Tage im Coppel-Park

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Bis in die frühen Sechzigerjahre war er der Botanische Garten der Stadt, und noch heute besticht der Coppel-Park durch konsequente Hanglage und verschiedenste Baumarten, unter anderem nordamerikanische Amberbäume, die im Herbst ihr glutrotes Laub abwerfen, wie aus dem Pizzaofen. Es gibt Ententeiche, Fledermäuse sowie Singvögel, die ob der unmittelbaren Nähe zum Penny-Markt Wupperstraße ihre Lieder knallhart kalkulieren.

Goldwespen sind hier zu Hause, eine Schar Stockenten und schwarze Teichhühner, eine Eule, die spätabends mit einer anderen, weiter entfernt sitzenden Eule kommuniziert, u-huuh-uhh..!, dass einem warm wird ums Herz, sowie ein Fischreiher, der aber nur sporadisch auftaucht. Ein junger Kerl, dessen Flügel kräftige Zeppelin-Schatten werfen, wenn er galant über die Wiesen hinwegsegelt. Ein furchtloser Bursche, im Gegensatz zu seinem Vorgänger. Der alte Fischreiher schlurfte durch die Luft wie eine Majestät, er war bedächtig und vorsichtig, eine Märchenfigur aus dem Orient. Sobald man ihm zu nah kam, schwang er sich auf und verschwand naserümpfend.

Einmal verfolgte ich seinen Flug. Sah zu, wie er eine ausladende Runde über die Anlage drehte und sich schliesslich auf einem der gegenüberliegenden Hausdächer niederliess. Komm, sagte ich zum Hund, den holen wir uns. Wir bewegten uns auf die Häuserzeile am Pappelweg zu, deren Rückfront zum Park zeigt. Davor Gartenparzellen, Blockhütten, Blumenrabatte.

Es dauerte seine Zeit.

Alle paar Schritte vergewisserte ich mich, dass er noch hoch oben auf dem Dachfirst stand. Bewegungslos zeichnete sich seine Silhouette gegen den Himmel ab. Ein stolzer Recke, der es nicht nötig hatte, die Stellung zu verändern. Erst als wir uns dem Haus bis auf zwanzig Meter näherten und nach oben blickten, entdeckte ich, das es gar nicht der alte Reiher war, sondern ein Wetterhühnchen, oben auf dem Dach. Oder wie die Viecher heissen. Windhühnchen. Arschlochhühnchen.

Komm, wir gehen.

#

Irgendwo in Parknähe gibt es eine rege Szene von Bookcrossern, die ständig Bücher freisetzt, wie sie das nennt, in Gefrierbeuteln verpackt wegen der Witterung. Schundromane zumeist, aber gelegentlich ist ein Treffer darunter. Das letzte Buch von Thomas Kling etwa, dem Maurer unter den deutschen Dichtern. Auswertung der Flugdaten wird sofort verhaftet und landet bei uns daheim auf dem Küchentisch und wird so schnell nicht wieder freigesetzt, wie es seine Bestimmung wäre, laut Lehrmeinung der Bookcrosser.

“Irgendwann muss so ein Buch auch mal ankommen dürfen”, meint die Gräfin weise und ich nicke angetan.

Das hat sie schön gesagt.

*

Da freut man sich ja immer, wenn man durch die Anlagen geht und beobachtet Kinder, die Sachen spielen, die man selbst als Kind schon gespielt hat. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann, Völkerball. Das ist natürlich nostalgischer Blödsinn. Sollen sie doch neue Spiele erfinden. Wofür hat man denn Kinder. Wer hat Muffen vorm weißen Vollweib.

ICH!

(Wenn es sich um die Ferres handelt.)

*

“Du bist manchmal so erschreckend nüchtern, da möchte man schreiend weglaufen”, meint sie und hält inne. “Dabei war ich mal so ein nettes Mädchen.”

Ich erkenne nicht ganz den Zusammenhang, zumal ich ihr bloß von einem alten Weinpenner erzählt hab, der mir im Park begegnet ist und so geheimnislos nach Pisse stank.

*

Abends sammeln sich die Enten am Teich, sie gründeln und tuscheln. Ein Erpel lacht auf, laut und unverschämt. Manchmal entwickelt sich aus dieser einzelnen Erpelmeinung ein Mannschaftsschnattern, so zynisch, man fühlt sich regelrecht veralbert und verfolgt. Wenn man den Park entnervt verlässt, zieht das Gelächter hinter einem her wie Blechbüchsen am Just Married-Wagen. Nur eben Schnatterbüchsen.

*

Im Coppel-Park, den ich gern als Abkürzung Richtung Innenstadt nutze, kommt mir der kleine Wiegand überfallartig entgegen.

„Ich kann meinen Kot nicht mehr halten!“ schreit er.

Erst will ich zur Seite wegspritzen und den Weg freimachen, aber so richtig dringend scheint die Sache nicht zu sein. Er hat ein Grinsen im Gesicht.

„Wie jetzt?“ frag ich.

Er erzählt, dass er gerade aus Friesland zurück ist, wo zwei seiner Kinder in einer Pflegefamilie leben. Einmal im Monat fährt er an die Küste und bleibt übers Wochenende.

„Ich hab mir auf der Rückfahrt in die Hosen geschissen, das gibts gar nicht.. Mann, hat das gestunken..!“

Es stellt sich heraus, dass er im ICE drei eiskalte Bier getrunken hat, und zuvor beim Weihnachts-Plätzchen-Backen mit den Kindern jede Menge Teig genascht hat.

„Na, dann ist das ja auch kein Wunder, wenn du dir in die Hosen scheisst.“

„Ja..?“

„Ja.“

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Den größeren der beiden Parkteiche teilen sich die Enten und Teichhühner mit zwei ausgesetzten Kois. Sie haben sich zu echten Brummern entwickelt, während sie die Herrschaft über das nährstoffreiche Gewässer übernommen haben. Sie sind meist gemeinsam unterwegs, zwei orangefarbene Unterseeboote auf Aufklärungsfahrt.

Ein in Ufernähe in den Teich gefallener Pfahl liegt waagerecht auf der Wasseroberfläche und dient den Kois als schicke Theke. Wenn die Sonne untergeht, sieht man die beiden Kameraden nebeneinander am Tresen stehen, inmitten von Schilf. Sie beratschlagen, was zu tun ist, planen den nächsten Tag und genehmigen sich ein Küppchen Teichwasser, frisch gezapft.

*

Im Hochsommer wird die Abendrunde mit dem Hund in den Park verlegt. Da ist es schön schattig, besonders in der Riviera-Ecke, wo vertrocknete Tannenzapfen unter den Sandalen zerbröseln, wo Pinien und Fichten wachsen. Sehnsuchtsholz, wie die Gräfin es nennt. An langen Sommerabenden, wenn die Sonne den ganzen Tag auf die Anlage gebrannt hat und die Dunkelheit anbricht, atmen die Tannen ihren harzigen Duft aus. Fledermäuse jagen durch die Luft, pfeilschnell und im Zickzack, dass man sich unwillkürlich wegduckt. Als wäre Militär unterwegs, Tarnkappenbomber, dunkle Park-Junta.

Es ist eine unwirkliche, fast bohemienhafte Atmosphäre. Man erwartet jeden Moment das Erscheinen einer großmäuligen Pariser Literaturlesbe um 1920, mit dem ebenso unwahrscheinlichen wie streng durchkomponierten Namen Calkutta Großmüller, doch – sie erscheint nicht.

Wahrscheinlich hat sie einen anderen Namen.

 *

Eine Dschungelhitze, stickige vierunddreißig Grad. Von den vielen Wetterberichten der vergangenen Tage befinden wir uns in permanenter Gewittererwartungshaltung, doch nichts rührt sich, die Luft bleibt schwer, die Gesichter verzerrt – Cro Magnon Menschen sind wir, Alt-Nomaden, die letzten Überlebenden auf der Flucht vor den Sonnenmassen.

Ich habe sogar im Bett seifige Füße.

Auf dem Weg in den Park komme ich am Mehrfamilienhaus vorbei, wo unterm Dach eine stämmige Mutter wohnt mit ihren beiden Teenager-Jungs. Man sieht die Frau selten ausserhalb ihrer Wohnung, nur im Sommer baumelt ihre Hand aus dem Wohnzimmerfenster und streift lässig die Zigarettenasche ab, während sie fernsieht oder mit ihren beiden Jungs quasselt, die in der Tiefe des Raumes vorm flackernden PC-Bildschirm sitzen.

“Maurice.. Maurice..! MAURICE!!!”

“Jaa, Mama…” (genervt).

“Sag mal, was hat die Töle von der dicken Zimmermann noch mal für ne ansteckende Krankheit? Wie heisst das?”

“Leptospirose.”

“Lebbot.. was!? Wie?”

“Leptospirose, Mama..!!”

“Kannst du das auch übersetzen, du freches Stück?!”

*

Einmal hab ich die Mutter dabei beobachtet, wie sie mit einem pitschnassen Handtuch nach Elstern schlug, die in der hohen Birke vor ihrem Fenster ein Nest bezogen hatten und sich keckernd in die Haare gerieten, ksch-ksch-KSCHSCH! RA-RA-RAAH!

„Macht iht wohl, dass ihr wegkommt, ihr Mistgeier!“

Cro Magnon-Menschen sind wir, Höhlenmenschen. Ein Klecks Kacke in der Weltgeschichte.

*

Im Coppel-Park, benannt nach dem jüdischen Unternehmer und Stifter Gustav Coppel, dessen Nachfahren die Nazis ins KZ verschleppten und ermordeten, steckt ein roter Luftballon in der Baumkrone fest, seit Tagen schon. So perfekt sitzt er da, so extra-festlich, als wäre jemand den Stamm hochgeklettert und hätte ihn da oben angebunden, doch die vielen Zweige, das dichte Astwerk verhindern ein Durchkommen, nein, unmöglich – der rote Luftballon war einfach in der Luft unterwegs und hat sich in der Baumspitze verfangen, fertig, aus.

So ist das. So einfach. Dennoch bleib ich stehen und verrenke mir den Hals und mach mir so meine Gedanken. Ich mein, so ein schöner knallroter Zufall..

“Ist kein Zufall, nein – ist Zeichen”, meint der schmächtige alte Pole auf der Parkbank. Ich hab ihn nicht gesehen, weil die Bank etwas im Abseits steht. Er trägt einen Pepita-Hut, der nagelneu aussieht. Und wie er so dasitzt, nach vorn gebeugt, die Hände überm Knauf seines Spazierstocks gekreuzt, kommt er mir vor wie ein Apostel.

“Ist Zeichen von Gott.”

Nun bin ich schon immer ein Freund von Zeichen gewesen, empfänglich für Gottes kleine Kommentare, doch das kann der Pole schlecht wissen. Oder sieht man mir die Hingabe schon an? Bin ich gezeichnet?

“Guten Tag”, nicke ich dem schmächtigen Alten mit dem Pepita-Hut zu, während ich weiter eile. Ich muß den Bus kriegen, ich muß nach Wuppertal, ich hab da was zu erledigen. Ich hab überhaupt keine Zeit für knallrote Luftballons.

“Ja, scheen Tag noch”, antwortet der alte Pole versonnen, und blickt nach oben.

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9 Gedanken zu „Tage im Coppel-Park

    • ob du es glaubst oder nicht, die kleine szene mit dem kl. wiegand hat es so gegeben, bis auf das (überflüssige) ende. das werd ich wohl auch rausnehmen. schätz ich.

  1. Vielleicht ist ja auch der knallrote Zufall nur ein Klecks Kacke in der Weltgeschichte?

    Was für eine klasse Wanderung, auf die ich da mitgenommen worden bin. Großes Kopfkino.

  2. Stark! Der alte Pole mit dem Spazierstock, auf dem Knauf die Hände gefaltet. Wie aus der Zeit gefallen. Ich habe drei Spazierstöcke geerbt, mit Stocknägeln, welche die Müngstener Brücke zeigen. War wohl ein Familienausflug in den 30er Jahren, von Unna her. Von dort aus ging man immer gerne über die Wupper. Danke für die Bilderflut, die beim Lesen im eigenen Kopf aufgerührt wird und rasch über Normal-Null ansteigt.

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