Ich weiß nicht, wie es in Albanien ist, aber

Ich weiss nicht, wie es in Albanien ist, aber im restlichen Europa ist mir nur ein TV-Sender bekannt, der kein 24-Stunden-Vollprogramm hat und nach Sendeschluss weiterhin ein Testbild auf den Bildschirm stellt, so wie es in alten Zeiten gang und gäbe war: Nederland 3.

Da haben die Augen mal Pause, da hat man endlich noch mal das Gefühl, in einer Sommernacht raus auf den Balkon gehen zu dürfen und eine zu rauchen, auch wenn man längst nicht mehr raucht. Ein Testbild ist ein Trostpflaster, Balsam für geschundene Fernsehseelen. Zur Untermalung wird das Nachtarbeiterprogramm des staatlichen Radiosenders eingespeist, Gospelmusik mit Mahalia Jackson.

So ein Testbild hat Kästchen und ovale Kreise, die mit Farben aufgefüllt sind in allerhand Abstufungen, eine strenge Angelegenheit, etwas für Nerds, die gut mit Kästchen und Kreisen können. Man kennt solche Typen. Die machen Überstunden, ohne es zu merken, und wenn sie nachts nicht schlafen können, starren sie Standbilder an. Oder, so hört man, Ziegen.

Nun gibt es nicht allzu viele Berufe, denen ich nachtrauere, weil ich sie nicht ergriffen habe, aber einer dieser Berufe, denen ich nachtrauere, weil ich sie nicht ergriffen habe, nicht mal versuchsweise, ist der des TV-Redakteurs auf Nederland 3. Da steht mitten in der Nacht das Testbild auf dem Bildschirm und rührt sich nicht, ein Fels in der Brandung aller 24 Stunden-Vollprogramme, die niemals Ruhe geben. Die schreien ohne Ende.

“Da tät ich gern arbeiten”, meinte ich tags drauf im Job-Center, „bei Nederland 3, die nachts noch ein gesundes Testbild bringen”, und der Zuständige blickte mich an, als müsse er die Einweisung ins Landeskrankenhaus nur noch, hier unten bitte, gegenzeichnen.

Eingewiesen, wie gesehen,

gez. Bruchhausen

 

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Plutonium strahlt 24.000 Jahre.

Das ergab jetzt ein Langzeit-Test, der 22.000 v. Chr. begann und letzte Woche beendet wurde.

Bei einem kleinen Empfang nahe Kiew wurden herzhafte Plutonium-Teilchen gereicht.

 

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“Sieben Milliarden Menschen, das kann doch nicht gutgehen”, meinte die Gräfin erschrocken, als sie vom neuen Höchststand der Weltbevölkerung erfuhr.  “Glaubst du, die Menschheit will es bis hinauf zu Gott schaffen, mit einer 7-Milliarden-Räuberleiter..? Was meinst du?”

„Ja. Das ist möglich.“

Man hätte Statiker werden sollen.

 

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Wir rätselten hin und her, wie es gelingen könnte, die Zahl der Menschen auf der Erde signifikant zu verringern, und fanden schnell eine Lösung: Wir müssen bloß lernen, Nahrung nur noch virtuell aufzunehmen. Dann haben wir in einem ersten Schritt sieben Milliarden total dünne Menschen.

Danach muss man weitersehen.

 

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Nachdem wir verärgert feststellen mussten, dass ausrangierte Brennstäbe aus deutschen Kernkraftwerken bei uns im Hinterhof zwischengelagert werden, in doppelt Cellophan verpackt, rief ich beim Deutschen Atomforum an.

“Sagen Sie – finden Sie das in Ordnung?”

“Bitte sehr?”

“Dass ihr euren Müll bei uns hinkippt?!”

„Mit wem spreche ich?“

„Glumm. Herr Glumm.“

„Ach, der Herr Glumm.. Momentchen.. ich verbinde.”

Kleine Pause mit Cäsiummusik. Dann das Schnarren einer Liquidatorenstimme.

“Was wollt ihr denn noch!??”

“Hm….?”

“Wie, hm??! Das heisst bitte! Spreche ich nicht mit Endlager Glumm??”

“Endlager..? Wie Endlager?”

“Schnauze! Was wollt ihr denn noch? Ihr habt Luft zum Atmen, ihr habt Internetanschluss und eine schöne Kaffeemaschine, also, bei aller Liebe zum Pöbel, aber irgendwann muss auch mal gut sein! Und wo ich Sie gerade an der Strippe habe: Ihre Badewanne ist nächsten Monat als Abklingbecken gebucht. Guten Tag.”

Das informelle Gespräch war beendet.

 

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Zwischenblutungen und Riemchensandalen sind  Dinge, die sollten Freundinnen lieber unter sich bekakeln, daran hat kein in groben Zügen halbwegs normaler Mann Interesse. Im Gegenzug möchte auch keine Frau etwas hören von koffergroßer Prostata und juckenden Hämorrhoiden.

“Allein das Wort jucken verursacht bei mir in diesem Zusammenhang.. gelinde gesagt.. Desinteresse”, so die Gräfin.

 

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Das kleine windschiefe Häuschen am Stöckerberg war vor dem Krieg ein stattliches dreigeschossiges Schieferhaus gewesen, in der Bombennacht 1944 fiel es in Schutt und Asche. Mein Großvater baute es 1946 eigenhändig wieder auf, doch weil nach dem Krieg Geld und Material knapp waren, reichte es nur noch zum einstöckigen Häuschen, in dessen Keller später die Werkstatt meines Vaters untergebracht war, der sich als Gas-und Wasserinstallateur selbständig gemacht hatte.

“Bei deinem Opa in der Küche fühlte man sich wie in einer Puppenstube”, meint die Gräfin, die Großvater zum 90. Geburtstag  ein klingendes Glückwunschtelegramm überbrachte, damals jobbte sie als Eilbotin bei der Deutschen Post. “Wenn man das Häuschen betrat, erwartete man automatisch winziges Geschirr und Messerchen.”

Opa hatte ihr persönlich geöffnet, obwohl das Häuschen voller Gäste war an diesem Tag im Mai 1990. In der  Hand hielt er eine angebrochene Flasche Korn, und er liess sich nicht davon abbringen, dass sie ihm zu Ehren einen mittrinken müsse, “Depeschen ausfahren hin oder her.”

“Also musste ich mich in der Puppenstubenküche auf die Eckbank zwängen und zwischen den alten Männern ein Schnäpschen trinken. Und da erst erkannte mich dein Opa und wusste, wo er mich hinstecken sollte. Du bist doch dat Kleen vom Andreas, dröhnte er und schenkte noch einen ein. Ich muss noch fahren, protestierte ich, doch das liess er nicht gelten. Wenn die Schmiere dich anhält, schiebst du alle Schuld auf den aulen Bock aus dem kleinen windschiefen Häuschen am Stöckerberg. Dat klappt schon.”

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Ist euch das auch schon aufgefallen? Man hört kaum noch, dass dieser oder jener Mensch ein gutes Herz habe. Gibt es keine guten Herzen mehr? Sind die ausgegangen? Ist die Luft aus den Schläuchen?

 

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“Sollte es jemals soweit kommen, dass ich mir das Leben nehmen will, dann geh ich ins Wasser”, sagte sie einmal zu mir. Eine sehr weibliche Art des Todes. Sehr sehnsuchtsvoll.

Ich kenne das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen, und seither weiss ich, dass diese Art des Freitods für mich ausscheidet. Ich hab zweimal im Leben keine Luft mehr gekriegt. Einmal war ich als Junge Sonntags beim Spiel unserer Ersten Mannschaft unten in Kohlfurth. Mir war langweilig, ich turnte am Geländer herum, das die Zuschauer vom Spielfeld trennt, und versuchte einen Feldaufschwung wie im Turnunterricht, doch der Holm des Geländers war zu dick, ich verlor den Halt und stürzte zu Boden. Das Geländer war nicht sehr hoch, einen guten Meter vielleicht, aber ich landete genau auf dem Rücken, da, wo die Lunge sitzt, und augenblicklich blieb mir die Luft weg.

Wer keine  Luft mehr kriegt, der sagt keinen Ton, der schreit nicht rum, der ist ganz still in seiner Panik. Er hat ja keine Puste zum Schreien. Der hat eher solch überraschte Gedanken wie: jetzt sterbe ich..? Ich soll jetzt sterben?! Ich war zehn Jahre alt. Meine Atmung war blockiert. Niemand bemerkte etwas von meinem Todeskampf. Es fühlte sich merkwürdig weich und matt in meinem Innern an. Erst als die Angst kam, änderte sich das Gefühl. Plötzlich war da ein Brennen. Sterben ist wie Brennen. Und dann, ganz plötzlich, ging es wieder. Ich atmete. Erst langsam, fast zögernd, dann tiefer. Ein schönes Gefühl, wieder atmen zu können, wenn man eine Weile nicht atmen konnte.

Das zweite Mal keine Luft kriegen war eine Ecke heftiger, ein Asthmaanfall 1995, aber  ich hab keine Lust mehr über solche Sachen zu reden.

 

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