Wir sind da. Es gibt uns. Wir bleiben

„Wer sich nicht rechtzeitig nach was Neuem umsieht, muss aufpassen, dass er wenigstens das Alte nicht zu lieben verlernt.“

*.

„Man kann auch sein Leben lang Unsinn treiben und dann, juchhu!, ins Grab springen. Geht auch.“

Die Gräfin

*

„Mensch, was ich für riesige Pupillen hab! Riesige schwarze Klunkern! Ich muss sterben!“

Es ist früh am Morgen, und sie erliegt einmal mehr eines vorhersehbaren Todes.

„Du hast ganz normale Pupillen“, wende ich ein, „die sind nicht größer als sonst auch“, doch das überzeugt sie nicht. Sie steht kaum eine Nasenlänge von mir entfernt und reisst die Augen auf, als wolle sie in ihrem Kopf großen Hausputz machen. Oder Räumungsverkauf. ALLES MUSS RAUS!

„Hier, das Schwarze reicht doch fast übers Auge hinaus, so riesig ist das..!“

Ich lotse sie ins Badezimmer, um ihr vorm Spiegelschrank zu beweisen, dass ihre Pupillen nicht größer sind als meine -keine gute Idee. Meine Pupillen sind sozusagen dauerwinzig vom Methadonkonsum, stecknadelgroß. Auch wenn ich Heroin das letzte Mal vor zehn Jahren genommen hab, vom Metha bin ich nie losgekommen. Es hält die Dämonen in Schach. Und gebiert neue Dämonen.

„Siehst du!“ hetzt sie. „Echte Mühlenräder im Vergleich zu deinen! Ich muss sterben!!“

Dass sich menschliche Pupillen im Moment des Ablebens vergrößern und fast das gesamte Auge ausfüllen, hat sie in irgendeinem Buch gelesen und läßt ihr seither keine Ruhe. Sie steht mir so nah, so Nase an Nase, als wollte sie Eule spielen mit ihrer kleinen Schwester. Sie hat mir xmal vorgeführt, wie sie und ihre kleine Schwester in der Kindheit Eule gespielt haben. Dabei schlossen beide fest die Augen und zählten laut bis 10. Dann rissen beide gleichzeitig die Augen auf und riefen „Eule!“ Und tatsächlich: für einen kurzen Augenblick hat man das Gefühl, im Wald einer Eule gegenüber zu sitzen, die mit großen überwachen Augen die Umgebung sondiert.

*

Ich lebe seit 1986 in dieser Wohnung. Zunächst einige Zeit mit Karlos, dann ein Jahr lang alleine, seit 1990 mit der Gräfin. Unsere Wohnung war stets eine Art Dauercamping. Immerzu mussten wir improvisieren, weil irgendetwas nicht funktionierte, wie es vorgesehen ist. Nicht mal wir selbst funktionierten, wie es vorgesehen ist, wie man es gemeinhin von erwachsenen Mitstreitern der Gesellschaft erwartet. Wir sind disfunktional. Man plant besser ohne uns. Aber wir sind da, es gibt uns, wir bleiben.

Der Bruder vom dicken Hansen, der ein paar Jahre auf Kuba gelebt hat, besuchte uns nach seiner Rückkehr immer dann, wenn ihn das Heimweh nach Havanna packte. Nach Menschen, die es gewohnt sind, ständig zu tricksen und zu fummeln, um den Alltag hinzukriegen, die die Dinge nicht so genau nehmen und in der Lage sind, aus dem Aluminiumbeutel einer Capri Sonne eine provisorische neue Türschelle bauen zu können. Oder wie sagte Jack, ein Bekannter, als er im Sommer auf einen Sprung reinschaute und beim Anblick der historischen Wandfliesen im Badezimmer staunte: „Jessas! So was hab ich das letzte Mal 1980 in Moskau gesehen!“

Die alte Alu-Jalousie an meinem Fenster, bordeauxrot, (allerdings die Altstadt von Bordeaux-rot), schließt schon lange nicht mehr richtig. Wenn die Mittagssonne am Himmel steht, heißt es Schatten spendende Geschirrtücher zwischen die Lamellen klemmen, um auf dem Monitor auf meinem Schreibtisch noch etwas lesen zu können. (Und alle zwanzig Minuten müssen die Tücher ein Stück weiter nach rechts rücken, immer in Wanderrichtung der Sonne, bis sie endlich untergegangen ist. Erst dann erkenne ich wirklich, was ich den Tag über am Bildschirm so alles verbrochen habe.)

Nun hat unser Dauercamping weniger mit fehlenden finanziellen Mitteln zu tun, (gut, das auch), als eher mit einer gewissen Hingabe zum Leben aus dem Stegreif und der damit verbundenen Einstellung, die Dinge zu belassen, wie sie sind, nicht groß einzugreifen: So is dat eben. Was allerdings schon mal ein fatales Ende nehmen kann. Sagen wir, fast. Fast fatal.

*

Ein Donnerstagabend im Jahr 2008. Gegen halb sechs kam ich aus dem Design-Institut, wo ich eine Zeitlang das Literatur-Archiv verwaltete, und verschwand erstmal schön aufs Klo. Das hätte ich natürlich auch im Institut tun können, da gab es auch Klos, sogar schön saubere, doch ich scheiße nun mal am liebsten zu Hause. Zu Hause scheißen ist wie dem netten Typ aus der Nachbarschaft die Hand zu reichen, wenn man aus dem dreiwöchigen Urlaub zurückkommt; ein Gefühl von Heimat.

Es riecht nur anders.

Plötzlich wurde es laut und aufgeregt. Die Gräfin, die das Abendbrot vorbereitete, rief nach mir. Zunächst war ich nicht sonderlich beunruhigt, sie rief meinen Namen öfter mal, auch aufgeregt. Zum Beispiel wenn sie das Gefühl beschlich, die Welt habe sich JETZT GERADE einen Moment zu schnell gedreht, DAS solle ich mir schleunigst mal am Fenster angucken. Dieses winzige Drehmoment. „Das macht einen so wuschig, ich lag fast schon  auf der Nase!“

Doch schon ihr zweiter Ruf, „NUN MACH HIN, SCHNELL!!“, war die Panik pur. Ich zog die Hose hoch, riss die Klotüre auf, die Wurst noch halb im Arsch (nein, natürlich nicht – ha ha !, das wäre was gewesen), und noch bevor ich einen Schritt in mein Zimmer machte, wo der Schrei hergekommen war, sah ich den Salat: Das rote Puschelzeugs, aus dem die Gräfin den provisorischen Lampenschirm unserer Deckenleuchte gebastelt hatte, stand in Flammen, direkt über dem Abendbrottisch.

„MACH DOCH WAS!“ schrie sie.

Die Puscheln samt Drahtgeflecht hatte die Gräfin auf dem Friedhof gefunden und waren mal ein Grabbesteck gewesen, jetzt loderten sie fast bis zur Zimmerdecke hinauf. Und darunter war noch eine Glühbirne. Die war zwar nicht an, doch Elektrizität ist Elektrizität, dachte ich, das kann doch explodieren, oder nicht? Wenn das Feuer die Birne erreichte!?

Keine Ahnung!

„TU DOCH WAS!“

„WAS DENN, VERDAMMT?!!“

Ich hab ein paar Grundsätze. Ruhe bewahren ist immer gut. Und bevor ich das Falsche tue, tu ich lieber nichts und schau mir das Feuerchen erst mal an. Und da auch die Gräfin nicht wusste, was zu tun war, standen wir wie zwei stramme Pariser Existentialisten um das brennende Bouquet aus roter Holzwolle herum und huldigten dem absurden Dasein.

Es knisterte.

Das Problem lag auf der Hand: Hinter jeder richtigen Entscheidung, etwas zu tun oder zu unterlassen, lauerten bekanntlich 60 falsche Entscheidungen, die nur darauf warteten, endlich zum Einsatz zu kommen. Die nur darauf brannten, sozusagen.

„Das stinkt nach Heu!“ keuchte sie, während ich mich eher an ein Kartoffelfeuer im Oktober erinnert fühlte.

„Jetzt rein geruchstechnisch“, sagte ich.

„Du quatscht nur Scheiße! TU LIEBER WAS!“

Jetzt reichte es. Jetzt wurde auch ich laut. Laut konnte ich auch. Ich wurde regelrecht ungemütlich. Vielleicht konnte man dem Feuer mit Lautstärke beikommen.

„WIE IST DAS ÜBERHAUPT PASSIERT?“ rief ich.

„IST DOCH EGAL! MIT NER KERZE! ICH HAB AUF DEM TISCH NE KERZE ANGEMACHT UND NICHT AUFGEPASST!! HOL EIN HANDTUCH!“

„EIN HANDTUCH??“

„JA! EIN HANDTUCH!“

Was wollte sie mit einem Handtuch!? Während sie um den Abendbrottisch herumlief und hastig die Funken von der Butter pustete, PFFF! PFFF! PFFF!!, rannte ich in die Küche. War ja nicht weit, von meinem Zimmer aus. Durch die Diele, dann links, und schon verharrte ich ratlos vor den Abtrockentüchern, die von der Wandleiste hingen.

„WAS FÜR EIN HANDTUCH DENN?! EIN DICKES? ODER REICHT EIN.. ABTROCKENTUCH?“

Fast war ich empört von mir selbst, dass ich so planlos war. Null Geistesgegenwart, und immer nur Fragen, Fragen über Fragen. Ich war ein 1 Meter 81 großes Fragezeichen, dem es allmählich selbst zu bunt wurde, Fragezeichen zu sein.

„IST DOCH EGAL WELCHES HANDTUCH! MACH HIN! HIER FACKELT DOCH ALLES AB! RUF WENIGSTENS DIE FEUERWEHR!“

Pff, pff, pff! machte sie. Überall war Funken- und Flockenflug, es prasselte zum Himmel. Na schön, zur Decke. Aber in der Wohnung ist nun mal die Decke der Himmel, das ist so. Und überhaupt. Wer noch nie ein Feuer im eigenen Haus erlebt hat, dem sei gesagt: Es sind keine wirklichen Gedanken, die einem durch den Kopf schießen, es sind eher kleine beleuchtete Tafeln, die nacheinander im Hirn aufblenden, wie bei einer Autofahrt durch die Nacht.

Tafel 1: Hole einen Eimer Wasser und kippe ihn über das Feuer! Aber da ist doch eine elektrische Leitung unter dem lodernden Puschelzeugs!

Tafel 2: Werfe eine Bettdecke über die Flammen, um sie zu ersticken! Aber wie soll man eine Bettdecke über eine brennende Lampe werfen, wenn sie von der Zimmerdecke runterhängt, da ist doch der scheiß Kabel dazwischen!

Und die ganze Zeit lodern die roten Puscheln weiter, verrußte Schnipsel trudeln in die offene Butterdose, landen in den aufgeschnittenen Bio-Tomaten, in der Zuckerdose, im Milchpöttchen, in der hochgelobten Remoulade. Sie schmierte ihr Brot grundsätzlich mit würziger Remoulade statt mit Butter. Überhaupt, sie hat es mit Gewürzen. Sie ist überzeugt davon, Gott habe einen ganz besonders guten Tag gehabt, als er damals die Gewürze erfand. „Heute erfinde ich mal was, was ich noch nie erfunden hab!“ TA TA! „Und es werde.. Kümmel!“

Und ganz plötzlich war der Spuk zu Ende. Das zum Lampenschirm umgebaute rote Grabbesteck stieß einen letzten lodernden Seufzer aus, dann war alles runtergebrannt. Übrig blieb lediglich das nackte, noch glühende Drahtgeflecht. Und der ummantelte Kabelstrang, er war angeschmort.

Um zu prüfen, ob die Birne noch funktionierte, wollte ich den Lichtschalter anknipsen.

„HE, KEIN LICHT! MACH NICHT AN!“

„WIESO?“

„IST DOCH ELEKTRISCH!“

Der Hund, der sich in einem frühen Stadium des Feuers stickum davongestohlen hatte, kehrte vorsichtig schnuppernd zurück und ließ sich unterm Tisch nieder. Und just in den Moment, als sich so etwas wie Ruhe breitmachte, ein gewisser Frieden, eine Gefühl des Gerade-noch-mal-davon-gekommen-Seins, sprangen die beiden erst wenige Wochen zuvor installierten Rauchmelder an. Ein mächtiger, fast hysterischer Alarm erhob sich in der Wohnung, und es dauerte seine Weile, bis wir die beiden Schreihälse mit dem Besenstiel eingestampft hatten.

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8 Gedanken zu „Wir sind da. Es gibt uns. Wir bleiben

  1. Das erinnert mich an eine Nacht vor drei Jahren. Wir hatten noch kein Bett und schliefen auf Matratzen. Nachts um 3 wurden wir von dem Höllengeräusch des Feuermelders wach, den mein Vermieter unter der Decke angebracht hatte. Ich war anscheinend mit Kippe eingepennt und- kein Scheiß- das Feuer hatte sich quasi im Inneren der Matratze ausgebreitet. Außen glimmte es nur ein bißchen, aber wenn ich auf die Stelle drückte, kamen hochgiftige Dämpfe rausgequollen- die halbe Wohnung stand schon unter Rauch. Nachdem Katrin und ich uns gegenseitig ansaugten, daß der andere doch bitte irgendetwas machen soll, endete es damit, daß ich anderthalb Liter Wasser auf die Matratze kippte. Schön, die Anekdote hatte ich längst aus meinem Hirn gestrichen…
    Schön, daß ihr wieder durchstartet!

  2. Kenn‘ ich: sowohl den Befehlston „Tu was!“ als auch die Weigerung „Ich will lieber nicht …“.
    Und die glückliche Fügung am Ende zeigt: Ihr habt nicht verlernt, das Alte zu lieben 😉
    Gruß, Uwe

  3. Na, da bin ich ja beruhigt, dass auch andere in ihren alten Wohnungen wohnen, sich nicht um aktuelle Möbeltrends scheren und bei der Deko improvisieren. Künstler sind so, Bohême eben. Hat doch was!

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