Er war grossartig. Er war eine Wespe

6. Dezember ’87, Nikolaus-Tag

Das Telefon dröhnte so laut, als kreiste eine Messerschmitt über meinem Schädel. Ich hangelte im Dunkeln zum Apparat und riss den Hörer von der Gabel. „Beim nächsten Ton ist es.. sieben Uhr.. zehn Sekunden..“ Ich stierte erschrocken um mich, mein Herz wummerte vom jähen Aufwachen. Es war eiskalt im Zimmer. Ich hatte kaum drei Stunden geschlafen. Ich stöhnte auf und liess mich ins Bett zurückfallen.

*

Bis drei hatte ich mit Schwarte im Mumms gestanden und Brandy und Bier gesoffen, wir hatten palavert und Sticks geraucht und Reden geschwungen; zuletzt sang Paul, der Ire, ein keltisches Volkslied, so innig, dass ihm die Tränen in die Halsmanschette liefen und alle mucksmäuschenstill waren. Auch wenn der alte Zausel schon lange Jahre in der Stadt war, das Heimweh wurde nicht weniger. Im Gegenteil, es wurde schlimmer mit der Zeit. Am Ende war Paul obdachlos, er erfror im Seiteneingang einer katholischen Kirche.

Als ich durch die frostige Winternacht nach Hause stolperte, fing mich an der Oststrasse ein Streifenwagen ab und gab mir Geleitschutz. Ich wunderte mich über das Schritttempo und warum die Bullen keine Anstalten machten, meine Personalien zu überprüfen. Erst als die Scheibe runtergekurbelt wurde, „Na, Glummi, gefeiert..?“, erkannte ich Feysas Mondgesicht, er war vor Jahren zur Polizei gegangen.

„Manfred“, meinte ich.

Zu Hause machte ich mich über den Kühlschrank her.

*

Das Wummern liess nach, ich kehrte langsam in die Spur zurück. Es war Sonntag. Nikolaustag, Lesung in Bochum. Die ganze Wohnung war so ausgekühlt, ich war eine nordische Rakete in daunenweicher Abschußrampe, mit elchroten Ohren und Atemwölkchen, groß wie Kohlensäcke. Dann wartete ich. Ich wartete eine Zigarettenlänge im Liegen, vielleicht hatte sie verschlafen, ich wartete eine zweite Zigarette, die ich nach der Hälfte ausdrückte. Ich ruf so um Sieben an, hatte sie gesagt, wenn ich Lust hab mitzukommen, doch sie hatte sich anders entschieden. Modell Hamburg, unser beigefarbenes Spezialtelefon mit den Riesentasten für Blinde, das absolute Kassengift, blieb still. So funkensprühend es zuvor das Maul aufgerissen hatte, so stumm war es jetzt. Dann eben nicht. Fahr ich eben allein. Allein bin ich sowieso besser. Allein bin ich am besten. Warum rief sie nicht an, verdammt.

Ich hatte keine Lust allein zu sein.

Die Holzregale knackten vor Kälte, es war wie im Comicheft. Ein Brikett, in feuchtes Zeitungspapier eingewickelt, hätte gereicht, um den Ofen in der Küche über Nacht am laufen zu halten, ein einziges Brikett hätte ausgereicht, jetzt machte es keinen Sinn mehr, das Prozedere anzuleiern. Jetzt war es zu spät.

Karlos schlief noch, die Tür zu seinem Zimmer war zugezogen. Keine Ahnung, wo er am Abend abgeblieben war, im Mumms hatte ihn niemand gesehen. Seine schwarzen Sargträgerschuhe, sonst penibel auf Hochglanz poliert, wie es die Friedhofsordnung verlangte, lagen kreuz und quer und schlammverschmiert im Flur, wie gestrandete Containerschiffe.

Einen großen Mocca und eine Kippe später stiefelte ich los, Richtung Hauptbahnhof. Ich war viel zu dünn angezogen für die Temperaturen, doch zum Zurückgehen war es zu spät, dann verpasste ich womöglich den Zug. Um mich zu wärmen, legte ich einen Zahn zu, meine Lunge rasselte und pfiff, ein eisiger Wind trieb Schneeböen durch die Strassen. Ich war verkatert wie lange nicht. Hätte es für die Lesung kein gutes Honorar gegeben, ich wäre auf der Stelle umgekehrt und zurück unter die Decke gekrochen.

Sie hätte ruhig anrufen können.

*

09 Uhr 07.

Der Ruhrgebiets-Express lief ein. Ich war heilfroh, als ich im Abteil Platz nahm und der Zug losfuhr.

Neue Ausfallerscheinung nach übermäßigem Schnapskonsum: dieses tumbe, wattierte Gefühl im linken Ohr, als büßte ich allmählich mein Gehör ein. Als zöge sich das linke Ohr, es war ausschließlich das linke, peu a peu in die Tiefe seiner Schnecke zurück. Als wollte es mir einen letzten, allerletzten Wink geben: Wenn du jetzt nicht aufhörst mit der Trinkerei, bin ich ganz weg. Dann verlasse ich dich, tief ins Innere. „Was macht der Glumm?“ „Keine Ahnung. Der hat sich taub gesoffen.“ „Och.“

Wochenende durchsaufen war Sport. Freitags voll, Samstags voll, Sonntags halbvoll. Am besten besoffen war man am zweiten Abend. Gut eingesoffen vom Freitag waren wir wie junge Vögel, die der Kellnerin das zittrige Köpfchen entgegenreckten und schrien, wenn Marina mit dem nächsten Tablett angeflogen kam – Marina, Mutter aller Biertabletts.

Es gab Tage, da wurde ich so zerstört wach, war so groggy, dass ich eine geschlagene Dreiviertelstunde auf dem Bettrand hockte und dumpf ins Nichts starrte. Tage, an denen ich eine Badewanne einlaufen liess, die Klingel ab, das Telefon leise stellte. Ich konnte außer Stille und heißem Wasser nichts ertragen. Bewegungsloses Versumpfen in der Emaille, den Blick über Stunden  starr zur Decke gerichtet, die Nerven ein Trümmerfeld. Tage, an denen ich beim Abtrocknen einen Blick ins große blaue Handtuch warf und zwei Flecke entdeckte. Da waren noch mehr Flecke, es waren drei, vier Flecke, hühnereiergroß. Ich bekam einen Riesenschreck und versuchte etwas zu erkennen im von Wasserdampf beschlagenen Spiegel, ich spürte diesen eigenartig warmen Eisengeschmack im Mund, in der Nase, den Geschmack von Blut; es rann durch mein Gesicht, tropfte ins Saunatuch.

Es war, als hätte ich neben mir gestanden, auf einem erhöhten Treppchen, und mich entgeistert beobachtet. Ich drehte den Hahn im Handwaschbecken auf, schüttete Wasser ins Gesicht, während das Blut lustig weitertropfte: auf den Boden, ins Waschbecken, ins Saunatuch.

Nasenbluten, versuchte ich mich zu beruhigen, runterzukommen, ist nur Nasenbluten, ist nichts schlimmes, das passiert, Nasenbluten reinigt..

Ein beliebiger Morgen irgendeinen Tages 1987, und ich spuckte ruhig Blut.

*

Die Matinee-Lesung wurde vom Bochumer Kulturamt organisiert. Eingeladen waren die Preisträger des NRW-Dichtertreffens 1986, Thomas Kling in Lyrik, ich in Prosa. Kling war eine Nummer für sich. Während der Preisverleihung in der Düsseldorfer Kunsthalle hatte wie zufällig ein Pöttchen Düsseldorfer Löwensenf aus seiner Manteltasche gelugt. Der Dichter mit dem zu jungen Gesicht hatte noch große Jahre vor sich, doch damals war seine beste Zeit. Sein erstes Gedichtband war seit kurzem auf dem Markt, ERPROBUNG HERZSTÄRKENDER MITTEL, es war ein Knaller. Es stellte auf Jahre alles in den Schatten, was in deutscher Sprache mit Lyrik zu tun hatte. (Mein persönliches Exemplar der Erstausgabe war klebetechnisch eine Katastrophe: das Buch, erschienen in der Düsseldorfer Eremitenpresse, löste sich binnen Monaten in seine Einzelseiten auf.)

Auf Lesungen nahm Kling ERPROBUNG HERZSTÄRKENDER MITTEL mit auf die Bühne und trug auf Zuruf aus dem Publikum die jeweilige Seitenzahl vor. Es war Dada-Performance, es war Big Beat, es waren Schlittenkufen, mit Teflon-Spray getunt. Die Königin der Gedichte und ex-Muse von Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, nannte Kling schon 1983, als noch gar kein Buch von ihm in Sicht war, die Stimme des kommenden Jahrtausends.

 „o nacht! ich nahm schon
         flugbenzin ..
nachtperformance, leberschäden,
schrille klausur“

Kling war großartig. Er war eine Wespe. Eine Deutsche Wespe, eine Papierwespe auf Flugbenzin, er sirrte umher, scharf auf Fallobst und Schweißausbruch, und er stach zu. Böse auf Wien, Düsseldorf und Reste der Welt suchte er sein Glück in wespenschwarzen, wespengelben monaten. Er legte die Sprache in Trümmer, er war auf Raubbau aus, immerzu im Rennen, im Rennmodus, sein Nektar verspritzend. Er war der Sprachinstallateur. Der Klempner unter den Wespen. Er ging zur Arbeit. Gegen ihn war der Klang anderer zeitgenössischer Dichter der von Stümpern, selbstgefälligen Brotzeitlern, Durs Grunzbeins, war 1 mückenschiss, Frettchenpropaganda. Ich mochte ihn. Er war einer meiner ganz wenigen Vorbilder.

 

 

9 Uhr 30. Umsteigen Hbf Hagen. Ich war noch nie durch einen Bahnhof gelaufen, der so knochig grau und ausladend wirkte, grauer und knochiger noch als in Wuppertal. Immerhin, es gab Ankunft und Abfahrt. Am Kiosk besorgte ich mir zwei Dosen Bier und widmete sie Pepe, der auf einem Hagener Innenstadt-Friedhof begraben lag, gleich neben seinen Großeltern, Comeback ausgeschlossen.

Ende Juni ’86 hatte sich Pepe einen Speedball geschossen, auf einem Wirtshausklo in München. Dem Wirt war aufgefallen, dass der Kaffee zwanzig Minuten unangerührt auf dem Tresen stand, er ging nachschauen, was los war auf der Toilette. Er hörte schweres Atmen hinter einer verschlossenen Kabinentür, sah den Kopf eines jungen Mannes auf den Fliesen, überall war Blut, verstreutes Fixerbesteck. Er rief den Notarzt, doch der konnte nichts mehr tun.

Pepe wurde 24. Seine letzte Augenblicke verfolgten mich. Ich versuchte mir vorzustellen, was er gefühlt haben muss, als die versehentliche Überdosis ihn flutete und er aus den Latschen kippte. Als er in Windeseile geschnallt haben muss, dass es diesmal definitiv zu Ende ging. Dass er dieses Mal nicht davonkam. Nicht dieses Mal. Ich fragte mich, was in Pepe vorging, während Bodenfliesen seine Stirn kühlten. Zogen Szenen seines – unseres – Lebens an ihm vorüber? War ich irgendwo beteiligt? Sonst jemand von der alten Truppe? Der alten Gang? Hörte er sein eigenes Keuchen? Schmeckte er sein Blut? Was fühlt man, wenn man ahnt, dass es das letzte sein wird, dass man in seinem Leben fühlt.

Nach fünfzehn Monaten Knast und Therapie war Pepe belohnt worden. Fürs Durchhalten. Weit weg von Solingen, in München liess sein dauergebräunter Herr Business-Plan-Vater einen Jeans-Shop springen, zum Neustart in ein cleanes Geschäftsleben, auf der Leopoldstrasse. Wenn schon, denn schon. Es dauerte einen Monat, und Pepe griff wieder in die Ladenkasse. Gelernt ist gelernt. Ruckzuck war er wieder drauf, ließ sich mit Vorstadt-Bimbos ein, die den Jeans-Shop in zentraler Lage als Treffpunkt nutzten, um Bubbles zu verticken.

„Wenn ich ihn darauf ansprach, hat er nur von afrikanischen Geschäftsfreunden gesprochen”, erzählte Pepes Münchner Freundin, die nach seinem Tod Pumpen in der Wäsche fand. Trotz der Therapie war er in Wirklichkeit nie clean gewesen. Er hatte nie aufgehört, sich Heroin zu spritzen. Am liebsten Speedballs, in Verbindung mit Kokain.

“Ich bau mir nach Feierabend schon mal einen kleinen Joint, mehr nicht”, hatte Pepe allen Ernstes behauptet, als er das letzte Mal in Solingen zu Besuch war. Dass er fürs Kiffen extra die Rolläden runter ließe, damit die Nachbarn nicht reingucken könnten. Als er diesen Stuss verzapfte, wir standen im Mumms am Tresen, sprangen bei mir alle Alarmglocken an. Als hätte Pepe fürs Kiffen je die Rolläden runtergelassen. An diesem Abend versprach er, mich später im Hotel zu besuchen, ich hatte Nachtdienst an diesem Tag. Doch er kam nicht. Es war das letzte Mal gewesen, dass ich ihn gesprochen hatte, und er hatte Scheiße erzählt.

Das erste Bier am Nikolaustag 1987 kippte ich auf ex und widmete es dem guten alten Pepe. Heroin ist wie ein bösartiger Juckreiz. Man weiß nur zu gut, dass, sollte man sich jetzt kratzen, es danach nur umso schlimmer jucken wird, aber erstmal wird es BESSER, für einen klitzekleinen Moment der Erleichterung wird es BESSER, und genau dafür schenkt jeder Junkie sein kleines Leben her. Als ich Anfang Juli durch einen Telefonanruf von Pepes Tod erfuhr, musste ich lachen. Nicht laut. Eher leise. So was in der Art. Ich konnte nicht anders. Es war nicht einmal ein Lachen.

Nach der zweiten Dose Bier bekam ich fast ein bisschen gute Laune im Raucherabteil und summte Black Magic Woman vor mich hin, die Originalversion von Fleetwood Mac, nicht die bekanntere Samba-Version von Santana. Die war zwar auch in Ordnung, holperte und stolperte aber nicht so gekonnt wie das Original.

Bochum.

Ein Mitarbeiter des Kulturamts erwartete mich am Bahnsteig. Ich erkannte ihn an seinem fragenden Gesicht. Thomas Kling tauchte hinter ihm auf, wir reichten uns die Hand, gingen ein paar Meter. Er redete, ich nicht. Damit war das Feld abgesteckt. Vorm Bahnhof wartete ein Wagen. Der Mann vom Kulturamt stieg vorn ein, Kling und ich hinten. Ich hatte eine ziemliche Fahne mittlerweile, vom Rest- und vom Neu-Alkohol, was aber niemand merkte, da der Knabe vom Kulturamt vorn saß und Kling in einem fort quasselte. Er war nervös und er war Profi gleichzeitig. Er war schmal und er war blass. Da fehlte irgendwie nur ein Schmiss auf der Backe, und er hätte seine eigene Bruderschaft aufmachen können.

„Kling hat was extrem maschinelles in seiner Sprache, ihm fehlt es etwas an Wärme“, hatte die Gräfin gemeint, selbst von blauem Satz-Adel. „Vielleicht komm ich morgen mit. Ich ruf dich an.“

Bochum, Innenstadt. Die Wintersonne spiegelte sich in einem vollverglasten Büroturm und zwinkerte uns zu, als trüge sie Monokel. Eine Ampel stand auf rot, wir warteten. Ich blickte aus dem Seitenfenster, beobachtete Schulkinder, die lärmend über einen zugefrorenen Teich schlitterten. Sie spielten Hockey mit langen frisierten Holzstöcken und einer zum Puck umfunktionierten runden Hartsalami, der Schiedsrichter führte Kunststückchen vor auf dem BMX-Rad, im Knochenkostüm. „He! Guckt euch das an..!“ rief ich verdattert, doch Kling sprudelte ungerührt weiter und der Mann vom Kulturamt und der Fahrer hatten zu tun mit dem Sonntagsverkehr. Ich blieb allein mit mir. War mir nicht mal sicher, ob es sich wirklich um Hartsalami und selbstgeschnitzte Stöcke handelte. Aber echte Eishockeyschläger und ein anerkannter Puck waren das auch nicht.

Die Kälte war grimmig.

*

Die Lesung fand im Museums-Cafe statt. An der kleinen Bar genehmigte ich mir ein Bier und den ersten Osborne des Tages. Der Moderator stellte die Autoren dem Publikum vor. Kling war bekannt, war Liebling des Feuilletons, so der Moderator. Sein Ton war sachlich und ruhig, er hatte die Matinee im Griff. Ich fing dann mal an. Ich war Erster. Dann hatte ich es auch als Erster hinter mir. Das war meine Devise, wenn ich vor Menschen den Mund aufmachen musste, ich wollte es immer hauptsächlich hinter mich bringen. Ich las etwas aus Komma, ich blute, wo ich krank vor Liebeskummer und Einsamkeit durch Düsseldorf torkle, kurz vorm Weihnachtsfest, ein manisch-depressiver Dezembertext.

Das Publikum bestand aus nicht mehr als zwei Dutzend Leuten, von denen sehr wahrscheinlich jeder Einzelne selbst schrieb. Als ich nach einer halben Stunde mit dem Text durch war, bat der Moderator um Reaktionen. Ich war gut in Form. Ich hatte anständig gelesen, einen Kaffee und zwei Brandy in Arbeit. Eine Frau meldete sich zu Wort, sie schnippte mit dem Finger, als säße sie in der Schule. Als sie drangenommen wurde, sprach sie mich direkt an: „Herr Glumm, ich könnte Ihnen stundenlang weiter zuhören.“

„Sehr schön“, antwortete ich und blickte zum Moderator rüber, „ich könnte auch stundenlang weiterlesen. Setzen.“ Der Saal tobte. Der vierte Osborne. Keine weitere Wortmeldung. Doch, Moment. Thomas Kling. Er meinte, „Glumm schreibt ehrlich“, was mir nicht sonderlich gefiel. Was soll das denn sein, ehrlich schreiben. Jeder biegt sich seine miese kleine Wirklichkeit so lange zurecht, bis sie ihm gut steht. Bis man in vollem Wichs sich selbst der schönste ist. Der eine ist Zinnsoldat, der andere auch. Ehrlichkeit? Aufrichtig sein? Alles nur ein Gag.

Dann wurde Kling fast väterlich. „Pass auf, dass du nicht verheizt wird“, sagte er.

Ich hab mich nicht verheizen lassen. Es war gar keiner da, der mich verheizen wollte, weil ich im selben Moment aufhörte mit dem Schreiben. In dem Moment, wo es losgehen konnte, nahm ich meine 7 Sachen und war weg. Ich hab lieber gesoffen und gekifft und herzhaft mit Pulver experimentiert und viele Jahre im höchsten Hotel am Platze als Nachtportier gejobbt und bedröhnt übers finstre Land geglotzt.
Der Moderator fragte noch, der Ordnung halber, ob sich meine Schreiberei im Laufe der Jahre verändert habe. Eigentlich nicht, sagte ich, eigentlich liefere ich nur Variationen von GUTEN TAG IM JANUAR, eines meiner ersten kurzen Geschichten, damals noch als langes Prosagedicht getarnt. Und da ich in letzter Zeit fast täglich an der Schreibmaschine zu finden sei, ändere das doch alles.
*
Dann war der Meister dran. Der Meister war nicht allein gekommen. Er wurde von Jansen begleitet, einem befreundeten Musiker an den Keyboards. Jansen gab eine merkwürdige Figur ab, mit seinen kurzen Beinchen und orientalisch anmutenden weiten Stoffhosen. Da fehlten nur Zauberpantoffeln, und der kleine Muck hätte höchstpersönlich am Synthi gestanden, Furchen der Verzweiflung in die Stirn getrieben.
Es war nicht mal vierzehn Uhr, und ich hatte Feierabend. An der Bar zog ich mir ein Bier nach dem anderen rein. Dazu Osborne. Ja, sicher. Noch einen. Scheiße, war ich besoffen.

Nach der Lesung fanden wir uns alle in der gediegenen Altbauwohnung einer Mäzenin wieder. Sie sah aus, wie ich mir gemeinhin eine Mäzenin vorstellte: alleinstehend, um die fünfzig und genug Asche, um im Wohnzimmer ein topp gewienertes Klavier stehen zu haben. Goldene Medaille Antwerpen 1859. Sie servierte selbstgemachte Stachelbeertorte mit selbst geschlagener Sahne.

Unangenehm: Jansen grub die Tante an. Und nicht nur das, er fingerte auf den Klaviertasten herum und wackelte dabei so komisch auf dem Klavierhocker rum, dass er zweimal auf den Boden knallte. Dann rappelte er sich auf und spielte verqueres Zeug auf dem Piano. „Sind alles Terzen!“ Kann der nicht einfach die Fresse halten und auf dem Sofa einpennen, dachte ich. Zehn Minuten später lag er lang und schlief.

Sein Freund Kling lief zu großer Form auf. Er erzählte der intimen Runde, dass er und Jansen seit 72 Stunden auf den Beinen und eigentlich schon halbtot waren. Sie waren direkt von einem interdisziplinären Kunst-Happening in Zürich gekommen. Es folgten, im Plauderton, theoretische Anmerkungen zur deutschsprachigen Literatur. Kling streute Fremdwörter ein, von denen ich niemals gehört hatte. Kling war der Star. Ich zählte nicht wirklich. Ich war betrunken und saß im Publikum.

Kling rechnete eingeschnappt vor, dass er an jedem verkauften Gedichtband von ERPROBUNG HERZSTÄRKENDER MITTEL exakt 7 Pfennig kassieren würde, vor Steuern, da machten alle große Augen. Einmal warf ich ein, wie sehr ich moderne deutsche Literatur hasste, sie sei provinziell und lumpig. „Deutsche Autoren schreiben, als hätten sie dauernd Muffen, was die Nachbarn sagen könnten.“ (Die Leute gucken schon!) Kling wieherte kurz – und übernahm wieder die Führung. Er ertrug keine Nebenbuhler. Nicht eine Sekunde. Er war große Klasse. Ein Blödmann. Und ich war mir im Nachhinein nicht mal sicher, ob ich das mit den Autoren vielleicht doch nur gedacht, gar nicht ausgesprochen hatte. Wie so oft in jenen Tagen hielt ich es mit Karlos‘ Worten: Ich könnt hunderttausendmal am Tag was sagen, und ich könnte es hunderttausendmal am Tag lassen.

*

Abends lud das Kulturamt Bochum zum Essen bei einem stadtbekannten Griechen. Kleine Marihuanasticks glühten an meinem Tisch, endlich besserte sich meine Laune. Ich hatte fünfhundert Mark Honorar in der Tasche, ich war bekifft und betrunken, das Essen war lecker. Übermütig orderte ich zum Dessert eine Bulette aus dem Arzneischränkchen. Kling, er saß neben mir, musste lachen, aber er lachte nicht wirklich. Irgendetwas stimmte mit dem Kerl nicht. Mit wem stimmte überhaupt irgendetwas in diesem Leben.

Jansen und Kling, die beide in Köln lebten, bestanden darauf, mich nach Hause zu bringen. „Ist doch kein Umweg, über Solingen.“ So ein Blödsinn. Von Bochum nach Köln über Solingen war natürlich ein Umweg. Jansen fuhr einen großen kalten Ford Transit. Mit seinen ultrakurzen Kleine Muck-Beinchen schaffte er es gerade so an Bremse und Gaspedal ran. Während der ganzen Autobahnfahrt liess ich kein Auge vom Asphalt.

Kling und ich stellten fest, dass wir außer einem kümmerlich dotierten Literaturpreis noch etwas gemeinsam hatten: wir konnten beide nicht Autofahren. Wir hatten beide keinen Führerschein. Leute, die schreiben, können nie Autofahren. Ist doch logisch. Entweder oder. Man kann niemals beides. Auf der A3 in Höhe Langenfeld erwähnte Kling, der die Dreißig schon erreicht hatte, dass er eine Weile in Helsinki gelebt habe. Außerdem sei er auf einer Schiffsreise mit dem finnischen Kapitän dicke geworden. Kling sprach sogar ein bisschen Finnisch, er liess einige Proben hören. Wir waren alle ziemlich erschöpft, als wir in der Stadt ankamen. Die Beiden liessen mich an der Mummstrasse raus, direkt vor der Kneipe.

“Kommt ihr noch mit rein, auf einen Sprung?”

Nein. (Heftig.) Man sieht sich. (Nie.)

Karlos stand am Tresen. Es war weit nach Mitternacht.

“Och nee – guck an, die alte Tante Glumm! Die kannst du lesen schicken und alles – die geht nicht kaputt.”

“War aber knapp”, sagte ich.

 

*

In Erinnerung an Thomas Kling (1957-2005)

 

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6 Gedanken zu „Er war grossartig. Er war eine Wespe

  1. Mensch! Was für ein Text! Dafür hab Dank und für Thomas Kling, den ich noch nicht kannte, was sich aber umgehend ändern wird.

  2. Glumm in Bestform. Sound und Form vom Feinsten.
    Bin ich froh, dass Du es nicht hast sein lassen.
    Danke auch für „groggy“: einige Kindheitsepisoden fielen mir zu, als ich dieses Wort las, das mein Vater so oft brummte, bevor er, erschöpft von zuviel Arrrrbeit, sich in den Sessel fallen ließ und sofort einnickte.
    Gruß, Uwe

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