Laissez-nous faire

Es gibt Tage, da fällt meine Sozialbilanz verheerend aus. Ich spreche mit kaum einer Menschenseele, selbst mit der Gräfin nur das nötigste. Nicht etwa, weil mir nichts einfiele, (wenn das der Grund wäre, hielte ich noch viel öfter die Klappe), sondern weil ich anderes zu tun habe. Es sind nicht die schlechtesten Tage. Fellpflege findet nicht statt.

Alleinsein ist nicht Bedingung, Alleinsein ist des Daseins Krone, wenn du schreibst. Dem sozialen Tier nur die Notration gönnen. Immer ein bißchen hungrig bleiben, und dann, im Alleinsein: prassen.

Die Sozialbilanz bessere ich an anderen Tagen auf. Mit Leuten, die mir begegnen, Leuten wie Maik. Er ist den zweiten Herbst obdachlos. Die Stadt hat ihm eine „Pennerwohnung angeboten, eine Sozial-Wohnung, wo tausend Leute den Schlüssel haben und dich bestehlen, wenn du schläfst, nee, lass mal stecken, da mach ich lieber Platte.“

Jeden Morgen klappt er vorm Eingang eines Warenhauses in der Innenstadt sein mitgebrachtes Regie-Stühlchen auf und macht es sich bequem. Er bleibt den ganzen Tag dort hocken, er bettelt wortlos. Es gibt kein Pappschild, das auf seine Obdachlosigkeit hindeuten würde, keinen Becher für Münzgeld, nichts, gar nichts, nur sein verschlossenes missmutiges Gesicht. Er ist kein guter, kein effizienter Bettler. Er mag das Betteln nicht. Er mag es dazusitzen und der Welt sein Unglück zu präsentieren, schaut her, was ihr aus mir gemacht habt, und sollten dabei ein paar Groschen abfallen, ist es gut, wenn nicht, dann nicht.

Der Geschäftsführer des Warenhauses wollte Maik zunächst vertreiben, doch Maik liess sich nicht vertreiben, nicht einen Meter rückte er von seinem angestammten Platz ab. Auch Polizei und Ordnungsamt sind machtlos. Er sitzt ja nur da in seinem Stühlchen und tut niemanden etwas. Genaugenommen bettelt er nicht einmal. Es ist rechtlich kaum möglich, ihm Platzverbot auszusprechen.

Und mit der Zeit änderte sich das Verhältnis zwischen Maik und Mitarbeitern des Warenhauses. Weil er jeden Morgen um neun seinen Platz einnimmt, pünktlich zur Eröffnung des Hauses, grüßt man sich nett und wechselt einige Worte. Maik kann freundlich sein, wenn er nicht betrunken ist, und morgens um neun ist er selten betrunken. Wie wird das Wetter, was macht die Frau, ist der Hund gesund. Selbst der Geschäftsführer wird auf Maiks Verlässlichkeit aufmerksam und überträgt ihm kleinere Arbeiten, wie das Zusammenschieben von Einkaufswagen. Dafür gibt es einen kleinen Obolus, doch wichtiger noch, man redet miteinander.

Schliesslich bekommt Maik vom Geschäftsführer persönlich einen neuwertigen Rollkoffer geschenkt. Der Koffer hat bei einem Sturz einige winzige Kratzer abgekriegt und lässt sich nicht mehr verkaufen. Es ist ein edles tintenschwarzes Teil namens „Pierre“, „beinah dokumentenecht“, wie Maik jedem grinsend mitteilt, ob der es hören will oder nicht.

Es ist ein kurioser Anblick. Dieser Geprügelte, dieser depressive Trinker und ex-Rauschgiftsüchtige („Heroin hab ich mir mit Jägermeister abgewöhnt, Alter“), dieses Wrack zieht nun, wenn es nicht gerade in seinem Regie-Stühlchen versinkt, tagein, tagaus mit einem ausgemusterten exklusiven Rollkoffer namens „Pierre“ durch die Innenstadt, begleitet von diesem unpassenden Sound hart rollender Rädchen auf dokumentenechtem Bürgersteig, den Blick in sich gekehrt, gereizt.

Na, wie auch immer. Wir reden nicht miteinander an diesem Tag. Maik sitzt nicht vorm Warenhaus. Er ist nicht da. Ich muss meine Sozialbilanz woanders aufhübschen. Vielleicht mit einer Neuerscheinung im Bekanntenkreis. Ein Neuzugang. So was passiert, wenn ich mit dem Bus fahre. Ich fahre gern Bus. Maximal zwei Dutzend Stationen, hin und zurück, das muss reichen. Sonst dreh ich durch. Sonst wird die Luft dünn im Kopf.

Da ist dieser Typ, etwa so alt wie ich, der mir schon öfter aufgefallen ist. Ich bin mit dem Oberleitungsbus in die Stadtmitte unterwegs, als er am Central zusteigt, einen Tretroller dabei, zusammengeklappt. Der Bus ist voll, kein Sitz frei. Nur in der Busmitte, bei den Kombi-Kinderwagen und Sport-Buggys ist etwas Platz. Der Tretrollertyp quetscht sich zu mir durch und lacht.

„Was soll ich groß zu Fuß zu gehen, wa!“

„Hm“, sag ich. „Sicher.“

„Hier, mein Cityroller. Mein kleiner Scooter.“

Ich hab keine Ahnung, warum er sich ausgerechnet zu mir durchdrängelt. Er tut so, als würden wir jeden Morgen eine Runde plaudern, in der Linie 3. Neben uns hängen zwei Frauen lässig in den Halteschlaufen. Eine hat fuchsrotes Haar und schwärmt von diesem total süßen kleinen Thai-Restaurant in Elberfeld..

„.. was war das lecker, hör mal, Jenni! Der Koch war am Singen bei der Zubereitung, das konnte man bis an unseren Tisch hören! So Opern! Herrlich! Das einzige, was störte, war Schloss Neuschwanstein an der Wand. Ich mein, ein Thai und dann Neuschwanstein, also ehrlich! Geht gar nicht! Aber das Essen..? Es war so rattenscharf, ich musste mir zwischendurch ein neues T-Shirt anziehen auf der Toilette..“

Kurz darauf gibt es einen lauten Knall auf dem Fahrzeugdach, der Bus stoppt oben am Wasserturm. Eine der Stangen, mit denen der Strom von der Oberleitung abgenommen wird, hat sich gelöst. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der Fahrer schaltet auf Batterie um und der Obus kriecht mit 20 Stundenkilometern durch den Verkehr, oder der Mann zieht sich Arbeitshandschuhe über und führt die sechs Meter langen Stangen wieder ans Stromnetz heran. Der Mann entscheidet sich für die Arbeitshandschuhe. Ein Aufatmen schwappt durch die Sitzreihen. Niemand will Batteriebetrieb.

Den Funkverkehr hören alle mit.

„Hier Linie 3 Richtung Graf-Wilhelm Platz. Hab eben die Stange verloren, weil die 2 die Weiche nicht umgestellt hat. Da schreiben wir noch eine Meldung drüber.“

„Das alte Schwein“, lacht der Typ mit dem Roller, er steht so nah, ich rieche sein Frühstück, „hat seine Stange verloren.“

Wir fahren gemeinsam bis zum Mühlenhof, steigen aus und bleiben auf ein Viertelstündchen vor der Sparkasse stehen. Wenn ich jemand kennenlerne, lasse ich ihn reden, ich hör mir erstmal an, mit wem ich es zu tun hab. Dahinter steckt weniger ausgeklügelte Strategie als die Angewohnheit, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Eingreifen ist für Macher. Ich bin eher ein Lasser. Ich meine, so soll es auch bleiben. Jeder ist seine eigene Soko. Auch ich wurde speziell zusammengestellt für mein eigenes Leben.

Laissez-nous faire.

Ich mag es, Leuten 15 Minuten zu schenken, ihnen zuzuhören. Ich staune immer wieder, was in eine Viertelstunde so alles reinpasst aus dem Graubereich zwischen den beiden großen Eckdaten unseres Daseins, Geburt und Tod: kleine Berichte, mit wem man Strecke gemacht hat, Todesküsse, Variationen von Wahrheit, Autounfälle, Skiunfälle, Anekdoten von anderen Unfällen. Ein Leben in 15 Minuten.

Dass in Zukunft jeder Zeitgenosse 15 Minuten berühmt sein wird, wusste schon Warhol. Was er meinte: jeder Mensch hat 15 Minuten Zeit, um sich in ein anderes Bewusstsein einzuschmuggeln, um bleibende Erinnerung zu schaffen, um einem anderen Menschen zu zeigen, wer man ist, um sich weltberühmt und unvergesslich zu machen.

Das Programm ist auf 15 Min. beschränkt, weil 5 Min. zu wenig sind und eine halbe Stunde zu viel. Für eine halbe Stunde ist das Leben zu kurz, um so vielen Interessenten wie möglich eine qualifizierte kleine Chance zu geben, dich in sie verliebt zu machen. Wobei es ja auch Ausnahmen gibt, immer wieder. Manchmal reicht schon ein winziger Augenkontakt, um ein Leben neu zu starten, und manchmal braucht es eine zweite und eine dritte Chance, also insgesamt dreimal 15 Minuten, womit die Höchstgrenze erreicht wäre, der sogenannte Triple Warhol.

Und dann hat’s zoom gemacht, Klaus.

Übrigens haben Nahrungswissenschaftler in Versuchsreihen nachgewiesen, dass der Mensch exakt nach einer Viertelstunde satt ist, egal, welche Mengen er frisst oder wieviel Appetit er hat. Eine Viertelstunde lang essen reicht, um den Hunger zu stillen, wie groß und ausgeprägt der auch sein mag. Und nach dem Essen ist man erstmal eine Weile blöd. Etwa eine Viertelstunde lang. Weil der gesättigte Körper mit Verdauen beschäftigt ist und für das Gehirn kein Blut übrigbleibt, womit es arbeiten könnte.

Zurück zur Sozialbilanz. Zurück vor die Sparkasse, zum Tretrollermann. Der ist Baujahr 1960 und geschieden, hat einen 16jährigen Sohn und berufsmäßig zuletzt in Holz-Pellets gemacht, wie er erzählt, bis dieser tragische Unfall geschah, wo ihn ein Pole überfahren hat.

„Wo, in Polen?“

„Quatsch, an der Foche unten. Ich hatte die Beine mehrfach und die verdammte Hüfte einmal gebrochen, seither geh ich wie ein Knickrohr, siehst du das nicht. Ich war zwei Monate im Krankenhaus. Ich bin Frührentner, zu hundert Prozent. Willst du meinen Schwerbehindertenausweis sehen?“

Er war mit dem Motorrad unterwegs an diesem Tag vor vier Jahren, als ein Pole ohne Führerschein ihm die Vorfahrt nahm in einem gestohlenen Wagen und über den Haufen fuhr.

„Zwei Jahre vorher hatte ich meiner Frau ein Haus gebaut. Ich bau nie wieder ein Haus mit Keller, das sag ich dir, Fußbodenheizung reicht. Überhaupt, einen Keller bauen, nur damit die Frau keine kalten Füße kriegt, ich glaub, ich spinne, wa. Die nächste Frau kriegt Fußbodenheizung, das reicht. Die kriegt auch nur ne Sitzbadewanne, pass auf. Ich bin doch nicht blöd. Nicht noch mal. Nach dem Unfall hat es kein halbes Jahr gedauert, da hat sie diesen Kerl kennengelernt, diesen Doktor Doktor. Und ich stand da mit meiner verdammten Hüfte. Der Kerl freut sich heute noch über mein schönes Haus. Der wohnt da, nicht ich. Ja, mein Freund, so ist das Leben.“

Auch von seinen Freunden ist er bitter enttäuscht.

„Als ich in die kleine Wohnung umzog, hieß es nur: wann ist denn Einweihung? Wann kann man denn deinen neuen Parkettboden zertreten, haha!!“

Seine Augen leuchten erst wieder, als er von seinem fünfzehn Jahre älteren Bruder erzählt, Unternehmer im Hochland von Guatemala, wo er eine Pferde-Ranch und eine große Kaffeeplantage unterhält. Ein gemachter Mann, vier Betriebe, vierzig Mitarbeiter, viertausend Stück Vieh.

„Warum gehst du nicht nach Guatemala?“

„War ich doch schon! Schon vier mal!“

„Na ja, ich mein, warum lebst du nicht da, kannst du doch auf der Ranch deines Bruders arbeiten.“

„Mach ich doch.. vielleicht! Nächsten Sommer fliegt erstmal mein Sohn rüber..“

Na schön. Man kann sich die Leute nicht aussuchen, die einem die Statistik retten sollen. Da Ende des Monats ist, schleicht eine Menge Gesindel vor der Sparkasse herum. Abwechselnd verschwindet einer in der Filiale und schiebt die Karte in den Kontoauszugsdrucker, um zu schauen, ob die Sozi-Kohle endlich drauf ist. Eine Menge übler Laune und verdruckster Sozialbilanzen schleicht am 30. und 31. in deutschen Innenstädten herum. Es müffelt nach nicht gewechselter Wäsche, fehlenden Zähnen, schlechtem Essen. Ganze Gesichtsbereiche sind wie verödet.

„Vor dem Unfall mit dem Polen bin ich jedes Wochenende Motorrad gefahren, alle Rennserien. Ich hab ein Zimmer voller Pokale. Sogar in der alten DDR hab ich 1989 einen Silberteller geholt, 2. Platz unter fünfzig Fahrern. Und zuletzt war ich in Schottland, Squad fahren. Mein Motorrad war mein Leben.“

Er macht seinen Scooter startklar. Drei Handgriffe. Klapp, klapp, klapp. Steht das Ding unter seinen Füßen. Ich bin beeindruckt. So übel ist der Bursche gar nicht. Wird erst fast zu Tode gefahren, lässt sich aber nicht unterkriegen.

„Am allerschönsten war meine Weltreise 1982. Ich hatte ein Weltticket für dreitausendzweihundert Mark gekauft, damit konnte ich jedes Flugzeug besteigen, ein Jahr lang, weltweit. Ich war in Amerika, Australien, Asien, ich war AROUND THE WORLD. Und wenn ich Asien sage, mein ich nicht die Puffs in Thailand, sondern Indonesien, die Inseln.“

Zuletzt flog er in die Südsee.

„Bora Bora“, sagt er.

„Bora Bora..?“ sag ich. „Woher kenn ich das denn nochmal…? Ist das nicht die Insel, auf der Die Meuterei auf der Bounty gedreht wurde? Mit Marlon Brando?“

Mein Gegenüber, mein neuer Freund, trägt eine College-Kappe, falschrum aufgesetzt. Eine gute Blue Jeans und gute Zähne. Sein Gang ist beschädigt, vom Unfall. Die Hüfte steht an einer Seite ein Stück weit heraus, wie eine Schublade, die klemmt.

„Kann sein. Ist bei Tahiti, Bora Bora“, sagt er. „War super da.“

„Genau, mit Marlon Brando.“ Jetzt laufe ich zu Form auf. Vielleicht keine Bestform, aber immerhin, jetzt bin ich mal dran. Jetzt bin ich im Erzählgeschäft – ein, zwei Sätze lang hege und buttere ich die andere Seite der Sozialbilanz. „Der hat doch bei den Dreharbeiten ne Eingeborene kennengelernt und geheiratet. War das nicht auf Bora Bora?“

„Weiss ich doch nicht. Aber soll ich dir was  sagen, mein Freund? Solange es noch geht, flitze ich auf meinem Scooter durch Solingen. In der großen weiten Welt war ich schon. Und was soll ich groß zu Fuß gehen.. Also, ich muss los, machs gut, wa.“

Nee. Ich glaub, das war ne andere Insel. Das war nicht Bora Bora. Die hieß anders.

„Ist Kohle schon drauf?“ frag ich den Deutsch-Russen, der aus der Sparkasse kommt. Eine vereinsamte abgedunkelte Figur mit einer eigentümlichen Narbe auf der Backe, wie ein Fähnchen. Ich hab mich immer gefragt, welcher Unfall solch eine Art Narbe hinterlässt, bis mich eine Landsfrau des Russen aufklärte. Die Narbe wurde ihm im Knast zugefügt und ist ein Zeichen, das unter Russen Bedeutung hat: Vorsicht, hier ist ein Zinker. Eine Hafenratte. Der Typ hat Kameraden bei der Schmiere verpfiffen. Er ist mit Vorsicht zu geniessen.

„Nee, is noch nix drauf“, sagt er müde.

Dann kann ich ja ruhig nach Hause gehen.

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3 Gedanken zu „Laissez-nous faire

  1. „Sozialbilanz“, eine schöne Wortschöpfung in diesem Kontext! Alleine, mir fehlte der Antrieb täglich, wöchentlich oder monatlich eine derartige Bilanz zu ziehen. Angeregt durch die nackte Existenz dieses Begriffs und der Vorstellungen, die ich persönlich hineininterpretiere, wagte ich ein kurzes Hineinfühlen im Bezug auf meine eigene Existenz. Für mich wäre der passende Maßstab einer in Lebensabschnitten. Abschnitte, nicht nach der Statistik genormt, sondern durch Lebensereignisse enstanden erschienen mir adäquat. Bei kurzem Nachsinnen erkannte ich eine wüste Achterbahnfahrt. Jetzt habe ich mich fürs Erste erschrocken zurückgezogen.

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