83

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1983, Küche Schillerstrasse

Re: Karlos. Li: Glumm

Mi: Glas Wodka

Im Hintergrund (Spüle): Pulle Tri Top

Seine Heimat zu lieben heisst, die Schleichwege zu kennen.

Mit meiner verdammten Geburtsorttreue war Fortziehen aus dieser Stadt nie ein Thema. Seit den späten Siebzigern aber, nachdem ich die Bücher von Brautigan, Fante und Charles Bukowski entdeckt hatte, wünschte ich mir gelegentlich, ich wäre woanders geboren worden und hätte dort bleiben müssen, in Los Angeles vielleicht, oder in den weiten Wäldern von Montana.

*

1982 zog ich von zu Hause aus, auf die andere Strassenseite. Nr. 57, zwei Zimmer im Erdgeschoss, Nachtstrom, Blumengarten nach hinten raus. Das Fenster zur Straße blieb den Sommer über offen und die Kumpel kamen nach Lust und Laune reingeklettert. Die Nachbarn murrten, sie waren empört, doch was sollten sie tun – schließlich gab es kein Gesetz, das einem verbietet, eine Wohnung durchs Fenster zu betreten.

Lena schlief beinah jede Nacht bei mir, es war unsere beste Zeit, wir waren fünf Jahre zusammen. Ich jobbte bei der FZ, einem Zwischenhandel für Kühlprodukte in Kohlfurth, direkt neben dem alten Platz des RSV, und verbrachte viel Zeit mit Überstunden, Freunden und den Drogen, die der Markt hergab.

An einem sonnigen Nachmittag 1983 war es rappelvoll bei mir, oder, um mit Karlos zu sprechen, da war Schlagabtausch im Ballungsraum. Wer war alles da. An erster Stelle Karlos, mein alter Gesinnungskumpan. Krebsrot im Gesicht zeichnete er verantwortlich für Tüten, Purpfeifen und Bongs. Wenn er zwischendurch Zeit fand, und er fand immer Zeit, nicht nur zwischendurch, er war ja quasi die Zeit, er beugte die Zeit, er war Physiker ohne Ahnung von Physik zu haben, wenn er also Zeit fand, zwischendurch, warf er irgendwelche bekifften Sprüche in die Runde, laut und aufbrausend.

„Ich scheiß auf euer Geld! Spaß will ich auch nicht haben! Aber irgendwas schon, verdammt!“ Zum Mitsubishi Boy: „Wie, du lachst nicht? Na, Hauptsache, ICH lach über meine Witze! Schön laut!“ Oder der hier: „Man kann mich nicht ärgern, Kinder! Ich weiß, wie ich aussehe!“

Neben ihm, auf einem wackligen, notdürftig mit braunen Schnürsenkeln verarzteten alten Hippie-Sessel saß der dicke Mausner. Mausi hatte sich leichtfertigerweise für zehn Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet und wusste nicht mehr, wie er aus der Nummer rauskommen sollte. Er hatte einen monströsen Blackout gehabt, als er den Vertrag unterzeichnete, und seither war es jedes Wochenende das gleiche. Nachdem er sich unter Strapazen durchs offene Fenster ins Zimmer gewälzt hatte, (keine Frage, er hätte lieber geklingelt und wäre ganz normal durch die Haustüre reingekommen, doch er wollte sich keine Blöße geben, nicht als Zeitsoldat), saß Mausi Stunde um Stunde im Sessel und wehklagte und jammerte.

„Mir tun die Quanten weh von den Nachtmärschen. Außerdem bin ich zu fett für die scheiß Hose hier, ich pass kaum noch rein. Warum? Seit wir durchs Gelände marschieren, muss ich ohne Ende fressen, und je mehr ich fresse, desto weniger pass ich in die scheiß Hose. Wie soll ich die Grütze bloß zehn Jahre aushalten?“

Sobald er Platz genommen hatte, packte er ein dickes Piece Haschisch aus, was meine Fähigkeit zuzuhören ungemein befeuerte. Dennoch stand ich auf und ging lange pinkeln.

„He, was pinkelst du so lange, Glumm..! So viel pinkeln kann man doch gar nicht! Komm her jetzt! Ich bin noch nicht fertig!!“

Mausner war einer der ersten Raver, ein Soldat von Love, Peace and Happiness. Er verehrte den Roten Sufi im fernen Pakistan, seine Heiligkeit, der sein Leben dem Rausch und der Ekstase gewidmet hatte. Was hatte solch ein Typ bei der Armee verloren?

„Na, du bist mit ja vielleicht ein schöner Soldat, Mausi!“ lallte der Mitsubishi Boy. „Du brauchst einen persönlichen Drill Sergeant, damit du auf die Beine kommst, du Pfeife!“

Mitsubishi kannte ich seit Grundschultagen. Damals fuhr er das schickste Bonanza-Rad der Gegend, und am Lenker baumelte ein Fuchsschwanz, so weich, dass keiner dran fühlen durfte. Zehn Jahre später hing sein aktuelles Lieblings-T-Shirt mit der Aufschrift UNTERKANDIDELTE LEUTE zerknautscht über seinem Gürtel. Wir hatten uns eine Stunde zuvor im portugiesischen Arbeiterverein getroffen, wo es den besten und preiswertesten Fisch der Stadt gab. Er hatte sich von hinten an mich herangepirscht und mir die Augen zugehalten, mit fettigen Gambafingern: „..huhuu, wer bin ich..?!“ So ein Lausbub. Jetzt saß er sturzbetrunken zwischen meinem späteren Hausarzt und Mausi und hatte nur noch einen Schuh an den Füßen. Den anderen Schuh hatte er bereits aus dem Fenster geschmissen. Als Vorhut sozusagen, wenn es zurück in die Stadt ging. Da lag er nun. Im Vorgarten. Der Halbschuh.

„Den wird schon irgendjemand.. aufheben, irgendein.. shoeschwein!“

Das mit den Schuhe ausziehen war zu einem echten Spleen geworden. Auch im Mumms hatte Mitsubishi schon mitten im Trinkgelage einen Schuh ausgezogen und aus dem offenen Fenster gepfeffert. Da blieb er dann liegen, auf dem Trottoir, bis sich irgendwer erbarmte und wieder hereinreichte.

(Mitsubishi gehörte zu jenen Freunden, die mein Apartment grundsätzlich durch Fenster betraten. Der sportlichste Einsteiger aber war der dicke Hansen, er legte jedes Mal sein ganzes Gewicht in die Aktion. Er schwang sich am Fensterrahmen hoch wie an einem Barren und wuchtete sich ins Zimmer, das linke Bein voran, wie ein durchgeknallter Vorturner, „hier bin ich!“

Einmal kam ich vom Duschen ins Zimmer, da saß Hansen im Sessel und drehte einen Stickie, ohne mich eines Blickes zu würdigen. „Wie bist du denn hier reingekommen?“ fragte ich so blöd wie erstaunt. „Wie Diebe so reinkommen“, murmelte Hansen nur und zündete die Rakete.

Selbst als ich 1986 mit Karlos zum Kannenhof zog, versuchte er das liebgewonnene Ritual in die neue Zeit zu retten. Da wir wieder im Erdgeschoss wohnten, war es einen Versuch wert, auch wenn die Fenster etwas höher angebracht waren als auf der Schillerstrasse. Mit Ach und Krach schaffte Hansen es in mein Zimmer, doch ausgerechnet an diesem Tag lag unmittelbar unterm Fenster Nita, der kleine Welpe der Gräfin, keine 10 Wochen alt. Im letzten Moment rief ich, PASS AUF, HANSEN! und verhinderte ein großes Unglück – an diesem Tage endete das zeremonielle Window Boppin‘ für immer.)

In der Zimmerecke, auf einem himmelblauen Klappstuhl, den ich aus irgendeinem Zirkus mitgenommen hatte, hockte jemand, der später eine Weile mein Hausarzt werden sollte, aber kaum ein Wort sprach. Ich seh ihn noch vor mir, wie seine Augen einen Schneiderwipphop verfolgten, der über den blauen Teppichboden tänzelte, leicht und locker wie der Rauch einer Gauloises, im Licht der ins Zimmer einfallenden Nachmittagssonne.

Der spätere Hausarzt, zu dem ich immer dann ging, wenn ich eine Krankmeldung brauchte, was ihm irgendwann so auf den Sack ging, dass er jegliche Gefälligkeit einstellte, war ein sehr spezieller Vogel. Mit 18 ließ er sich einige Wochen im Rollstuhl durch die Gegend kutschieren, einfach so. Sich von Mitschülern über den Schulhof und durch die Fußgängerzone schieben zu lassen, war das Größte für ihn. Warum? Ich habe keine Ahnung. In den Siebzigern fragte niemand: Warum? Und es hätte auch niemand eine Antwort gehabt.

1977 liefen wir uns zufällig in der Kölner Sporthalle über den Weg, auf dem legendären Zappa-Konzert, das wegen Flaschenwurf abgebrochen wurde. Ich schätze, ich habe nie wieder so viele schrille Vögel auf einem Haufen erlebt wie an diesem Abend. In den Siebzigern auf ein großes Konzert zu gehen hieß sich so cool wie möglich rauszuputzen. Mein späterer Hausarzt stolzierte als Pan Tau verkleidet durch die vollbesetzten Reihen, den Regenschirm aufgespannt, die Eintrittskarte gefälscht. Er ließ sie stolz umhergehen. Mit Buchstaben zum Aufrubbeln hatte er das orangefarbene Ticket nachgeahmt, so perfekt, dass es keinem Ordner aufgefallen war. „Wir hatten im Kunstunterricht gerade Linoleumschnitt durchgenommen, das wollte ich mal ausprobieren.“ In allem, was er tat, war er penibel bemüht, sein Bestes zu geben, eine Eigenschaft, die er sofort ablegte, als er nach dem Medizinstudium die Praxis eines niedergelassenen Hausarztes übernahm und sich zügig Richtung Ruhestand bewegte.

An diesem Nachmittag 1983 aber war er noch voll im Saft. Er ähnelte einem russischen Filmarzt, wie er da in der Ecke saß, auf dem blauen Klappstuhl,  mit großen widerspenstigen Ohren und exakt gestutztem Kinnbart. Nicht ein einziges Wort sprach er, er saß bloß da und saugte die Dinge auf, die sich ihm präsentierten, ein schweigsamer Medizinstudent, der einen Blick ins wirkliche Leben riskierte.

„In diesem verdammten Kaff müsste ein riesiges Telefon stehen, das alle fünf Minuten läutet, damit ich nicht andauernd wegpenne“, gab der Mitsubishi Boy ein vorerst letztes Lebenszeichen von sich, während Karlos mit Denis Hahn eine Grundsatzdiskussion anzettelte.

„Ich finde Sucht sehr positiv!“ krähte Karlos. „Die Neigung zur Sucht ist ja sehr gesund. Nee? Nee!? Nee, ist klar. Ist negativ? Ich wollte das ja auch nur mal als Gedanke reinbringen.“

Denis Hahn war ein erfolgreicher Tatort-Schauspieler, und er hatte drei sehr blonde Lufthansa-Stewardessen mitgebracht, die nebeneinander auf dem engen Zweier-Sofa hockten und den Mund nicht mehr zubekamen. Nicht etwa, weil es so irre zugegangen wäre, sondern weil es sich mit geschlossenem Mund schlecht saufen, kiffen, kichern ließ.

Mausi hatte sich unterdessen gefangen.

„Soll ich euch was sagen? Als Schlagersänger bin ich nur deswegen nicht berühmt, weil ich lieber für mich alleine berühmt bleiben will!“ Das war einer seiner Klassiker, der bei den Mädels definitiv besser ankam als Karlos’ finale Gedanken zur Suchtproblematik: „Jetzt müßte es einen Riesenknall geben – und ich bin hackevoll!“

Die drei Stewardessen, auf den ersten Blick alles Tussis, hochnäsiges Pack, entpuppten sich mehr und mehr als nette Mädels, doch bis auf Denis Hahn und Mausi hielt es niemand für nötig, sich mit ihnen zu befassen.

„Das musst du optisch total geil machen, damit die Damen zufrieden sind“, dozierte Mausi und schlug die dicken Beine übereinander. „So ungefähr.“

(Ich versuchte ihm zu folgen, kam aber nicht hinterher.)

Denis Hahn hatte das Trio direkt vom Set in Bochum mitgebracht, wo am Morgen einige Takes für den Duisburger Tatort gedreht worden waren. Was die Mädels dort zu suchen hatten, blieb unklar, war aber auch relativ egal. Jetzt waren sie hier, waren blond, fanden Vergnügen an sonnigen Nachmittagen, alles in Ordnung.

(Besonders eine der drei hatte es mir angetan. Nach dem drittem Joint fing sie plötzlich an zu heulen. Sie konnte sich gar nicht mehr beruhigen, die Tränen verwischten ihr ganzes Make up. „Ich trage doch überhaupt kein Make up!“ Mist. Ich legte Rod Stewart auf, ein Live-Album, und sie fing sich wieder.)

Denis  Hahn war 1983 gut im Geschäft. Er hatte dieses ebenmäßige, mild erloschene ZDF-Gesicht, für das jede Schwiegermutter ihr Häuschen hergegeben hätte.

„Ihr Gartenhäuschen vielleicht!“ keckerte Karlos, eine Krähe vor dem Herren. Er war ebenso Schauspieler wie Denis Hahn, aber nicht im Fernsehen, sondern am Stadttheater. Das fuchste ihn zusehends. Lag es vielleicht am Teint, seinem roten Gesicht, dieser Spanplatte, sechzehn Millimeter, dass er es nicht in den WDR-Tatort schaffte?

„Was fürn scheiß Gartenhäuschen..?“ murrte Denis Hahn verständnislos, „was redet der da..“

Er war ein eitler Fatzke, aber ich mochte ihn, irgendwie. Ein Womanizer.

„Ein Womanizer..? Der?? Höchstens ein Schabrackenizer!“ höhnte Mitsubishi, aus dem Schlaf heraus.

„Herr Glumm?!“

Im ersten Moment dachte ich noch genervt, wer zum Teufel ruft so dienstlich nach mir in meiner eigenen Hütte, und antwortete wie automatisch: „Hier!“ Man ist ja Deutscher. Man ist Flakhelfer, auf immer und ewig, man ist Offizier. Man macht Meldung, wenn man gebraucht wird. Die Stimme, die ich hörte, die mir galt, Herr Glumm?!, sie kam von draußen. Aus dem Vorgarten. Vor der Gardine bewegte sich etwas. Eine Mütze.

Mausner war sofort auf den Beinen, trotz seiner Wampe.

„Scheisse, die Bullen..“

Geistesgegenwärtig warf er seine Bundeswehrjacke über den Cocktailtisch und verdeckte die nächste Marihuana-Lolle, die bereits auf ihren Einsatz wartete, sowie die Mischung für die übernächste Lolle. Was das Bauen von Joints anging, war Karlos perfekt durchorganisiert.

„HERR GLUMM..!!“

Ein Polizist stand auf der Wiese und guckte zum Fenster hoch, während sich sein Kollege an der Haustüre zu schaffen machte. Er suchte die Klingel. Es gab keine Klingel. Es gab ein offenes Fenster im Sommer. Es war Sommer.

„Ja?“ sagte ich.

„Man hat uns informiert, hier wäre eingebrochen worden.“

„Was, hier bei mir? Eingebrochen?“

„Es sind Männer beobachtet worden, wie sie durchs Fenster eingestiegen sind.“

Hinter mir, im Ballungsraum, machte sich Erleichterung breit.

„Herr Wachtmeister“, sagte ich, „das hat alles seine Richtigkeit“, und klärte den Sachverhalt auf. Die Schmiere, zunächst misstrauisch, ließ sich schnell überzeugen.

„Und was ist hiermit? Gehört der Ihnen?“

Ein Polizist reichte den Halbschuh hoch, den er im Garten gefunden hatte.

„Äh.. ja. Sicher“, sagte ich.

Sie zogen ab. Der Mitsubishi Boy schlug nicht mal die Augen auf, als ich ihm seinen verlorenen Halbschuh zuwarf. Er landete punktgenau in seinem Schoß.

„Na also“, schnarchte er nur.

10 Gedanken zu „83

  1. Kaum mehr auszuhalten, wie nah Du kommst, wenn Du schreibst, Brautigan würd das gefallen, glaub ich! Mir gefällts auch!

  2. das war wohl mein ende einer Kindheit –
    oder kam ich schon aus dem Knast zu Besuch..-
    wie auch immer:
    der Schuh war schuld

  3. Du lässt Bilder, eigentlich ganze Filme in meinem Kopf ablaufen. Vor allem deine Erinnerungsgabe ist bewundernswert. Ich hab damals zuviel getrunken.

    Tri-Top?
    Diese widerliche Essenz kauften meine Eltern in den 70ern, weil ihnen Coca Cola, Fanta und Sprite zu teuer waren. Ich habe für das Zeug nie eigenes Geld ausgegeben und in den 80ern gar nicht mehr gesehen. Es wäre im besten Fall für irgendeinen Gag-Cocktail durchgegangen, ansonsten waren andere Getränke angesagt. ^^

  4. War damals nicht Schimanski der Duisburger?Hm,sehr interessant.es ist der Hammer,was aus Euch geworden ist.Schreiber,Schauspieler,Musiker…da können wir Remscheider Jungs nicht mithalten mit unseren 08/15 Jobs.da fehlte uns wohl der Intellekt.obwohl jeder auf seine Weise Überlebenskünstler.du solltest nicht nur endlich ein Buch rausbringen,sondern auch ein Drehbuch schreiben.hast Du Neue Vahr Süd von Regener gelesen?wenn das (für mich sehr geile )Buch gedruckt, verkauft und verfilmt wird,dann kann mir keiner erzählen,daß es bei Locker machen für die Hölle nicht genauso sein könnte. Ich würde mich so freuen!

    • na, mal halblang. wirklich von ihrer „kunst“ leben können bis heute nur die wenigsten von uns. von denen, die noch leben. eigentlich nur einige der musiker.

  5. Ich glaube es war August 91.das Ende zwischen Annette und mir war schon absehbar,obwohl-richtig zusammen waren wir eigentlich eh nicht.aber ich hatte sie erfolgreich Tom ausgespannt,nachdem sie immerhin zwei Jahre zusammen gewesen waren.was man so zusammen nennt,denn mit Liebe hatte das ganz sicher schon lange nichts mehr zutun.ein schlechtes Gewissen hatte ich sowieso ganz sicher nicht.seine sämtlichen Connections hatte er über mich bezogen.der Peptyp war ein Arbeitskollege von mir,den Pappentyp hatte er selber nie kennengelernt.er drückte mir die Scheine in die Hand und ich fuhr nach Remscheid (Niebsch wollte Tom nicht persönlich kennenlernen,ICH sollte vorbeikommen),besorgte ihm ein riesiges „Miraculixlöschblatt“ oder ein „Löschblatt“ mit Erdbeeren,Pinguinen,Drachen, Buddhas,Hofmänner (die wohl erst 93,denn die nannte man zu der Zeit auch Jubiläums-es war 50 Jahre her,daß Albert Hofmann seinen Selbstversuch mit dem Mutterkorn unternommen hatte-wie die Dinger aussahen weiß ich nicht mehr)oder anderen Bildchen drauf,um sie mir dann als Dank später für einen teureren Preis zu verkaufen.ich hatte kein Interesse Gewinn zu machen,deshalb zwackte ich mir auch nichts ab,und dann machte das Schwein an mir denselben Profit wie an allen anderen.das zeigte seinen ganzen Charakter-Geld ging vor Freunden.ich kannte Tom,der zwei Jahre älter war, über seinen Bruder Dietmar,einen von uns.nachdem er mir oder den anderen Jungs sein Zeug vertickt hatte,blieben wir bei ihm gleich sitzen.seine Bude war gemütlich,seine Plattensammlung und seine Anlage beeindruckend,und so viele Möglichkeiten hatten wir nicht,wo man mit zeitweise zehn,zwölf Leuten seinen Rausch nachgehen konnte.Annette war Tom’s Freundin und deshalb auch immer am Start.vom ersten Tag an wurde deutlich,wie kaputt deren Beziehung war,sie lieferten sich einen Wettkampf wer wen mehr demütigt.auf LSD war ich meistens schwer in Form,ich war in der Lage mit meiner Euphorie alle anderen anzustecken und zu unterhalten.ich machte schwer Eindruck auf Annette,bald war klar worauf das hinauslaufen würde.das erste Mal Sex hätten wir eigentlich in meiner Minibude über der Wohnung meiner Eltern gehabt,aber beim Versuch in sie einzudringen,riß mein Penisbändchen und der Schmerz war so kraß,daß Vögeln nicht mehr möglich war.aber ein paar Tage später holten wir das in ihrer Wohnung nach und von da an lief was zwischen uns.Annette hatte eine kleine,gemütliche Wohnung in Lennep.was Tom für ein Penner war,sah man wieder mal an seiner Reaktion.alle Leute,die zu Annette und mir Kontakt hatten,verkaufte er nichts mehr,oder nur unter der Bedingung,daß man es sofort bei ihm konsumierte, damit auch auf keinen Fall was bei uns landete.was für ne arme Sau!mir war es eigentlich scheißegal,aber die Jungs sollten weiterhin ihre Drogen mit nach Hause nehmen dürfen,also beendeten wir offiziell unsere kleine Affäre und fickten heimlich munter weiter.meine Güte,war das krank damals.an irgendeinem Morgen im August rief ich von Annette aus meine Eltern an,ich wollte mich einfach mal melden.und dann kam der Schock-meine Ma teilte mir mit,daß ich Post bekommen hatte: am 1.Oktober sollte ich zur Marine nach Hamburg,erstmal zur Grundausbildung.ich hatte mal wieder alles verdrängt und noch keine Verweigerung geschrieben.Panik kam auf.ich hatte meine absolute Chemiehochphase längst überschritten und konnte mir so ziemlich alles vorstellen,aber nicht auf irgendeinem Marineschiffen irgendwo auf der Nordsee strammstehen.noch am selben Abend schrieb ich die Verweigerung.dann weiß ich noch wie ich in Solingen,wo ich schon gemustert worden war,zusammen mit meinem Vater bei so nem Typ im Büro sitz,mit dem Ziel noch rechtzeitig aus der Nummer rauszukommen.komisch,aber vom Inhalt des Gesprächs ist in meinem Hirn nichts übriggeblieben,ich weiß nur noch,daß ich drei Tage bevor der Horror losgehen sollte,die Verweigerung bestätigt bekam.im Nachhinein denke ich,daß auch die Zeit beim Bund mit Sicherheit ein paar Highlights gehabt hätte.egal ob das erste Lehrjahr in der GLW (damals bekannt für ihre humorlosen,saustrengen Ausbilder),die Therapie oder der Knast,alles Dinge,die mir vorher schlaflose Nächte beschert haben,waren im Nachhinein lehrreiche Erfahrungen und überall kam ich eigentlich ganz gut klar.allerdings möchte ich meine Zivizeit auch nicht missen…

  6. Pingback: unentgratet

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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