Fanny, Frau aus den Wupperbergen

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Ein Pinscher namens Benni, der hinter ihr her zockelt, lila Moonboots, knallroter Lippenstift und auf dem Kopf eine Frotteekappe, das ist Fanny, die wunderbare Fanny. Die Verrückte, die durchgeknallte Tante. Wo ist die denn laufen gegangen, hömma!? Kann ich euch sagen, wo die laufen gegangen ist: In einer bis zur Erschöpfung durchgestylten Welt ist Fanny laufen gegangen. Sie ist so offensichtlich uncool, so unüblich, dass die Leute stehen bleiben, sich nach ihr umdrehen und den Kopf schütteln.

*

„Lang nicht gesehen, ja!?“ tütet Fanny los, schon von weitem. „Ohh.. ich hab vielleicht Arthritis im Bein und Rückenschmerzen.. tut das weh. Das sind die Bandscheiben. Schlimm ist das. Haben Sie auch schon gehabt? Haben Sie bestimmt auch schon gehabt, Bandscheiben. Da kommt man hinten nicht mehr hoch, sag ich Ihnen.“

Sie taucht wie aus dem Nichts auf, tütet einen zu und taucht wieder ab, bis zum nächsten Mal. Sie ist alt und laut, sie ist rauflustig, sie fällt auf. Sie wackelt wie ein viktorianisches Schränkchen durch den Wald und singt alte Seemannslieder, mit Verve und Wehmut in der Stimme. Fanny, die Frau aus den Wupperbergen. Jede Wette, sie hätte ohne es zu ahnen Dada erfunden, hätte nicht in Zürich vor 100 Jahren schon jemand anders Dada erfunden.

Fanny ist keine Einheimische. Es sind stets die Zugreisten, die aus dem Raster fallen. Es erklärt sich aus der Geschichte des Bergischen Landes. Es waren Strolche und Tagediebe, aber auch Mörder, die früher aus den großen Städten am Rhein, aus Köln und Düsseldorf, vor der Obrigkeit flohen und in den undurchdringlichen Wäldern der Wupperberge Zuflucht suchten. Noch die Nachfahren verstecken sich gern in dunklen Hofschaften und möchten nicht gesehen werden.

Da bedarf es schon einer Zugereisten, will man etwas Leben in der Bude haben. Leute, die wie ein Schiffchen in den Wald stechen und schöne deutsche Seemannslieder singen. Und auf dem Kopf, was ist das, Fanny – ist das eine Narrenkappe?

„Hühner.. hab ich auch.. Na, Dingens.. Wie heissen die noch..? Hühner.. da unten am kleinen Zeh, Hühner.. o weh..  AUGEN! GENAU! HÜHNERAUGEN! Ich kann nur noch weiche Schuhe tragen!“

„Hab ich letztens gelesen, kriegt man mit Zitrone weg, so Hühneraugen. Hab ich mir direkt vier Stück gekauft. Müssen nach dem Baden auf die Zehen drauf, ist nur schwer mit dem Bücken, ist klar. Zum Arzt geh ich damit nicht, ich bin doch nicht verrückt, danach kann ich vier Tage nicht gehen. Nee, mein Freund, da kann ich drauf verzichten, auf so einen Arzt.“

„Schlimm ist das heutzutage. Guck mal, mit meiner Bandscheibe muss ich drei Wochen warten, bis ich beim Doktor in den Tunnel reinkomm. Drei Wochen warten! Für fünf Minuten Tunnel! Das sind Zustände heute.“

Ihr Rehpinscher Benni seufzt und lässt sich nieder. Warum lange in der Gegend rumstehen mit vier kurzen krummen Beinen. Wenn Frauchen erst mal lostütet, das dauert. Benni ist ein intelligenter, ein bodennaher Hund. Ich kenne da ganz andere Vertreter der Gattung Echter Hund. In deren Oberstübchen nur Appetit reinpasst. Appetit und Hinterlist, wie sich an noch mehr Futter herankommen lässt.

„Ich hab heute Nacht kein Auge zugemacht, wegen den Schmerzen im Rücken, können Sie mir glauben. Also, zu schon – aber dahinter war die Hölle los.“

„Geht auf die Pumpe, das Wetter. Ist Kreislaufwetter. Letzte Woche ist schon einer umgekippt bei uns oben auf der Strasse. So Kreislaufwetter ist das. Schlimm ist das. Gibt bald wieder Schnee. Heut Mittag mach ich Reis.“

Als sie uns vor Jahren das erste Mal über den Weg lief, das Make-up quer durchs Gesicht gerutscht wie ein schwerer Ausnahmefehler, mussten wir aufpassen, dass wir nicht loslachten. Mittlerweile freu ich mich richtig sie zu treffen. Fanny Katzenstein, tapfere kleine Rentnerin, immer unterwegs, immer unter Dampf, immer am Plappern. Sie schaukelt auf einen zu, stoppt abrupt ab, Stop and Go, das ist ihr Verkehr, im Vollbildmodus. Sie kann nicht anders. Wichtig ist allein das Wegkommen, das Aufzacksein.

All der Rückenwind.

*

“Und da ist ja auch der liebe Hund!”

Fanny greift nach Frau Moll, die sich das gefallen lässt, aus taktischen Gründen. Ein Leckerchen ist hier immer drin. Während Fanny beide Hunde mit Kaustangen abfüttert, versuche ich mir vorzustellen, wie sie wohl mit 18 ausgesehen haben mag. Ein heißes Rock’n Roll-Monster, ein Fetengerät. Eine knatschbunt gekleidete Jung-Bäuerin auf einem kommunistischen Kongress in Kiew, einem Dutzend Gefährtinnen voranschreitend, mit glühenden KPD-Bäckchen, die rote Bibel schwenkend, terrorlächelnd.

“Haben Sie heute schon den Bekloppten getroffen? Der mit dem Schäferhund? Der ist kriminell. Der ist rauschgiftsüchtig. Ganz rote Augen hat der. Der schlägt auch seine Frau. Man hört so manches. Gehässige Menschen gibt es, nicht wahr? Der lacht immer so dreckig, wenn er mich sieht. Der nimmt Rauschgift. BENNI! Bleib stehen! Komm zu Mami!”

Benni, zwölf Jahre alt, nach Adam Hunderiese also Mitte Achtzig, gehorcht nur, wenn ihm danach ist, was gelegentlich zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden alten Hasen führt. Einmal beobachtete ich Fanny, wie sie Benni an der Leine hinter sich her zog wie einen störrischen Würfel, den ganzen Kannenhof hoch.

Mit dem Rauschgiftsüchtigem meint sie Tim, einen in der Nachbarschaft wohnenden Personenschützer und Dauerkiffer, der mir seinerseits kürzlich von der verrückten Alten mit dem kleinen Hund erzählt hat.

“Die glaubt, mein Hund frisst ihren kleinen Kacker auf. Die ist voll bräsig, die Alte. Die hat sie nicht mehr alle.”

Nicht jeder mag verrückte Frauen, die durch die Welt stapfen und aus vollem Hals Gerüchte verbreiten, nicht jeder hat ein Faible für Außerirdische. Und sie ist ja nicht nur laut und schrill, sie ist auch noch ALT. Alte Menschen haben nicht laut zu leben, nicht mit knallrotem Lippenstift und lila Moonboots. Alte Menschen verstecken sich daheim, ihnen fehlt die gute Laune, “Seemann, lass das Träumen” zu schmettern, mitten im Landschaftsschutzgebiet.

*

Benni trottet lässig an uns vorüber. Frau Moll und er haben ein Stillhalteabkommen geschlossen. Sie ignorieren sich auf ganzer Linie. Sie sind Luft füreinander. Nicht mal schlechte Luft oder lästige Luft, nein, einfach nur – Luft.

Fanny stammt ursprünglich von der Küste, aus Schleswig-Holstein. Schon Ende der Fünfziger Jahre verschlug es sie ins Bergische Land, wo sie eine Stelle als Haushaltshilfe antrat, “beim Viehhändler Pott an der Hasseldelle, kennen Sie den?”

“Ja klar”, sag ich, “ich kenn deren Wiese, Potts Wiese. Da sind wir als Kinder Schlitten gefahren. Da war immer was los.”

“Ja, der hatte viele Ländereien und Milchkühe, der war nett, der alte Bauer, aber der ist früh gestorben. Der hatte es an der Lunge, der hat zu viel geraucht. Aber seine Frau, ich sag Ihnen, das war ein Besen. Die konnte mich nicht leiden, die hat mit weißen Taschentüchern hinter mir hergeputzt.”

Im Dezember wird Fanny 80 Jahre alt. Sie springt von Thema zu Thema und spricht so hastig, als würde sie Zwiebelchen hacken. Und wenn sie nicht gerade Hühneraugen hat und weiche Boots tragen muss, läuft sie in merkwürdigen Schuhen umher, einer Mischung aus Teufelshufe und Stöckelschuh. Der Boden unter ihrem Schuhwerk schimmert bläulich, wo immer sie hergeht, stehen bleibt und lostütet. Es ist das Indigo-Blau eines Edelsteins.

„Gestern bin ich mal rückwärts gegangen, hundert Meter, haben Sie auch schon mal gemacht, rückwärts gehen? Fühlt sich komisch an, ja? Man geht, aber man geht nicht.. drauf zu.“

Ihrer 57jährigen Tochter habe man den halben Magen wegoperiert, erzählt sie, “oh weh, sieht die schlecht aus, die raucht zu viel, vier Packungen am Tag, ist doch nicht normal, oder? Und all die Türken, mit denen sie rummacht, das bleibt doch nicht in den Kleidern hängen. Schlimm ist das. Ist doch nicht normal.”

Halben Satz später regt sie sich über einen Nachbarn auf, der ihr ständig am Fenster auflauert und nur darauf wartet, dass Benni sein Geschäft verrichtet, in den Blumenrabatten vorm Haus. “Wechseln Sie die Straßenseite!” schnauzt er Fanny heut Morgen an, “Ihr Hund kackt mir in die Blumen!” “Geht dich gar nichts an, auf welcher Seite ich hergehe”, gibt sie zurück. “Und jetzt mach die Luke zu, ich kann Karate.”

“Gehässige Menschen gibt es, nicht wahr? Schreit mich die Verkäuferin im Penny-Markt an, ich soll meinen Hund besser erziehen, nur weil der ein bißchen was kläfft, wenn ich am Einkaufen bin. Ja was denn? sag ich zu der Ollen, Sie quasseln doch auch den ganzen Tag, da kann mein Hund ja wohl mal bellen, oder nicht? Böse Menschen sind das, die haben Zerstörungswut, schöne Gummistiefel haben Sie an. Meine sind kaputt gegangen. Und die hier hab ich heut Morgen fast nicht an gekriegt, musste ich Sonnenblumenöl reinschmieren, die waren ja nass geworden gestern, die sind fast eingelaufen, bei dem Wetter. Und dann noch die ..die Augen.. hühner.”

Für einen Moment kehrt Ruhe ein. Im Geiste mach ich mir Notizen. Ich nehme erst mal alles mit, was die Heimat zu bieten hat – modrige Gerüche, Fixergeschichten, Fanny Katzenstein-Lieder.

„Bei meiner Schwägerin in Italien ist jetzt auch die zweite Brust weg. Schlimm ist das heutzutage.“

*

Einmal hörten wir Fanny schon aus der Ferne trällern.

“SEEMANN, LASS DAS TRÄUMEN..”, schallte es durch die Wupperberge, so kräftig und verwegen, dass die Krähen aufflogen. Die hatten ja keine Ahnung, was los war. Ob Untergang drohte. Eine Havarie vielleicht. “..DENK NICHT AN ZUHAUS, SEEMANN, WIND UND WELLEN RUFEN DICH HINAUS..”

Toller Sound. Großartiges Konzert. Aber natürlich, nicht jeder mag verrückte alte Frauen, die der Wupper entlang schaukeln und aus ganzer Seele Shantys trillern. Nicht jeder hat ein Faible für Außerirdische und alte Menschen. Die haben nicht laut zu singen, alte Menschen haben sich daheim zu verbergen. Alt werden ist eine andere Rasse. Ist unnormal. Alt werden ist, als führe man ein Doppelleben, an einem vergessenen Nebenarm.

*

Fanny wuchs als jüngste von 14 Kindern auf.

“Meine arme Mutter ist mit 41 gestorben, vom vielen Kinderkriegen.”

Fanny wollte als junges Mädchen Sängerin werden, aber ihre arme Mutter konnte ihr keine Ausbildung bezahlen. Dabei hat sie eine betörende Stimme, sie kann wunderbar den Ton halten. Selbst wenn sie ihren Pinscher ruft, Bennnni!, und dabei das “n” vor sich her rollt wie einen nasalen Steinzeitreifen, “singt sie schön”, so die Gräfin. Dennoch fühlte sich Fanny ein bisschen ertappt, damals, als wir sie mitten im Wald beim Singen überraschten. Damit hatte sie nicht gerechnet, dass ihr bei diesem schlimmen Kreislaufwetter Leute begegneten.

Einmal stellte sie meine Menschenkenntnis auf die Probe, und ich bin durchgefallen, mit Pauken und Trompeten. Ich weiss bis heute nicht, warum sie das erzählt hat, aber sie hat es erzählt und ich hab es ihr abgenommen. Angeblich war ein privater Tierschutzverein auf sie zugekommen und wollte ihr den Hund abnehmen, weil sie nicht gut für ihn sorgte. Als ich das hörte, war ich so erbost, dass ich gleich die Tante vom Tierschutz anrief und ihr die Leviten las. Leider stellte sich die Geschichte als kompletter Fake heraus. Ich war eine Weile ziemlich sauer auf Fanny, bestrafte sie mit Nichtbeachtung. Aber eben nur eine Weile. Wer so umwerfend singen kann, der darf schon mal daneben fassen.

Blöde Kuh.

*

Frau Moll schmiegt das Köpfchen an Fannys Handtasche. Da sind noch mehr Leckerchen drin. Frau Moll merkt sich jedes Täschchen, das einmal was springen liess. Fanny hat ihre ureigene Methode, Leckerchen rauszurücken. Ihre Handtasche, die sie vor sich her trägt wie einen Kochtopf, gerade von der Feuerstelle genommen, ist in Hundekreisen für die selbstgemachten Leckerchen berühmt. Allerdings verfüttert sie die kleinen Getreideplätzchen nicht so liebevoll, wie ältere Damen das zu tun pflegen, sondern schmeißt die Kamelle nach den Hunden wie ein Funkenmariechen vom Rosenmontagswagen. Die Hunde müssen sich schon sehr vorsehen, dass nichts ins Auge geht.

“Demnächst ist wieder Wupper in Flammen”, freut sich Fanny. Dann betritt sie wieder im original Plissee-Röckchen der Jitterburg-Ära die Wupperberge, auf dem Kopp den lila Pott und soviel Schminke im Gesicht, als wäre sie damit schon in der Nacht zuvor ins Bett gegangen.

Enorm, diese Person.

“DEINE HEIMAT IST DAS MEER, DEINE FREUNDE SIND DIE STERNE, ÜBER RIO UND SHANG-HAI..”

4 Gedanken zu „Fanny, Frau aus den Wupperbergen

  1. Ach Glumm…du hast bestimmt schon von Stiftung Tannenhof in Remscheid Lüttringhausen gehört.abgesehen,daß ich da selber mal auf Entgiftung war (nur ein Tag,dann war ich wieder weg.Schande über mich!(ich war so clever und wollte nicht auf die Warteliste,das ginge aber nur,wenn ich auf Metha verzichten würde,also komplett kalt.frag mich bitte nicht warum,ist aber wahr!eine Nacht hat gereicht)) ,zwei Freundinnen(Borderliner,Magersucht) und einen Freund (bipolar),die ich oft besucht habe,kenne ich auch zig alte Menschen,die irgendwann für ne Zeitlang da gelandet sind.ich glaub bei denen war die Diagnose Trauer und/oder Einsamkeit (behaupte ich als Hobbypsychologe).natürlich werden alle erstmal vollgepumpt mit Antidepressiva (bei einigen Patienten sicher nicht falsch),so oder so ähnlich stell ich mir Zombies vor,wenn sie weg geschossen über die Gänge schleichen.Kuckucksnest läßt grüßen,der ein oder andere Benzini ist auch dabei.der aus dem Film in dem Fall.na,jedenfalls ist in Tannenhofnähe der gute alte Schmittenbusch,der Wald meiner Kindheit (Schlittenfahren),Jugend (Erdpfeife rauchen oder auf Trips abfahren) und Gegenwart.Katrin und ich wissen,wo im Wald selten Hunde sind und dann wagen wir manchmal mit Schnucki,meiner Katze einen Spaziergang.wenn es zu gefährlich für sie scheint (zweimal ist sie von nem nicht angeleinten Dackel gejagt worden,ihre Kletterkünste haben sie gerettet),gehen Katrin und ich auch öfters alleine.man trifft IMMER alte Menschen aus’m Tanni,die uns zutexten.manchmal wird es schon anstrengend,aber das warme Gefühl der Menschlichkeit (?-mir fällt kein anderes Wort ein,weißt Du eins?) überwiegt eigentlich immer.sie können keinem was zu Leide tun (glaube ich zumindest) und sind einfach nur einsam.der ein oder andere singende oder Selbstgespräche führende Härtefall mit irrem Blick ist auch dabei.unser geliebter Wald der Alten und Bekloppten-könnt gerne mal vorbeikommen!

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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