Klitschko gucken

Ein Jahr vor ihrem Tod fragte Mutter, ob wir auch so gern Boxen gucken würden, Sanne und ich.

„Boxen..? Was meinst du?“

„Na, Boxen, kennst du kein Boxen? Hier, bomms, was auf die Mappe“, feixte sie. „Der Klitschko boxt doch heut Abend.“

Sie stand vor mir, knapp 80jährig, mit einem schlimmen Buckel, und tat so, als verpasste sie mir einen Schwinger.

„Papa und ich gucken jedes Mal zu, wenn der Klitschko wieder einen einmacht.“

„Ah. Mh.. Und welcher Klitschko? Der junge oder der alte?“

„Ist doch egal. Wer gerade dran ist. Sind doch beide vom gleichen Schlag.“

Sie litt unter schwerer Osteoporose. Die Knochen waren so morsch geworden, schon beim kleinsten Stolperer hielt die Familie die Luft an. Sie wog kaum hundert Pfund und wurde immer kleiner und krummer. Wenn sie in der Küche Geschirr aus dem Wandschrank holte, musste sie auf ein Fußbänkchen klettern, wie ein kleines Mädchen. Eines Tages, wir ahnten es alle, würde Mutter einfach von der Bildfläche verschwinden, wie in der Geschichte vom schmächtigen Suppenkasper, der zuletzt nur noch ein halbes Lot wog – und war am fünften Tage – tot.

„Boxen kommt doch immer.. so spät.. im Fernsehen“, sagte ich umständlich.

„Na und, wir können sowieso nicht vor Mitternacht schlafen. Und zur Sicherheit stellen wir einfach den Wecker.“

Angeblich verpassten meine Eltern keinen einzigen Kampfabend, an dem einer der beiden ukrainischen Groß-Hirsche beteiligt war. Als Wladimir einem Gegner die Nase spaltete, sie sah hernach aus wie zwei kleine Pellkartoffeln, eine Gerard Depardieu-Nase, kicherte Mutter noch Tage später.

Aber das war Vergangenheit.

Es gab keine Box-Übertragungen mehr in diesem Heim, und die Küche sah auch nicht mehr so gemütlich aus. Seit Mutters Tod hatte Vater die Gewalt über die Küche übernommen, und hätte es uns Kinder und die portugiesische Putzfrau nicht gegeben, sie wäre in einem noch erbärmlicheren Zustand gewesen. Auf dem Abendbrotteller klebte das Eigelb, fingerdick, mit Maggi dran, Zwiebelschalen schwammen über den Fußboden, wie Dschunken.

Mutter fehlte an allen Ecken und Enden.

*

Während Vater Teewasser aufsetzte, las ich in der Fernsehzeitung, dass bei den Klitschkos wieder mal ein Kampftag anstand.

„Sag mal, stimmt das wirklich, dass ihr so viel Boxen geguckt habt, Mutter und du?“

„Ja, das war auf Mutters Mist gewachsen. Eines Tages fing sie damit an, sie wollte unbedingt den Klitschko boxen sehen. Den jüngeren glaub ich. Von da an war Boxen ihre Leidenschaft. Wenn der Gong zur ersten Runde kam, schob sie den Stuhl ganz nah an den Fernsehapparat, damit sie auch bloß nichts verpasste.“

Es verblüffte mich immer noch. Schließlich war Mutter nie besonders sportlich gewesen, abgesehen von ihren Jugendtagen, wo sie in der 4 x 100 Meter-Staffel startete, als Kurvenläuferin beim SSC 95/98. Die Staffel war so erfolgreich, dass sie zu den Deutschen Schulmeisterschaften in Breslau eingeladen wurde, in den späten 30er Jahren. Aber damit war Mutters sportliche Laufbahn praktisch beendet, auch im Fernsehen verfolgte sie so gut wie keinen Sport. Was hatte das also mit dem Boxen auf sich gehabt? Ich kam nicht dahinter.

Wieder sah ich sie vor mir, diese am Ende so gebeutelte, ja ratlose Person, so schwach, dass sie es kaum noch die Treppe hoch schaffte. Sie beteiligte sich an keiner Unterhaltung mehr, sie, die doch so gern geschnattert hatte im Kreis der Familie, den Schnabel vorgestreckt wie ein Vögelchen. “Ja, du wirst verrückt..!” sagte sie gern, wenn man ihr etwas anvertraute. Was gibt es schöneres, als sich etwas anzuvertrauen, wenn man sich gern hat.

Und wenn sie auch für Außenstehende eine richtige Oma geworden war, klein und runzelig, der Hals eine faltige Manschette – sie war noch in der Welt. Und wenn die zehn Kilo, die sie vorübergehend im Krankenhaus zugelegt hatte, auch nur im Gewebe angesammeltes Wasser war, sie war noch in der Welt. Auch wenn ihre Stimme oft kläglich war und ins Schlingern geriet, ihr Wort war noch zu hören, immerhin, ein leises tschüss, bevor sie ein letztes Mal den Telefonhörer auflegte.

Und plötzlich verstand ich.

Aber ja, natürlich. Kämpfen. Raufen. Fighten. Sie wollte sich nicht unterkriegen lassen. Sie bot dem Tod die Stirn, ein allerletztes Mal. Und weil sie selbst nicht mehr die Kraft aufbringen konnte, mussten Stellvertreter in den Ring. Vitali und Wladimir Klitschko waren von ihr persönlich auserkoren worden, um ihr Leben zu kämpfen.

Ich ballte die Faust

 *

Endkampf, Susanne Eggert 2012

Endkampf, Susanne Eggert

8 Gedanken zu „Klitschko gucken

  1. „Was gibt es Schöneres, als sich was anzuvertrauen, wenn man sich gerne hat?“ Für diesen Satz dank ich Dir, ich leih ihn mir aus und steck in die Tasche und gehe herum damit…und die Klitschkos…sollte ich vielleicht auch jetzt, etwas flügellahm, die nächsten Kämpfe…? Wer weiß, wer weiß! Sei herzlich gegrüßt

  2. Es ist so verrückt wie Deine Geschichten z.Z.mein Leben begleiten. Ich liebe meine Eltern auch sehr und mir ist bewusst,vorausgesetzt daß ich nicht selbst in Kürze dran bin,daß ich meine Eltern in nicht allzu langer Zeit verlieren werde.ich weiß noch nicht wie ich den Verlust verkraften werde.Vorgestern war ich mit Pa unterwegs.Er ist nur noch ein körperliches Wrack,trotz Rollator ist er nach wenigen Metern völlig platt.ich will jetzt nicht aufzählen unter welchen Krankheiten er alles leidet.die Lebensqualität so sehr eingeschränkt, kämpft er trotzdem jedes Mal damit sich den Frust darüber nicht anmerken zu lassen.vorgestern konnte er kaum noch verbergen wie unglücklich er ist.es traf mich voll ins Herz.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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