11 Jahre Bloggen – Fritz Walter Wetter

Über die Zukunft hatte ich mir nie groß Gedanken gemacht. Sie schien immer weit weg, irgendwo hinter George Orwell. Und plötzlich war ich mittendrin.

Mit Gongschlag 45 war die Party vorbei.

Im Januar 2005 startete ich meinen Autobiografie-Service. Dafür brauchte ich einen Internetzugang. Mein Bruder kam rüber und installierte das Modem, während ich im SPIEGEL einen Artikel las, wo es ums Bloggen ging. Ich hatte noch nie davon gehört.

“Kennst du Weblogs?” fragte ich meinen Bruder.

Er war immer dann zur Stelle, wenn es wichtig wurde in meinem Leben. In der restlichen Zeit ging er seinen Geschäften nach, heiratete und bekam zwei Kinder. Später baute er einen Geräteschuppen hinterm Haus zu einem Schafsstall um. Mit Schafen drin.

“Glaub schon“, sagte er. „Das sind doch so Quasselforen, wo dicke Frauen vom Stricken erzählen.. oder nicht? So, das wars. Müsste fluppen jetzt.”

Und wie das fluppte. Es dauerte keine halbe Stunde, schon war ich bei myblog.de als Blogger angemeldet, als 500beine. Willkommen in meinem Weblog! Ich hatte ja keine Ahnung, dass myblog unter Bloggern den Ruf von Stümpern genoss, wenig Support bot und unter ständigen Abstürzen des Servers litt. Na schön – da war ich jetzt. Ein Blogger mit dem Namen 500beine.

Schnell lernte ich die drei goldenen Regeln, die ein Blogger beherrschen sollte:

  1. 1. Du sollst nicht langweilen
  1. 2. Ein Weblog muss ein Geheimnis haben
  1. 3. Scheiss drauf

Auch was den Inhalt anging, war ich bald auf dem Laufenden. Einer meiner meist gelesenen Einträge ging so:

Bloggen
ist wie am Tresen stehen
mit dem besten Kumpel
und die ganze Kneipe
hört zu was es
Neues gibt
.
 
Das konnte ich. Darin war ich gut. Am Tresen stehen und blödes Zeug quatschen. Das hatte ich gelernt. Von den Besten.

“Wolltest du nicht mit einem Autobiografie-Service Geld verdienen?” fragte mein Bruder irgendwann. Stimmt schon. Aber es kam ja keiner, der mich engagieren wollte. Es rief auch niemand an. Der Markt war definitiv zu klein für die vielen Anbieter, die nicht wussten, wie sie sonst zu Geld kommen sollten. Und wenn es keine Kundschaft gab, die bereit war für die Hardcover-Ausgabe ihres Lebens mit Deckel und Schutzumschlag einige Tausend Euro hinzulegen, dann schrieb ich eben meine eigene Geschichte. In meinem eigenen Weblog. Dann wurde ich eben mein eigener Klient, mein bester Kunde. Auch gut.

Dann, im Herbst 2005, die Förderung des Job-Centers war fast abgelaufen, kam eine erste schüchterne Anfrage via Email.

Unser Vater feiert bald seinen 85. Geburtstag. Zu diesem Anlass möchten wir ihm etwas Außergewöhnliches schenken, seine eigene Autobiografie.

Doch zunächst wolle man prüfen, ob wir menschlich miteinander könnten, der alte Mann und ich, und lud mich zu einem ersten Kennenlernen ein. Nach Bünde in Westfalen.

 

In der Nacht wanderte der Vollmond den Nachthimmel ab, ein hell erleuchtetes Bullauge, das sich von Schiff zu Schiff schwang. Ich nahm es als Zeichen.

Und am nächsten Morgen die Eisenbahn.

*

Bahnsteig 3. Raucherzone. Der Himmel hatte sich zugezogen, es begann leicht zu regnen.

Zu fisseln.

“Du bist ja schon ein richtig alter Reisehase”, sagte die schick gekleidete Großmutter zu ihrem Enkelchen, während sie an einer langen weißen Damenzigarette zog und den Rauch tief inhalierte.

“Ich bin kein Hase”, widersprach der Junge.

“Nein, natürlich, du bist kein Hase. Mit diesem Einspruch habe ich gerechnet. Und du hast ja Recht. Du bist ein erfahrener Reisejunge.”

“Ein.. erfahrener?” Der Junge war ratlos. “Was ist ein.. erfahrener..?”

“Erfahren. Das bedeutet, du bist schon oft mit der Bahn gefahren. Mit dem Zug. Du bist ein Profi.”

Der Junge überlegte. Profi, ja, das Wort ging okay. Er hockte mit seinen kurzen Beinen auf dem Schoß der Großmutter, sein Kopf baumelte hin und her. Wenn er nicht aufpasst, dachte ich, hat er gleich die Kippe in der Fresse.

“Wo kommt der Zug her, Oma?”

“Aus Köln.”

“Warum kommt der Zug so spät, Oma?”

“Wegen einer Störung.”

“Woher weißt du das, Oma?”

“Weil die das eben durchgesagt haben.”

„Warum hab ich das nicht gehört, Oma?“

„Weil du mit den Gedanken woanders warst.“

Kurze Pause.

“Hat Köln immer Störung, Oma?”

 

 

Was man alles für Gesichter sieht, wenn man unterwegs ist. Man könnte auf die Idee kommen, dass es gar keine Menschen mehr gibt. Keine richtigen Menschen. Dass man irgendwann anfing, Menschen gegen Maschinen auszutauschen und bis heute nicht damit aufgehört hat. Deswegen sind Computer auch so gefragt. Weil sie unsere Brüder sind. Denen das Blut mit Einsen und Nullen unterfüttert wurde. Aufgepeppt. Damit sie besser funktionieren.

Was für Apparate.

Mir gegenüber saß ein junger Mann, dessen Gesicht in sich gespalten war, aufgeteilt in in links und rechts. Die linke Hälfte war auf der Klötzchenschule Prügelknabe gewesen und hatte ständig die Hucke vollgekriegt, die rechte und hübschere Hälfte hingegen hatte das kleine Latinum gepackt und hätte sicherlich eine stramme Karriere in irgendeiner Branche hingelegt, wäre da nicht die linke Gesichtshälfte, na, Sie wissen schon.

Oder da vorn im Gang, dieses stille Gesicht. Ist das nun wirklich noch ein Antlitz, fragte ich mich, kann man das noch so bezeichnen, oder ist das schon ein Stummfilm aus längst vergangenen Zeiten? Ganze Gesichtsbereiche erschienen wie verödet. Keine Kontaktaufnahme möglich. Die toten Augen von Westfalen-Lippe. Na schön. In der Not ist der Mensch am interessantesten. Ich entschloss mich, diesem Gesicht eine zweite Chance zu geben, aber auch bei längerem Hinsehen blieben keine Konturen hängen. Ich gab auf.

Mir gegenüber liess sich ein Ehepaar nieder. Während die Frau sich angeregt unterhielt, und zwar mit mir, griff der Mann unbeholfen nach hinten. Plötzlich hielt er inne, mitten in der Bewegung, und schlug sich auf die Stirn.

“Mannomann, Maria.. Kannst du mal sehen, was ich für ein eingefleischter Autofahrer bin – jetzt will ich mich schon im Zug anschnallen!“

Maria, pummeliges Madonnengesicht, quasselte einfach weiter. Ihr Mann guckte mich an. Großer Sorry-Blick. Na, schon in Ordnung – wir Männer müssen zusammenhalten, wenn die Weiber uns um den Verstand quasseln.

 

Bünde in Westfalen. 13 Uhr 50. Backsteinrotes Städtchen. Ich fühlte mich in die Kindheit zurückversetzt, in den Hobbykeller, wo ich mit der Eisenbahn spielte. Nur dass hier nirgends der Trafo stand, mit dem man Tempo machen konnte, die stillen Gässchen aufmischen.

Vom Bahnhof aus schlug ich mich zu Fuß zur angegebenen Adresse durch. Obwohl ich zu spät war, schaute ich mir das Haus zunächst von aussen an, in aller Ruhe. Das hatte ich von meinem Hund gelernt. Erst mal vorsichtig mit der Schnauze ran. Erstmal schnuppern. Gucken, ob die Pisse gesund war. Modernes Eigenheim, nicht zu protzig. Daneben drei Auto-Garagen, vollprotzig. Am Gartentor eine in Gold eingefasste Klingel. Nein. Alles in bester Ordnung. Es war Messing.

Im Wohnzimmer empfingen mich Rauhaardackel Tobi, das kläffende Handy, und der graumelierte, sportiv nuschelnde Hausherr, der gerade telefonierte. Als ich mich umsah, dachte ich zunächst: Moment! Was soll das sein? Bin ich hier im Hotel? Muss ich wieder als Nachtportier ranklotzen?! War das eine gefakte Stellenanzeige? Ein riesiger Raum, geschnitten wie ein Hotel-Foyer, mit breiten Polstersesseln, Überwachungsmonitoren und einer Veranda, hinter der ein gepflegter englischer Garten lag; Hummeln gaben ein Konzert, es nieselte.

“Fritz Walter Wetter”, sagte ich, als der greise Möbelfabrikant sein Telefonat beendet hatte.

Er lächelte verständnislos und schüttelte mir so lange die Hand, bis ich als der weitaus Jüngere die Geschichte sachte beendete. Ist gut jetzt, Mann. Die Pfote da weg.

Es lief von Anfang an nicht besonders.

“Ich ruf noch mal eben meine Tochter und meine Frau an”, sagte er. “Die wollen dabei sein. Auf deren Mist ist das Ganze ja gewachsen.”

Er verschwand mit dem Handy am Ohr Richtung Diele. “Ja. Der ist jetzt hier, ja”, hörte ich ihn wispern. Ein kleiner energischer Mann. Vonwegen Greis. Die 85 Jahre waren ihm nicht anzusehen. Rauhaardackel Tobi schnupperte an meinen Schuhen und den Hosenbeinen. Sein Schwänzchen zitterte.

“Der riecht meine Hündin”, sagte ich zum Hausherren, als der wieder reinkam, das Handy in der Hemdtasche. Er nickte desinteressiert.

“So, ja. Die Damen warten schon auf uns. Fahren Sie mit mir oder in Ihrem eigenen..?”

“Ich fahr kein Auto.”

Er schnappte sich den Wagenschlüssel vom Haken und zwinkerte. “Wie lang ist der Lappen denn weg..?”

“Nein.. ich meine, ich fahr überhaupt kein Auto.”

“Ach, so? Nein? Gut. Hab ich keine Probleme mit.”

Aha. Warum sollte er auch Probleme damit haben, dass ich grundsätzlich kein Auto fahre. Es klang, als würde er mir versichern, dass ich als geborener Neger ruhig sein Klo benutzen dürfe. Wenn es denn sein musste. Pipi machen. Sind die wirklich so lang, die schwarzen Schwänze? Und ohne Autoführerschein – lässt es sich da tatsächlich leben?

In der Garage wartete eine silbrige Limousine, deren Fahrgestell so niedrig war, dass ich beim Einsteigen den Kopf einziehen musste, wie eine Schildkröte. Edles Interieur. Urwaldholz. So ein Scheiß.

“Sie können sich den Sitz einstellen, wie Sie mögen.”

“Schon in Ordnung. Wohin gehts denn?”

“Na, in den Betrieb.”

Der Nieselregen war Sonnenschein gewichen. Wir fuhren über leere Seitenstrassen. Du musst immer geradeaus gucken, mein Freund, dachte ich. Vielleicht ab und zu nach links und rechts, damit du niemanden übern Haufen fährst. Und ab und zu in den Rückspiegel, um zu sehen, wo die Sonne untergeht. Aber sonst: immer geradeaus! Mir brach der Schweiß aus. Was machte ich eigentlich hier? War ich in jungen Jahren nicht der Hohepriester der blonden Lockenrasse gewesen, hoffnungslos faul und fatalistisch? Und jetzt, mit Gongschlag Mitte Vierzig, ließ ich mich von einem alten Geldsack durch die Gegend kutschieren, dem ich die Lebensbeichte abnehmen sollte, gegen Bezahlung. Was war los, zum Teufel. Was war passiert.

“Soll ich langsamer fahren?” sorgte sich der Fabrikant. “Sie schauen so erschrocken..”

Ich fing mich wieder.

“Schon gut, nein“, sagte ich. „Als ich meinem Vater davon erzählt hab, dass ich nach Bünde fahre, hat er nur gesagt, Bünde? Da gibts Zigarren und Möbel.”

Eine Bemerkung, die ich von langer Hand vorbereitet hatte und mit der ich eigentlich auf einen Schlag 100.000 Bonuspunkte einfahren wollte, doch der Seniorchef teilte meine Beigeisterung nicht.

“Ja, Bünde war früher das Zentrum der deutschen Zigarrenindustrie”, sagte er nur. Ein karger alter Bursche. Erzählen war offensichtlich nicht sein Ding. Ich fragte mich, wie die Zusammenarbeit mit dem alten Knaben aussehen könnte. Mir fiel nichts ein. Autofahren dagegen machte ihm sichtlich Vergnügen. Für sein Alter fuhr der Seniorchef einen heftigen Stiefel. Zum Glück war die Strasse frei. Dennoch sah ich mich schon ein, zweimal gekonnt in einem der vorbeirauschenden Vorgärten abrollen und in Sicherheit bringen.

“Praktisch jede Familie hatte im Erdgeschoss ihre eigene kleine Manufaktur. Na, lang her. Das gibt’s so nicht mehr. Da vorn.. IMPERIAL.. die hatten früher sechzehntausend Mitarbeiter. Heute noch fünfundzwanzig, vielleicht dreissig. Ist alles kaputt gegangen. Und da sind wir schon.”

Er bog auf den Parkplatz eines grossen Gebäudekomplexes ein. Langgezogener Siebzigerjahrebau. Abschätzig zeigte er auf Flexy, “ein Import-Export-Ding, Sie wissen schon.”

Er zwinkerte.

“Da vorn, das ist alles mein, na, unser Betrieb. Wir produzieren aber nur noch in kleiner Stückzahl, es lohnt nicht mehr wirklich. Es ist mittlerweile wirtschaftlicher, Teile des Komplexes fremd zu vermieten.”

Er zeigte abschätzig aufs Teppichland und weitere Ladenlokale, in denen schon das Licht brannte, trotz der frühen Uhrzeit und Sonnenschein.

“Das Möbelhaus gibt es aber schon noch?” fragte ich.

“Ja, sicher.”

Wir betraten sein Reich durch den Hintereingang. Von einem langen Korridor zweigten Büroräume ab, die Freitagnachmittag nur spärlich besetzt waren. Der alte Mann federte voraus wie ein Dreißigjähriger und führte mich in einen Besprechungsraum.

“Nehmen Sie Platz, legen Sie ab. Ich hol eben meine Tochter und des Teufels Generalin, meine Frau.”

Auf dem Glastisch Kaffeegeschirr für vier Personen. Ein Kaffee wär nicht schlecht jetzt, dachte ich. Und da stand ja schon die Thermoskanne. Problem: Es roch nicht die Bohne nach Kaffee. War da etwa gar kein Kaffee drin? War das vielleicht.. Tee? Soffen die im tiefen Westfalen am Freitagnachmittag Tee? Dann war ich angeschissen.

Die Tür schnappte auf. Der Alte und seine Tochter. Nahm ich jedenfalls an. Ich hatte einigen Email-Kontakt mit ihr gehabt. Sie war jünger als erwartet.

“Unser Nesthäkchen”, stellte der Chef sie vor. Hübsche Zähne. Jeans. Halstuch.

“Hallo”, sagten wir.

Als die Ehefrau dazukam, das Haar zum Turm gerichtet wie eine schwarze Gospelsängerin, auf westfälische Art eingedampft, war die Entscheidungsrunde komplett. Mit den Augen tastete ich verstohlen den Raum ab. Lagen die anvisierten zehntausend Scheinchen schon irgendwo rum? Und was war mit Kaffee? War da noch was zu machen?

“Kaffee?” fragte die Dame des Hauses, die Stimme tiefer Südstaatensoul.

Ich blieb eiskalt. “Gern.”

“Unser Vater”, sagte sie und meinte ihren Mann, “hat ein aufregendes Leben geführt, das muss festgehalten werden, für die Kinder und die Enkel. Wenn die später mal fragen, wie war Opa denn überhaupt..”

Die folgende Stunde verging wie im Flug, obwohl die Situation anstrengend war, eine Art psycholgischer Eiertanz. Wenn man sich drei fremden Personen gegenüber sieht, die einen permanent taxieren, ist es oberste Pflicht, alle drei abwechselnd anzusehen, mit einem winzigen Übergewicht in Richtung Seniorchef. Mit dem würde ich es ja schliesslich hauptsächlich zu tun haben, sollte die Sache klappen. So ein Boden will gut vorbereitet sein. Mit Chemie.

Einmal blickte ich mitten im Gespräch erschrocken an mir runter und dachte, au, Scheiße! Hab ich grosse Hände!

Komische Gedanken, komische Chemie.

Auf die Frage, wieviele Biografien ich schon verfasst hätte, antwortete ich dreist “drei”. Ich mein, wenn schon, denn schon. Ich konnte ja schlecht mit der Wahrheit rüberkommen: Sie sind mein Versuchsballon. Mein 10.000 Euro-Versuchsballon. Kann sein, dass das Ding abstürzt und in Flammen aufgeht.

Knackpunkt Nummer 2: das Geld. Dafür musste der Alte den Raum verlassen. Es sollte ja ein Geschenk sein, zu seinem 85. Geburtstag, auch wenn er von dem Geschenk natürlich wusste.

“Immer, wenn es spannend wird, muss ich raus”, feixte er. Ein Schelm. Ha ha! lachten Tochter und Eheweib. Haha ha! setzte ich frech einen drauf.

“Macht doch nichts”, sagte ich. “Fritz Walter wartet draussen. Mit seinem Wetter.”

Da lächelte auch der Chef, endlich. Kaum war er fort, nahm die Tochter das Heft in die Hand und begann zu rechnen. “Sie kosten wieviel?”

“Vierzig Euro pro Buchseite”, sagte ich, obwohl auf meiner Website 45 Euro angegeben war. Es kam mir plötzlich unverschämt viel vor, selbst wenn ich hier in einer Familie zu Gast war, die Zaster hatte. 40 Euro, klare Ansage – null Reaktion. Die Ehefrau lächelte stumm.

“Damit ist mein Job abgedeckt. Also das Schreiben“, fuhr ich fort. „Hinzu kommt noch der Druck.”

“Ah. Und wieviel kommt da noch hinzu?”

Jetzt hing ich in der Luft. Zwar hatte ich am Abend zuvor mit einem Düsseldorfer Drucker telefoniert, doch der wollte sich partout nicht festlegen, was den Preis betraf. Aber die Dame wollte konkrete Zahlen hören. Ich redete mich heraus, dass der Preis natürlich von ähm weiteren Faktoren abhängen würde, die jetzt noch gar nicht zu überblicken seien: Umfang des Buches, Höhe der Auflage, Bindung, Papierqualität etcetera. Dazu Anzahl der Fotos, Schwarz-Weiß oder Farbe, eventuell Faksimiles..

“Das kann man erst am Ende überblicken.”

“Ja sicher, aber aus Ihrer Erfahrung heraus müssten Sie uns doch eine Hausnummer nennen können.”

“Okay”, sagte ich gequält. “Der letzte.. Klient hat zweitausend Euro gezahlt.”

“Wofür?”

“Für den Druck.”

“Hm, ja. Und das war jetzt welche Qualität? Welche Stückzahl?”

Ich war nicht ohne Vorbereitung ins Gespräch gegangen.

“Es gab zehn Exemplare für die Familie, Halb-Leinen, Schutzumschlag, 200 Seiten.” Die Zahlen hatte ich einem von mir angeforderten Angebot eines anderen Autobiografie-Services entnommen.

“Gut”, sagte die Ehefrau, deren Blick offener wurde. “Das ist doch mal eine Zahl.”

“Ist aber nur der Druck, Mama”, meinte die Tochter. “Da ist der grösste Batzen noch nicht drin.”

Sie blickte mich an.

“Ist denn in Ihren vierzig Euro pro Seite sonst alles inklusive?”

“Ja, ausser Hotelkosten und Spesen.”

Wenn die Tochter richtig mitgerechnet hatte, musste es auf ihrem Schreibblock in etwa so aussehen: 40 EUR/Buchseite, bei geschätzten 200 Seiten = 8.000 EUR + 2.000 EUR Druck = 10.000 EUR.

„Wir melden uns.“

Ja, genau.

 

Rückfahrt ins Bergische Land. Im Interregio. Es nieselte ununterbrochen. Fritz-Walter-Wetter. Vielleicht lag ich ja schon 3:2 in Führung und wusste gar nichts davon.

Puscas! Immer wieder Puscas..!

Hinter mir sprach ein Student so laut in sein Handy, ich musste mithören, ob ich nun wollte oder nicht. Er teilte seinem unsichtbaren Gesprächspartner mit, dass er gerade in Enn-Err-Wehh unterwegs sei, irgendwo in Westfalen, “den Namen vom letzten Bahnhof hab ich vergessen. Und es pisst die ganze Zeit. Hä? Nee. Politischer Liberalismus war das Thema an der Uni. Der Dozent ist total jung und erinnert mich irgendwie an den Typ, der den Eiskalten Engel spielt. Ich komm jetzt nicht auf den Namen. Nee, der spielt den Eiskalten Engel. Wie heisst der noch..?”

Das wiederholte er zirka fünf Mal bis ich die Nase voll hatte und mich umdrehte.

“Alain Delon”, sagte ich, “heisst der.”

Der Student war verblüfft.

“Ja, kann sein..”, murmelte er ins Mobiltelefon und drehte sich weg. “Nein.. hier hat gerade jemand Alain Delon gesagt..”

Dass der Film im Original “Le Samurai” heißt, hätte ich noch anfügen sollen. Schliesslich handelte es sich um einen der Lieblingsfilme der Gräfin überhaupt.

“Darin gibt es die einsamste Filmszene der Kino-Geschichte”, behauptete sie. Die Szene, in der Delon, der eiskalte Engel, nach Hause kommt und man eine Weile nur das Trällern seines Kanarienvogels hört. Sonst nichts. Nur Zwitschern. Geträller. Ein Vogel in seinem Käfig. Minutenlang. Das Leben eben.

„Weisst du, wenn die Wirklichkeit ein ganz kleines bisschen mehr wie im Film wäre, das wäre gut“, hatte sie noch angefügt.

Das wäre besser.

 

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12 Gedanken zu „11 Jahre Bloggen – Fritz Walter Wetter

  1. Und den Auftrag? Gekriegt?

    Klasse Text, keiner schreibt so über Menschen wie du. Ob du eine Autobiografie schreiben könntest? Ich meine, so, dass du deine Talente nicht unter dem Scheffel vergammeln lassen würdest?

  2. „Aber der Ausflug hat sich gelohnt.“

    Sricht Bände.

    Bei solchen Besuchen kann man sich immer wieder auf’s neue vergewissern, dass es keinen Grund gibt auf das Leben von Familie Vornehm-Reichschwein neidisch zu sein. Ganz im Gegenteil. Schudder.

  3. „Ein Teil dieser Biographien würde die Bevölkerung verunsichern.“ (Die Misere)

    Ich wünsche dir auch weiterhin viel Pech mit deinem Biographie-Service. Ich hoffe, du weißt, wie ich es meine ;o)

    In Vorfreude auf alles Kommende
    M.E.

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