Zeit, um das Ziel anzugehen: 25 Jahre!

“Meinst du, wir haben noch fünfzehn Jahre Zeit..?”

Sie hat gelesen, dass es fünfundzwanzig Jahre braucht, um sein Ziel zu erreichen, und zehn Jahre sind schon um. Mehr als zehn eigentlich, es sind bereits elf. Elf Jahre, die wir uns abmühen, sie mit dem Pinsel, ich mit den Buchstaben. Nicht, dass wir das uns vorgenommen hätten, damals, Anfang 2005, es war einfach so: Die Zeit war reif, die Erwachsenenwelt zu shanghaien.

Mit Mitte 40.

„Erwachsenenwelt..? Ich kenne überhaupt keine Erwachsenen, ich kenne nur ältere Kinder“, schränkt sie ein. “Und Ziele..? Haben wir wirklich.. Ziele?”

“Ja denn nicht!?“

Sie ist die Intuition, sie ist der Zweifel, ich bin der Motor. Ich bin der Volkswagen. Ich bescheiß die Leute, wenns drauf ankommt, und ich rechne das ganze im Kopf durch. “Noch fünfzehn Jahre.. mmh, könnte eng werden, ich meine, rein rechnerisch.. wären wir dann Ende Sechzig.. Na ja, wenn wir Glück haben.. viel Glück, dann .. könnte es klappen.. wenn der Herr uns noch so viel Zeit einräumt.”

„Oder die Dame“, sagt sie nachlässig, doch sie ist schon woanders mit den Gedanken. Sie hat in der Küche zu tun. Sie blanchiert Gemüse. Wen interessiert Kunst, wenn Hellgrünes wartet. Als Beilage.

“Kannst du mal drei Minuten auf die Uhr gucken?”

“Wann? Ab jetzt?”

“Nein.. Moment, ab……………………………………. jetzt!”

Drei Minuten. Zehn Jahre, 11, fünfzehn, fünfundzwanzig Jahre. What a difference a day makes. Vom Blanchieren der Zeit. Das Überbrühen der Tage. Siebkelle und Eiswasser.

Junge, was ist hier los.

*

“Sie kommen zurecht?” erkundigt sich die Chefin des Künstlerbedarf-und Schreibwarenladens, als ich vor dem Regal mit den schönen glänzenden Notizbüchern stehe. Es gibt welche, die sind aus Frankreich und in Leder gebunden. Wie die riechen. Was die kosten.

“O ja.., ich komme zurecht”, gebe ich zurück und wundere mich selbst, wie ausserordentlich überzeugt ich klinge.

*

Lothar war ein kauziger kleiner Kerl, und er zog gern auf eigene Faust los. Er hatte gelernt, das Verhalten von Menschen zu deuten, die an Fußgängerampeln standen und darauf warteten, dass sie die Strasse überqueren durften. Gingen sie los, konnte auch er losgehen, doch so lange sie an der Ampel standen und warteten, blieb auch Lothar stehen und wartete – es schien das gesündeste zu sein.

Es war tagtäglich dieselbe Strecke, die er zurücklegte, man konnte die Uhr nach ihm stellen. Punkt halb 12 verliess er das Gelände, auf dem sein Herchen einen Steinmetzbetrieb führte und das Lothar als sein Revier betrachtete, wo er nach Lust und Laune ein und aus ging.

Punkt halb zwölf marschierte er vom Werwolf kommend die Schwertstrasse runter Richtung Coppel-Park, immer brav den Bürgersteig entlang. Lothar war ein Streuner, aber ein Streuner, der wusste, was sich gehört, er war die Bürgersteig-Variante eines Streuners, der in der Mittagszeit brav an den Fußgängerampel saß und darauf wartete, dass es grün wurde. Unterwegs machte er sich nützlich und mampfte angebissene Butterbrote weg, die Schulkinder achtlos weggeschmissen hatten – er verdrückte sie gern samt der knisternden Butterbrottüten. Einmal hatte er aus Versehen einen Kaminanzünder erwischt und gefressen, was ihm nicht gut bekommen war, es brodelte und zischte in seinem Bauch, er roch nicht gut aus der Schnauze, doch bald war Lothar wieder okay, er war hart im Nehmen, das haben Mischlingshunde so an sich.

Lothar war stets top gebürstet und getrimmt, er war entfilzlaust und shampooniert, darauf legte er Wert. Er hatte schönes glänzendes Fell, das den Frauen gefiel. Traf er eine Hundedame, die gut duftete am Hintern, konnte er sehr galant sein. Er begleitete die Hündin bis zur Haustür und verabschiedete sich mit einem tiefen Knurren. Manchmal putzt er ihr das Öhrchen und heult ein kleines Wolfslied aus vergangenen Zeiten.

Mehr gibt es eigentlich nicht zu erzählen von Lothar, einem kauzigen Mischlingshund, der jeden Tag seine kleine Fluchten brauchte und Punkt halb 12 Richtung Wupperberge loszog und von den Menschen abgeguckt hatte, wie man solche Sachen möglichst ohne Unbill hinkriegte.

san.ichbineinhund

*

1492 entdeckte Kolumbus Amerika. Dass es sich dabei um einen eigenen Kontinent handelte, fiel erst einem anderen Seefahrer auf, Amerigo Vespucci, dessen Vorname schon bald für die neue Welt Pate stand: America. Hätte Vespucci also, sagen wir, Klaus Lange geheissen, hieße Amerika heute: Klausi.

Klausi the beautiful!

*

Da kommen sie, die Schergen vom Ordnungsamt, im immer gleichen harten Straßen-Singsang der Gangster:

“Den Hund anleinen!”

“Die Zigarette in den Aschenbecher!”

“Den Regenwurm zusammenkleben!”

*

Ach so! Jetzt weiß ich auch, warum sich alle Männer so klein machen und so weiträumig an mir vorüberschleichen, an diesem Montagmorgen: Ich habe nicht nur meinen ausgeruhten No.1-Gang aufgelegt, ich hab auch noch das militärgrüne 80er-Blouson aus meiner Garderobe gewählt und darunter die Kapuzenjacke, was mich insgesamt aufgepumpt und muskulös wirken lässt. Obwohl alles bloß Luft und Stoffpolster ist. Aber darauf kommt es ja nicht an, wie wir untern Männern wissen, oder doch nur in zweiter Linie. Entscheidend ist der Gang. Ob du auf den Gehwegen und Trottoirs dieser Welt als Mann unter Männern bestehst, darüber entscheidet allein dein Gang.

Die Beine.

Besonders auf fremdem Terrain ist es wichtig, wie du dich bewegt. Zu derb auf dicke Hose machen kann einem ähnlich schlecht bekommen wie schissriges Umherscharwenzeln. Schissrige Typen kriegen immer zuerst die Schnauze poliert. Ist klar. Ansonsten ist es nicht verkehrt im richtigen Moment einen Gang zurück zu schalten und sich kurz zurückzuziehen. Wie es ja überhaupt in der ganzen Testosteron-Show da draussen nur darauf ankommt, im richtigen Moment einen Gang zurück zu schalten und sich zurückzuziehen, und selbst dabei noch zu brillieren.

Nur manchmal führt kein Weg daran vorbei. Manchmal muss man als Mann den Lauten machen, muss man die breiten Schultern mal richtig aussingen lassen, muss man die Trompete mit allem Schmutz befüllen, dem man habhaft werden kann, und losblasen, nur um die Anderen zu blenden und ein Solo zu braten – kurz, prägnant, pam pam pam! Mach dich vom Acker, Lutschgesicht!

Es ist Montagmorgen, neun Uhr, und ich schiebe mich übers Trottoir wie ein Brecher durchs Packeis, man hört Schiffsplanken knirschen in wilder See, doch ich halte Kurs. Feuer in den alten Augen, die Arme abgewinkelt wie ein Ölringer Richtung Coppel-Park.

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8 Gedanken zu „Zeit, um das Ziel anzugehen: 25 Jahre!

  1. Schönes eintauchen in diese Geschichten / schade / weiterlesen wäre jetzt gerade fein / ich freue mich dafür auf die nächste.

  2. Ich habe mir nur ein einziges Mal im Leben ein teures Notizbuch gekauft. Es hat dreißig Euro gekostet. Handgeschöpftes Büttenpapier mit eingeschlossenen Blütenblättern, in dickes Leder mit Prägung (irgendein Muster) gebunden. Ansonsten habe ich ja immer die kleinen Vokabelhefte von Herlitz, 64 Seiten. Zwei Stück kosteten früher bei MäcGeiz 50 Cent. Hatte mir gleich einen Vorrat angelegt. Und was passiert mit dem teuren Notizbuch? Es wird mir bei einem Wohnungseinbruch geklaut, bevor ich auch nur eine einzige Zeile geschrieben habe. Was wollen die Penner mit so einem Notizbuch? Seit wann schreiben Einbrecher Kurzgeschichten?

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