat gefunden. Auch ihr Mann lacht und die beiden Jungs lachen. Der kleinere schmächtigere Junge tanzt sogar auf einem Bein. Oder ich gucke komisch, kann auch sein. Ein schöner Moment.

*

Man kann die Sache auch anders sehen, sagt eine Nachbarin. Sie stammt aus Kroatien, lebt schon lange in Deutschland. Ich kenne die Mentalität der Leute vom Balkan, sagt sie. Ihrer Meinung nach kommen die Albaner nur hier her, um Sozialhilfe abzugreifen und das Geld nach Hause zu schicken. Damit die Großeltern was zu fressen haben. Die Familien schicken alles, was zwei Beine hat und noch gehen kann, nach Deutschland. Und wenn sie abgeschoben werden, nehmen sie die Waschmaschine und den Kühlschrank mit. Wie, im Flugzeug? frag ich. Weiss ich nicht. Aber das sind keine guten Menschen. Die spielen euch Deutschen nur was vor. Und ihr seid so blöd und glaubt denen alles.

Na schön. Und was soll ich jetzt wem glauben. Kommt sie, die Nachbarin, nicht auch vom Balkan? Und würde ich an Stelle der Albaner nicht genauso handeln und so viele Klamotten wie möglich an Land ziehen? Die hamstern auf verständlichem Niveau, denk ich.

*

„Die müllen uns zu mit Flüchtlingen!“ höre ich auf dem Trottoir in ein Gespräch rein.

*

Sanne geht die Dinge psychologisch an, wie immer. Sie ist der Auffassung, dass die zunehmende Ablehung gegenüber Flüchtlingen auch daran liegt, dass sich das deutsche Volk von seiner Kanzlerin, der Übermutter, verraten fühlt.

„Es scheint ja beinah, als habe sie fremde Kinder lieber als die eigenen. Sie ist unsere Mutter, denken die Leute, sie soll sich um uns kümmern, wir wollen ihre Nummer 1 in der Rangfolge bleiben. Wir sind die Erstgeborenen, basta.“

*

Sag mal, kriegen die auch die Hausordnung auf Albanisch?  fragt mich ein anderer Nachbar, der ein paar Häuser weiter die Strasse runter wohnt. Bei ihm weiss man nie so genau, wie er das meint, was er sagt. In diesem Fall aber bin ich mir sicher:

er meint es genau so.

*

Tarik, der Familienvater, beteuert in seinem nuschelnden Mix aus einigen Brocken Deutsch, Italienisch und viel Albanisch, dass wir uns keine Sorgen machen müssten, wir könnten überall im Haus Geld herumliegen lassen, aus seiner Familie würde niemand auch nur eine Kopeke stehlen. Ja, sehr schön, lobe ich jovial, doch – welches Geld? Wir sind eh blank, sag ich und zeige Tarik meine leeren, nach aussen gestülpten Hosentaschen. Was wiederum keinem Flüchtling aus Albanien zu vermitteln ist. Dass man kein Geld hat, als Deutscher. Für Albaner ist allein ein deutscher Pass wie 6 Richtige im Lotto.

Dabei sind wir alles Lottogewinner, sag ich zur Gräfin. Von Geburt an. Mit Zusatzzahl.

„Ja, wir sind Sahnekuchenkinder“, murmelt sie.

*

Am ersten Tag nahm mich Tarik, der kleine muskulöse Mann, beiseite. „Du Deutsch?“ Und als ich kurz nickte, baute er seinen Daumen auf, auch die Augenbrauen hoben sich respektvoll. „Deutsch gutt!“ (Wobei gutt sich fast wie Gott anhörte.)

Zuvor hatte er schon die Gräfin mit großen Augen beglückwünscht: „Du Deutsch..? Ohh, du Deutsch.. Gutt!“ Erleichterung wehte durch sein Gesicht. Er freut sich über Deutsche als Nachbarn, und bei der Gräfin ist das auf den ersten Blick nicht ganz klar. Sie geht gern mal als Italienerin durch, was sie ja auch zur Hälfte ist. Oder als Griechin.

Es hat sich was geändert in der Welt. Mit 17 konnten Karlos, Schnaat und ich in Südfrankreich erst im letztem Moment und in höchster Not vor einem Mob fliehen, der uns in einer Bar als blonde Nazis beschimpft und Prügel angedroht hatte. In Holland rotteten sich bis in die Sechzigerjahre Rockerbanden zusammen, die in den Sommermonaten Jagd auf Autos mit deutschen Kennzeichen machten. Und in Griechenland gab es Ecken, da liess man sich mit deutschem Akzent besser nicht blicken. Und jetzt, 2015, werden Deutsche weltweit als Gott gefeiert? Da stimmt doch was nicht.

*

Ein richtiger Macher, ein Mann, der anpackt, scheint Tarik nicht gerade zu sein. Seine Frau und er führen mich stolz durch die neue Wohnung. Die Wände frisch geweisst, der Parkettboden geschliffen, die Bude tipptopp, aber weitgehend leer. Miranda präsentiert mir ratlos den Kühlschrank in der großen Wohnküche, der zwar fabrikneu ist, aber dennoch einen Fehler hat: er ist nicht ans Stromnetz angeschlossen. Ich drehe das Gerät von der Wand weg und schaue mir den Teil der Rückfront an, der offen ist. Nach kurzer Suche finde ich den eingerollten Stecker und ziehe ihn hervor, unter beifälligem Blick von Miranda, die gleichzeitig einen schnellen Du Loser-Blick in Richtung Ehemann abfeuert. Den lässt das kalt. Tarik beglückwünscht mich kurz zu meiner gelungenen Operation, und widmet sich dann wieder seiner Lieblingsbeschäftigung: dem Studium des Schlüsselbundes, der den Flüchtlingen ausgehändigt wurde und mit dem sie kaum etwas anfangen können, da die meisten Schlüssel keinerlei Funktion haben. Es fehlen u.a. der Briefkastenschlüssel und der Kellerschlüssel. Vielleicht hat man gedacht, komm, wir geben den armen Teufeln was zu klimpern an die Hand, damit sie vor Langeweile nicht auf falsche Gedanken kommen. Keine Ahnung, was Leute so denken, die Schlüsselbunde für Flüchtlinge befüllen.

*

Der nächste Nachbar mischt sich ein. Er ist ein alter Sozi-Wähler, fühlt sich aber auch Pegida nah.

„Das sind doch nicht alles Rechtsradikale, nur weil sie Angst vor Überfremdung haben.“

„Kann schon sein“, sag ich, „aber wenn ich mir die Demos ansehe und den Lügenpresse-Blödsinn höre.. also, da könnte man schon auf die Idee kommen, die wollen die alte Nazi-Zeit wiederhaben, wo alle was aufs Maul kriegen, die was falsches sagen.“

Er blickt mich an und bleibt still. Hoffentlich hab ich nichts falsches  gesagt.

*

Die beiden Jungs, acht und neun Jahre alt, machen einen fixen und fast schon ausgesucht höflichen Eindruck. Man spürt, dass sie von den Eltern angehalten werden, zu den Nachbarn freundlich zu sein. Vielleicht versprechen sie sich Pluspunkte fürs finale Asylgespräch. Damit wir, falls ein Anruf vom Amt kommt, sagen können, ja, das sind nette Leute. Die können hier bleiben.

 *

14 Tage später sieht die Sache anders aus. Da nervt die Zappelphilip-Atmosphäre nur noch, die im Haus Einzug hält. Klar, die Albaner haben viel Zeit, mit der sie nichts anfangen können. Arbeiten dürfen sie nicht, Deutsch lernen beschränkt sich auf zwei Mal die Woche eine Stunde, also sitzen sie den ganzen Tag daheim und machen da oben einen Radau, als würden Flipperkugeln übers Parkett rollen. Am schlimmsten ist es am Wochenende, wenn die Kinder keine Schule haben. Das scheint auch die Eltern so zu stressen, dass sie sich hauptsächlich bellend durchs Haus bewegen.

Den Rest der Zeit versucht die Familie sich nützlich zu machen. Besonders Miranda. Bloß – wer will das schon? Mehr als zwei Jahre hatten wir das Haus für uns allein, was für das Treppenhaus vor allem eines bedeutete: Spinnweben, wo man auch hinschaute. Deckenlampen, die nicht funktionierten. Briefkästen, die weit offen standen. Kurzum: es war saugemütlich. Bis Miranda kam. Die Rakete. Seither blinken selbst die Holme der Treppengeländer, als bewegten wir uns in den Kulissen vom Raumschiff Enterprise. Es ist so sauber im Haus, die Brandmelder haben schon vier Mal angeschlagen – weil sie den Geruch scharfer Putzmittel nicht gewohnt sind.

*

11. November. Heute müssen Sanne und ich den Sperrmüll rausstellen, morgen früh ist unser jährlich garantierter kostenloser Sperrgut-Termin, den wir so gut wie jedes Jahr verpassen. Dieses Jahr nicht. Dieses Jahr sind wir aktiv. Wir haben den Keller voll Gerümpel.

Nach dem Frühstück fangen wir an, den Keller leer zu schaufeln. Alles muss raus. Auch das blöde Zeug, das ich früher gern von der Strasse aufgelesen und funkensprühend nach Hause gezerrt hab, mitten in der Nacht, stinkbesoffen. Etwa ein zwei Meter großes Hinweisschild von der Art, wie man sie am Strassenrand findet, in der Haltebucht: Morgen 12. 9. 1993, Umzug! Bitte freilassen! von 8.00 bis 14.00! Darüber ein Parken Verboten-Schild. Steht bei uns im Keller. Seit 22 Jahren. Dazu ein goßes rotes Einbahnstraßenschild und ein alter Einkaufswagen, dessen Räder eingerostet und blockiert sind und sich keinen Millimeter mehr bewegen lassen.

Die Gräfin ist fassungslos.

„Warum hast du früher so ein Zeug mit nach Hause geschleppt?“ stöhnt sie.

„Weil es nachts im Weg stand.“

„Mann, bist du blöd!“

Dann wäre da noch: ein alter Jugendzimmer-Schreibtisch, 5 Fahrräder, Boxen, 2 Scanner, 2 Drucker, Gartenstühle, eine versiffte große Matratze, ein alter Wohnzimmerteppich, verschimmelt vom langen Lagern im feuchten Keller, drei Fernseher, ein Hörner-Bob, 2 Schränke, Regalbretter, Zeltstangen, etc.

Die Räder haben sich im Laufe der Jahre angesammelt. Immer, wenn jemand auszog, um sein Glück woanders zu machen, wurde ein Fahrrad zurückgelassen. Könnt ihr eins gebrauchen? fragte jemand. Kann man vielleicht mal brauchen, antworteten wir. Lass da.

Und so kommt es, dass fünf Räder im Keller stehen und langsam vergammeln, verrosten, Schlauchfäule ansetzen. Darunter ein kleines schwarzes Kinder-Mountainbike ohne Sattel und ein rotes Hollandrad mit dünnen Pneus, das richtig was hermacht, ein echter Blickfang ist, in das man aber reichlich Zeit und Material stecken müsste, um es fahrtüchtig zu kriegen. An Rad Nr. 5 tut es nur die Klingel.

Wir sind gegen ein Uhr fertig, die Klamotten voller Staub und Dreck, da fährt ein Möbelwagen vom Sozial-Kaufhaus vor, die Flüchtlingsfamilie bekommt die spärliche Grundausstattung geliefert. Einen der Träger frage ich, ob er zufällig Albanisch spreche, weil er irgendwie kosovomäßig rüberkommt und ich gern mehr über unsere neuen Nachbarn erfahren würde. Nee, sagt er, ich komm von der anderen Seite, ich bin aus Serbien, ich kann nicht mit Albanern.

Als ich ein paar Minuten später aus dem Fenster schaue, ist der mühsam errichtete Sperrmüllhügel um die Hälfte geschmolzen. Teppich weg, Gartenstühle weg. Auch die 5 Räder sind nicht mehr da. Sie stehen wieder unten im Keller, an exakt derselben Stelle, wo ich sie weggetragen hab. Vater Tarik grinst mich an. Gutt, alles! Na ja. Sind eigentlich alle kaputt, aber das hatte ich ihm zuvor schon gesagt. Kaput? Mekanik kaput? schaut er mich ratlos an, ohne einen einzigen Zahn im Oberkiefer.

Egal, sag ich.

*

Am selben Abend nähert sich eine Anwohnerin, mit einem kleinen Begrüßungsgeschenk in der Hand. „Ist das bei Ihnen? Ziehen hier heute Flüchtlinge ein?“ Sie trägt diese Art altmodische Brille, wie sie früher von Stenotypistinnen getragen wurde, auf Fotos aus den Sechzigerjahren.

„Ja“, sag ich. „Da vorn. Da steht die Familie.“

In der nächsten Viertelstunde herrscht ziemliches Durcheinander. Die Anwohnerin versucht den Neulingen mit aufpoliertem Schul-Englisch beizukommen, die Albaner kontern mit dem, was sie können: Albanisch. Es ist grotesk. Jeder powert am anderen vorbei, Babylon auf 2015er Niveau. Kein schlechter Jahrgang, vermutlich. Und was verschwindet schneller im Orkus als ein Satz in einer unbekannten fremden Sprache.

*

Lamy, den Jungen aus Guinea, bekommen wir kaum zu sehen. Meist steigt er spätabends so leise die Treppe hoch, dass man sich fast an Lester erinnert fühlt in den alten Zeiten. Dabei hätten es die beiden Zimmer unterm Dach verdient, dass die Traurigkeit aus den Wänden weicht, sagt die Gräfin.

Na, vielleicht tut sie das ja, entgegne ich. Vielleicht ist Lamy auf seine stille Art fröhlich.

Mittags kehrt Lamy mit zwei gleichaltrigen schwarzen Freunden heim, unterm Arm Schaumgummirollen. Immerhin – er ist nicht allein in der Fremde. Zwei schwarze Kumpel und im Erdgeschoß dieser komische weiße Mann, der zwar nicht viel sagt, aber relativ freundlich aus der Wäsche guckt.

*

Tarik treffe ich vor der Haustür. Ich erkundige mich nach seinem Befinden.

„Alles klar?“

Er schaut mich verständnislos an.

„Klaa..?“

Ich strecke den Daumen in die Luft.

„Alles okay? Alles gut?“

Jetzt versteht er, worauf ich hinaus will. Er schüttelt langsam den Kopf, und zeigt auf mich. „Du.. okay?“

Ja, sag ich.

Er glaubt mir nicht recht. Er ist skeptisch. „Mh..“, sagt er misstrauisch und wiegt sich hin und her, wie ein Baby, das nach einer wohligen Position sucht, um über die nächsten Minuten zu kommen. So gehen wir auseinander, für diesen Tag.

*

„Und..? Was machen die Kalmücken bei euch im Flüchtlingshaus?“ haut mich jemand im NETTO-Markt an, der gern mal den Park durchforstet, auf der Suche nach Flaschenpfand. „Wenn die Burschen ne große Schnauze riskieren, einfach mal durchklingeln.“

Wie. Der hat Telefon?

*

Samstag ist Badetag bei den Albanern. Früh am Morgen hört man schon aufgeregtes Juchzen im Bad, warmes Wasser wird eingelassen. Gelächter. Die Familie geht baden.

„Das erinnert mich an meine Kindheit“, leuchtet Sanne, „nur dass bei uns Freitag Badetag war.“

Ihr Vater arbeitete bei RWE als Operator, wofür die kleine Gräfin sich irgendwie schämte. Sie konnte ihren Klassenkameradinnen nicht erklären, was das sein sollte, ein Operator, und wünschte sich, ihr Vater hätte einen Job gehabt wie die Väter anderer Kinder auch, Elektriker oder Abteilungsleiter.

Sie wohnten in einem abgelegenen Häuschen, das RWE gehörte. Im Haus gab es kein WC, nur ein Plumpsklo im Garten, mit den riesigsten Spinnen an der Wand, die man sich vorstellen konnte. Trink- und Badewasser musste extra hochgepumpt werden, aus einem eigenen Brunnen. Ein kleines Paradies am Stadtrand von Düsseldorf. Eine Astrid Lindgren Kindheit, von der sie heute noch träumt.

“Direkt hinterm Haus rauschte ein wilder Bach, der im Sommer  Hochwasser führte. Schon ein einziger Sturzregen genügte, und ich war nicht mehr zu halten. Anlauf, Köpper – rein! Der Bach war sauber und nicht kanalisiert, überall lauerten Blutegel. Wenn ich aus dem Wasser stieg, waren die Beine voll von den Viechern. Sofort kam Mutter angelaufen und riss die Blutegel runter. Das muss sein, rief sie. Sonst lutschen die dich leer! Ich hatte keine Chance, ich hab jedes Mal geschrieen vor Schmerz. Aber sobald die Dinger runter waren, stürzte ich mich wieder in die Fluten und war Tarzan..!”

“Wie..? Nicht Jane?”

“Doch, klar. Ich war Tarzan, ich war Jane, und Cheetah war ich auch. Schon als Kind war ich erst glücklich, wenn ich alles hatte.”

Erst als die Gräfin das Teenageralter erreichte, wurde der fehlende Komfort zum Ärgernis, besonders das Plumpsklo störte. Sie traute sich kaum noch, Schulfreundinnen heimzubringen, aus Angst, die Mädels könnten sich lustig machen, über die Gerüche. Die Riesenspinnen.

Das Paradies.

 

*

Die beiden albanischen Jungs sind richtig aufgeblüht, seit sie hier wohnen, meint die Gräfin. Seit sie wieder wissen, wo sie hingehören. Raus aus dem überfüllten Heim. Überhaupt ist es irgendwie rührend, wie die Familie jeden Abend zu viert ins Schlafzimmer übersiedelt. Ab 21 Uhr herrscht völlige Stille über uns. Nicht mal die Klospülung ist nachts zu hören. Die Flüchtlingsfamilie ruht.

*

Tarik erkundigt sich, ob wir Kinder haben, und wie viele. Nein, sag ich. Keine Kinder. Der Schock in seinen Augen könnte kaum größer sein. Er blickt zu seiner Frau rüber, ratlos, als habe er gerade vom Untergang der Zivilisation erfahren. Wo sind wir hier bloß hingeraten, Frau!? Tja, so ein Ayslantenleben ist auch kein Zuckerschlecken.

 

*

„Hoffentlich wird das nicht so laut im Haus, hoffentlich gibt das keinen Ärger. Ich brauche meine Ruhe zum Malen und Zeichnen“, unkt die Gräfin. „Sonst zieh ich aus. Dann beantrage ich Asyl in Albanien, weil es bei uns in Deutschland zu viele Flüchtlinge gibt, die mein ruhiges beschauliches Künstlerdasein stören.“

13 Gedanken zu „Die Fremden sind im Haus

  1. Auf der Political-Correctness-Skala unserer medialen Sittenwächter würdest Du für diesen Text minus 100 Punkte bekommen. Aber gerade deshalb ist er so herzerwärmend – und in all dem Elend geradezu Mut machend.

  2. Wieder so ein schöner Text. Du wärst ein guter Kandidat für den Friedensnobelpreis, wegen deines friedfertigen Blicks auf die Welt und vor allem über die so sanft schreibst, für die es hohe Zeit ist, dass ihnen mal jemand sanft begegnet.

  3. welch schöner zufall-

    ausgerechnet von Albanien oder wo auch immer nach Solingen
    bei die Reichen am Klauberg
    wann hängt wohl die erste satelitenschüssel im Wind?

  4. das ist doch gut, das Haus sieht wieder bewohnt und lebendig aus, nicht mehr so duster und abweisend grottig. bin eben da vorbeigekommen 🙂 schön

      • nun ja, gibt halt Menschen, die sich das nicht aussuchen können…

        zur Situation eurer Nachbarn: werden Flüchtlinge endlich in Wohnungen vermittelt, liegt der lange Weg der Anträge auf Asyl in der Regel längst hinter ihnen und es besteht durchaus die positive Möglichkeit des dauerhaften Bleiberechtes. Während der Zeit des Registrierungsverfahrens dürfen Sie nicht aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Wohnungen umziehen. Eure albanischen Nachbarn zählen somit höchstwahrscheinlich nicht mehr zu den 99%, die sowieso wieder abgeschoben werden. Das nur mal zur Sache.

      • Die Sozialarbeiterin der Stadt hat uns exakt das Gegenteil zu verstehen gegeben. Leute, die gute Chancen auf Asyl haben, dürfen eigene Mietverträge abschliessen. Unsere Nachbarn dürfen das nicht, für sie springt die Stadt als Mieter ein. Und einen „langen Weg“ können sie gar nicht hinter sich haben, sie sind gerade mal 3 Monate in Deutschland, nach eig. Angaben.

  5. da habt ihr sicher etwas falsch verstanden. die Stadt schliesst tatsächlich die Mietverträge mit den Vermietern ab und macht quasi einen Untermietvertrag mit den Flüchtlingen. Damit ist z.B.den Vermietern der Wohnungen die Sicherheit gegeben, die regelmässigen Mieteinkünfte zu erhalten und aufgrund der Sprachbarrieren kann einfach mit den zuständigen Sozialarbeitern alles weitere geregelt werden, Vetragsgestaltung, Abrechnungen, Hausordnung etc. Es werden lediglich Flüchtlinge in Wohnungen untergebracht, die definitiv eine Option auf das Bleiberecht haben. Da ich derzeit über eine weitere Genossenschaft in Solingen mit genau der Situation befasst bin (wir haben auch für einen Flüchtling eine Vermietung mit der Stadt abgeschlossen) , kannst du mir da schon glauben…So ist einfach der Werdegang.

    • ah, gut, das kann sein, dass ich das falsch verstanden habe… dann wissen wir ja jetzt Bescheid. Und den Passus mit den „99 %“ etc. nehm ich wohl mal besser raus..

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s