Das erste Autogramm ist das schwerste

Es war das erste Mal, dass mich jemand aus dem Viertel auf meinen Blog ansprach.

„He, du bist doch derjenige, der über Heroin schreibt, oder?“

Ich kannte ihn vom Sehen. Mitte zwanzig, gut aussehend, ein bisschen zu gut, ich kannte das.

„Ja“, sagte ich.

Er reichte mir die Hand.

„Du hast mir mal das Leben gerettet“, sagte er.

„Was.. ich?“

„Ja, im letzten Sommer. Es fehlte nicht mehr viel und ich wär voll auf Schore gewesen, als ein Freund zu mir sagte, hier, lies das mal, der Typ wohnt um die Ecke. Und dann hab ich deine Drogenstorys gelesen.. alle hintereinander weg. Ich hab einfach Heroin eingegeben in die Suchmaske. Die ganze Zeit hatte ich diesen bitteren Geschmack vom Gift auf der Zunge. Und all diese Typen.. Das hat mir echt geholfen.“

Wir redeten noch ein bisschen. Ich erfuhr, dass er in Wuppertal aufs Lehramt studierte, dass er Vater eines Sohnes war und mit einer Frau zusammenlebte, die aber nicht Mutter seines Jungen war. Dann ging er weiter, ohne verraten zu haben, inwiefern ich sein Leben gerettet hatte. Ich traf ihn seither noch einige Male, aber immer vergaß ich ihn danach zu fragen.

War wohl nicht so wichtig.

*

Dann war da die Sache mit dem Autogramm.

Die Frau war irritiert. „Ja gut, ich weiß schon, wie du heißt..“

„Hm?“ Ich verstand nicht.

„Na, Glumm heißt du.. Andreas Glumm, klar. Weiß ich doch.“

Sie schaute nochmal den Kassenbon an, den ich auf ihren Wunsch hin auf der Rückseite unterschrieben hatte, so als suchte sie etwas, was ihr beim ersten Blick entgangen war. Und ganz plötzlich verstand sie, was los war, und es wurde peinlich. Nur für einen Moment, nicht sehr lang, aber lang genug, um im Gedächtnis zu bleiben.

Ich hatte mit Frau Moll vorm Discounter auf der Wupperstrasse gewartet, drinnen machte die Gräfin ein paar Besorgungen. Frau Moll saß zu meinen Füßen, lässig die Innenschenkel nach aussen geklappt, wie auf der Herbertstrasse, und taxierte die Rüden, die vorübergingen. Je älter sie wurde, desto verspielter wurde sie. Denn das war es, wonach sie suchte: Spaß, Spiel, Beschäftigung.

Der Einkauf dauerte seine Zeit, und wie immer stand ich irgendwann an der großen Schaufensterscheibe und schaute genervt in den Laden, um zu sehen, wo die Gräfin blieb, und da trafen sich unsere Blicke: eine große sportliche Frau mit weissblondem langen Zopf, jünger als ich, stand an der Kasse und starrte so direkt in meine Richtung, dass ich erst mal wieder wegguckte.

Frau Moll erhob sich, weil ein Hund vorüberging, ein Hund aus der Nachbarschaft, den sie begrüßte, Janosch, ein 10jähriger Boxer mit Bierbauch, platter Nase und Opagesicht. Sein Gang wirkte jedes Mal, als ob er gerade das dritte Schnäpschen auf hatte. Tüdeliger Gang, kleine Rente. Die Backentaschen hingen durch wie behaarte Turnbeutel.

Plötzlich stand die Frau aus dem Laden vor mir.

„Du bist doch der Blogger Fünfhundert Beine“, meinte sie lächelnd, „und..“, sie bückte sich, „..dann ist das hier Frau Moll..“

Die Hündin duckte sich weg. Sie mochte keine Leute, die sie nicht kannte. Leute, die sie nicht kannte, waren nicht unbedingt Feinde, aber erst recht keine Freunde. Leute, die sie nicht kannte, mussten sich ihren Platz erst erarbeiten im hierarchischen System Hund. Besonders Kinder verstanden das nicht. Was sie sahen, wenn ihnen Frau Moll begegnete, war ein wuscheliger Streuner, ein Familienhund, der einen dazu animierte, ihm ins Fell zu greifen. „Nee, ist der goldig! Ist das ein Wuschel!“ Ja, goldig, genau, besonders die spätere Arztrechnung. Die Tetanusspritze, das Säubern der Beisswunde, das Tackern, das Nähen, die Laufschiene, die jahrzehntelange psychologische Behandlung der Hundephobie, das künstliche Auge.

Bleib mir bloß weg, knurrte Frau Moll. (Von Geburt an trug sie ein großes weißes Kreuz auf dem Brustkorb, das ihr einen gewissen erleuchteten Anstrich verlieh: Frau Maria Moll.)

Die Frau zog die Hand zurück, war aber nicht beleidigt. Sie war groß, sie trug vorn einen Pony, hinten den weissblonden Zopf, sie war nah am Albino und hübsch, nicht zu hübsch, Anfang dreißig. Sie hatte ein Paket Bio-Schweinefleisch in der einen Hand, in der anderen einen Becher Schmand.

„Ich hab auch zwei Hunde zuhause, Pico und Paula. Zwei Podencos.“

„Ah“, sagte ich.

Sie strahlte.

„Ich lese dich seit zwei Jahren, und seitdem du ein kleines Bild im Header hast, weiß ich auch, wie du aussiehst. Ich hatte mich immer gefragt, wer du wohl bist, wenn ich über die Wupperstrasse gegangen bin.. ich wohn hinten am Neuen Kannenhof.“

Ich beobachtete ihr Gesicht, während sie sprudelte. Sie hatte etwas von einem strengen Blumenkind. Vermutlich hatte sie eine feste Arbeit und benutzte Worte wie Modul und Cluster, Worte aus dem Großen Nullkorridor der Sprache. Aber sie wollte ein Autogramm von mir. Hielt mir einen Kassenbon hin, weil ihr auf die Schnelle nichts besseres einfiel. Mir war’s egal.  Ich hatte noch nie ein Autogramm gegeben, ich hatte mir eher selbst welche geholt, nicht viele, (eins von Helge Schneider), und bei den wenigen Autogrammen, die ich mir geholt hatte, war es mir weniger um die Unterschrift eines Prominenten gegangen als darum, dass jemand, den ich verehrte, für wenige Sekunden vor mir stand und ich sein Gesicht aus der Nähe studieren konnte, während er schrieb. Eigentlich studierte ich immer Gesichter. Ich war ein ewiger Gesichtsstudent.

Das waren die Nachwehen meiner Zeit als Zivilidienstleistender, die ich teilweise als Springer im OP einer Düsseldorfer Spezialklinik verbrachte. Ich assistierte den Chirurgen in drei nebeneinander liegen Sälen. In diesen gut acht Monaten voll surrender kleiner Sägen und sämigem Blutgeruch, Fleischfetzen und superhellem OP-Licht lernte ich die Sprache der Augen kennen, denn Augen waren alles, was im OP zu sehen war, war alles, was zählte. Eingehüllt in sterilen OP-Kitteln, grünen Hauben und Mundschutz war es der schmalen Augenpartie vorbehalten, Auskunft über das jeweilge Befinden zu erteilen. Alle Mimik ging von den Augen aus. Ich hab in dieser Zeit die schönsten Augen der Welt kennengelernt, etwa die des bulgarischen Narkosearztes Pavlov. Ein Hüne von einem Kerl mit funkelnden Terrence Hill-Augen, echten Huskie-Strahlern, ich war richtig verliebt in diese Augen. Bis zur Kaffeepause um halb zehn, wo Pavlov in der Mitarbeiterküche den Mundschutz und die Kopfhaube abnahm und das restliche Gesicht zeigte, eine Müllhalde voll Pocken und Abraum.

Die Autogramm-Frau wartete. Ich nahm mein Notizbuch als Unterlage und unterschrieb ihren Kassenbon auf der Rückseite. Vorne stand Schwein-Flei und Bio-Schma, hinten Andreas Glumm.

„Na gut, ich weiß ja schon, wie du heißt..“, meinte sie verstört.

„Hm?“

„Na, Andreas Glumm..“

Sie guckte sich Kassenbon und Namenszug nochmal an, und plötzlich verstand sie, und ich endlich auch, warum sie so irritiert war: Sie hatte eine geschwungene Künstler-Unterschrift erwartet, und was sie da in der Hand hielt, war Kindergekrakel. Ich unterschreibe bis heute wie in der vierten Klasse. Ich bin nicht viel anders als damals, als ich zehn Jahre alt war und auf die weiterführende Schule wechselte. Ich wohne immer noch in der gleichen Gegend und weiß immer noch nicht genau, was ich mal werden möchte, wenn ich groß bin. Sogar der kleine Tisch aus meinem Kinderzimmer steht bis heute an meinem Bett. Den gebe ich nicht mehr her. Klar. Ich meine. Wie soll man da eine Künstlerunterschrift entwickeln. Ich bin Mitte fünfzig, aber im Herzen immer noch zehn. Da fehlen irgendwie 40 Jahre. Wo sind die hin?

Frau Moll schaute mich an. Ausgerechnet Podencos, sprach ihr Blick. Windhundähnliche Viecher, die gern auf andere Hunde zuschiessen, klugscheißerisch und größenwahnsinnig, und wenn diese anderen Hunde dann nur den geringsten Widerstand zeigen und Knurrlaute von sich geben, steigt der Podenco in die Eisen und wimmert vorsichtshalber in den höchsten Tönen, als hätte man ihm den halben Arsch weggebissen.

„Danke dir“, sagte die Frau und verschwand im Dickicht der viel befahrenen Wupperstrasse.

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13 Gedanken zu „Das erste Autogramm ist das schwerste

  1. Na besser der ewige Gesichtsstudent,
    als der ewige Geschichtsstudent!……hahaha…..
    Ich hoffe Euch geht’s nur vom Allerbesten…L.G.

  2. Grüß Dich, Andreas, dieser Text ist so schön, daß er mir das Wasser in die Augen treibt, sobald ich Zeit hab, werd ich ihn lesen und aufsprechen, Du mußt unbedingt hören, wie wunderbar Du schreibst…ach, ich tät auch gern vor Dir stehen und Dir zusehen, wie Du ein Autogramm schreibst, weil Du ein Dichter bist, den ich verehre und kurz in Deiner Nähe sein möchte, genau wie Du es bei Helge Schneider beschreibst, Du wärst praktisch mein erster Autogrammschreiber! Liebe Grüße

  3. Ich halte jetzt malnicht die Fresse.
    Hast Du den Text etwas verändert, ausgebaut? Er kommt mir bekannt vor. Aber besser, als das Original auf 50 Obeine.Oder täusche ich mich, lasse mich wieder von meiner Phantasie leiten? Weil ich zu faul bin, dein Archiv zu durchsuchen!

    Was mir besonders an der Beschreibung dieser zufälligen Autogrammsekunde gefiel: Vorne stand…, hinten stand…

    Und deine Erklärung zu 40 fehlenden Jahren. Es geht mir oft genauso. Trotz der vielen Erlebnisse, der vielen Menschen, denen ich begegnete, mit denen und gegen die ich gearbeitet hatte.

    Im Herzen (oder im Hirn) ein 10-Jähriger geblieben. Trifft es.

  4. Ich denke übrigens, als der Typ meinte du hättest ihm das Leben gerettet, meinte er damit, daß er sich Dank deinen Geschichten vom Heroin abgewandt hat. Du hast ihm vorm Heroin- und somit das Leben gerettet.
    Das gibt mir wieder zu Denken wie krank ich anscheinend in der Birne bin, denn ich bekomme von den Geschichten sogar manchmal Bock auf Konsum. Da ich mich dem Heroin aber schon zwei Jahrzehnte hingegeben habe, kann man das wahrscheinlich aber auch nicht vergleichen.

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