Ist dein Radio kaputt?

„Ist das Radio kaputt..?“

„Nein“, antwortete Mutter. „Wie kommst du da drauf?“

„Na, weil es nicht läuft. Du hörst doch immer Radio beim Spülen, und so..“

Ich war ein bisschen aufgebracht. Immer mehr kleine Rituale gingen den Bach runter. Zu Weihnachten baute Vater nur noch selten das mittelalterliche kleine Dorf unterm Christbaum auf, das Dorf mit den Kutschen und Burgen, dem duftendem Moos und den Puderzuckerwegen, wie er es seit unseren Kindertagen gemacht hatte. Dann verkauften meine Eltern ihren Wohnwagen, samt festem Stellplatz an der Bever. Viele Jahre waren sie jedes Wochenende zur Talsperre im Oberbergischen gefahren, bis sie plötzlich meinten, dass es nun genug sei, dass sie nun zu alt für einen Wohnwagen wären. Und jetzt lief nicht mal mehr Radio Luxemburg, wenn ich ab und zu zum Essen kam und Mutter beim Abwasch half. Ich war fertig mit der Welt.

„Ich höre schon lange kein Radio mehr in der Küche. Es ist dir bloß noch nicht aufgefallen“, meinte Mutter.

Ich wartete auf das leise Lächeln in ihrem Gesicht, wenn sie es gut mit jemandem meinte. Ein stilles In sich hinein-Lächeln, wie bei einem Goldschürfer, der ahnt, dass er auf eine Ader gestoßen ist, tief im Unterbauch. Aber sie konnte auch anders, sie konnte auch laut herausplatzen, wobei sie den Kopf schwungvoll in den Nacken warf, damit sie mehr Platz im Hals hatte – mehr Platz zum Lachen.

„Und warum?“

„Warum es dir noch nie aufgefallen ist..?“

Sie reichte mir zwei abgetrocknete Dessert-Tellerchen, und ich öffnete den Hängeschrank, um sie zu dem anderen Geschirr zu stellen.

„Nein, warum du keine Musik mehr hörst.“

„Warum mag man keine Musik mehr hören..“, meinte Mutter, wie zu sich selbst. Dann sah sie mich an, und aus der Bemerkung wurde wieder eine Frage. Niemand sagte etwas. Wir hörten Geräusche im Flur. Vater schlurfte ins Schlafzimmer, um sein Mittagsschläfchen zu halten. Ich sah in die traurigen Augen meiner Mutter und wünschte mir, sie in den Arm nehmen zu können. Ich stellte die zwei kleinen Teller ab, und schloss sie in den Arm.

 

*

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Um 1977

11 Gedanken zu „Ist dein Radio kaputt?

  1. glummi mit erstem Flaum-ein Kandidat für eine Rockerkarriere
    aber gute Stimmung im Familienkreis
    neben deiner Mutter
    ist doch nicht der Alte Daddy oder etwa doch?

  2. mein vater hat neulich gesagt: „lieder machen dir was vor, von dem du dann feststellst, dass man es nicht kriegt. das mag ich nicht mehr hören.“ ich hab dann leider nur die teller in den schrank stellen können.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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