Erste Versuche als Schriftsteller (Auch Papa und Mama waren sich am gruseln)

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Hier auf dem Campingplatz reiht sich Zelt an Zelt. Und wir haben unverschämtes Glück, dass wir noch so einen guten Platz finden konnten. Wir sind nur 8 Meter (ich hab’s ausgemessen!) von der Mosel entfernt. Neben uns stehen Belgier und Dänen, und alle können richtig Deutsch. Und wir? Was können wir? Wir können keine Sprache.
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Beim Durchblättern eines alten Fotoalbums fällt mir Post in die Hände, Post, die ich selbst verfasst habe, in den Sommerferien 1971. Unsere Familie machte Campingurlaub in Zell an der Mosel. Ich war zehn Jahre alt und schrieb an meine zu Hause gebliebene große Schwester (16) und an die Großeltern.

Auf dem Zeltplatz war etwas schlimmes passiert, in unserer unmittelbaren Nähe und gleich am ersten Ferientag: In der Mosel war ein Mann ertrunken. Man hatte ihn leblos aus dem Wasser gezogen und direkt vor unserem Zelt Wiederbelebungsversuche unternommen, fast eine Stunde lang. Es war das erste Mal, dass ich einen Toten sah. Manche Teile waren so blau, als wäre Tinte in dem Mann ausgelaufen.

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Der Sommerhit 1971 war Butterfly, geschmettert von einem Troubadour aus Frankreich mit schwarzem Hut, Daniel Gerard. Butterfly war sagenhaft pomadig und erfolgreich. Butterfly legte ganz Europa lahm, wie eine böse Verstopfung. Im Sommer zuvor hatte es besser ausgesehen, da war In the Summertime von Mungo Jerry der Sommerhit gewesen. Das war ein anderes Kaliber, In the Summertime wurde mit seinem Erscheinungstag ein Klassiker der Popgeschichte. In the Summertime hatte ich als Single gekauft, eine brettharte Pressung aus Holland, als wir 1970 in der Nähe von Zandvoort Urlaub machten.

Meist fuhren wir in den großen Sommerferien an die holländische Küste, nach Zeeland, doch alle paar Jahre war Mutter dran mit einem Urlaubswunsch – sie wollte nicht ans Wasser, sie wollte in die Berge. Nun lag Zell an der Mosel nicht wirklich in den Bergen, aber es gab Weinberge, immerhin. Zell a. d. Mosel im Jahre 1971 war eine Art Friedensangebot meines Vaters, für den es zeitlebens nichts schöneres gab als den Wellen des Meeres zu lauschen, wenn er spät abends im Zelt lag und an das englische Seebad Bournemouth zurückdachte, wo er zwischen 1945 und 47 die aufregendste Zeit seines Lebens verbrachte, in englischer Kriegsgefangenschaft. Bei den Tommies, wie er sie stets respektvoll nannte, bei den Tommies mit den fussig roten Haaren.

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Wie immer dauerte der Aufbau des Hauszelts seine Zeit, weil Vater die Zeltstangen in verschiedenen Farben durchmarkiert hatte und nur er allein das System durchschaute, welche Stange in welcher Farbe zu welcher anderen Stange in welcher anderen Farbe gehörte. Mein sieben Jahre jüngerer Bruder verstand mehr vom Zeltaufbau als ich, er hatte dieses intuitive Verständnis fürs Gestänge. Mit seinen vier Jahren wuselte er umher und bereitete die Abspannleinen und Schlaufen für das Hauptgestänge vor. Ich hatte keine Ahnung, was er da machte. Für mich bedeutete der Zeltaufbau zu Beginn jedes Campingurlaubs nichts anderes als dumm rumstehen und Dinge festhalten, die Vater mir in die Hand drückte: Halt mal die Stange, nein, die andere, ja, steck die mal da rein.. – nein, nicht da. Nicht die! Die andere. Da rein..

NICHT DA!

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Nur eine Viertelstunde entfernt ist ein Strandbad. Bisher haben wir es aber nur auf Bildern gesehen. Darauf sah es ganz toll aus. Morgen werden wir, wenn wieder schönes Wetter ist, dahin fahren. Hier in der Nähe ist auch ein Kiosk. Er gehört noch zum Campingplatz. Na, Kiosk kann man es nicht nennen, nämlich es ist ein paar Mal so groß wie die Bude von Frau Drexelius bei uns. Also mehr ein Laden. Morgen kaufe ich mir vom Taschengeld ein Fix und Foxi-Heft wahrscheinlich. Aber in den Ferien kriege ich ja mehr Taschengeld. Wahrscheinlich hol ich mir noch Clever & Smart.

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Endlich hatte Vater die letzte Schlafkabine eingehängt. Es war ein stickig heißer Nachmittag. Kinder planschten in der Mosel, die hier nicht besonders tief und auch nicht sehr breit war. Mir fiel dieser Mann auf. Er trug Tauchmaske und Schnorchel. Ich hatte beobachtet, wie er langsam durchs Wasser tauchte, das Plastikrohr zum Luftholen fuhr an der Wasseroberfläche entlang, wie das Periskop eines U-Boots. Und dann war das Rohr plötzlich weg. Ich sah es nicht mehr. Ich suchte das Wasser ab, mit den Augen, in die eine wie in die andere Richtung. Doch es war wie vom Erdboden verschluckt.

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Wir bekamen einen Riesenschreck. Plötzlich standen immer mehr Leute am Mosel-Ufer. Dabei erfuhren wir es. Der Taucher war ertrunken. Alle riefen wild durcheinander. Ein Tumult. Ein paar tatkräftige Männer stiegen ins Wasser. Irgendwo lief ein Radio. Ich hätte es besser gefunden, jemand hätte es leiser gedreht oder ganz ausgemacht.

Als der Platzwart kam, schrie er wörtlich die hilflos herumstehenden Leute an: “Hat einer was gesehen?! So sagt doch was!” Aber keiner sagte was. Ich hätte was sagen können. Aber was? Und immer war der Mann noch nicht geborgen. Es entstand eine furchtbare Aufregung. „Der Mann muss einen Herzschlag bekommen haben“, meinte Papa. Der Fluß war ja an dieser Stelle nicht tief, hüfthoch vielleicht, man konnte überall stehen. „Vielleicht hat er sich nicht abgekühlt“, sagte Mutti.

Als die Polizei mit einem Rettungsschwimmer ankam, er hatte eine GasSauerstoffflasche auf dem Rücken usw., war wahrscheinlich der Mann schon Tod tot. Schnell hatte der Rettungsschwimmer den Toten gefunden. Genau vor unserem Zelt, auf der Wiese, wurden alle Versuche gemacht, den Mann wieder zum Atem atmen zu bringen. Das dauerte eine Stunde.. genau vor unserem Zelt! Allerdings durften wir uns das nicht ansehen, wegen den Bildern, die man nicht mehr los wird. Auch Mutti und Papa waren sich am gruseln.

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Es war brütend heiß im Zelt, und mein kleiner Bruder, der nie still sitzen konnte, fing an Ärger zu machen. Er war wie ein junger Hund. Mutter brachte ihn in seine Schlafkabine und ich hatte etwas Zeit nach draußen zu gehen und mir anzugucken, wie der Tod sich was zum Fressen holte. Ein Sanitäter in weißen Hosen beackerte den Brustkorb des Toten und hörte nicht damit auf, die ganze Zeit nicht. Dann musste ich wieder zurück ins Zelt.

Es dauerte nochmal eine Stunde, bis der Leichenwagen kam und den Toten abholte. Er war ganz blau angelaufen und hatte einen furchtbar aufgeblähten Bauch. „Jetzt ist er ein Wassergespenst“, sagte Mutti. Mehr will ich darüber nicht schreiben.

Und wie geht es euch? Gut?

Viele Grüße

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11 Gedanken zu „Erste Versuche als Schriftsteller (Auch Papa und Mama waren sich am gruseln)

  1. wir können keine Sprache,nur zehn meter, ich dachte acht….
    das zarte rosa des Alters im Brief –
    regt mich fast an zum Camping

    das hat schon Stil!

  2. der beste Anfang für einen Krimi, die Leiche stirbt an einem verstopften Blasrohr –
    und der kleine Teufel schreibt Gedichte, in Socken.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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