Glück auf, Benzini!

Am frühen Abend schellt es Sturm. Durch den Türspion erkennt die Gräfin schemenhaft eine Gestalt, die im Dunkeln vor der Haustür kauert, ein Raubtier, bereit zum Sprung.

„Sag mal, ist das.. Benzini?“

„Lass mal sehen“, sag ich und drängle mich in den Flur, zum kläffenden aufbegehrenden Hund, zur Gräfin, zum Spion.

„MACHT DIE TÜR AUF! ICH WEISS, DASS IHR ZU HAUSE SEID!“

Was in den nächsten Stunden folgt, ließe sich am ehesten mit einer stabilen Windhose umschreiben, die durch unsere Wohnküche tobt. Ein Naturphänomen, das neuerdings Helmut Schmidt-Käppi trägt und als Ein-Mann-Marsch defiliert. HEIDEWITZKA, HERR KAPITÄN!!

VAFFANCULO, CAPITANO!

Der Name Benzini ist ausgeliehen aus Einer flog über das Kuckucksnest. In dem Hollywoodfilm läuft Benzini auf dem Flur der Psychiatrie auf und ab, im weißen Anstaltshemdchen, und jammert „ich bin müde..“ Das hatte es einen Kumpel von mir so angetan, dass er irgendwann in den späten Siebzigern im dicksten Kneipentrubel anfing, Benzini zu imitieren. Er scherte von der Bar aus und posaunte in bester Irrenhaus-Manier, dass er jetzt erledigt sei, „aus dem Weg, ich bin müde.“ Mehr Text gab die Figur nicht her, und genau das war es, was sie so attraktiv, so tückisch machte. Bald überpinselte mein Kumpel das Namensschild an seiner Türklingel mit BENZINI, bis auch dem letzten Aushilfspostboten klar wurde, wer jetzt hier hauste. Benzini war jetzt ein Anderer, und er lebte in der Klingenstadt.

Wenn er viele Jahre später quartalsmäßig vor der Tür steht, im Gepäck die jüngsten Abenteuer, dann braust und grollt es in unserer so auf Rückzug und Ruhe bedachten Künstlerklause, („Mann, habt ihr’s warm hier!“), dass es mich wundert, warum noch niemand auf die Idee gekommen ist, eine Tafel mit Sponsorenlogos und Werbebannern aufzustellen, von Bühnenscheinwerfern beleuchtet, bei gleichzeitigem Bockwurst- und Bierverkauf. Und warum niemand den Soundtrack von Der Pate einspielt, oder wenigstens den Rosaroten Panther, man versteht es nicht. Denn immerzu geht es um Leben und Tod, wenn Benzini seine Aufwartung macht, immer ist dankbares Publikum zur Stelle. Seit ich Benzini kenne, geht es bei ihm um Leben und Tod, gibt es Aufruhr im Hause Benzini, gewiefte Action, Schwermut, Grandezza. Er raucht so viele Zigaretten, wie man es sonst nur aus alten französischen Spielfilmen kennt, wo es pro Szene mehr Kippen gibt als wörtliche Rede. Gelegentlich bringt er der Gräfin eine einzelne langstielige Rose mit. Nicht immer. („Immer gibt’s ja auch gar nicht“, erklärt sie dazu, „immer ist ein phantastisches Wort.“)

In den frühen Achtzigern schlug Benzini seine Zelte am Rhein auf, wo er seinen Geschäften nachging, doch den Kontakt zu seiner Heimatstadt hat er nie schleifen lassen. Ich frage mich nur, ob Benzini bei den anderen alten Gaunern auch so vom Leder zieht, wenn er ihnen einen Besuch abstattet, oder ob er bei uns besonders vital und quirlig ist, weil er nur zu gut weiß, dass sowohl die Gräfin als auch ich gute Zuhörer sind und am liebsten die Schnauze halten.

„WAS WOLLT IHR AUCH ERZÄHLEN, IHR PFEIFEN!? WAS IHR EUCH ABENDS AUFS BROT SCHMIERT?“

Frau Moll, sonst hypernervös, wenn fremde Männer in der Küche sitzen, die uns anbrüllen, ist die Ruhe selbst. Sie hat vor ein paar Tagen den neunten Geburtstag gefeiert. Eine eisgraue Lady, die ihre Pfoten nebeneinander stellt wie die Sphinx von Gizeh: ist das  nicht der laute Onkel, der immer die dicken Knochen mitbringt..!?

„Ja genau, das ist der laute Onkel!“

Benzini, stets ein Näschen für die Situation, hievt eine Ladung grünen Rinderpansen auf den Küchentisch und lässt Frau Moll Männchen machen.

„Tu was für dein Geld, Hektor!“

Der Mann weiß, wie man sich Freunde macht, unter Stubenhunden. Schnell hagelt es die erste Story. Ohne großen Übergang. Aber eine Windhose verteilt ja auch keine Nettigkeiten, bevor sie losbläst. Sie bläst los, und man muss zusehen, wo der Bunker ist und wie man die steile Treppe runterkommt, ohne sich den Hals zu brechen.

Manches Neue, was er im Gepäck hat, ist dann doch nicht so neu, wie es auf den ersten Blick erscheint, anderes hingegen ist brandneu und bunkerbrechend, findet aber kaum ein Ende, kurzum: selbst wir als gelernte Zuhörer sind nach drei Stunden am Ende unserer Kapazitäten. Bleich und schrumpelig verabschieden wir uns von Benzini, dessen vierschrötiger Schädel auch auf der Osterinsel stehen könnte, zwischen den anderen Steinlegenden, (der Kater Karlo der Südsee), und als er längst über alle Berge ist, (“Kinder, war schön, aber ich muss jetzt los, Geld verdienen”), haben wir immer noch Rückkopplungen im Ohr wie von einer wummernden Leadgitarre von Pete Townsend und die Gräfin setzt die zweite Kanne Arznei-Tee auf.

„Baldrian! Tu Baldrian rein!“ schreie ich. „Mehr Extra-Baldrian!”

 

Benzini und seine Frau hatten zwei Wochen Andalusien gebucht, eine Finca in den Felsen (Cojito) mit Pool, offener Küche mit Ceran-Kochfeld und französischem Bett. Das Wetter spielte mit, selbst der Wind blies heiß um die Ecke, die beiden lümmelten in der Hängematte.

Entspannte Ferientage, doch schon bald erwischte es die beiden Workaholics, die Schlaf eher als Boxenstopp betrachten und es gewohnt sind, 60-80 Stunden die Woche zu arbeiten und das Handy nicht ausglühen zu lassen. Plötzlich fanden sie sich in der Stille einer spanischen Finca wieder, um sich herum nichts als vierundzwanzig Stunden Sonne und Natur und in der Hängematte den Partner, den man zu Hause maximal ein Stündchen vorm Zubettgehen wahrnimmt.

Sie streiten sich an diesem Abend, weil sie verschiedene Pläne haben, was den weiteren Verlauf der Nacht angeht. Sie möchte gern eine nahegelegene Liebesgrotte aufsuchen, eine touristische Attraktion, um die Beziehung aufzupeppen, er möchte Fußball gucken, Champions League, um mitreden zu können, wenn auch nicht unbedingt mit dem eigenen Weib.

Schließlich stiehlt er sich in der Dunkelheit davon, ins benachbarte Dorf, um in einer kleinen Bar ein paar Anis-Schnäpse zu heben und live Dortmund gegen Madrid zu verfolgen. Es gibt Streit mit den Einheimischen, nicht nur, weil Real verliert, auch wegen Angela Merkel und ihrer Europa-Politik. Sternenklar ist die Nacht, als sich Benzini zu Fuß auf den Rückweg macht. Es sind nur zwei Kilometer bis zum Ferienhaus, doch bislang ist er die Strecke mit dem Mietwagen gefahren, nun verläuft er sich in der Dunkelheit.

„Ich dachte, in der Nacht waren die Sterne draussen“, werfe ich ein, „konnten die dir nicht heimleuchten?“

„Ja, da waren auch Sterne, du Schlaumeier, jede Menge Sterne sogar, aber nicht hell genug für drei Promille. Ich war voll wie ne Haubitze, oder nich! Also, ich in Schlangenlinien die Strasse runter, so Serpentinen, die jedes Geräusch schlucken, jedenfalls hab ich das Motorgeräusch hinter mir zu spät gehört – plötzlich rumst es in meiner Hüfte und ich bin angefahren und liege im Graben.“

Der Fahrer des Kleintransporters flüchtet ohne anzuhalten, und Benzini sackt ein ganzes Stück die Böschung runter und verliert das Bewusstsein. Er wird erst wach, als Hunde an ihm zerren, zwei große wilde Kreaturen, die sich in seinen Ledergürtel verbeißen, mit tiefen kehligen Knurrlauten.

„Die glaubten, ich wär schon hinüber, so streunende Ungeheuer, die nehmen, was kommt, ohne langes Theater. Tja, das war’s dann wohl, Benzini, dachte ich, verreckst hier irgendwo in der Pampa, angefahren von irgendwelchen Besoffskis und zerfleischt von wilden Kötern, die dir auch noch den Gürtel mopsen.“

Erst, als die Hunde merken, dass der Leichnam noch zuckt und nach ihnen tritt, lassen sie von ihm ab und ziehen von dannen.

„Dieser Moment.. diese ganze Situation, wie ich daliege in den Sträuchern, von einem Auto übern Haufen gefahren und über mir das Himmelszelt, so tief und nah, als könnte man die Sterne bei den Hörnern packen und einstecken.. das war so elementar.. so gewaltig und gleichzeitig leicht.. Wenn du jetzt abnippelst, dann okay, dann soll es so sein, dachte ich, so übel war dein Leben nicht.. Und je länger ich da lag, desto einverstandener war ich mit allem.“

„Ich hoffe ja immer, dass wenigstens am Ende des Lebens noch kurz das große Aha aufflackert, was das alles soll im All“, meint die Gräfin, „wie das da draussen alles miteinander in Verbindung steht..“

Während Benzini und die Gräfin philosophisch werden, („Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich erstmal 500 Jahre nur dasitzen und mir alles angucken, was auf der Erde geschieht. Nur gucken, ohne einzugreifen“), sitz ich plötzlich in den Katakomben der Stadtkirche und warte auf den Rettungswagen. Kaum sechs Monate ist es her, dass mich ein Herzinfarkt niedermachte, mitten in der Stadt, am Fronhof.

 

Man hatte mich in ein Hinterzimmer gebracht, halb Lager, halb Garderobe. Können wir etwas für Sie tun, können wir Ihnen etwas bringen? Ein Glas Wasser vielleicht? Ja.. ein Glas Wasser, flüsterte ich und versuchte mich lang zu machen auf dem Sofa, versuchte zu entspannen, doch wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt, wenn man dem Tod so nah ist, dass man schon rüberspucken kann – ein zutiefst biblischer Moment.

(Hauptdarsteller: Gevatter Tod, großer Ankäufer aller Zeit).

Mit jeder Sekunde wurde ich schwächer, ein Gefühl, als rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild, mit ruckartigen kleinen Gedanken, langsamen, in sich stockenden Gedanken, und dann war da diese warme Hand, die sich unter meinen Körper schob und mich sachte aufschaufelte. Ein Astronaut, schon halb aus dem Weltraumanzug, schon halb in der Ewigkeit. Bis sich im Mahlstrom des nachlassenden Bewusstseins eine Idee einschlich, eine Abwägung: was, wenn du dich einfach sterben lässt..? Du kannst dich ja auch sterben lassen.. wer sagt denn, dass du Rettung in Anspruch nehmen musst..

Es war ja kein Suizidmoment, wo man selbst noch groß aktiv werden muss, wo man sich eine Pistole besorgen oder von der Brücke springen muss, nein, alles nicht nötig, ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen, ein bisschen noch, und ich wäre sang- und klanglos aus der Welt getreten, ein beruhigendes Gefühl.

Wer die Ausweglosigkeit einer Situation annimmt, wer sich mit dem Unvermeidlichen zu arrangieren beginnt, der hat gute Chancen, dass er es noch irgendwie die Böschung hochschafft, zur Strasse rauf, gegen alle Wahrscheinlichkeit, mitten in der Nacht, am Arsch von Andalusien, und dass man sogar das Glück hat, auf ein Auto zu stoßen, das..

anhält!!

Guardia Civil. Zwei Beamte, eine Taschenlampe. Sie leuchten Benzini ins Gesicht, taxieren ihn.

„Ich weiß nicht, ob die mich für einen betrunkenen Penner hielten, der auf die Fresse gefallen war.. ich mein, klar, ich sah nicht gerade wie Marcus Schenkenberg aus, mit den Quetschungen und Prellungen und dem Blut überall.. doch statt mir zu helfen, versetzt mir einer der Bullen noch einen Stiefeltritt: Vete a la mierda! Fahr zur Hölle!“

Sie setzen sich in den Wagen und brausen davon. Jetzt mobilisiert Benzini letzte Reserven. Er rafft sich auf und schleppt sich die Serpentinen runter, findet nach einer Weile tatsächlich die schmale Zufahrt zum Grundstück der Finca. Er zeigt uns ein Foto auf dem Smartphone, unmittelbar aufgenommen, nachdem er dort ankommt. Seine Hüfte, grün und blau.

„Junge, Junge“, sag ich blass im Gesicht und hätte ihn gern in den Arm genommen. Wie Benzini da in unserer Küche hockt, bei funzligem Licht, das Helmut Schmidt-Käppi tief in die Stirn gezogen, die dunkle Jacke immer noch nicht ausgezogen – ein moderner Don Quichotte, im verzweifelten Kampf gegen Allradantrieb.

 

Erst jetzt, viele Jahre später, macht eine Äußerung Sinn, die Benzini mir gegenüber einmal gemacht hat: „Ich bin ein Pechvogel“, sagte er, „und weil ich das weiß, muss ich besonders clever sein.“ Damals dachte ich, wieso zum Teufel sollte Benzini ein größerer Pechvogel sein als sonst wer, aber die Zweifel sind ausgeräumt. Sein Ich bin ein Pechvogel war nichts anderes als eine frühzeitige Beschwörung des Augenblicks, auf den es irgendwann einmal ankommen wird.

 

Er hatte diese verkratzte MGM-Single von Eric Burdon, eine Ballade, (das, was der Amerikaner gern moody nennt), deren Richtung die erste Zeile vorgab: „For you, my friend, I’d do anything..“ Er spielte mir die Platte vor, ich glaub, es war die B-Seite eines Hits, wir waren ganz still. Wir waren nicht die dicksten Freunde, Benzini und ich, wir würden es auch niemals sein, das war klar, aber darum ging es nicht. Es ging um die Sehnsucht, die das Lied ausmachte, und das ist es auch, was am Ende zählt.

Dass man die gleiche Sehnsucht teilt.

 

Benzinis Probleme mit der Bauchspeicheldrüse waren komplex, und zuerst wussten auch die Ärzte nicht, was los war. Er fühlte sich schlecht, er hatte keinen Appetit, er war lustlos.

“Nicht mal den Weibern bin ich noch nachgestiegen!”

Er stellte verzweifelt das Rauchen ein, reduzierte das Trinken, (“nur noch guten Wein”), doch mit welchem Ergebnis? Richtig. Eine handfeste depressive Episode.

“Du sitzt nichtsahnend vorm Fernseher und denkst nichts Böses, jedenfalls nichts besonders böses, und plötzlich springt dich die Traurigkeit an, die Depression, ein Tier aus finsterster Ecke. Du bist wie gelähmt, du kommst nicht mehr hoch, du bist in den Klauen gefangen. Und das tage-, ach was, wochenlang.”

„Kenn ich“, sag ich leise.

„Kenn ich“, sagt die Gräfin.

Benzini kannte es nicht. Er starrte stundenlang die Decke an, als gäbe es dort etwas zu entdecken, und konnte sich nicht aufraffen, zur Arbeit zu gehen.

„Eine Depression ist, als würde man umklammert von einem schwarzen Alien, der sein Gift in dich hineinspritzt“, definiert die Gräfin.

Benzini: “Nicht mal den Weibern bin ich noch nachgestiegen!”

“Ja, das sagtest du bereits.”

“Nicht mal Geldverdienen machte noch Spaß!”

Der Arzt diagnostizierte, was ein Arzt bei Privatpatienten seines Kalibers gern diagnostiziert, Burn-Out-Syndrom, und verschrieb Tranquilizer und Work-Life-Balance-Beratung. Da zudem in seiner Familie Darmkrebs zum Ton gehört, wurde eine Darmspiegelung anberaumt. Bei der Kamerafahrt durch den Dickdarm passierte es: ein Stück der winzigen Videokamera brach ab.

“Wer hatte mal wieder die Arschkarte gezogen?! Benzini!”

Die Gräfin: “Die haben das Ding aber doch wieder rausgeholt, oder nicht..?”

“Glaub schon. Ich lag bräsig auf dem OP-Tisch, als ich hörte, es wäre ein Chip abgebrochen, und dann war ich auch schon wieder weg. Aber ich denke, dass die Brüder die Antenne wieder rausgefischt haben, ja sicher, ich denk schon..”

“Antenne!? Was für ne Antenne?”

“Na, was weiß ich denn, was dahinten so alles los war in meiner Kiste!”

 

Ein anderes Foto auf dem Smartphone zeigt Benzini von hinten, mit einem prallen Furunkel am Hintern. Nah an der Ritze, was es nicht nur beim Abwischen unangenehm machte, er konnte zudem kaum noch sitzen, was längere Autofahrten zur Tortur werden ließ. Nun ist ein Furunkel an sich keine große Sache. Wäre er zeitig zum Arzt gegangen, das Ding wäre aufgeschnitten worden, der Eiter wäre in eine Nierenschale geflossen, alles wäre gut gewesen.

„Wäre, war aber nicht“, stöhnt Benzini.

Weil nämlich der Hausarzt noch kurz zuvor weißen Hautkrebs bei ihm festgestellt hatte, hinterm Ohr, („ich hab direkt gesagt, wenn ihr das wegschneidet, will ich Spock-Ohren haben“), hatte er gerade die Nase voll von Arztbesuchen, und so entwickelte sich aus der knubbeligen kleinen Arschtasche ein faustgroßes Ei nahe der Kackritze, bis obenhin voll Eiter. Selbst seine langjährige Freundin, einiges gewohnt, was Benzinis Umgang mit dem eigenen Körper angeht, fordert ihn auf, zum Arzt zu gehen.

Okay okay, ist ja gut, bin schon weg. Nur noch die fünf Termine am Montag und dann am Dienstag zum Hausarzt, der keine hundert Meter entfernt praktiziert. Nur noch der Montag, nur noch die fünf Termine an fünf verschiedenen Orten, nur noch die insgesamt 1.200 Autobahnkilometer, dann aber.

Ja, sicher doch.

Schon früh am Morgen, während der Fahrt auf der Autobahn, werden die Schmerzen unerträglich, und Benzini fragt sich, wie zum Teufel er den Tag überstehen soll. Als er aber im Raum Frankfurt aus dem Wagen steigt, um den ersten Termin anzugehen, ist der Schmerz wie weggeflogen. Er fühlt sich überraschend leicht, doch schon im gleichen Moment wird ihm warm, unerklärlich warm, untenrum.

„Das war der Aquarium-Moment!!“ schreit Benzini, als wären die Gräfin, der Hund und ich die gegnerische Verteidigungslinie, die es zu tacklen gilt, und der Hund blafft zurück.

„Mein verdammtes Furunkel war aufgeplatzt, die Hose voller Eiter! Das stank, wie beim Güllebauer in der Eifel!“

In letzter Sekunde telefoniert er den ersten Termin des Tages eine Stunde nach hinten und macht sich mit dem Wagen, einem Sprinter, den er eigens für die Tour gemietet hat, zum nächsten Aldi auf, Klamotten kaufen.

„Ich konnte ja schlecht vollgeschifft beim Kunden auflaufen und einen lockeren Deal machen.“

Er schnappt sich eine billige Blue Jeans und ein Peking-Hemd aus dem Regal. Zurück zum Parkplatz, auf die Ladefläche des Sprinters, schnell umziehen.

„Die Rentner fingen schon an zu feixen, weil hier ein schräger Vogel in ner nassen Buxe über den Parkplatz eiert.“

Als Benzini die Hecktür hinter sich zuzieht, ist es stockfinster im Wagen. Er irrt über die leere Ladefläche, findet nirgends den Lichtschalter. Dummerweise hat er nicht mal ein Feuerzeug in der Tasche. Er stößt mit dem Schädel gegen die Wagendecke, stolpert und legt sich lang, „wie ein Güllekäfer auf dem Rücken hab ich mich gedreht, am Strampeln!“

Vor Wut schlägt er um sich, er krabbelt auf allen vieren zur Hecktür und tritt dagegen, bis sie endlich aufspringt.

„Es hat nicht viel gefehlt und ich hätte um Hilfe geschrien. Stellt euch die Szene vor, ein Aldi-Parkplatz irgendwo vor Frankfurt, ein Mann in einem verschlossenen Lieferwagen, der um Hilfe schreit, bis ein paar Rentner von außen die Tür aufreißen und da steht der Kerl halbnackt auf der Ladefläche, mit ner geplatzten Eiterbeule und Furunkelwasser zwischen den Beinen und in der Hand ne vollgeschiffte Hose, am Schwitzen wie.. “

„.. EIN GÜLLEBAUER IN DER EIFEL!!“

(Die Gräfin meinte später, an dieser Stelle hätte ich so laut aufgelacht, dass sie es beinah mit der Angst bekam, ich würde ersticken.)

 

Soweit Kamerad Benzini, bevor er aufbricht und allen ein geruhsames und friedliches 2017 wünscht.

 

7 Gedanken zu „Glück auf, Benzini!

  1. Habe ja schon mehrmals Parallelen bei uns entdeckt- eine davon ist ganz sicher, daß du dich am wohlsten in deinen vier Wänden zusammen mit Susanne fühlst, ebenso wie ich in meinen vier Wänden zusammen mit Katrin. Und ich habe in meinem Kreis auch einen Benzini, mein Kollege nennt sich unter uns seit eh und je Biene. Biene war allerdings sein Leben lang großer Trinker, kein Drogi- bis er im Alter von 40 Jahren das Kiffen für sich entdeckt hat, das ich mir vor vielen Jahren nicht nur längst abgewöhnt habe, sondern das bei mir am Ende für schwere Depressionen mitverantwortlich war. Eigentlich ist Dope absolut Tabu, aber wenn Biene uns besucht und dann irgendwann ne Tüte rollt, ziehe ich wie von selbst auch ein paarmal. Nicht nur deshalb- wenn Biene nach einigen Stunden abhaut, bin ich jedes Mal völlig platt. Von den unzähligen Lachkrämpfen, sicherlich vom Kiffen intensiviert, aber in erster Linie ausgelöst durch seine unfaßbaren Storys. Und noch mehr erschöpft von diesem ungewohnt krassen mehrstündigen Input. Irgendwann steht er auf und geht, bis er dann Monate, eventuell Jahre später wieder auf der Matte steht. Übrigens Biene ist Vater zweier längst erwachsener Kinder. Und am- voraussichtlich- 24.10. wird er nochmal Vater eines Sohnes…

  2. Weißt du was? Ich glaube, die Geschichte war schon mal wo? Aber weißt du noch was? Das ist egal. Du bist einer, den ich immer wieder lesen kann.
    Weil deine Texte immer voller Liebe zur Sprache, zum Erzählen an sich und zu ddn Menschen sind, über die du schreibst.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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