Die Sein-Ausstellung

„Junger Mann, sagen Sie, ist das hier kein.. Bahnhof mehr..?“

„Nee, schon lang nicht mehr.“

„Das gibt’s doch nicht! Kein Bahnhof mehr.. Ich muss nach Köln! Was mach ich denn jetzt?“

„Einfach links runter, der Beschilderung folgen. Da ist der neue Haltepunkt Mitte. Kein Problem.“

„Ist das weit?“

„Eine Minute.“

Der Alte seufzte. „Ich bin ja nur noch zu Besuch hier. Man kennt sich gar nicht mehr aus in der Stadt.. Links runter, sagen Sie?“

„Ja, da kommt ein Haltepunkt. Einfachs links den Weg runter.“

„Und der Hauptbahnhof? Wo.. ist der jetzt?“

„Der ist in Ohligs.“

„In Ohligs?!! Was macht der denn in Ohligs!?“

„Hm, na.. der steht da und lässt Züge rein und raus.. Was Bahnhöfe so machen.“

Er entfernte sich murmelnd. Plötzlich blieb er stehen, und drehte sich langsam um.

„Aber bei euch ist doch was los.. Das seh ich doch!“

„In der alten Schalterhalle ist ne Ausstellung von Design-Studenten aus Europa. Treten Sie ein. Ist öffentlich.. Kostet nichts.“

„Jessas, nein, da dank ich schön. Design.. Ich muß nach Köln, nach Nippes.“

*

Man kann nicht sagen, dass der Job eine besondere Herausforderung darstellte, wirklich nicht. Die bloße körperliche Anwesenheit genügte in der Regel, nur hin und wieder galt es draussen vor der Tür eine Information abzusetzen, während man eine geschnorrte Pall Mall-Pausenzigarette in Arbeit hatte – mein Gott, es gab schlimmeres. Eine Peter Stuyvesant zum Beispiel. Peter Stuyvesant war Quarzen für den globalen Langweiler, während Pall Mall weit darüber hinaus ging, bis in den Weltraum, und starker Tobak war. Pall Mall war die Glut, war das Feuer, das die Menschen in der Nacht entzündeten, weil sie sonst verloren gingen im großen schwarzen Nichts des Universums.

Viel los war nicht. Manchmal drückte ich mich eine Stunde und länger vor der Bahnhofshalle rum, einem rundum verglasten Schmuckstück der Fünfzigerjahre, und blinzelte gelangweilt in die Sonne. Und wenn ich keine Lust mehr hatte gelangweilt in die Sonne zu blinzeln, verdrückte ich mich in die Alte Schalterhalle und setzte mich auf einen Stuhl in der Ecke des Holzkubus, in dem die Exponate ausgestellt waren, und schaute mir bei elektrischem Licht meine Schuhe an.

Was Schuhe anbelangte, galt es folgendes zu beachten: Schuhe mussten sich ihren Platz an meinem Fuß grundsätzlich erkämpfen. Sie mussten robust sein, Widerstand leisten. Sie mussten echt was drauf haben, die Galoschen. Allgemeinwissen, Sie wissen schon. Paar spezielle Gedanken, wenn’s recht ist.

Ein Holzkubus also. Er war dreißig Meter lang, fünfzehn Meter breit und nach oben offen wie eine gewaltige Sperrholzkiste: So hatte man ihn in die Schalterhalle des alten Hauptbahnhofs gebaut. Ein mächtiger Holzkubus in der gläsernen Schalterhalle eines denkmalgeschützten ehemaligen Hauptbahnhofs, darin eine auf sechs Monate angelegte Internationale Design-Ausstellung, die meine Kollegen und ich zu betreuen hatten, das war die Sachlage im Sommer 2006.

Wir, das war ein loser Haufen von sechs, gelegentlich sieben oder auch acht Leuten, je nachdem, wer vom Arbeitsamt gerade dienstverpflichtet wurde. Ab und zu schied einer aus, weil er einen regulären Job ergattert hatte. Wir kamen aus allen Branchen. Gemeinsam war uns nur, dass wir ein paar Klamotten im Schrank hatten und nicht völlig ruiniert aussahen, schließlich handelte es sich um eine repräsentative Maßnahme. Man rechnete mit Gästen aus aller Welt. Englisch war von Vorteil.

Paar Zähne auch.

Tanja war nur wenige Tage dabei, dann wurde sie abgezogen. Sie kam nicht so richtig repräsentativ rüber. Sie hatte spargeldünne Beine, über die sie zwei, drei Leggings ziehen musste, um nicht zu frieren. Im Juli. „Mir ist kalt“, sagte sie ständig. Oder: „Ist das windig.“ Ausserdem humpelte sie, weil ein Bein vier Zentimeter kürzer war als das andere.

Heidi war Ende Dreißig, bißchen pummelig, aber nicht unansehnlich. Als Mutter von zwei heranwachsenden Töchtern hatte Heidi lange bei der Heilsarmee gearbeitet und war es gewohnt, Dinge zu wiederholen, weil ihre Kollegen nie richtig hinhörten, wenn sie etwas sagte. Sobald Heidi morgens den Sozialraum aufschloss, setzte sie Kaffee auf, für die ganze Mannschaft. Das hatte sie am ersten Tag der Maßnahme getan, und seither hielt es jedermann für selbstverständlich, dass sie das auch weiterhin tun würde, bis zum Ende aller äthiopischen Kaffeeplantagen und Maßnahmen zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen.

Einmal hatte ich gutgelaunt die Tür zum Sozialraum aufgetreten und vor mich hingepfiffen, und da ich mir sicher war, allein zu sein, liess ich schön einen fahren – es knatterte wie eine einlaufende Fax-Nachricht. Und genau in dem Moment, wo ich mir den Muff vom Hintern wedeln wollte, sah ich sie im fahlen Licht am Tisch sitzen, ganz still.

„Oha..“, sagte ich.

Heidi lächelte.

„Ich dachte..“, setzte ich an.

„Ja, ich weiß“, unterbrach sie mich belustigt, „das denken alle.. dass sie alleine sind, wenn ich im Raum bin.”

Das war ein trauriger Satz, aber sie hatte ihn mit einem wissenden kleinen Schmunzeln präsentiert, daher dachte ich, okay, das geht in Ordnung. Sie wird sich nicht gerade den Strick nehmen, wenn ich gleich hier raus bin, nur weil ich in ihrer Anwesenheit einen fahren gelassen hatte.

Man hatte uns engagiert, um das Publikum an die Hand zu nehmen und durch eine Ausstellung zu führen, die im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs entwickelt worden war, aber wir fungierten hauptsächlich als Aufpasser, weil viele Besucher nicht die Finger von den ausgestellten Prototypen lassen konnten.

Mal stellten wir abends fest, dass irgendwo ein Stück Kunststoff abgebrochen war, konnten es aber nicht zuordnen, es lag im Gang herum. Mal fehlte ein Zinken an einer hypermodernen neuen Gabel, die sowieso kaum Zinken kannte, mal war das Micro Stadtauto beschädigt. „Bitte nicht anfassen!“ „Please don’t touch!“ „Die Flossen da weg!“ hallte es tagsüber durch den Kubus.

Im Spätsommer bummelte eine 30köpfige Delegation italienischer Bürgermeister und Bürgermeisterinnen aus dem Großraum Mailand durch die Ausstellung. Man war auf Besichtigungstour durchs Ruhrgebiet, wie der deutsche Organisator erklärte, und wollte sich anschauen, was Designstudenten aus Europa so drauf hatten.

„Ruhrgebiet..? Dass Solingen und das Ruhrgebiet wenig miteinander zu schaffen haben, ist Ihnen aber schon klar“, sprach ich zum Organisator. „Oder nicht?“

Er blickte ertappt, ein bisschen angefressen, ein bisschen ganz schön griesgrämig.

„Das weiß ich schon, ja. Aber die Ausstellung passt nun mal in den Rahmen der Rundreise. Ich meine, die Damen und Herren sind ja alle aus der Umgebung von Mailand, also, die haben naturgemäß mit Eleganz und Design viel am Hut. Und ob da Solingen nun zum Ruhrgebiet gehört oder nicht..“

Er wartete, dass ich naturalmente antwortete, interessiert die sowieso nicht. Weil von mir aber nichts kam, widmete er sich dem dicken Hintern einer italienischen Dorfbürgermeisterin, die sich in diesem Moment zu einem neokonzeptionellen Kuchengeschirr runterbückte, dem exzentrischen Beitrag einer Design-Studentin aus Ljubljana, wie das winzige Schildchen am Objekt verriet. Der Hintern der Bürgermeisterin dagegen war dick wie ein Trumm aus dem All.

„PLEASE, DON’T TOUCH!“ schnellte Kollegin Camilla aus ihrem Eck-Stühlchen hoch, trotz ihres immensen germanischen Hinterns. Auch hier: ein Trumm. Ein Doppel-Trumm. Aber ein Doppel-Trumm aus den hinteren Regionen unserer Galaxis, da wo noch Bratapfel geschmort wird zu Weihnachten und Rudolf, das Rentier, gut zu tun hat: richtig. Ein Trumm von dieser Welt. Seien wir ehrlich, nennen wir es beim Namen:

Willkommen im Europa der Bratärsche!

„Heute Nachmittag sind wir im Binnenhafen Duisburg zu Gast“, fuhr der Organisator der Rundreise fort, und ich machte mich unauffällig vom Acker. Das war eine Spezialität von mir, Ergebnis langjähriger Feldforschung:  Leine ziehen, mich verpissen, schön davonstehlen. Darin war ich die Nummer 1. Einer der ganz großen Könner auf dem Gebiet des Unauffällig-vom-Acker-machens. Das war der goldene Boden, auf dem ich mich zeitlebens bewegte.

Vor dem prächtigen Bahnhofgebäude stand Kollege Donato, ein lässiger Sizilianer, dafür bekannt, neunundneunzig Prozent seiner Arbeitszeit mit dem Handy am Ohr zu verbringen. Das restliche Prozentpünktchen gingen fürs Eingelen des Haupthaars und fürs Smoken drauf, wie er das nannte. Eine smoken. Er smokte abwechselnd lungenzersetzende Pall Mall ohne Filter und Peter Stuyvesant, die Kippe für den Weltbürger, dem alles leicht von der Hand ging – eine abenteuerliche Mischung.

Donato machte keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Kunst-Ausstellung, für diesem ganzen Design-Schnickschnack aus mobilen Zahnarztstühlen, ferngesteuerten Tischleindeckdichs und wellenförmigem Essbesteck. Auch ich hatte Schwierigkeiten, das ganze Brimborium Ernst zu nehmen, irgendwie kam mir alles wie Camping vor, was die Studenten sich da europaweit ausgedacht hatten, jedenfalls alles andere als camp.

Zur Mittagszeit floh die 60beinige Delegation aus Mailand ins benachbarte Edel-Restaurant.

„Sag mal, womit füttert ihr die Italiener denn ab?“ fragte ich einen der geschürzten Kellner, ein arroganter Bube mit Drei-Tage-Bart, der immer ein bisschen abschätzig auf uns herabblickte. Weil wir ja keine richtigen, keine regulären Jobs hatten, im Gegensatz zu ihm und seinen Kollegen. „Nudeln mit Soße?“

Er zog die linke Augenbraue in die Höhe, wodurch die gesamte linke Gesichtshälfte ins Rutschen geriet. Er sah plötzlich sehr mitgenommen aus, wie nach dem Schlaganfall. So hättest du nie und nimmer einen Job bei uns ergattert, dachte ich, nicht bei uns, Freundchen, mit dieser Fratze, halb in den Hals gerutscht. Du Penner.

„Die kriegen Rheinischen Sauerbraten“, murrte er und bekam kaum die Zähnchen auseinander, „mit Möhrchen untereinander.“

Mann, strahlte ich ihn an, würde ich mich Scheiße fühlen, müsste ich solche Sachen sagen!

*

Nachmittags trafen sich Schuljungs am Bahnhofsvorplatz und standen sich die Beine in die Skateboards, wer der Chilligste war. Sobald einer der Picos sich herabliess und ein Kunststück vorführte, kam Trixi angesprungen, die ältere Pudeldame, die zum Inventar der benachbarten Spielhalle Die Dose gehörte. Der Tierarzt hatte Trixi Herztabletten und ein neues Hormonpflaster verschrieben, und nun tanzte und hüpfte sie um die Skater herum, wie ein fabrikneuer Tischtennisball.

Dann war da noch Charly, der hagere alte Billard-Gauner mit dem Kaspergesicht, der in der Dose als Aufpasser beschäftigt war, und als inoffizieller Rattenfänger. Das Gelände um den alten Hauptbahnhof hatte lange Zeit brach gelegen, nun verteidigten die Ratten ihr Revier, wollten es nicht kampflos hergeben. Langanhaltender Regen spülte die Viecher aus ihren Löchern, sie promenierten die Bahnhofsstraße rauf und runter, in einer Selbstverständlichkeit, die den alten Billard-Gauner Charly provozierte und fast um den Verstand brachte.

„VERFLUCHTES GELICHTER!“ brüllte er, und ging auf die Hatz. Er hatte sich dieses Luftgewehr besorgt. Einmal hörte ich einen Knall und ging nachsehen. Der alte Gauner hielt eine fette Ratte beim Schwanz gepackt und ließ sie kopfüber baumeln. Er erklärte sie schon für tot, bis die Ratte sich in seinen Händen plötzlich aufbäumte und nach ihm schnappte. Erschrocken warf Charly sie in Richtung Wiese, wo das Tier auf allen vieren landete und im Zickzack davon lief, während der Rentner mit dem Luftgewehr nachsetzte, umsonst.

*

Meine Kolleginnen Camilla und Ute, zwei renitente Polit-Weiber, Lieblings-Begriffe faschistoid und Mandat, saßen im Kubus auf ihren Aufpasserstühlchen und verquasselten die Zeit. Dieser unbändige Drang zu quasseln ohne Unterbrechung machte mich kirre, auch wenn ich mich gar nicht daran beteiligte. Ich musste mich in acht nehmen, dass ich nicht wahnsinnig wurde, wenn ich mich in der Nähe der beiden aufhielt. Dass sie mich nicht ansteckten. Dass ich nicht plötzlich in ihren Bann geriet und mitquasselte, als wäre mein Leben in Gefahr.

Camilla, sie hieß mit Nachnamen Taylor, seit sie in jungen Jahren einen US-Soldaten geehelicht und bald wieder verstoßen hatte, Camilla Taylor also: Hätte sich mit diesem Namen nicht Karriere machen lassen – ich meine, was sprach dagegen? Sie selbst, wie ich bald erfahren sollte. Mir ist nie wieder ein Weibsbild begegnet, das beim Gehen so vehement mit den Armen ruderte und schlenkerte. Das heißt, es war ja nur ein Arm, der ruderte und schlenkerte, der andere konnte nicht rudern und schlenkern, er war stets von einer großen roten Handtasche blockiert. Camilla marschierte durch die engen Gänge des Kubus wie beim nordkoreanischen Militär, im Stechschritt, einarmig schlenkernd und quasselnd. Ein anatomisches Wunderkind, mit dickem Trumm und einer großen alarmroten Handtasche.

Camilla und Ute hatten sich angefreundet, eine zwangsläufige Geschichte. Ute, gelernte Sozialarbeiterin, hatte wie Camilla ihren lagjährigen Job verloren. Darüber war sie korpulent und missgünstig geworden, sie glaubte, im Leben ständig zu kurz zu kommen und gönnte sich daher beim Abendessen gern eine Extraportion Kohlenhydrate. Sie war ein Bollwerk aus Nudeln, das mit Männern abgeschlossen hatte. Männer existierten im Weltbild von Ute nur noch als faschistoide Tittengrabscher. Da war es natürlich schlecht, das wir in unserem Kreis ein besonders blödes männliches Exemplar hatten.

„Wenn schon dicke Titten, dann richtige Euter wie in alten Russ Meyer-Filmen, nicht die künstlichen Silikon-Tüten“, stänkerte Kollege Norbert, ein arbeitsloser Foto-Laborant, der dabei erwischt worden war, wie er während der Arbeitszeit Pornos aus dem Internet gezogen hatte. Wir hatten alle herzlich gegähnt, bis auf Camilla und Ute. Die nicht. Die fanden das faschistoid und papazentrisch.

Norbert war tatsächlich ein Blödmann vor dem Herren. Er liess uns dauernd wissen, dass er daheim jeden Morgen das Leitungswasser 20 Minuten lang laufen lasse, um das Blei, das sich in der Nacht in den alten Rohren angesammelt habe, rauszuwaschen. Zwanzig Minuten, wiederholte er, vorher bringt dat nix. Aber es ging ihm gar nicht ums Blei, wie ich später erfuhr. Als Anhänger von Verschwörungstheorien war er fest davon überzeugt, dass alle Deutschen über das Trinkwasser die verseuchte DNS von Ausserirdischen aufnehmen und zu Strychnin-Klöpsen mutieren sollten. Irgendwas in der Art. Junge, hatte der ein Schoss raus.

Andererseits: Es gibt einen ganzen Haufen Volltrottel vor dem Herrn und arroganter Stöckelschuh-Kühe, es gibt Arschkriecher, Neidhammel, inkompetentes Pack und was weiß ich nicht alles, aber wenn es sie nicht gäbe, hätte man nichts zu berichten von Trotteln, arroganten Stöckelschuh-Kühen, Arschkriechern, Neidhammeln und inkompetentem Pack.

Willkommen in meiner Welt!

*

Meist hockten Camilla und Ute beieinander und hetzten über Kapitalisten und Männer und große Konzerne, was in ihren Augen alles ein und dasselbe war. Ich konnte nichts damit anfangen. Linke Aktivisten waren mir ein Greuel. Sie hatten zwar in vielem Recht, was sie anprangerten, das Dumme war nur, dass ständiges Rechthaben nach Rechthaberei klang, und das wollte niemand hören, zum Beispiel ich nicht.

„Frag doch mal die Jugend“, hatte ich zu Camilla gemeint, „ob die noch groß Gerechtigkeit will. Ob die das Thema groß interessiert. Die wollen einen schicken Job und ein schickes Auto mit Interieur aus dem Urwald. Das wollen die. Deine beschissene Gerechtigkeit ist denen total schnuppe.“

Camilla quietschte vor Zorn. Ihre Schneidezähne waren stumpf geworden vom vielen Saxofon blasen, sie war ein begeisterte Amateurmusikerin, und sie quietschte, wenn sie sich aufregte, wie eine rückwärts rasende Tanzmaus.

„Ich kämpfe für Gerechtigkeit und nicht für so eine.. Jugend“, entgegnete sie erregt, „ich kämpfe für.. für.. für mich!“

Eigentlich mochte ich sie gern. Camilla hatte Herz, und sie quietschte schön mit den Schneidezähnen.

„Und was deine Gerechtigkeit betrifft“, fuhr ich fort. „Würde man alle Ungerechtigkeit auf der Erde aufzählen, die es zu bekämpfen gilt, müsste man um Mitternacht anfangen, ohne Pause bis zum nächsten Abend durchmachen und dann früh zu Bett gehen, weil am nächsten Tag noch jede Menge Arbeit wartet.“

„Du spinnst“, meinte Camilla. „Was du immer redest.“

„Ich rede überhaupt nichts. Das hört sich nur so an.“

Sie war ein Mensch, der sich ständig für neue große Dinge begeistern musste, sonst wurde ihr fad. Dummerweise haben es große Dinge so an sich, dass sie selten geschehen, und kleine Dinge fallen durch den Rost. Da muss man sich schon vorsehen, dass am Ende überhaupt was übrig bleibt im Leben, das einem Freude macht.

Einmal liess Camilla alte Fotos herumgehen, Fotos aus Kinder-und Teenietagen, auf denen ihre Augen sanft und voller Melodie gewesen waren. Wenn sie nun eine Doppelschicht in der Ausstellung fuhr, was am Wochenende gang und gebe war, also von morgens um zehn bis abends um sechs, dann bröckelte spätestens am Nachmittag ihr Make up und sie sah aus wie eine vertrocknete alte Farbpatrone. Arme Camilla.

„Du spinnst“, quietschte sie.

Manchmal lachten wir zusammen laut auf. Sie war in Ordnung. Sie mochte keine Männer, mit mir kam sie halbwegs klar. Sie war total durch den Wind.

*

Zwei Monate nach Eröffnung der Ausstellung kamen immer weniger Besucher, wir hatten nichts zu tun. Die meiste Zeit saßen wir auf unseren Stühlchen und lasen Clever & Smart-Heftchen oder vertändelten sonstwie die Zeit. Ich guckte auf meine Schuhe, Donato schraubte seine 99 Prozent Handy am Ohr auf 99,9 hoch und befand sich in einsamen Flatratehöhen und smokte Kette.

Ein paar Tage vor Ausstellungsende erschien ein alter Mann auf Krücken in der Schalterhalle, in Begleitung seiner beiden Töchter. Wir erfuhren, dass er an diesem Tag seinen neunundneunzigsten (!) Geburtstag feierte. Ja, tatsächlich, er wurde 99 Jahre alt an diesem Tag. Zu diesem Anlass hatte er sich eine kleine Tour durch seine geliebte Heimatstadt gewünscht, inklusive Abstecher zum restaurierten Alten Hauptbahnhof im Südpark.

„Nee! Wat is dat schön jeworden hier!“ fuchtelte er mit der Krücke vor meiner Nase herum. „Ich bin ja nen aulen Schlieper!“

Schlieper sind traditionelle Solinger Messerschleifer. Was im übrigen keine einfache Sache ist, Messerschleifen. Das ist eine Kunst für sich. Als Jugendlicher hab ich mal einen Tag lang als Ferienjob in einer Hinterhofbude auf der Baumstrasse Gemüsemesser geschliffen, das war schwerer als erwartet. Die Messer konnte der Chef hinterher samt und sonders in die Tonne kloppen, so stumpf waren die Dinger geworden, wie Frotteetücher.

Für seine bald hundert Lebensjahre war der Alte verdammt rüstig und rosig um die Backen. Er packte sich das ausgestellte futuristische Kochgeschirr der Design-Studentin aus Ljubljana und verteilte darauf seine Fingerabdrücke, als wäre er in eine Live-Ausgabe von Aktenzeichen XY geraten.

„Och, nee! So wat gab et aber früher nich!“

„Vati, nicht anfassen..!“ sprangen seine Töchter hinzu, auch schon um die sechzig. hingen doch überall diese freundlichen NICHT ANFASSEN-Aufkleber, VORSICHT, EINZELSTÜCKE!

„Nee, is jut. Ich pack dat nich an. Is ja jut..“

Keine zwei Ausstellungsstücke weiter, die Krücke hatte der Alte längst der Tochter zugeschoben, patschte er mit den Fingern über die transportable Herdplatte.

„Is ja gar nich heiß!“ zwinkerte er.

„VATI!!“

Ich gratulierte natürlich zum Ehrentag. „Was ein stolzes Alter“, sagte ich.

„Ich wohn in Widdert“, sagte er. „Kennste Widdert?“

„Ja, sicher kenn ich Widdert. Ich bin Solinger.“

„Ich wohn aber hinten durch, unten an der Wupper, Untenwiddert. Kennste dat auch, Jung? Nächstes Jahr werd ich hundert. Kannste kommen. Bringste paar flotte Puppen mit.“

Je länger der Familientrupp zu Gast war, desto mehr interessierte der Jubiliar sich für die Ausstellung. Eine internationale Jury hatte die gelungensten Exponate prämiiert. Ganz vorn war ein mobiler Trinkbrunnen gelandet, den man an jeden Hydranten anschließen konnte. Die Töchter fragten mich aus, wollten dieses und jenes wissen, und ich erzählte, was ich so alles gelernt hatte während der sechsmonatigen Ausstellung. Viel war es nicht. Eigentlich gar nichts. Ich stand schließlich ständig draußen in der Sonne und smokte Peter Stuyvesant, woher zum Henker sollte ich wissen, was es mit dem Modell des City Micro Stadtautos auf sich hatte?!

Ich geriet ins Schwimmen. Ich kapierte das winzige Ding nicht. Wie konnte das fahren. Es hatte merkwürdig starre Hinterräder, deren Funktionsweise mir niemand erklären konnte, geschweige denn ich dem Geburtstagskind, das überraschend fit im Kopf war.

„Sieht aus wie ne Lokomotive!“ rief er, die Patschefinger schon fett am Chassis. (Kunsthochschule Berlin-Weißensee). „Aber wie kann dat denn fahren? Dat fährt doch überhaupt nich! Is doch viel zu stieselig!“

„Tja, das ist äh ein integrales Fahrzeugkonzept für den Individualverkehr“, las ich aus der beigefügten Konstruktionszeichnung die Überschrift vor. „Vielleicht wissen meine Kolleginnen, wie das genau funktioniert, Moment.“

Ich rief nach Camilla und Ute, erhielt aber keine Antwort. Camilla watschelte gerade stupszähnig Richtung Klo, die unvermeidliche Bio-Möhre in Arbeit, und Kollegin Ute hockte draußen in der Sonne und gönnte sich eine Portion Fertig-Nudelsalat, direkt aus dem Plastikkanister. So blieb die Verantwortung wohl oder übel an mir hängen. Die beiden Töchter des Alten blickten einander an.

„Tja, man kann sich das Personal nicht aussuchen“, bedauerte ich, und draußen knallte die Büchse. Charley, der alte Billardgauner aus der Dose, war wieder in Aktion.

„VERDAMMTES GELICHTER!“

*

Am Tag der Finissage kam ich mit dem Geschäftsführer des Design-Instituts ins Gespräch, das ebenfalls im Alten Bahnhofsgebäude untergebracht war. Man suchte einen Mitarbeiter für die Bibliothek, die, frisch ausgestattet mit 10.000 Büchern rund ums Thema Design, neu eröffnen sollte.

„Interesse?“

„Mach ich, Chef“, sagte ich, und schlug ein.

15 Gedanken zu „Die Sein-Ausstellung

  1. @ Glumm
    Stimmt! Das war Gierschlund der Prächtige 1809. Damals gab es aber noch keinen Bahnhof. Der Ort hieß Place de la Chablis und war ein berüchtigter Treffpunkt für Trinker, Zocker, Schreiber und anderes lichtscheue Gesindel.

  2. soviel ich weiss
    hatten Accept da einen Proberaum
    beim Skatturm
    wir lauschten durch die Schlitze

    später zog Glumm ibn in die Gegend bei der Rollerbahn
    wegen der Ruhe!

  3. Für mich eine Deiner allerbesten Stories.abgesehen davon,daß ich gerade gefragt wurde warum ich mich einmal mehr beim Lesen so schlapplache,ist jeder Satz zum Verschlingen!habe zwar keine Ahnung von Literatur,ist ja auch völlig egal wie man es nennt-für mich einfach nur geil geschrieben!

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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