Heimspiel (Teenager Sprechstunde)

Donnerstagabend, 3. Dezember: Lesung/Punkrock-Konzert im fuzzigen kleinen Wohnzimmer des Cow Club Solingen. Fünfundvierzig Leute sind gekommen. In der Spitze 48. Auf Schnaat müssen wir warten, er steckt noch auf der Autobahn fest, in Höhe Velbert, zwanzig Minuten bis Wohnzimmer.

30.

Gesichter finden sich, die ich das letzte Mal vor zwanzig Jahren gesehen hab, Gesichter, in denen das Näschen noch genauso stabil sitzt wie damals und spitz wie Toblerone – sensationell.

Der Reporter, der für ein Online-Magazin arbeitet und zufällig zur Familie gehört, kommt mit der dicken Fotomaschine daher und erkundigt sich beiläufig, was ich heut Abend lesen werde, „Heroinrauchen?“ Ich muss lachen.

nö.

*

Es ist jedes Mal das gleiche. Vier, fünf Tage vor der Lesung geht der Stress los. Was soll ich denn lesen, denk ich, ich hab überhaupt nichts zum Vorlesen. Ich bin eine Frau, die hundert Paar Schuhe im Schuhschrank hat, aber Samstagabend steht sie ratlos vorm begehbaren Schuhschrank und sieht überall nur Gummistiefel und Schläppchen mit Hundekacke drunter.

“Ich hab überhaupt nichts zum Anziehen!“

Ich einige mich schliesslich auf zwei, drei Texte, die immer gehen, die ich aber noch nie gelesen hab, weil jedes Mal, wenn die Lesung stattfindet, andere Texte wichtiger sind. Oder besser. Oder leichter zu lesen.

Zum Glück gibt es eine feste Größe bei der Zusammenstellung von Texten für eine Lesung: Der neueste Text muss dabei sein. Der neueste Text ist immer der beste. Man fragt sich, warum einem diese Perle erst jetzt aus den Fingern geraschelt ist, warum man so lange dafür gebraucht hat. Ich seh Jubelstürme vor mir, Fangesänge. Ich könnte Schals in meinen Farben verkaufen, so großartig ist die Stimmung.

In meinem Kopf.

*

Drei Tage vor der Lesung die Nagelprobe: Die Gräfin bittet zum Probelesen. Ich bin nervös. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen. Dummerweise kennt mich die Frau, die vor mir sitzt, seit 29 Jahren. Viertelstunde später liegt der Text vor mir, zerfleddert, ein transsylvanischer Leichnam. Überall durchgestrichene Sätze, eingeschobene Sätze, es ist ein Schlachtfest. Mir gefällt nicht ein einziges Wort. Und der neue Text ist ganz besonders Scheiße. Der tut’s überhaupt nicht.

„Na, der tut’s überhaupt nicht würde ich jetzt nicht sagen..“, sagt sie, „aber..“

Ich bin fertig mit der Welt. Ich bin rhetorisch pleite, mir fällt nichts mehr ein. Ich bin durch mit Literatur. Mit Lesungen sowieso. Ich hasse Lesungen. In der Nacht lieg ich wach und formuliere im Stillen eine Bombendrohung an den Cow Club, für Donnerstagabend, eine Feuerwalze, die sich exakt durch alle Ohligser Wohnzimmer frisst. Hauptsache, die gottverdammte Lesung wird abgesagt.

Tag der Lesung. Morgens um halb vier entscheide ich mich für die altbewährte Methode aller publicityscheuen Autoren von Weltrang: in alten Texten graben, und was ich in die Hände kriege, wird gelesen. Egal, was.

Fertig, finis, aus.

*

Ich lese die erste Geschichte, die zweite. Reaktion im Publikum: gleich Null. Das bringt mich so durcheinander, dass mir, als ich einen Schluck aus der Wasserflasche nehme, das Wasser aus dem Mund plumpst, mitten aufs Manuskript drauf, wie ein Legostein. Selten blöd, denk ich.

Ab Text 3 entspanne ich. Zwar lese ich immer noch aus dem Hals statt aus dem Bauch, wie Karlos nachher moniert, aber ich lehne mich in meinem kleinen Sessel auf der Mini-Bühne zurück und nehme den Text quasi auf die Faust, wie ein Kebap. So ist es besser. So ist es natürlich. Zuvor lag der Text auf einer Art Tisch, den Rene, Chef vom Cow Club, provisorisch zusammengebaut hat, aus übereinander gestapelten Bierkästen.

06122015_AndreasGlumm1-1024x683

Foto: Bastian Glumm

*

Nach der Lesung, die mit zunehmender Dauer Fahrt aufnimmt und letzten Endes doch noch so etwas ähnliches wie, tja, Spaß macht, heisst es Schnaufen & Stampfen mit Rolf Schneider alias Stiller Teilhaber, dem eigensinnigsten Punkrocker in der Region. Die E-Gitarre als Spitzhacke geschultert, bewaffnet mit Drum-Computer und einem Arsenal an Stompboxen und anderen Bodentretern steigt er hinab ins Fegefeuer. Der Mann kommt aus der Unterwelt. Er kennt keine Gnade. Es knistert und es lodert in seiner Nähe.

Meine Schwester drückt es nachher so aus: Da springt jemand auf die Bühne, als hätte er unterm Christbaum seine neue E-Gitarre gefunden, und jetzt werden die Weihnachtstage zur Belastungsprobe für die ganze Familie.

Für die ganze Familie? sag ich. Für die ganze Welt!

Ein Wahnsinniger, und: Der Mann trägt Blue Suede Shoes. Keine Ahnung, wo er sie aufgetrieben hat, wie spitz zulaufende dunkelblaue Landzungen rennen sie vor ihm her. Er ist ein Egomane, ein Verrückter, nein: ein VerZückter, der alles macht, aber eines nicht, ja, er kennt nicht einmal das Wort dafür, was so vielen anderen die Luft zum Atmen nimmt: Kompromisse. Macht er nicht. Kann er nicht.

Keine Kompromisse, Blutsbruder.

Zwei der Perlen von Rolf Schneider/Stiller Teilhaber sind Hymnen an die Stadt, in der wir leben: Solig („Was wichtig ist, hat nichts mit dir zu tun..“) und (auch auf die Gefahr hin, dass er mich steinigt) das unschlagbar funkig-rockige Instrumental aus dem Jahr 2011:

Schlagbaum.

*

„Da ist er wieder, dieser crazy Typ“, leitet das ox-Fanzine die Besprechung seines aktuellen Albums ein, How good a barrier sounds?, das eine Ecke dreckiger ausfällt als das Debüt 2011. Was soll man sagen?

„Teile alles mit dem kleinsten Staubpartikel.“

Sollte Stiller Teilhaber je in eurer Nähe ein Konzert geben, hingehen. Selbst gucken. Fegefeuer.

*

Mehr über den Abend im

Solinger Boten

Advertisements

9 Gedanken zu „Heimspiel (Teenager Sprechstunde)

  1. Ach, da wäre ich gerne dabeigewesen.
    Diese Vorlesepanik! Klasse beschrieben. Mich freuts, dass es dir doch noch Spaß gemachr hat.

    Kompromisslosigkeit ist wohl in der Kunst der Schritt in die richtige Richtung?! Weg vom Gefallenwollen.

  2. ich hätte da keine Ruh mit dem Rücken nach draussen was lesen mit
    Backround
    Busse und so!
    und denn romantisch rüberkommen…

    • Der Ton ist schlecht bzw. die Nebengeräusche lauter als in Wirklichkeit. Die Busse zB hab ich überhaupt nicht gehört beim Lesen, auch im Publikum niemand.

  3. Erstmal:als ich heut abend nach Hause kam,hab ich wie blöd den Netzstecker meines Laptops gesucht.ohne Erfolg.Katrin war nicht da.dann hab ich Amar angerufen,das alte PC-Genie und hab ihm das Problem mit dem Paßwort erklärt.wird er sich morgen vornehmen,falls mein Paßwort nirgends gespeichert ist.dann bin ich auf Hans‘ („stiefschwiegersohn“)Geburtstag und jetzt,kurz vor 1 Uhr,wieder zu Hause.Katrin meint, sie hätte das Netzkabel samt Laptop letztens noch benutzt, sie würde morgen früh nachschauen,jetzt weiß sie auch nicht,wo es sein könnte…wahrscheinlich könnte ich mir den ganzen Text sparen,weil es Dir logischerweise völlig egal ist,ob ich die Mail morgen oder über-oder überübermorgen lese.mir aber nicht.bin schon gespannt.Vergleiche dieser Art sind blöd,aber stell Dir vor Charles Bukowski hätte Dir ne Mail geschickt…zum Text:habe ja schon geschrieben,daß ich es toll fände,wenn 2016 in der Richtung auch etwas stattfände.vor allem,wenn man im Nachbarort wohnt.kann mich nur wiederholen!

    • um gottes willen, die mail, die ich dir geschickt hab, ist wirklich nicht den aufwand wert. theoretisch könnte ich es auch kopieren und hier reinpacken. obwohl.. na ja. vielleicht doch nicht. vielleicht liest du es doch besser als private msail. (grins.)

  4. Pingback: Nervenzusammenbruch, hoher Blutdruck, „bisschen viel Wasser im System“, sagt der Doc | Glumm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s