Heiligabend 1933

Sonntagmittag, 9. Februar 2014

Nach dem Essen leg ich mich vor den Fernseher und schaue Winter-Olympiade, aber ich bin nicht richtig bei der Sache und sacke dauernd weg. Die Gräfin hat sich auch hingelegt, in ihr eigenes Bett, um Ruhe zu finden. Bis ihr, es muss viertel vor drei gewesen sein, wie sie später erzählt, die Tränen in die Augen steigen, ganz plötzlich. Sie führt es auf den Stress der letzten Tage zurück, auf all die Sorge, den fehlenden Schlaf – in Wahrheit stirbt in diesen Minuten mein Vater.

Organversagen.

Gegen halb vier steh ich auf, geh in die Küche, setze Teewasser auf. Da ich die Telefone leise gestellt hab, um beim Schlaf ungestört zu bleiben, werfe ich einen Blick auf das Display meines alten Motorolas. Ich seh die Nummer meiner Schwester, der Anruf ist wenige Minuten alt. Im gleichen Moment höre ich das Läuten des Festnetztelefons – leise zwar, doch vernehmlich, wenn man sich in der Nähe des Telefons aufhält und auf den Sound geeicht ist.

2 Anrufe in Ihrer Abwesenheit. 2 neue Nachrichten. Eine von meiner Schwester, die andere von der Station, auf der mein Vater liegt. Ich soll umgehend zurückrufen. Ich ahne, was los ist. Ich wähle die Nummer meiner Schwester.

Mein Schwager nimmt ab.

Du, das Klinikum hat vor.. zehn Minuten angerufen. Euer Vater ist gestorben.

Ich wusste es, sag ich nur.

Die Gräfin steht hinter mir. Papa ist tot, sag ich. Sie nickt.

Was meinst du? Kommt ihr alle zu uns?  fragt mein Schwager. Sollen wir uns alle hier sammeln?

Ja, machen wir.

Nachdem ich auflege, fallen Sanne und ich uns in die Arme. Es ist vollbracht.

“Er lacht die ganze Zeit, wenn ich an ihn denke”, schluchzt sie.

Wenn sie weint, ist sie die Sonne. Wenn sie weint, herrscht Friede.

Mein Bruder ruft an. Weisst du schon..? Ja, ich weiss schon.

Zwischen elf und zwölf waren wir noch im Krankenhaus gewesen, zu zweit, um uns, ohne es zu ahnen, von Vater zu verabschieden. Es war die gleiche Konstellation wie tags zuvor, doch wir waren uns nicht sicher, ob Vater uns noch wahrnahm. Ob er überhaupt mitkriegte, dass wir im Zimmer waren und mit ihm sprachen.

*

Kaum angekommen im Klinikum fingen wir den diensthabenden Oberarzt auf dem Flur ab. Er kam mit auf Vaters Zimmer. Sah sich im Patientenblatt die letzten Laborwerte an, fühlte seine Beine, “ja, ist etwas weniger Wasser geworden.” Auch die vermutete Lungenentzündung habe sich glücklicherweise nicht bestätigt. “Doch der Allgemeinzustand Ihres Vaters lässt eine Rückverlegung ins Heim nicht zu.” Er sah uns an. “Aus Erfahrung sage ich Ihnen, Ihr Vater ist nach zwei Stunden wieder im Krankenhaus.”

Überhaupt sei der arme Mann seiner Einschätzung nach der typische Patient, den die Altenheime übers Wochenende gerne ins Klinikum ausquartieren: dement und pflegeintensiv.

Vater hielt die meiste Zeit die Augen geschlossen, gab unartikulierte Geräusche von sich. Oder er nuschelte vor sich hin, dass ihn niemand verstand. An miteinander reden wie am Tag zuvor war nicht zu denken.

Einmal fiel Vater dem Oberarzt ins Wort und stöhnte wie ein verwundetes Tier, das sich ins Dickicht verzieht. “Papa, sei mal einen Moment still!” meinte ich genervt, und augenblicklich war Ruhe. Ich hatte kein gutes Gefühl, fand mich eine Spur zu brüsk, zu autoritär, und sofort tat es mir leid. Das hättest du dir früher nie erlaubt, dachte ich. Früher, als er noch bei Kräften war, hast du dich nie gegen ihn gestellt.

Toll, dass du dich jetzt traust.

Und dann war da noch dieser kurze, ja unvollständige Augenblick, von dem mein Bruder, wie ich später erfuhr, nichts mitbekam. Wir hatten uns von Vater auf ein halbes Stündchen verabschiedet, weil wir unten im Cafe etwas trinken wollten. Bis gleich, Papa, sagten wir, doch es kam keine Antwort. Später kehrten wir auf einen Sprung ins Krankenzimmer zurück, es sollte das letzte Mal sein, dass wir Vater sahen.

Wir standen um sein Bett herum, und ich sprach mit ihm. Mein Bruder saß am Tisch, kontrollierte sein Smartphone auf Anrufe und SMS. Vater mühte sich, etwas zu sagen. Ich beugte mich zu ihm runter, um ihn besser verstehen zu können. Wenn ich ihn aber nicht so gut gekannt hätte, sein Solinger Platt, seinen Singsang, ja, seine ganzen Eigenheiten, ich hätte nicht ein Wort verstanden.

Was er zu sagen versuchte bezog sich darauf, dass wir im Krankenhaus-Cafe gewesen waren, mein Bruder und ich, er hatte uns also doch verstanden. Dann hauchte er, “ja, ihr beiden.. macht es euch schon schön..” und lächelte schwach, wie aus der Ferne. Es war das letzte, was er uns mit auf den Weg gab. Der Tod griff schon nach ihm, brach schon seinen Blick, und durch den Schleier hindurch suchte er nach etwas Wohlwollen zum Abschied.

*

Als wir uns am Abend beim Griechen trafen, fiel mir Vaters Lieblingsgeschichte aus seiner Kindheit ein. Er hatte sie oft erzählt, wenn wir nachmittags auf dem Balkon saßen und heißen Kakao schlürften, und wenn die ersten Takte der Geschichte erklangen, wusste ich, was kommt, und hing an seinen Lippen. Es war nicht mal eine besondere Geschichte, aber er liebte es, sie zu erzählen, und wenn er etwas zu erzählen liebte, liebte ich ihm zuzuhören. So einfach war es geworden zwischen uns, aber wie lange hatten wir dafür gebraucht.

In den frühen Dreißigerjahren, er war ein kleiner Junge, fuhr er regelmäßig mit der Straßenbahn hinauf nach Cronenberg, wo Tante Milli einen kleinen Lebensmittelladen führte. Die Linie 5 zwischen Solingen und Wuppertal führte mitten durch die Wupperberge und galt als eine der landschaftlich reizvollsten Straßenbahnlinien Deutschlands. Die Zugmaschinen hatten die stärksten Motoren, um den knifflig steilen Anstieg nach Cronenberg zu bewältigen, und die Fahrer, allesamt Meister ihres Fachs, mussten all ihre Fahrkunst aufbieten, wenn es auf dem Rückweg bergab ging.

Es war Heiligabend, als der kleine Knirps, der mein Vater werden sollte, in Cronenberg die Straßenbahn bestieg, doch als er zahlen wollte, stellte er fest, dass sein Geld weg war – zwei Groschen, er hatte sie verloren. Es war die letzte Bahn, die an diesem Tag fuhr, und keine Zeit mehr, um zurück zu Tante Milli zu eilen und etwas Fahrgeld zu holen.

Mein Vater war der einzige Passagier an Bord. Nicht mal ein Schaffner hatte Dienst. Bloß der Fahrer und er waren anwesend. Ein fast leerer Waggon wartete auf die letzte Fahrt des Tages. Der Schnee wirbelte gegen die Scheiben.

“Du häss kin Jeld, Jung?” sagte der Straßenbahnfahrer, (er trug eine stolze Kapitänsmütze, erzählte Vater, wie einer von der Marinekameradschaft.) “Maht nix. Kannste Weihnachtslieder singen?”

Vater nickte. Er war 7 Jahre alt. Mit sieben kann man Weihnachtslieder.

“Dann singste ewen. Ich hölp dir auch.”

Und so sangen die beiden Weihnachtslieder, während sie bei einbrechender Dunkelheit durch den Busch Richtung Solingen rumpelten. Oh Tannenbaum, Stille Nacht, Heilige Nacht, O du fröhliche. Irgendwann ging ihnen der Text aus, sie wussten nicht weiter.

“Na, dann pfeifste eben noch wat.”

Und so pfiff mein Vater noch ein wenig. Als sie am verschneiten Stöckerberg in Solingen ankamen und der kleine Willi ausstieg, winkte ihm der Fahrer hinterher.

“Frohe Weihnachten, Jung! Und sing nit so schief, wenne gleich ungerm Christbaum stehst!”

Das vergass Vater nie zu erwähnen.

 

Fotos Willi Glumm 009

Advertisements

13 Gedanken zu „Heiligabend 1933

  1. Nur ein „Gefällt mir“ war mir jetzt selbst doch zu wenig bei Deiner Geschichte. Sie hat mich sehr berührt – es sind bewegende Worte. Ich wünsche Euch schöne Weihnachten! Oliver 2.0

  2. Sie hat meine Seele berührt ,diese wunderschöne Geschichte ,Danke dafür und euch ein ganz wunderbares Weihnachtsfest voll Frieden und Harmonie.Ela

  3. Ich hab diesen anrührenden Text meiner Mutter weiter gemailt, die konnte erstmal gar nicht zum Rewe gehen, so traurig wurde sie über „den schönen Text“ von „diesem Glimm“.
    Ich wünsche dir und deiner Gräfin ebenfalls traumschöne Feiertage.

  4. dieses ist das erste weihnachten ohne meinen vater. er fehlt mir nicht aber hinterläßt trotzdem eine traurige lücke aus nicht wieder gut oder besserzumachendem.

  5. Ich kannte sie schon, aber sie bleibt anrührend
    Ein frohes, helles Fest wünsche ich Dir und den Deinen: Macht es Euch schön.
    Mögest Du weiter glimmen,
    uWe

  6. Es passieren wirklich noch wunderbare Dinge!vor ein paar Wochen googlete mein alter Kumpel Hussi „Heroin rauchen“, Hussi,der glaub ich noch nie ein Buch gelesen hat.danach meinte er zu mir:“ Google mal Studio Glumm,könnte was für Dich sein.“,und heute les ich diese Geschichte.Geil!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s