Singapur war bombig

1995, Sommerzeit.

Kurz nach sieben im örtlichen McDonalds. Der Nachtportier hat seit fünf Minuten Feierabend und schon sitzt er wieder irgendwo im hellen Licht und säuft becherweise Kaffee, als hätte er das nicht die ganze Nacht schon getan. Aber was soll man machen – ich bin nun mal ein Gewohnheitstier. Selbst schlechten Dingen trauere ich hinterher, sobald sie abgefrühstückt sind. Die Putzkolonne macht sich an die Arbeit, ein junger Mann grüsst im Vorübergehen.

„Hallo! Schon Feierabend?“

Na Moment.. hat der nicht eben noch im Turm-Hotel seine Übernachtung bei mir bezahlt? Mit Platinkarte? Extralässig mit abgespreiztem Finger? Mit dem Frühstückstablett in der Hand steuert er den Tisch neben mir an.

„Zweites Frühstück“, sagt er und beisst ein Zuckertütchen auf. „Um zehn geht mein Flieger.“

„Lohhausen?“

„Genau.“

Er lächelt schwul und berichtet ungefragt von seinem Technikerjob beim Weltkonzern M-A-N. Als einer von weltweit sieben Spezialisten, die sich mit speziellen digitalen Druckmaschinen en detail auskennen, lebe er nur aus dem Koffer. Ungefragt zählt er zwanzig verschiedene Länder auf, von Südafrika bis Südkorea, in die er jederzeit abberufen werden könne.

„Das geht manchmal so schnell, so schnell kann ich mich gar nicht anziehen und den ganzen Beautykram erledigen, ha ha..! Aber in die Karibik geht es nur alle fünf Jahre. Das wird gerecht verteilt auf die sieben Köpfe unseres Teams. Da will jeder hin.. in die Karibik. Aber soll ich Ihnen was sagen? Am liebsten bin ich hier in der Ecke“, versichert er.

„In Solingen?“ frag ich verblüfft.

„Was, nein, im zivilen Europa mein ich. Im Tschad ist mir passiert, dass die Eingeborenen vor Einbruch der Nacht kanisterweise Diesel um ihre Hütten ausgekippt und angezündet haben, um die bösen Geister zu vertreiben. Da ist mir schon mulmig geworden, in meiner Schlafhütte. Das muss ich nicht noch mal haben. Nee, danke.“

„Ja wie, und da auf dem Dorf gibt es so eine hypermoderne digitale Maschine?“ wundere ich mich.

Er beisst in seinen Burger und murmelt was von Fundamentlegung und so. Keine Ahnung. Überhaupt wird sein Mund plötzlich sehr eisig, ich muss mich schon enorm anstrengen beim Zuhören. Wäre ich nicht so ein fanatischer Zuhörer, ich würde spätestens jetzt Leine ziehen.

„Aber Singapur war bombig!“ Sein Mund gewinnt wieder an Attraktivität. „Saubere Nutten, kein Zigarettenqualm..! Und das nur, weil ich den Anschlussflieger nach Seoul verpasst hatte, zum nächsten Auftrag.“

Als ich vom Herrenklo zurückkomme, ist er mit dem Frühstück fertig und merkt, dass er allmählich langweilt. Nicht nur mich, sondern auch die dreiköpfige Putzkolonne, die punktuell mithört.

„So. Machs gut“, sagt er, plötzlich vom Sie ins Du wechselnd, und verrät noch, dass er im Taunus lebe. „Aber da kennt mich ja keiner.“

Guter Joke, ich mein, so zum Abschluss.

„Schüssi.“

„Ja, schüss.“

Ein Gedanke zu „Singapur war bombig

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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