EXPRESS-Arbeiten 88/89, Teil 1

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Hochsommer 88, ich wohnte mit Karlos zusammen. Er hatte die Angewohnheit, die aktuelle EXPRESS, Ausgabe Düsseldorf, mitzubringen, wenn er mittags vom Friedhof kam, wo er die Leute unter die Erde brachte, und so lag auf dem Küchentisch stets ein Haufen Schlagzeilen herum. Eines Tages nahm ich Schere, Uhu und einen Zeichenblock und begann meine eigenen Balkenüberschriften zu setzen, aus einer Laune heraus. „Wieso machst du dir eigentlich so eine Arbeit?“ fragten die Leute, wenn sie zu Besuch kamen und ich in meinem Zimmer blieb, wo ich mit krummen Rücken auf dem Boden hockte und mühsam Buchstabe für Buchstabe aus der Zeitung holte und zu neuen Revolver-Worten zusammensetzte.

„Keine Ahnung.“

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Einmal übernachtete Benzini bei uns, weil er zu viel getrunken hatte, um es nach Hause zu schaffen. Als er am nächsten Tag wach wurde, las er an der Wand eine der neuen Schlagzeilen. An den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr, aber es endete  mit „6jähriger: Ich bin am Ende.“ Das ganze Wochenende hörte man Benzini aus einem Pulk Besoffskis heraus schreien: „6JÄHRIGER: ICH BIN AM ENDE!“

Ich klebte insgesamt einige hundert Balkenüberschriften. Ein paar landeten an meiner Wand, ein paar schickte ich an die Dada-Zeitschrift PIPS in Bonn.

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Das Gros verstaubt seit 25 Jahren in einem roten Koffer unter meinem Schreibtisch. Wenn ich sie heute lese, muss ich über einige lachen, andere sagen mir nicht mehr viel und mindestens die Hälfte ist Kacke. Ich glaub, ich hab mir damals einfach die Zeit totgeklebt. Ist auch ne Möglichkeit, das weiss ich seitdem.

Definitiv.

*

Teil I

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 Teil II

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10 Gedanken zu „EXPRESS-Arbeiten 88/89, Teil 1

  1. Das ist ja Waaaahnsinn! Jetzt hast Du also auch noch Wortbilder…wie ich es liebe, mit Gebrauchtwörtern zu arbeiten! Auch in dieser Kunst bist Du saugut…machst Du das eigentlich heute nimmer? Bitte mehrmehrmehr und laß uns doch damit mal eine Ausstellung machen…hat jemand zwischen Solingen und München zufällig kostenlos einen wunderbaren Ausstellungsraum? Und dann werden wir reich im Wortgebrauch
    ziemlich viele Grüße

  2. Mein absoluter Favoritaus Deiner Sammlung: „Gebranntes Kind schmeckte nach Mandeln“. Genial. Tief. Dada.
    1987 war ich Praktikant beim Düsseldorfer EXPRESS. Meine selbstgemachte Lieblings-Schlagzeile von damals: „Opa (81) schlug Oma (84) Hammer auf den Kopf und fiel tot um“. Ist so erschienen über meinem Bericht, der mit den Worten begann: „Der Fensterrahmen im ersten Stock der grauen Mietskaserne ist blutverschmiert.“

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