Der unwiderstehliche Drang grinsen zu müssen

Auf die Unke war Verlass. Sie war zur verabredeten Zeit am verabredeten Ort und sie streckte das Pulver nicht noch zusätzlich mit Mörtelstaub, Backpulver oder zerriebenen Hufnägeln, oder was die Leute sich noch alles einfallen liessen, um die Verkaufsmenge nochmals zu vergrößern. Und wenn es einem dreckig ging und man hatte nur wenig Bares auf der Tasche, packte sie gratis schon mal eine Messerspitze drauf. (Aber auch nur eine.) Nein, ihre wenigen, streng nach Solvenz ausgesuchten Stammkunden konnten sich nicht beschweren. Sie stand zu ihrem Wort, sie linkte niemanden, und vorallem, man musste selten auf sie warten.

Ausnahme: Wenn es irgendwo im Geflecht der Großdealer, Zwischenmänner und Ameisen zu Verzögerungen kam, und sie, die Unke, war selbst angeschissen und wartete auf die Lieferung. Das kam vor. Dann hockte man als Endkunde am Telefon und ersehnte ihren Anruf, ihre erlösenden, schattig hervorgestossenen Worte, “.. los, mach dich auf die Socken.” Aber das konnte dauern, bis es soweit war, und es strapazierte die Lachmuskeln. Die Lachmuskeln?

Ja, genau – die Lachmuskeln.

Es ist ein Phänomen. Ich hab einiges über Heroin gelesen, Biografien von süchtigen Rockstars, ärztliche Bulletins, Timothy Leary, Christiane F., doch dieses Phänomen ist bislang im literarischen Dunkel geblieben: dieses verfluchte Grinsenmüssen, wenn der Entzug naht. Es ist das schwarze Loch der Opiumkunde. Nicht mal in Trainspotting hab ich darüber gelesen. (Auch wenn ich mir da nicht hundertprozentig sicher bin, denn Trainspotting verschlang ich 1999, auf dem Höhepunkt meiner Sucht.)

Das Grinsenmüssen, dieser unwiderstehlich dämliche Drang, die Mundwinkel hochzuziehen, geschieht in dem schmalen Zeitkorridor, in dem das letzte Quentchen Heroin gerade dabei ist, den Körper zu verlassen, wenn nur noch klägliche Opiumreste durch deine Zellen spuken und du dich fühlst, als säßest du in einer Geisterbahn. Das sind jene verqueren Momente, wo jeder Junkie ein albernes Kichern im Gesicht hat, ob er will oder nicht. Er kann nichts dagen tun. Es lässt sich nicht unterdrücken. Es ist wie früher als Kind, wenn du spürst, dass du es nicht mehr nach Hause schaffst, dass du dir jeden Moment in die Hosen machst. Folge: ein unwillkürliches Ziehen und Drängeln, auf das man zu gern verzichten würde. Man grinst wie blöde, dabei gibt es nichts zu lachen. Im Gegenteil.

(Wir fuhren mal auf der Autobahn Richtung Rotterdam, und 100 Kilometer, bevor wir die Stadt erreichten, gings los. Egal, welcher Song im Radio lief, wir lachten uns schief. Es war, als säßen wir auf Furzkissen und waren 12 Jahre alt. Es war zum Kotzen, weil jeder Süchtige weiß, dass dieser Zustand nicht lange anhält. Schon bald kommt der Durchfall und es beginnt in den Knochen und Gedärmen zu rumoren und zu ziehen. Dann lacht niemand mehr. Noch hundert Kilometer.)

So gesehen ist das alberne kleine Gegeier nichts anderes als das letzte Symptom vor dem echten Entzug. Kein Wunder, dass ich darüber noch nie etwas gelesen habe. Es ist einfach zu dämlich. Aber es passiert, es passiert auf der ganzen Welt. Es passiert im heroinsüchtigen Illinois, im heroinsüchtigen Paris und in Potsdam, in Peking auch, klar, die alten Opiumraucher lachen sich doch scheckig in der Provinz, hunderttausendfach, Tag für Tag, Nacht für Nacht, wenn sie affig werden.

*

Zeichnete sich schon im Vorfeld ab, dass es zu größeren Verzögerungen kommen würde, besorgte die Unke für uns Stammkunden etwas Methadon, damit wir auch ohne Heroin über die Runde kamen. Damals nahm ich zum ersten Mal Methadon und war erstaunt, wie gut es wirkte. Anstatt einen Tag im Bett abzuhängen, konnte ich Dinge erledigen und mich dabei auch noch frisch und ausgeruht fühlen. Methadon wurde 1937  in Deutschland erfunden – wo sonst. Bayer Wuppertal erfand Heroin, Hoechst in Frankfurt Methadon – das alte Deutschland machte uns immer noch fertig.

Die Unke drückte jedem ein kleines Apothekenfläschchen in die Hand, gefüllt mit einer Tagesration. Beziehungsmarketing nannte sie das, und es war nicht so, dass sie dabei mit den Augen zwinkerte, sie meinte es durchaus ernst. Humor war nicht ihr Ding. Sie war eine strenge Person. Sie hätte ins Biedermeier gepasst, und man konnte sie sich gut in einem Französischen Orden für gefallene Gouvernanten vorstellen.

Sie hielt sich strikt im Hintergrund, selbst in der Szene war sie kaum bekannt. Sie war supervorsichtig. Sie belieferte exakt drei Kunden, damit erst gar kein Gerede aufkommen konnte. Sie hatte panische Angst davor, im Knast zu enden. Da sie einem regulären Bürojob nachging, empfing sie ihr Kundschaft erst nach Feierabend, einen nach dem anderen. Eins, zwei, drei. Jeder bekam eine Viertelstunde. Als Dealerin war sie perfekt, sie war ein gut geöltes Maschinchen, und sie liess uns niemals hängen.

Die Unke arbeitete von neun bis fünf. Wo genau wusste niemand. Sie machte ein Geheimnis daraus, damit von uns Klotzköpfen bloß niemand auf die Idee kam, auf der Arbeit anzurufen, um auf die Schnelle einen Fuffie klarzumachen. Irgendein Architekturbüro, vermutete der dicke Ben. Der dicke Ben war ein pausbäckiges Hundertkilo-Schlachtschiff, das gern zum Schnellchinesen ging und mit seiner Körperhygiene haderte. Aus der Ferne sah Ben manchmal aus, als trüge er einen Sepplhut, dabei hatte er bloß das Haar eine ganze Weile nicht gewaschen. Der dicke Ben gehörte nicht wirklich zu den Stammkunden der Unke, aber er wohnte um die Ecke und kannte sie aus alten Zeiten, sie waren gemeinsam zur Schule gegangen, also kam er ab und zu vorbei, aber nur nach vorheriger Anmeldung.

Wenn die Unke in der Grundschule einen Jungen küssen wollte und der zierte sich, verpasste sie ihm eine Ohrfeige, verriet uns Ben. Und dass die Unke eigentlich Alkoholikerin sei und nur deswegen mit Heroin angefangen hätte, um vom Alk wegzukommen. Na und – jeder hat sein Motiv, sagte ich. Man wusste ausserdem nicht, ob der dicke Ben Unfug erzählte, weil er gekränkt war. Er wäre selbst gern in den Kundenstamm aufgerückt, doch die Unke liess ihn zappeln.

Der dicke Ben stinkt, sagte sie. Ich kenn ihn noch von früher, aus der 2b. Da hat er auch schon gestunken.

Dagegen duftete die Unke, als wäre sie gerade dem Dampfbad entstiegen. Sie empfing einen mit einer Wolke aus Patschuli und die Wangen glühten wie Ceranfelder. Auf ihrer Fensterbank stand eine ganze Batterie der verschiedensten Wässerchen und Duftöle. Niemand, der sie auf der Strasse sah, wäre auf die Idee gekommen, dass sie heroinsüchtig war. Sie zählte zu den Menschen, die ihre Zukunft streng in graden und ungraden Kalenderwochen aufteilten und die einen verständnislos anglotzten, wenn man sie verständnislos anglotzte, weil man mit Kalenderwochen, ob gerade oder ungerade, nicht viel am Hut hatte, ausser dem Wissen, dass es sie gab, in unserer Zeitrechnung.

Wir Stammkunden kannte die Unke gut genug, um zu wissen, dass sie für eventuelle Notfälle stets etwas Heroin gebunkert hatte, für den Eigenbedarf. Sie war ja ebenso süchtig wie wir. Aber das hätte jeder von uns an ihrer Stelle genauso gemacht. Und ebenso klar war, dass noch so viel Bitten und Betteln keinen Sinn machte, von ihrem geheimen Vorrat würde sie nicht einen Krümel abdrücken. Ansonsten aber sorgte die Unke für uns wie eine Mutter. Sie war eine treue Seele, eine Krämerseele, und sie war eine Kauffrau.

Die Gräfin kannte die Unke aus ganz alten Teeniezeiten, als sie noch ein naives Hippiemädchen war und zu den Doors und Stairway to heaven tanzte, mit wippendem Busen, im Haus Groh in Haan, einer der Freak-Discos der späten 70er Jahr, immer gut gelaunt und ein Batikhemd am Leib.

Wenn alles seinen gewohnten Lauf nahm, saß sie Punkt halb sechs mit stämmigen und ungeheuer weißen Schenkeln in ihrem überheizten Wohnzimmer und arbeitete auf der elektronischen Feinwaage nacheinander die Bestellungen ab. Sie trug Shorts und hieß Jutta, aber jeder nannte sie nur die Unke. Es lag an ihren Augen. Sie wölbten sich aus den Höhlen hervor wie Froschaugen, und sie schwammen in Tränenflüssigkeit. Es war, als hätte sie ein Depot angelegt, um jederzeit Zugriff auf ihre Tränen zu haben. Eine taurige Fröschin. Sie hätte eigentlich an einem feuchten Tümpel leben müssen, doch sie wohnte in einer hellen trockenen Drei-Zimmer-Wohnung im zweiten Stock, und in der Luft hing dieser schwere süßliche Geruch von Patschuli.

*

Ich war nur in ihren erlauchten Kundenkreis gerutscht, weil ex-Kunde No. 3 für 24 Monate in den Bau musste. Selbst bei guter Führung und Entlassung auf zwei Drittel war er für mindestens anderthalb Jahre weg vom Fenster. Ich kannte ihn nur vom Sehen, wusste aber, dass es das übliche Junkiespiel gewesen war. Das Gericht hatte ihn aufgrund irgendwelcher halbgarer Aussagen verknackt, die andere Süchtige in der U-Haft gemacht hatten. Da ließ man sie so lange ohne Heroin oder Methadon zappeln, bis es ihnen schlecht genug ging und sie irgendeinen Scheiß verzapften, irgendwelche belastende Aussagen machten, ob die nun der Wahrheit entsprachen oder nicht, wen juckte das schon. Was bei jedem anderen Delikt kaum zu einem Verfahren geschweigedenn zu einer Verurteilung gereicht hätte, wird bei Rauschgift abgenickt, alles geht durch, die lächerlichsten Beschuldigungen – warum, weil so viele vom Elend der Junkies profitierten.

Junkies versorgen eine ganze Maschinerie aus jungen Kripobeamten, die sich ihre ersten Sporen verdienen, aus desillusionierten Drogenberatern, Gefängniswärtern und Psychologen, aus Bewährungshelfern, überforderten Ärzten, Arzthelferinnen, Apothekern, Gesundheitsamtmitarbeitern, Justizangestellten, Zollbeamten und Mafiosi. Jeder will ein Stück abhaben vom Junkie, der in aller Regel nichts anders tut, als sich selbst zugrunde zu richten. Und dafür wird er auch noch bestraft und in eine Zelle gesteckt.

Dabei gibt es so viel größere Arschlochberufe als Heroinhändler. Holzfäller ist ein Arschlochberuf, Matrose auf einer Hochsee-Fischfangflotte, Kontrolleur im öffentlichen Nahverkehr, Lobbyist. Aber wer kriegt immer auf die Mütze? Die armen Heroinhändler kriegen immer auf die Mütze.

Es ist beschämend. Es ist zum Kotzen. Die Preise für schmutziges Strassenheroin bleiben gegen jede Marktregel von Nachfrage und Angebot in künstlichen Höhen, weil der Staat sich seit Jahrzehnten anmaßt, die eine Droge als illegal zu brandmarken und damit dem Schwarzmarkt auszuliefern, während die andere Droge, Alkohol, billig und sauber in jedem Dorfkiosk zu kaufen ist. Du stellst dich an jede beliebige Strassenecke, setzt eine Flasche Wodka an den Hals und säufst dich zu Tode, ohne dass es jemand kümmert. Und für einen Fliegenschiss Heroin wanderst du in den Bau.

Es war grotesk. Ein Gramm gepanschtes Heroin kostete 100 Mark auf der Strasse, man wurde krank davon und wusste nie, welcher Zwischenhändler welches Streckmittel benutzt hatte, es war jedes Mal ein Vabanquespiel mit der Intensivstation. Was ein Gramm sauberes Heroin gekostet hätte? Fünf Mark, vielleicht zehn Mark, und der Hersteller hätte dabei immer noch seinen Schnitt gemacht. Aber Junkies haben keine Lobby, es kümmert niemanden, was mit ihnen geschieht. Junkies kümmern sich nicht mal um sich selbst, und sie stecken ständig in der Scheiße.

*

Nummer 3 war also weg vom Fenster. Die Unke erkundigte sich bei ihren beiden verbliebenen Kunden, wer denn nun die neue Nummer 3 werden sollte. Sie war eine altgediente Gewerkschafterin, der das Mitspracherecht der Arbeitnehmer noch etwas galt. Sie war der Boss.

“Hat einer ne Idee?”

Sie hatte bloß eine Vorgabe: Der neue Kunde musste zuverlässig sein und arbeiten gehen. Mitch schlug mich vor, weil er wusste, dass ich auf der Suche nach einem neuen Dealer war. Mein alter hatte die Dealerei von einem auf den anderen Tag an den Nagel gehangen, weil er Vater geworden war. Ich war zuverlässig, ich jobbte als Nachtportier. Und so wurde ich die neue No. 3 der Unke.

Mitch, die laufende No. 2, kannte ich nicht erst aus Drogenzusammenhängen, wir waren uns schon früher im Haus der Jugend über den Weg gelaufen. Er hatte riesige Pranken, echte Werkzeugmacherhände, mit denen er eine Weile zum Flipper-King der Stadt aufgestiegen war, in den späten Siebzigern. Zwanzig Jahre später war er schwerst alkohol- und heroinabhängig und ging niemals ohne Taschenbuch aus dem Haus. Es musste schon ein ordentlicher Schinken sein, ein Fantasy-Roman nicht unter Minimum 700 Seiten.

Die Exemplare waren zumeist komplett zerlesen, voller Eselsohren, die Cover faltig und eingerissen und von fettigen Chipsfingern betatscht, doch egal, für Mitch war ein Buch in der Hand überlebenswichtig. Ein Buch in der Hand half ihm, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Er hatte es drauf, lange Strecken mit dem Schmöker in der Hand zurückzulegen, und er las wirklich darin, er tat nicht nur so. Eigentlich war Mitch nicht nur heroin- uns alkoholabhängig, er war auch lesestoffsüchtig.

“Voll polytoxikoman, wa”, lachte er.

Die laufende No.1 im Kundenkreis der Unke war ein schmächtiger stiller Junge mit langem krausen Haar, ein ehemaliger Liebhaber der Unke. Er machte nicht viel Worte, ein sanfter naiver Hippie, irgendwie übriggeblieben. Er kam mit harten Drogen nicht zurecht, und er wurde immer sonderbarer. Er war davon überzeugt, dass sein Handy überwacht wurde, und nachts glaubte er den Funkverkehr der Bullen unter seinem Fenster zu hören und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Zuletzt zitterte er beim fernsten Getrappel im Hausflur am ganzen Leib, und wenn es dann auch noch klingelte, schmiss er sein letztes Pulver ins Klo und zog hektisch ab. Es hatte ihn voll erwischt. Er sah überall Bullen.

“Glaubst du, ich bin langsam panne?” fragte er mich, und ich antwortete lange nicht darauf. Meine Worte standen in der Luft, ich musste nichts sagen. Er ließ sich ins LKH einweisen, freiwillig, bevor andere es für ihn getan hätten. Ich sah ihn nie wieder.

*

Nachdem ich es in die Stadt geschafft hatte, schob ich das Rad in den Hausflur und lief die drei Stockwerke hoch. Oben angekommen drückte ich die Klingel der Unke. 1x kurz, 1x lang. Auf dieses ausgefallene Klingelzeichen wäre kein Bulle je gekommen.

“Die Tür ist offen!” hörte ich sie schnaufen. Ihre Nasenscheidewand war vom jahrelangen Sniefen porös geworden, sie klang wie eine Art marodes Brauereipferd. “Komm rein.”

Die Unke saß am Wohnzimmertisch, mit ihren stämmigen und ungeheuer weißen Schenkeln. Der Tisch war über und über mit Zigarettenfiltern, Aluminiumfolie und anderen Utensilien übersät.

“Hallo”, keuchte ich.

Erledigt vom Radfahren und dem beginnenden Affen fiel ich in den Ohrensessel, einem gemütlichen Altertümchen, das sie vor Jahren auf einem Flohmarkt in Antwerpen erstanden hatte, damals, als sie noch clean und ansehnlich gewesen war. Keine Schönheit, das nicht, aber wild, eine Art Büro-Janis Joplin. Der Schweiß tropfte mir aufs T-Shirt.

“Willst du dich was frisch machen..?”

“Nee, schon okay”, sagte ich.

Sie grinste bräsig. Erst da ging mir auf, wie sie das meinte, mit dem Frischmachen.

“Ja, klar”, beeilte ich mich.

Frischmachen bedeutete: Junge, du siehst irgendwie scheiße aus, komm, ich streu dir erstmal ne Strasse. Zieh das erst mal weg, dann sehen wir weiter. Werd erstmal mal wieder Mensch.

“Mann.. du schwitzt ja wie ein Schwein..”, näselte sie.

Ich stöhnte zustimmend. Sie reichte eine Illustrierte rüber, auf der etwas Pulver zu einer kleinen braunen Pyramide aufgeschichtet war.

“In zehn Minuten musst du dich aber vom Acker machen, dann hab ich ein anderes Date.”

“Na und? Ich kenn doch deine Leute.”

Weil sie nicht antwortete, blinzelte ich zu ihr rüber. Ihre Augen waren zugefallen, der Mund stand offen wie eine Garage, und ganz langsam, Etage für Etage, sank das Kinn auf ihre Brust. Sie dämmerte weg. Braunes Pulver, feucht geworden vom Nasenrotz, sickerte aus ihrer Nase. Sie war breit wie tausend Russen. Sekundenschlaf. Der konnte dauern.

Ich schnupfte die Pyramide weg, die sie mir zuvor auf der Zeitschrift, Gala, rübergereicht hatte, und als sie anfing leise zu schnorcheln, nahm ich das Holzbrett ins Visier, das vor ihr auf dem Tisch lag. Den Hügel Pulver darauf schätzte ich auf vierzig, vielleicht fünfzig Gramm. Ich beugte mich vorsichtig über den Tisch, ohne das geringste Geräusch zu verursachen, und trug eine gute Messerspitze vom Pulverhügel ab. Ich lehnte mich zurück und streute mir eine lange Line, die ich so rasch wie möglich wegsniefte. Dann lehnte ich mich zurück. Ich hatte Gänsehaut, und mir war kotzübel, und ich war überglücklich.

Sie wohnte in zentraler Lage, am Busbahnhof. Man hörte das Surren der startenden Oberleitungsbusse, das Geschrei von Teenagern. Ich schielte immer noch auf das Holzbrett. Auf den Hügel darauf. Warum hatte ich nicht mehr genommen? Sie würde es gar nicht bemerken, die ein oder zwei Gramm weniger. Und selbst wenn. Sie hatte erst am Nachmittag Nachschub bekommen, sie war frisch wie lange nicht. Ich saß da und starrte den Hügel an. Den Fetisch.

“Wieviel?” murmelte die Unke plötzlich.

“Was..?”

“Wieviel du willst.”

Aufgeschreckt kramte ich die Geldscheine aus der Hosentasche. So schnell, wie sie weggesackt war, war sie auch wieder zu sich gekommen.

“Zweihundert”, sagte ich. Ich wusste nicht, was sie mitbekommen hatte und was nicht. Mein Herz schlug wie verrückt.

“Zwei Blaue willst du? Hey.. hast du im Lotto gewonnen?!” Sie kicherte und machte die Bestellung fertig.

*

Auf dem Rückweg hielt ich vor einem Altbau an der Florastrasse. Ich hatte kaum mein Rad abgeschlossen, schon riss Felix das Fenster auf.

“Komm rauf, Alter..!”

Ich wurde sehnsüchtig erwartet. Ich war überfällig. Die zweihundert Mark waren ja nicht von mir gewesen, ich hatte die Kohle zuvor in der WG eingesammelt. Die WG bestand aus zwei Jungs und einem Mädel, Anfang Zwanzig, auf dem Weg in die Sucht. Sie hatten die Kohle zusammengeschmissen. Ich lieferte ihnen 1,4 Gramm ab. Für zwei Blaue. Was ein scheiß Kurs. Die Unke war von ihrem Lieferanten beschissen worden, dann hatte sie mich beschissen, nun beschiss ich die Greenhorns von der Florastrasse. Es war eine einzige groß Bescheißerei und kein Ende in Sicht. Immerhin war das Material korrekt.

Ob die drei wohl auch noch jemanden bescheißen würden, fragte ich mich, nachdem ich mich so schnell wie möglich verabschiedet hatte. Noch im Hausflur begegnete mir ein verschwitztes junges Mädchen, dem es nicht gut ging. Es hechelte die Stufen hoch, und drückte die Klingel.

“Ist offen..!” hörte ich noch.

*

Im Herbst häuften sich Verspätungen und Lieferausfälle. Auch das Methadon floss nicht mehr, um uns Kunden bei Laune zu halten. Jetzt hiess es immer öfter improvisieren. Zur Not liess ich mich sogar auf der Platte sehen, was ich sonst tunlichst vermieden hatte. Wenn ich irgendetwas nicht gebrauchen konnte, dann Geschäfte im Scheinwerferkegel der Drogenfahndung abzuwickeln.

Sieh zu, dass du jemanden in der Hinterhand hast, falls die Unke demnächst ganz ausfällt, dachte ich, ich war ja ein schlaues Kerlchen. Einen Dealer hat man immer nur auf Zeit. Irgendwann steht man unten an der Tür, klingelt das verabredete Klingelzeichen, aber niemand öffnet. Niemand geht ans Handy. Einen Tag lang nicht, zwei Tage nicht. Dann wissen alle Bescheid. Entweder die Connection ist tot oder sie ist geplatzt.

Und in diesen Zusammenhängen lernte ich nun Toni kennen. Noch so ein verdammter Schlaumeier. Er machte eine Ausbildung zum Werkzeugmacher. Lief den ganzen Tag im Blaumann durch die Gegend, selbst in seiner Freizeit und erst recht beim Verschecken. Der Blaumann schien ihm die perfekte Tarnung. Wer beobachtet schon einen Handwerker, der einem Mann die Hand gibt, wenn man sich zufällig auf der Strasse trifft. Dass dabei Heroin-Bubbles gegen Drogengeld getauscht werden, ja, mein Gott, Herr Vorsitzender, das konnte doch nun wirklich niemand ahnen.

Toni lebte mit einer Italienerin und ihren zwei kleinen Kindern in einer heruntergekommenen Sozialwohnung, bei deren Betreten mich jedes Mal das Gefühl überkam, ich würde in einen Erdbunker hinabsteigen, ins dunkle Verliess von Ali Baba. Ein bisschen schämten sich die beiden, in dieser Bude zu hausen, auf nicht mal anderthalb Zimmern und einem Klo, das diesen Namen nicht verdiente. Es bestand aus einem Wassereimer, der halb gefüllt oben hinterm WC hing und mittels einer Strippe aktiviert werden musste, um den Pott zu fluten. Kleine Geschäfte gingen auf diese Weise runter, bei großen Geschäften musste man schon mal per Hand nachhelfen. Es war jedes Mal eine Stippvisite in der Dritten Welt, bei Toni und Gina Stoff zu kaufen. Wer spätabends kam, musste leise sein, weil die Kinder schon schliefen, also saß man um den Tisch herum und lauschte Radio Monte Carlo.

*

Fünfzehn Jahre später sah ich ihn auf der Strasse wieder, wir fielen uns in die Arme. Es regnete, wir gingen ein paar gemeinsame Schritte unterm Regenschirm, wie Brüder. Er war rasiert, er war schlank, er war clean. Er sah große Klasse aus. Dass wir nicht kurz Volare anstimmten, cantare, war alles.

Obwohl ich mich aus der Szene grösstenteils herausgezogen hatte, ware die meisten Leute, die mich grüßten, wenn ich tagsüber durch die Stadt ging, Junkies. Was auch daran lag, dass andere Leute tagsüber gar nicht die Zeit haben, durch die Stadt zu streunen und Leute zu grüßen, die man lange nicht gesehen hat. So viel Zeit haben nur Junkies, Trinker, Tagediebe.

Einem Junkie begegnen, den man lange nicht gesehen hat, ist wie ein Treffen unter alten Arbeitskollegen. Man hat viel Zeit in derselben Firma verbracht.

“Sag mal, was macht eigentlich der Lange, der.. Dings, der.. wie hieß er noch..? Der lange.. äh..?” fragte ich Toni.

“Der lange Stan..? Ist längst tot.”

“Der lange Stan ist auch tot? Im Ernst..? Seit wann?”

“Na, den hat man doch direkt vorm Parkhaus gefunden, die Pumpe noch im Arm. Gegenüber von den Bullen. Ist aber schon lange her.“

„Wie lange schon?“

„Wie lange der schon tot ist?“

„Ja.“

„Keine Ahnung. Ein halbes Jahr.”

„Ein halbes Jahr? Ist doch nicht lange.“

Die alten Knaben starben wie die Fliegen. Selbst Härtecracks und zähe Brüder gaben den Geist auf. Jahrzehntelang malträtiert, machten ihre inneren Organe schlapp, Dominosteinen gleich fielen sie nacheinander um, plopp plopp. Doppelplopp.

„Ist mir gar nicht aufgefallen, dass der lange Stan tot ist“, sagte ich.

„Na, ist ja auch kein Wunder“, meinte Toni. „Der saß ja auch die halbe Zeit im Bau.“

Tatsächlich ging es bei Stan rein und raus. Ein paar Monate Haft, ein paar Monate draussen, im fliegenden Wechsel. Der lange Stan. Ein redlicher Kleinkrimineller. Wenn er mit seinen langen Zotteln und Zahnreihen ohne Zähnen die Warenhäuser der Stadt betrat, schlugen alle Kaufhaushunde Alarm. Was Stan jedoch niemals davon abhielt, umgehend die Parfüm-Abteilung aufzusuchen, mit riesigen hängenden Manteltaschen. Der lange Stan, die dreiste Notwendigkeit, die personifizierte Platte, der Mann, der nie einen Hehl aus seinem Appetit auf harte Drogen machte und stets geradeaus war.

Als ich ihn das letzte Mal getroffen hatte, war Stan gerade aus der Haft entlassen worden und auf dem Weg zu seiner Stammkundschaft in den Kneipen rund um den Neumarkt, zu all den alten Hartz 4-Hasen, die sich aufgrund Stans selbstlosem Warenhaus-Einsatz auch mal einen Flakon fürs Weib daheim leisten konnten.

Ich fragte Stan, wie es geht und so. Ob er eine Wohnung habe, ob er im Methadon-Programm untergekommen sei. Metha? Bloß nicht, antwortete Stan, den Rucksack voller Aluminiumfolie zum Blowen, und dass er absolut keinen Nerv auf Methadon habe und lieber beim Originalstoff bleibe.

„Ich hab ein einziges Mal im Bau einen Metha-Affen geschoben, seitdem hab ich Respekt davor. Das brauche ich nicht noch mal. Das war der härteste und längste Entzug, den ich je durchgemacht hab.“

Eines aber trieb Stan, eins fünfundneunzig lang und Beine dünn wie Zündhölzer, die Zornesröte ins Gesicht. Im Büro des Gefängnisarztes hatte er kurz vor der Entlassung einen Blick in seine Akten werfen können und etwas von einer irreversiblen Absenkung des Brustkorbs sowie vom Borderline-Syndrom gelesen, schwerer Persönlichkeitsstörung.

“Ich und Borderline..??! Nur weil ich seit dreißig Jahren saufe und drogensüchtig bin? Wie scheiße sind die denn drauf??!”

Toni und ich lachten noch über die kleine Anekdote, als wir uns Ecke Cronenberger Strasse verabschiedeten, zurück in den grinsenden Regen.

2 Gedanken zu „Der unwiderstehliche Drang grinsen zu müssen

  1. Klasse! Obwohl ich fast alle Anekdoten dieser Story schon mal gelesen hab,ergeben die einzelnen Abschnitte überarbeitet und aneinandergereiht eine neue sehr lesenswerte Geschichte.ich neige dazu,wenn ich einmal Fan eines Autors bin,mit Lob um mich zu schmeißen und den Blick auf Schwächen zu verlieren.ich bin ja auch kein Kritiker.hauptsächlich will ich beim Lesen unterhalten werden.und dafür bekommst Du von mir einmal mehr 10 von 10 Punkten!

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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