Bahnschienen

Frau Moll schwang sich aus dem Teich und schüttelte sich die Entengrütze aus dem Pelz. Sie sah aus wie eine Südsee-Sängerin in einem brackigen Hula-Hula-Röckchen, die gerade einen ersten lokalen Beach-Hit gelandet hatte. Hinter ihr stieg Taylor aus dem Wasser, ein bulliger schwarzer Labradorrüde aus der Nachbarschaft, der verrückt war nach Südseeschönheiten. Die beiden hatten Nachlaufen in der prallen Sonne gespielt und waren mit einem Riesensatz in den Ententeich unter der großen Trauerweide gesprungen. So richtig erfrischend war das Wasser nicht, aber was blieb Hunden anderes übrig, sie konnten sich ja schlecht das Fell aufknöpfen, um sich abzukühlen.

Der Labrador schnupperte an Frau Molls Hintern, mit zittrigen Lefzen. Er wäre zu gern aufgestiegen, aber solange die Hündin nicht läufig war, gab das nur Ärger. Wenn man Pech hatte, musste man zum Doktor und der nahm einem die Eier ab. Man hörte so manches, man musste vorsichtig sein. Das Risiko lohnte nicht, nur weil eine Alte gut roch.

„TAYYLORRRR..!“

Die Stimme seines Herrchens rollte durch den Park. War mal wieder abgehauen, der Bursche.

„He, du wirst schon gesucht, alter Gauner. Lauf, dein Herrchen sucht dich..“

Ich nahm Frau Moll an die Leine und verliess die Parkanlage. Wir schlugen den Weg Richtung Schillerstraße ein, Richtung alte Heimat. An der alten Minigolfanlage vorbei, die immer noch funktionstüchtig da lag, aber schon lange Jahre dicht war, den steilen Klauberg hinauf und den alten Bahnschienen entlang – vertrautes Terrain, Revier meiner Kindheit und Jugend. Wo wir uns im Straßenbahntunnel die erste Filterzigarette unseres Lebens teilten, Wiwi Wupperbusch, Pille und ich, eine überwürzte Attika.

Ein anderes Mal war noch die dicke Patrizia dabei. Das war der Tag, als an einem Baum ein langer vollgewichster Pariser auftauchte, der als Gesprächsthema für eine ganze Woche herhalten musste. Bis sich endlich herausstellte, dass ich es gewesen war, der das Präservativ aus der Schlafzimmerkommode seiner Eltern stibitzt und mit Rotz aufgefüllt hatte. Junge, hatte ich ein Trara veranstaltet. Erst tat ich so, als hätte ich das Gummi am Bahngelände gerade erst entdeckt, an einem dünnen Zweig baumelnd, „hey.. was ist das denn hier, guckt mal!“ Aber das bekam niemand mit, die anderen waren mit dem Mampfen von Brombeeren beschäftigt, also nahm ich das Kondom ab und platzierte es heimlich an einem anderen Baum, versuchte es ein zweites Mal.

„WAS IST DAS DENN HIER!!?“

„Pack das nicht an“, sorgte sich Pille, ein rothaariger schwermütiger Junge, der am Klauberg wohnte, und auch Wupperbusch und Patrizia warnten mich, den gut gefüllten Pariser anzufassen. Er hing da wie eine überlange komische Gummifrucht. Sie wussten ja nicht, dass es meine Spucke gewesen war, die ich ihnen da als fremden Sabber verkaufte. Großartiges Täuschungsmanöver! Super Schau! Ich nahm den Pariser wagemutig in die Hand und versuchte ihn aufzublasen wie einen Luftballon, wohl wissend, dass die Spitze des durchhängenden Säckchen nicht voller Sperma, sondern meiner eigenen Spucke war. „HEYYHH, TU DAS NICHT..! BIST DU WAAHNSINNIG!??“ Die Drei blickten mich so entsetzt an, dass ich es plötzlich selbst mit der Angst bekam. Vielleicht hatte jemand meine geheime Aktion beobachtet und spielte mir nun seinerseits einen Streich – mit einem ausgetauschten Kondom voll echter Männerwichse. Verflucht. Ich spuckte das Gummi so weit weg, wie ich konnte.

„Zu spät“, meinte Pille düster und prophezeite mir Pusteln und fiesen Plaque am Maul.

Pille war genau das, was mein Vater einen ruhigen Vertreter nannte. Vater nannte auch mich einen ruhigen Vertreter, aber ich war die Sorte ruhiger Vertreter, die in gewissen Abständen explodierte, am liebsten auf dem Fußballplatz. Meine innere Ruhe diente sozusagen nur der Vorbereitung von langer Hand für den 3:2-Siegtreffer, während Pille auch auf dem Platz eine ruhige Kugel schob und unsichtbar blieb. Mit seiner blassen milchigen Haut ging er schon im Alter von elf Jahren als Buchhalter durch, trotz seines roten Schopfes und der feurigen Sommersprossen. Ich konnte nicht viel mit ihm anfangen, aber er wohnte nun mal in der Nachbarschaft, spielte Fußball und sammelte Popsingles, als wir älter wurden. Sein Bruder, FC Köln-Fan, soff sich tot, da war er 35. (Der Bruder.)

Im Herbst 1969 absolvierte die Straßenbahn, die Solingen mit Wuppertal verband, ihre rumpelnde Abschiedsfahrt. Die Linie 5 über Kohlfurth galt als eine der schönsten Strassenbahnstrecken Deutschlands. Die massiven Steigungen erforderten starke Motoren und Wagenlenker, die ihren Job beherrschten. Am letzten Tag war die ganze Strecke mit Wimpeln und winkenden Menschen ausstaffiert, danach wurde der Linienverkehr auf Autobus umgestellt. Die Schienen verschwanden, nur viele Schottersteine blieben, liegen bis heute auf Teilstücken da, die mitten durch den Wald führen. Wer sich an der Margaretenstrasse mit der Schuhspitze durchs Geröll gräbt, kann es noch hören, lizenzfrei, das metallische Quietschen der Straßenbahnräder, das autoritäre Knurren der Schaffner, das Anfahrtsläuten, Hund kost’ extra, das Eis bleibt draussen, wir wollen hier keine Schweinereien! Die alten Zeiten sind hier nur eine Schuhspitze entfernt. Die alten Zeiten sind stets nur eine Schuhspitze entfernt.

Frau Moll lief gelangweilt voraus. Sie war lieber querfeldein unterwegs, die Nase tief im Morast und ’ne Zecke im Pelz, als an ehemaligen Strassenbahnschienen über Schotter zu spazieren. Jemand kam uns entgegen, jemand mit Hund. Moment, war das nicht der..? Ja klar war der das! Der blöde Malorney, den früher alle nur den Major nannten. Kam uns auf dem Geröll entgegen, einen kleinen Köter an der Leine.

„Der Major..! Ich werd nicht mehr. Wohnst du immer noch hier. “

Er fuhr für eine Tiefbaufirma, und ab und an sah ich ihn auf seinem Zehntonner-Diesel durch die Straßen brettern. Dann grüsste er lässig, die Hand an der Schirmmütze, ganz der Kapitän.

„Seit wann bist du denn auf den Hund gekommen?!“ staunte auch der Major nicht schlecht. „Muss der nicht mal zum Frisör? Der sieht aus wie ein Hippie.“

„Das ist ein Hippie“, sagte ich.

„Dann ist ja gut. Was macht dein Bruder? Arbeitet der noch in der Klinik?“

„Mh..? Bruder? Du meinst meinen Cousin. Mein Cousin ist Arzt, mein Bruder nicht. Der ist kein Arzt. Der programmiert Computer. In Köln.“

Der Major war irritiert. „Na.. eben der da.“

„Wenn du meinen Cousin meinst, den Arzt, der hat seine eigene Praxis eröffnet. Der ist nicht mehr in der Klinik.“

„Och, auch gut. Hauptsache Arbeit.“

Der Major war alt geworden, in sich zusammengefallen wie eine Brötchentüte. Nur sein schiefes Gebiss war aufdringlich wie eh und je. Die großen und kleinen Hauer purzelten immer noch so lustig durcheinander, als hätte der liebe Gott eine Handvoll Zähne in einen Würfelbecher geschmissen und zum Major gesagt, „hier, sperr mal das Maul auf“, und dann alles reinkegeln lassen.

Frau Moll beschnupperte den kleinen Hund, der brav beim Herrchen hockte, verlor das Interesse und verschwand hochnäsig im Gebüsch, mit den Resten ihres grützegrünen Südseeröckchens, während der Major zu einer langsamen Pirouette im Geröll ansetzte. Hm..? Was sollte der Quatsch? Hatte der sie nicht mehr alle? Ob das vielleicht vom vielen Lastwagenfahren kam? Von all den Kurven? Oder war er auf dem Weg zum Tanzkurs und übte noch?

„Hier geht alles den Bach runter“, hörte ich ihn klagen, und da erst ging mir auf, dass er die ganze Zeit weitergequasselt hatte, während ich meinen Gedanken nachgehangen war. Das waren keine Pirouetten, die er da drehte, das war Gequassel. Klagelieder. („Karstadt wird abgerissen.“ „Freibäder machen dicht.“ „Meine Frau hat Krebs.“) Er klagte sich im Kreis. „.. auf dem Bau ist tote Hose, in der Industrie ist tote Hose, überall tote Hose.. sogar das Turm-Hotel hat zugemacht.“

„Das Turm-Hotel??“ Davon hatte ich nichts gehört.  „Seit wann das denn?!“

„Na, seit.. letztens“, sagte er, überrascht von meiner Überraschung. „Stand doch überall in der Zeitung. Der Pächter hat das Handtuch geworfen. Zu viel Leerstand. Geht doch alles den Bach runter.“

„Ich hab da mal gejobbt, im Hotel“, sprach ich mehr zu mir selbst, es juckte den Major nicht sonderlich. Er juckte sich mehr für seinen Anteil an der Gegenwart.

„Ich fahr wieder für den alten Konitzka, für den ich früher schon zehn Jahre auffem Bock saß. Und als ich mich letztens wieder vorstelle, weisst du, was der Alte zu mir sagt? Malorney, du weisst ja, wo der Schnaps steht! Hahaaa!! Gut, ne?“

Ja, gut.

„Dann ist das Hotel also pleite“, sinnierte ich.

„Na klar. Stand doch überall in der Zeitung, im Fernsehen, überall. Beim Konitzka haben wir jetzt auch Kurzarbeit. Ist doch nichts zu tun auf dem Bau. Geht doch alles den Bach runter.“

Wir standen in der Höhe von Potts Wiese, wo mir vierzig Jahre zuvor die dicke Patrizia ihre Möse gezeigt hatte. Patrizia war das erste Mädchen gewesen, das mir seine Möse zeigte. Wahrscheinlich hatte sie an diesem Tag eher ein Tauschgeschäft im Sinn gehabt:  Ich zeig dir meins und du zeigst mir deins, aber irgendwie hatte ich das damals falsch verstanden. Jedenfalls zeigte ihr gar nichts. Ich hatte mir nur kurz ihren nackigen Spalt angeguckt, mich umgedreht und war verstört nach Hause gegangen.

„Morgen muss ich noch mal auf den Bock“, knurrte der Major, „dann ist schon Wochenende. Ich fahr Drei-Tage-Woche. Kurzarbeit.“

War also das Turm-Hotel dicht.. Das olle Einwegfeuerzeug. Auch egal eigentlich. Die Erinnerung an die dicke Patrizia packte mich mehr. Ein paar Jahre nach der Sache mit dem Kondom, wir waren in der Pubertät, traf ich sie auf der Strasse. Sie erzählte mir von ihrem 30jährigen Freund, und dass sie ihm am Abend zuvor einen geblasen hatte, am jüdischen Friedhof, weil sie nicht gewusst hatten, wohin sie gehen sollten. Zu ihm ging nicht, weil er verheiratet war, und Patrizia wohnte noch bei den Eltern. Wie nebenbei erzählte sie, dass sie sein ganzes Sperma runtergeschluckt hatte. Ich ging neben ihr her und nickte verständig, ja klar, was will man machen, muss ja irgendwohin das Zeugs. In Wahrheit hatte ich noch nie einen geblasen gekriegt. Ich kannte es nur von Bildern. Ich lauschte ihren Worten, als erzählte sie vom Goldrausch.

Wieder ein paar Jahre später. Ich rief bei ihr an. Es war morgens, ich lag noch im Bett. Ich hatte ihre Nummer aus dem Telefonbuch. Wir sprachen miteinander, aber ich verriet nicht, wer ich war.

„Ich wollte dich schon immer mal bumsen“, sagte ich. Ich war einundzwanzig und immer scharf, wenn ich morgens aufwachte und Langeweile hatte. Ich hatte morgens immer Langeweile mit 21.

„Wer bist du?“ fragte sie.

„Erkennst du nicht meine Stimme?“

„Nein“, sagte sie unsicher. „Irgendwie klingst du bekannt, aber ich krieg kein Gesicht dazu..“

Wir telefonierten noch eine Weile, ich verstellte meine Stimme nicht, ich machte ein paar Andeutungen, doch sie kam nicht drauf, wer ich war. Als ich es ihr sagen wollte, wollte sie nichts davon wissen.

„Dann ist es kein Geheimnis mehr. Komm einfach mal vorbei“, sagte sie schließlich. „Damit ich weiß, wer du bist.“

Ein paar Wochen später besuchte ich sie. Ich hatte eine Trainingshose angezogen, ich war ein Jogger, der rein zufällig in der Nähe war.

„Ahoi“, grinste ich, als sie die Tür öffnete.

„Ach, DU bist das..!“ grinste sie zurück. Wenn man zusammen aufwächst, hat man den gleichen Humor. Gottseidank. „Das gibts doch nicht..! Hätte ich das gewusst..“

„Hättest du was gewusst..?“

„Dass du mich schon immer bumsen wolltest. Ich hatte ja keine Ahnung.“

Sie lebte mit ihrem Macker in einem Mietshaus, wo der Balkon ums ganze Haus herum reichte, wie die Reling eines Schiffes. Es war Vormittag, ihr Mann bei der Arbeit. Das hatte sie mir schon am Telefon zu verstehen gegeben. Wir kippten ein paar Schnäpschen, und dann dauerte es auch nicht lange und wir lagen nackt im Bett. Ich zeigte ihr, wie meine Stimme in Wirklichkeit aussah, und beichtete ihr die alte Geschichte mit dem Pariser. Sie erinnerte sich nicht daran.

„Du hast in ein Gummi gerotzt..? Wieso hast du in ein Gummi gerotzt?!“

Sie legte eine Platte von Tschaikowsky auf. Ein Klavierkonzert. Ich hatte noch nie Tschaikowsky gehört. Ich kannte klassische Komponisten mehr vom Namen her. Patrizia hatte sich nicht verändert. Aus einem dicken Mädchen war eine dicke Frau geworden. Wenn dir das nicht gefallen würde, wärst du jetzt nicht hier, sagten ihre Augen. Ich war mir da nicht so sicher. Es war ein Versuch, ich hatte noch nie eine dicke Frau gehabt. Selbst ihre Lippen waren Teigtaschen. Sie war ein freundliches riesiges Gebirge, ein Himalaya, und überall lauerte Abgrund. Die ganze Zeit bekamen wir das Grinsen nicht aus dem Gesicht. Ich sah sie vor mir, wie sie als kleines Mädchen im Gebüsch gestanden und mit forscher Geste ihre kleine unbehaarte Möse präsentiert hatte. Und jetzt das Allegro c-moll. Tschaikowsky.

Sie hat mir dann erstmal einen geblasen, gegen die Nervosität, wie sie meinte. Dann war ich dran. Insgesamt bin ich zweimal gekommen und sie einmal, dann wurde es Zeit und ich bin gegangen, mit einem 2:1-Auswärtssieg in der Tasche, im Lokalderby.

Wir verabschiedeten uns per Handschlag.

„Rocky, komm“, rief der Major seinen Hund, der gleich neben ihm wartete und nicht wusste, was er machen sollte, da sein Herrchen einfach stehen blieb.

Der hatte sie doch nicht mehr alle, der Mann.

 

©

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4 Gedanken zu „Bahnschienen

  1. Immer wieder die Härte! Wenn du mal Zeit hast, les dir „Smoke is in my brain“ auf meiner Seite durch. Da steht irgendwo, daß meine erste Kippe ne Attika war…
    Sowas hab ich nie vorher erlebt, diese unzähligen zufälligen Gemeinsamkeiten- echt seltsam!
    Ansonsten- top wie immer!

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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