Singapur war bombig

Kurz nach sieben im McDonalds. Der Nachtportier hat seit fünf Minuten Feierabend und schon sitzt er wieder irgendwo rum und säuft becherweise Kaffee, als hätte er das nicht die ganze Nacht schon getan. Als würde das Leben nur aus Rumsitzen und Kaffeetrinken bestehen. Aber was soll man machen – ich bin nun mal ein Gewohnheitstier. Selbst schlechten Dingen trauere ich hinterher, sobald sie in Vergessenheit geraten. Sie gehören nicht weniger zu mir als meine guten Züge. Welche guten Züge. Die Putzkolonne der Filiale macht sich an die Arbeit, wischt mir gekonnt um die Füße herum.

Ein junger Mann im Sakko grüsst im Vorübergehen.

„Na hallo..! Schon Feierabend?“

Moment.. den kenn ich doch. Hat der nicht eben bei mir an der Rezeption gestanden und seine Übernachtung bezahlt? Mit Platinkarte? Extralässig mit abgespreiztem Finger?

„Hallo“, grüße ich zurück.

Mit dem Tablett in der Hand steuert er den Tisch neben mir an.

„Zweites Frühstück“, sagt er und beißt ein Zuckertütchen auf. „Um zehn geht mein Flieger.“

„Lohhausen?“

„Genau. Düsseldorf-Lohhausen.“

Er lächelt schwul und berichtet ungefragt von seinem Job beim Weltkonzern M-A-N. Da ist er Techniker. Einer von weltweit nur sieben Spezialisten, die sich mit ganz speziellen digitalen Druckmaschinen en detail auskennen, wie er sich ausdrückt.

„Ich lebe nur aus dem Koffer.“ Er zählt bestimmt zwanzig verschiedene Länder auf, von Südafrika bis Südkorea, in die er jederzeit abberufen werden könne. „Das geht manchmal so schnell, so schnell kann man sich gar nicht anziehen und den ganzen Beautykram erledigen, haa ha..! Gut, ne. Außer in die Karibik, dahin geht’s nur alle fünf Jahre. Das wird gerecht verteilt auf die sieben Köpfe unseres Teams. Damit jeder mal drankommt.  Da will jeder hin, in die Karibik. Aber soll ich Ihnen was sagen? Am liebsten bleib ich hier. Am liebsten bin ich hier in der Ecke.“

„In Solingen?“ frag ich verblüfft.

„Was, nein, im zivilen Europa mein ich. Im Tschad ist mir passiert, dass die Eingeborenen vor Einbruch der Nacht kanisterweise Diesel um ihre Hütten auskippen und anzünden, nur um die bösen Geister zu vertreiben. Da wird einem schon mulmig in der Schlafhütte. Das muss ich nicht noch mal haben. Nee, danke.“

„Ja wie, und da auf dem Dorf gibt es so eine hypermoderne digitale Maschine?“ wundere ich mich.

Er beißt in seinen Frühstücks-Burger und murmelt irgendwas von Fundamentlegung und keine Ahnung. Überhaupt wird sein Mund plötzlich sehr eisig, ich muss mich schon enorm anstrengen beim Zuhören. Wäre ich nicht so ein fanatischer Zuhörer, ich würde spätestens jetzt die Ohren einziehen.

„Aber Singapur war bombig!“ sagt er, und sein Mund gewinnt wieder an Attraktivität. „Saubere Nutten, null Zigarettenqualm! Und das nur, weil ich den Anschlussflieger nach Seoul verpasst hatte, zum nächsten Auftrag. Sonst wäre ich nicht in Singapur gelandet.“

Als ich vom Herrenklo zurückkomme, ist er mit dem zweiten Frühstück fertig und spürt, dass er allmählich langweilt. Nicht nur mich, sondern auch die dreiköpfige Putzkolonne, die punktuell mitgehört hat.

„So. Machs gut“, sagt er plötzlich aufs Du wechselnd, und verrät noch, dass er im Taunus lebe. „Aber da kennt mich ja keiner.“

Guter Joke, ich mein, so zum Abschluss.

„Schüssi.“

„Ja, schüss.“

Ein Gedanke zu „Singapur war bombig

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