Einer von den Alten

Es macht einen ziemlichen Unterschied, ob man die Leute in der Zeit kennenlernt, wo man drauf ist und täglich dem Pulver nachjagt, oder ob man die Leute noch von früher kennt, bevor es losging mit dem Suchtgeschäft. Den “Alten” vertraut man naturgemäß mehr. Der kleine Wiegand war einer von den Alten. Er trug Lederweste und Fransenjacke, er sah aus wie ein Trapper auf dem Santa Fe-Trail. Einer, der seit Jahren unterwegs war, mit einem Packesel an der Seite und Apachen im Genick. So einer. Nur ohne Esel.

Wenn er zuviel getankt hatte, verlor Wiegand schnell den Überblick, und er schlief immer und überall ein. So war es auch, als er in der Linie 3 von vier Kiddies mit Baseballcaps ausgeraubt wurde. Die Polizei meinte später, er sei vermutlich schon beobachtet worden, als er Geld vom Bankautomaten abhob. Es war Monatsende, Kohle schon auf dem Konto, und Wiegand hatte alles eingesackt, was ging: ALG II sowie die kleine Rente, die ihm zugesprochen worden war, für einen in den Achtzigerjahren erlittenen Arbeitsunfall. Die Unfallversicherung hatte ihm eine einmalige Nachzahlung von achtzigtausend Euro angeboten, wahlweise eine monatliche Rente von 300 Euro.

“Ja wie..? Erzähl mir nicht, du hast dich für die Rente entschieden..” Ich konnte es nicht fassen. “Bist du wahnsinnig? Solange lebst du doch gar nicht mehr, dass sich das noch lohnt.”

Der kleine Wiegand, sonst immer für einen prompten Gag gut, grunzte nur vor sich hin und nahm einen Schluck Bier.

“Dich alte Labertasche überlebe ich allemal.”

Wiegand hob 750 Euro ab, wackelte volltrunken ins Schuhgeschäft und leistete sich für 150 Euro rote Nikes, die er sofort anbehielt. Die alten Treter ließ er im Geschäft zurück. Keine Verkäuferin wollte die Dinger anfassen. Echtes Trapper-Bukett. Dann stieg er in die 3 nach Höhscheid und schlief in der letzten Bank des überlangen Gelenkbusses ein. Die folgende Abzocke ist auf Video dokumentiert, alle Busse der Stadtwerke werden videoüberwacht. Vier Hip Hopper, die Basecaps tief ins Gesicht gezogen, nehmen den schlafenden Wiegand in ihre Mitte. Sie streifen ihm in aller Seelenruhe die nagelneuen Sneakers vom Fuß, zocken seine Brieftasche bis auf den letzten Cent. Eine Haltestelle weiter steigen sie aus. Auf dem Videomitschnitt sieht man, wie der Busfahrer an der Endhaltestelle auf Wiegand zukommt, ihn aufweckt und verärgert rausschmeißt, obwohl er nur noch Strümpfe an den Füßen hat.

“Der hielt mich für einen Penner. Und ich war so voll, ich wusste überhaupt nicht, was Sache war. Ich hab nix mehr geschnallt.”

“Na, das ist ja nun auch nix Neues”, sagte ich.

Wir lachten.

Er hatte eine neue Bleibe gefunden, die typische Single-Wohnung oben unterm Dach: zwei kleine Zimmer, kleine Küche, tausend Satelliten-Programme – “tipp topp, die Bude.” Auch die Nachbarn schienen soweit in Ordnung zu sein. Eine griechische und eine kroatische Familie, zwei hübsche Polinnen, bei denen es ein und aus ging, ein Schwarzer, ein paar desorientierte Deutsche.

Um zu kontrollieren, wie die Hausgemeinschaft es mit der Reinlichkeit hielt, musste der Pflaster-Test ran. Den hatte der kleine Wiegand von seiner Mutter abgeguckt. Die hatte den Pflaster-Test jedes Mal gemacht, wenn die Familie umzog. Eine riesige Familie, neun Kinder. Da musste man als Mutter wissen, wie die neue Nachbarschaft tickte. Ja, deine Mutter vielleicht, sagte ich, aber doch nicht du. Du bist doch selbst ein halber Messie! Er hörte überhaupt nicht hin. Wenn der kleine Wiegand einmal anfing, war er nicht mehr zu stoppen. Ein Trapper auf dem Trail.

Der Test. Man legt den Köder im Hausflur aus, an exponierter Stelle, und wartet ab, was passiert. Das gebrauchte Heftpflaster, das dem kleinen Wiegand in der vierten Etage des Mehrfamilienhauses an der Konrad Adenauer Strasse wie versehentlich aus der Hand fiel, bewegte sich innerhalb der nächsten vierzehn Tage kontinuierlich nach unten, Etage für Etage, Treppenabsatz für Treppenabsatz, Stufe für Stufe, weiter, immer weiter. Wie bei einem nicht abgesprochenen Staffellauf kickte jeder Mieter das Wundpflaster aus seinem unmittelbaren Verantwortungsbereich in den Verantwortungsbereich des nächsten Mieters, bis es endlich im Erdgeschoss landete, unter der Phalanx der Briefkästen, wo sich keine Sau mehr darum scherte. Wo es zur Ruhe kam. Wo es sich verlor, hinter der Ziellinie.

Allenfalls der kleine Wiegand, der die ganze Sache initiiert hatte, behielt es noch eine Weile im Auge, das Heftpflaster, das ursprünglich eine schlecht verheilende, eiternde und suppende Brandwunde an seinem linken Ringfinger verschlossen hatte.

“Meine Mutter hat das früher auch immer so gemacht.”

Ja klar, sagte ich, aber deine Mutter war auch kein halber Messie so wie du, die hat brav das Treppenhaus geputzt, wenn sie an der Reihe war! Und wer bückt sich schon nach einem versifften Stück Hansaplast, das nach den 10 ekligsten ansteckenden Krankheiten der Welt aussieht..?

„Zehn auf einen Streich“, feixte der kleine Wiegand, und das Thema war durch.

*

Er besuchte mich im Institut, um 2008 herum. Ich hatte ihn zwei, drei Wochen zuvor in der Stadt getroffen und dabei erwähnt, dass ich jetzt am alten Hauptbahnhof arbeitete, im Design-Institut, wo ich die kleine Bücherei verwaltete. Ich war schon eine Weile aus der Szene raus, er war immer noch drin. Nun stand er in der Tür, mit einem beschädigten Grinsen im Gesicht, halb forsch, halb scheu, und brauchte Geld. 170 Euro genau genommen.

“Meine Frau hat einen Roten draussen. Die kann jeden Moment verhaftet werden.”

Einen Roten draussen haben heisst, ein zuständiger Richter hat einen Haftbefehl unterschrieben, auf rotem Papier. Es war keine große Sache, es ging um eine nicht beglichene Rate einer Geldstrafe.

“Und da machen die so einen Honk?” wunderte ich mich.

“Der Staatsanwalt mag Melli nicht”, meinte Wiegand. “Der will die im Bau sehen, unter allen Umständen.”

“Warum?”

“Weiss nicht.”

An seinen Augen war abzulesen, dass er sehr wohl wusste, was dahinter steckte, er aber keine Lust hatte, darüber zu reden.

“Scheiße”, sagte ich, “hab ich nicht, 170 Euro.”

“War ja auch nur ne Frage.”

Überraschend schnell hakte er das Vorhaben ab, sich Geld von mir leihen zu wollen. Wahrscheinlich ging ihm erst jetzt auf, wie sinnlos das war. Wir kannten uns aus uralten Haus der Jugend-Tagen, hatten uns aber lange Zeit kaum gesehen. Dass er jetzt hier aufschlug und mich anpumpen wollte, zeigte seine ganze Verzweiflung. So dicke waren wir nicht, nicht mal annähernd so dicke, dass ich ihm mal eben 170 Euro geliehen hätte, selbst wenn ich flüssig gewesen wäre.

Vermutlich, und das ging mir jetzt erst auf, war ich einer der wenigen in seinem Bekanntenkreis, der einen Job hatte, wo also die Möglichkeit, sich mal eben 170 Euro leihen zu können, überhaupt in Betracht kam. Er blieb nicht lange, keine zehn Minuten später machte er sich wieder auf die Socken, er stand mächtig unter Zeitdruck. Wenn er bis 16 Uhr die Kohle nicht auftrieb und einzahlte, konnten die Bullen jede Sekunde einfliegen und Melli in Haft nehmen. Dann musste sie die noch nicht beglichende restliche Geldstrafe absitzen. Die hätte das schon verkraftet, meinte Wiegand, aber was war mit den beiden kleinen Kindern? Ihm allein würde das Jugendamt kaum die Verantwortung übertragen.

“Na ja, ich hab da noch eine Idee”, meinte er nebulös, “eine Möglichkeit bleibt noch.”

“Ich drück dir die Daumen”, sagte ich, “dass es klappt.”

Ein bisschen hatte ich den Eindruck, dass er das nur sagte, damit ich mich nicht so schlecht fühlte, weil ich ihm nicht weiterhelfen konnte.

“Tut mir leid”, sagte ich.

“Schon okay.”

Im Türrahmen drehte er sich nochmal um.

“Hab ich schon erzählt? Ich hab am Wochenende versucht, mich selbst in Hypnose zu versetzen.”

“Och.”

“Ja. Ich hab ne halbe Stunde lang ohne Unterbrechung auf das rote Standby-Licht meiner Stereoanlage gestarrt.”

“Und? Hypnotisiert?”

“Eingepennt.”

“Cool.”

*

Ludwig Zeidler stellt 9 Fragen, Andreas Glumm antwortet

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