2016. Der Zackenbarsch ist der Star im Riff

san.rotesschaf.gr

  1. Januar 87

Freitag. Hole die erste Knete des Jahres von der Bank. Geh wieder stark auf tausend Miese zu. Fühle mich grau und vergammelt, als ich durch die Innenstadt laufe, ins Bodenlose trete, obwohl meine Schuhe so schöne neue grüne Schnürsenkel haben, die niemandem ins Auge fallen.

Nichts geht mehr. Wenn ich mir eine Kippe anzünde, warte ich nur darauf, dass mir das Feuerzeug in der Hand explodiert und die Stichflamme die letzte Locke verkohlt. Dabei ging das doch früher so locker von der Hand, das Anzünden und Rauchen von Zigaretten. Das konnte ich doch immer so gut, rauchen. Wie Peter Stuyvesant fast. Was ist passiert? Wo steckt der Stenz in mir? Der Silberrücken? Wo ist der hin? Gibts den überhaupt noch? Den alten Aufschneider?

“Der Glumm ist wie Elvis”, hatte Karlos‘ jüngerer Bruder einst der Gräfin gesteckt, als die mich noch nicht so gut kannte.

“Wie Elvis..? Was meinst du damit?”

“Na, wie der in die Kneipe reinkommt. Wie Elvis in Las Vegas. Wie Sinatra im Madison Square Garden. Wie Harald Juhnke die Showtreppe runter”, gackerte Karlos‘ Bruder, ein ironischer Bursche, der sensationell Klavier spielte. Wie Debussy. So Unterwassermusik.

Dabei war das mit Juhnke die Treppe runter ja bloß an meinen schlechten Tagen. Und für den Elvis in mir, dafür kann ich nichts. Das ist der Stenz in mir. Der Silberrücken. Der Champion. Der liegt in der Familie.

Da gab es Anfang des 19. Jahrhunderts einen vermögenden Vorfahren, dessen Ländereien an der Stadtgrenze zu Cronenberg so groß waren, dass er sie gern auf seinem weissen Schimmel abreitete, an den Stiefeln vergoldete Sporen. Der Mann endete tragisch. Er verspielte jeglichen Grund und Boden am Roulettetisch und hatte immer noch Spielschulden. Glum (man schrieb den Familiennamen noch mit einem m) war keine vierzig Jahre alt, als er von seinen Gläubigern an den Stadtrand gelockt und erschlagen wurde. Zur Abschreckung nagelte man seinen Leichnam ans Wasserrad eines Kohlfurther Kotten und ließ ihn drei Tage und Nächte rotieren.

Oder hier, mein Onkel Fitting. Wo Onkel Fitting auftaucht, steht er im Mittelpunkt. Als Mittelstürmer tut er nichts anderes, als neunzig Minuten lang am Elfmeterpunkt rumzulungern. Wenn die Pille dann kommt, zakk, macht er die Hütte und lässt sich feiern. Dass er zuvor neunundachtzig Minuten nur rumgestanden hat, lauthals motzend, wo bleibt der Ball?! – geschenkt. Man muss auch mal 89 Minuten lang dumm rumstehen können im Leben. Keine Thematik.

Kurz bevor mein Großvater starb, 95jährig und schwer zuckerkrank, meinte Onkel Fitting zu ihm: „Wenn du demnächst tot bist, machen wir eine schöne Bowle aus dir.“

Glummscher Familienhumor.

Oder hier, Großonkel Arno. Der saß noch im Altenheim während der Besuchszeit locker im Club-Sessel und ließ seinen Lümmel raushängen.

“Jetzt packen Sie endlich Ihr verfluchtes Ding da weg!” zischelte die Stationsschwester böse, wenn sie mit dem Vordruck der Pflegeversicherung über den Flur hastete.

“Kindchen”, antwortete Großonkel Arno, “das kann man nicht einfach wegpacken. Das ist meine Fröhlichkeit.”

Noch im gesegneten Alter von neunzig Jahren hat Großonkel Arno in sein Gehwägelchen Leuchtdioden einbauen lassen, damit die Puppen ihn besser sehen konnten, wenn die Dämmerung einsetzte, auf Station. Die Puppen, das waren drei Pflegerinnen aus Thailand. Mit denen war mein Großonkel so dicke, dass die vier sich seine Pension jahrelang gerecht geteilt haben, bis die Stationsschwester dahinter kam und es Abmahnungen hagelte.

Klar, wer solche Vorfahren hat, der wächst in dem Glauben auf, automatisch Vorfahrt zu genießen im Leben. Ist logisch. Aber es gibt auch andere Tage. Es gibt zunehmend andere Tage. Tage wie heute, wo die Sonne in ihrem grauen Gewinde bleibt, wo sich nicht herausschraubt – kein Lichteinfall.

Und schon hat mein Gang nichts von Elvis, schon stoße ich nicht breitbeinig die Kneipentür auf, richte mir die Klöten und zwinkere, “Is los, ihr Lutscher?!” Schon drücke ich mich Freitagmittags trostlos hinter den Marktständen herum, damit mich niemand sieht, weil es mir so schlecht geht. Weil ich so scheiße drauf bin. Weil die Bank nicht eine Mark rausrückt.

Und dann erwischt mich doch einer. Der schlimmste, natürlich. Direkt hinterm Marktstand. “Stückchen Fleischwurst, der Kollege?” erkundigt sich der Chef von Wurstwaren Linne mit feisten rosigen Bäckchen und aller ihm zur Verfügung stehenden Abschätzigkeit, als ich ihm in die Arme laufe. Er spürt sofort, wie schwach ich bin an diesem Tag, wie hundemüde. Ein Zaungast am eigenen Leben. Ein Trümmerhaufen. Solche Leute spüren sofort, in welch mieser Verfassung man ist, solche Leute haben ein Näschen dafür, sie warten den ganzen Tag auf solche Gelegenheiten. Damit sie auch mal groß und stark sein dürfen.

Aber aufgepasst, Freundchen. Wenn ich wieder in Ordnung bin, tritt Elvis an deine stinkende Metzgerbude und ordert fünfundzwanzig Tonnen Bockwurst, noch für denselben Nachmittag, 15 Uhr, Graceland, Lieferanteneingang.

Mahlzeit, Arschloch!

*

Eine vernünftige Herangehensweise ans Leben: sich selbst für den Oberbürgermeister halten, für den Präsi, von Kindesbeinen an.

Darin waren wir uns einig, der Mitsubishi Boy und ich. Auch wenn er ein ziemliches Schoss raus hatte, natürlich. Aber es war die Art Schoss, die man gern mal hervorzieht, um sich die vielen kleinen Dinge darin anzuschauen. Was man da alles findet. Ein Juwel an guten Tagen, Strass an anderen. Ne Menge Strass.

Es blinkte und funkelte in seiner Schublade wie in einer kubanischen Voodookabine.

Er sagte schöne Dinge, Dinge wie: “Es ist schon schwierig, wenn man eine verkrachte Existenz ist, doch mehrere verkrachte Existenzen in einer einzigen Person, da wird es knifflig”, sagte er. Oder: “Wenn ich erst mal dreißig bin, fang ich an zu überlegen, wie ich vierzig werde, und wenn ich vierzig bin, fang ich an zu überlegen, wie ich fuffzig werde. Das muss reichen, fürs erste.” So kam er durchs Leben. Mit solchen Sätzen.

Wir besuchten dieselbe Klasse auf der Grundschule und dem Gymnasium. Wir waren der letzte reine Jungen-Jahrgang, wir waren ein Auslaufmodell und ließen es nochmal richtig krachen, großkotzig und arrogant. Manche Pauker konnten einem beinah leid tun. Dem Hilfs-Chemielehrer, der aus der Industrie kam und weiße Laborkittel trug, trat Mitsubishi so fest in den Hintern, dass er einen Satz nach vorn machte, wie eine Bergziege, während wir im abgedunkelten Chemiesaal Schulfernsehen guckten und so taten, als hätte keiner was gesehen. Dabei hatte wirklich keiner was gesehen. Wir pokerten um Geld, wir maßen unsere erigierten Schwänze mit dem großen Holzlineal, es gab Wettbewerbe im Stinkbombenwerfen. Wir hatten enorm zu tun.

Die Gräfin träumt heute noch gelegentlich davon, wie ich war, als sie mich kennenlernte, einem Zeitpunkt, als ich schon zehn Jahre aus der Schule raus war.

“In meinen Träumen liegst du mit entblößtem Oberkörper im Gras, hast ein blondes Liebchen im Arm und pöbelst die Leute an. Machst einen auf dicke Hose, so wie du eben warst, früher, aber es war nur ein Spiel, es war unwichtig. Es war, als hättest du alles mit links gemacht. Wie oft hab ich früher im Mumms gestanden und dir zugeguckt, wie dich irgendwelche Großschnauzen und Nullchecker vollgesabbelt haben, und du warst ganz begeistert und hast mit großen Notizbuchaugen zugehört. Junge, waren das Blödmänner, und was hattest du einen Spaß.”

Der Mitsubishi Boy hatte auch eine große Klappe, aber eigentlich war er ein schüchterner Bursche. Nach einer durchzechten Nacht bin ich mal bei ihm aufgewacht, in seiner Bude auf der Drosselstrasse.

Verkatert machten wir uns auf in die Stadt.

Unterwegs, an der Hof-Einfahrt einer stadtbekannten Stahlfirma, blieb Mitsubishi stehen und drückte den Klingelknopf.

“Ja bitte?” meldete sich eine freundliche weibliche Stimme über die Gegensprechanlage.

“Ja, Firma Wackastein hier..! Was ist los? Ich steh hier mit dem Zwanzigtonner. Wo muss ich hin, verdammt!?”

Ganz trocken, sehr überzeugend.

“Wer..? Bitte? Wer ist da?”

“Firma Wackastein! Mädchen, ich blockier hier die Straße, verdammt! Wo soll ich denn den ganzen Matrosenkram abladen? Ich hab hier äh vierzig Paletten vernickelten.. Kram drauf, der muss runter hier..! Zack zack!!”

“Matrosenkram..? Moment bitte.. Da muss ich mal… Firma Wackastein? Richtig?”

“Ja, Wackastein.”

“Gut.. dann fahren Sie schon mal zur Rampe C.. unser Herr Benning kommt. Was haben Sie geladen, was war das..?”

“Matrosenkram, Tante”, stänkerte der Mitsubishi Boy und wir marschierten weiter, Richtung Mumms. Frühschoppen.

Paar Kölschbier, zwei Schnaps, schon waren wir wieder hinüber.

“Eh Glumm! Hast du früher im Sand gebuddelt?” Mitsubishi kam oft mit so komischen Sachen rüber. Man wusste eigentlich nie, worauf er hinaus wollte. Meist verpuffte sein Motiv unterwegs. Er fing mit einem Thema an, verzettelte sich, und zum Schluss war ihm selbst nicht mehr klar, was er eigentlich sagen wollte. “Als Knirps mein ich.. hast du da im Sand gebuddelt?”

“Na klar. Mach ich heute noch, wenn ich in Holland bin am Strand. Buddeln.”

“Dachte ich mir. Aber, buddelst du nach unten? Oder versuchst du dich rauszubuddeln, in Richtung Sonne? Nach oben raus?”

Spott hatte sich im Laufe der Jahre in seine Mundwinkel eingefräst. Ein hübscher Knabe, der Mitsubishi Boy. Kein Wunder, dass die Viertelstunde, die ich in meinem Leben stockschwul war, ihm gehörte. 1977, auf der Klassenfahrt nach Nürnberg, Untersekunda. Ich wollte ihm einen blasen, oben auf dem Etagenbett in der Jugendherberge, aber er zierte sich und tat so, als wäre er eingeschlafen. Als würde irgendwer auf der Welt einschlafen, wenn ich zum Blasen ansetze. Chance vertan, Blödmann.

“Du meinst, ob ich einen Tunnel grabe”, sagte ich und überlegte einen Moment. “Na klar, du Arsch. Wenn du nur nach unten buddelst, kommst du ja nicht raus. Man muss einen Gang schaufeln..”

Er klatschte mich ab. “Das wollte ich hören. Lieber von unten kommen als von oben fallen.“

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Mitsubishi fuhr – natürlich – Coupe. Die Ray Ban auf der Nase, Ry Cooder im Kassettendeck, die Kupplung kommen lassen bis auch der letzte Passant ein Bolzen hörte im Getriebe, das brachte niemand so ungerührt wie der Mitsubishi Boy. Eine Überlandfahrt mit ihm glich einem Ritt auf dem Baraccudaschwarm. Seinen jägergrünen 79er Colt Celeste zersägte er auf der Autobahn im deutsch-holländischen Grenzgebiet, mit einem Kolbenfresser. Niemand hatte je Öl nachgefüllt. Dummerweise lag genau zu diesem Zeitpunkt ein Kilogramm Grüner Türke auf dem Beifahrersitz, lag einfach da, wie Weintrauben. Und weil der Motor so laut gurgelte, hatten ihn die Zöllner rausgewunken.

Ja. Das war noch weit vor Schengen.

“Bist du doof?” fragte ich Mitsubishi viele Jahre später, als er mir davon erzählte. “Ein Kilo einfach auf den Beifahrersitz packen?”

“Na, weißt du.. Das war ein superschöner Sonntag damals. Ich am flöten, tausend Mark Kurierlohn in Aussicht, voll im Rückreiseverkehr.. Scheiße, wer konnte ahnen, dass die Säcke ausgerechnet mich herauswinken?”

Ausgerechnet ihn, mit Blues Brothers-Sonnenbrille und unrasierter Rauschgift-Visage. Ausgerechnet ihn, mit sterbendem Motorenlärm. Na, so gesehen, stimmt – kommt eigentlich niemand drauf. Zöllner vielleicht. Ort des Geschehens war der Grenzübergang Emmerich; zwei Jahre ohne Bewährung. Zwei Drittel musste der Mitsubishi Boy absitzen. Zwei Drittel, die er mit dem Studium philosophischer Texte verbrachte, von Bukowski über Die Straße der Ölsardinen von Steinbeck bis zur hoffnungsvoll versoffenen Margarete Dumas. Er landete nie wieder im Knast, nicht eine einzige Stunde.

Einmal, wir waren bei ihm zu Hause und wollten gerade seine Zwei-Zimmer-Bude an der Drosselstraße verlassen, fiel ihm ein, dass er kein Geld eingesteckt hatte.

“Die Kohle ist in meiner anderen Hose”, sagte er. „Moment.“

Er hatte zwei Hosen. Eine für zu Hause, eine zum Ausgehen. Wie die meisten von uns trug er keine Brieftasche, wenn er unterwegs war, das Geld saß locker in der Hosentasche, umschmeichelte die Eier, fühlte sich zur Not auch mal hart an. Mitsubishi tauschte also die Hose für zu Hause gegen die andere für draußen.

“Ein Mann braucht zwei Hosen”, dozierte der Mitsubishi Boy, “und in einer muss Geld drin sein.”

Dann zogen wir los, zwei Herren mit Kleingeld, noch keine Dreißig. Um die Ecke wartete das Schlickener Hahneköpperfest.

Wir klimperten wie die Höllenhunde.

*

Der nordrheinwestfälische Kultusminister strahlte und überreichte mir die Urkunde, einen großen grünen Scheck über zweitausend Mark und einen dicken Strauss Pferderosen, von dem ich schon zehn Minuten später nicht mehr wusste, wo er abgeblieben war.

“Ich muss pissen!” rief ich den Fotografen überdreht zu – weg war ich.

Bereits vor Bekanntgabe der Preisträger war ich unruhig auf meinem Sitz im Saal hin-und hergerutscht, aus Nervosität, logisch, aber auch wegen der randvollen Blase. Es war noch Zeit gewesen bis zur Preisverleihung, als ich einiges an Bier und Killepitsch getankt hatte, eine süße Düsseldorfer Spezialität, und nun floh ich mit Scheck und zusammengefalteter Urkunde, aber ohne Blumen, aus dem Scheinwerferlicht in Richtung Scheißhaus, und ließ es laufen.

Danach war es wie immer.

Kaum hatte ich den größten Erfolg meines Lebens errungen, setzte meine alte Verweigerungstaktik ein. Einen Schritt vor konterte ich stehenden Fußes mit einem Schritt zurück und dann erstmal so bleiben.

Ich war ein großer Freund von Ausgleich, von Balance, von leckt mich doch alle. Ich war erst dann groß und glücklich, wenn ich alles zerstörte, was ich gut gebrauchen konnte, ich, die Bulldozerseele, ich, mein eigener Konteradmiral.

Ich wollte in Ruhe sterben, erst recht in einem Moment, wo ich stolz wie Oskar war.

Schon keine zwei Monate später erschien mir dieser Sonntag im Oktober 86 wie eine Fata Morgana. Als wäre es bloß ein kleiner Schriftstellertraum von Ruhm und Ehre gewesen, als hätte das legendäre YPS-Magazin seinem Oktober-Heft einen Literatur-Gimmick beigelegt, versehentlich. Ein Produktionsfehler. Ein Redaktionsirrtum.

Bockmist.

Zackenbarrrrrsch.

 

foto.andi1994

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5 Gedanken zu „2016. Der Zackenbarsch ist der Star im Riff

  1. „Selbstkritik ist Voraussetzung des Selbstvertauens. Sie verhindert Einbildung, Überheblichkeit, Dünkel – die Merkmale des Machtmenschen.“ (Pestalozzi)

    Chapeau.

  2. Pingback: .-

  3. Die Tränen laufen mir WIRKLICH die Wangen runter.in dem Fall Lachtränen.wie du Deinen Humor in Worte fasst ist ne Sensation!

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