Erinnerungen an ein anderes Leben (Geplant war Ewigkeit)

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Es war ein viel zu heißer Tag im Frühling, als wir auf dem Dachbalkon saßen und ich Vater fragte, ob er das Gezwitscher der Vögel hören könne.

„Welches Gezwitscher?“

„Na, hier ist doch jede Menge los in der Luft.. Hörst du das nicht?“

Er lauschte angestrengt, die Augen rollten hin und her. Er war so schwerhörig geworden, jeden Satz musste man wiederholen. Hörapparate kamen ihm trotzdem nicht ins Ohr, weil dann die Hintergrundgeräusche zu laut seien, zu dominant, seiner Meinung nach.

„Vielleicht bist du es einfach nicht mehr gewöhnt, die Geräusche zu hören. Deswegen kommt es dir so laut vor.“

„Kann sein. Aber es scheppert auch alles so, wenn ich den Apparat im Ohr hab.“

„Aber ohne hörst du von den Vögeln gar nichts?“

„Von den Vögeln?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein. Kein Piep.“

„Das ist aber blöd“, sagte ich.

„Ja, das ist blöd“, sagte Vater.

Er blickte über die Balkonbrüstung in den blauen Himmel, wo ein paar Schleierwolken vorüberzogen, im lockeren Verbund, und lächelte.

„Jetzt, wo du mein Übersetzer bist: was ist eigentlich mit den Wolken da oben? Machen die auch so’n Krach wie die Vögel?“

*

Vater kam zunehmend mit den Tageszeiten durcheinander. Wenn ich ihn nachmittags am Telefon erreichte, was an sich schon ein Glücksfall war, weil er das Klingeln meist überhörte, war er der Auffassung, es sei früh am Morgen und er müsse die Heizung anwerfen und frühstücken. Es dauerte, bis ich ihn auf die richtige Spur brachte.

„Es ist fünf Uhr durch, Papa, du hast dich nach dem Essen hingelegt und ein Nickerchen gehalten. Du hast längst zu Mittag gegessen.“

„Wer?“

„Na, du.“

„Ich? Zu Mittag..? Ich.. hab schon.. zu Mittag gegessen, sagst du?“

Während er sprach, arbeitete es ihm. Er suchte nach Anhaltspunkten, nach Resten eines warmen Essens, nach Fleischfasern, die noch im Mundraum vagabundierten, nach einem Klecks Apfelmus auf der Trainingshose, nach Besteck vielleicht, das er aus Versehen mit ins Wohnzimmer genommen hatte, nach irgendetwas..

„Mittagessen..“, hörte ich ihn murmeln.“So ein Quatsch. Nein. Ich hab heut noch nicht zu Mittag gegessen.“

„Doch, bestimmt. Es ist fünf Uhr durch, und Mittagessen kriegst du immer gegen zwölf.“

„Richtig!“ warf er ein.

Dann warteten wir. Ich wartete darauf, ob noch was kam, Vater wartete grundsätzlich – zur Not auch darauf, dass nichts mehr kam. Aber das war okay für ihn. Das Warten. Das fragliche Mittagessen hingegen nicht.

„Das begreif ich nicht“, hörte ich ihn leise mit sich selber ringen, auf Platt natürlich, „ich begriep dat nit..“, und ich ärgerte mich, ihn überhaupt gefragt zu haben, da jedes kleine Sich-nicht-erinnern-können für Demenzkranke eine Niederlage darstellt. Andererseits war er jedes Mal stolz wie Oskar, wenn er sich plötzlich doch daran erinnerte, welches Menü der Bringdienst der Metzgerei heute gebracht hatte.

*

Ich hatte Vater angerufen, um ihm mitzuteilen, dass ich erst am folgenden Tag zu Besuch käme und nicht heute, wie ursprünglich abgemacht.

„Ich komme morgen, Papa. Ist sowieso besser, dann hast du ja Geburtstag.“

„Geburtstag? Ich..?“

„Ja. Morgen, du hast morgen Geburtstag.“

„Was ist denn morgen?“

„Dienstag.“

„Aha.. Und wann kommst du?“

„Morgen“, sagte ich. „Dienstag.“

„Dienss..tag..“, wiederholte er so langsam, als müsse er die neue Info erst verarbeiten und mitschreiben. „Gut.. Morgen ist.. Dienstag. Aber du kommst.. heute?“

„Nee, morgen. An deinem Geburtstag.“

„Ah so.. ja. Klar.“

Die Telefonate häuften sich, die sich auf diese Weise in die Länge zogen, bis ich es mir abgewöhnte, Vater mit blöden Fragen in Verlegenheit zu bringen. Er konnte sich eh an nichts erinnern, ausgenommen an seine Kindheit und Jugend sowie an die Dinge, die sich eine Sekunde zuvor abgespielt hatten. Schon ab der zweiten Sekunde wurde es kompliziert. Ungefähr wie bei einem Hund. Der lernt auch nur Dinge, die er innerhalb einer Sekunde zuordnen kann.

*

Als wir Kinder waren, bereitete es Vater diebische Freude, sich vor uns aufzubauen wie Lehrer Lämpel im Großen Wilhelm Busch-Buch und den Spruch zu bringen, von dem ich bis heute nicht weiß, woher er stammt. Ich habe recherchiert, ich habe gegoogelt, ich hab nirgends eine Spur vom Verfasser gefunden.

Wer anderen in der Nase bohrt, sprach Vater und drohte mit dem erhobenen Zeigefinger, ist selbst ein Schwein.

Vermutlich wollte er damit ausdrücken, dass jeder gefälligst vor der eigenen Haustür kehren sollte. Aber das war nicht so wichtig. Sinnsprüche und schöne Tellerwahrheiten bildeten die Ausnahme in unserer Familie. Es blieb jedem selbst überlassen, dem Leben sein Geheimnis abzuluchsen. (Es gab lediglich so etwas wie stille Übereinkünfte, auf die man sich verständigte. Etwa die Überzeugung, dass der Virus Mensch eines Tages das All eroberen wird, und dann Gnade Gott den anderen Planeten.) Sobald Vater den Zeigefinger hob und Wer anderen in der Nase bohrt, ist selbst ein Schwein zitierte, sah ich als kleiner Junge riesige Zwitterwesen vor mir, halb Sau, halb Alien, die sich gegenseitig in der Nase pulten. Ein ungeheuerlicher Vorgang.

*

Ich fuhr mit Vater zum Akustiker. Wir hatten ihn überreden können, seinem zehn Jahre alten Hörgerät ein Update zu verpassen, inklusive Reinigung und Desinfizierung.

„Desinifizierung?“ rief Vater. „Wieso? Bin ich schon ansteckend doof?!“

Zunächst gab es einen Hörtest. Da er den Kommandos des Akustikers kaum folgen konnte, begleitete ich ihn in die Testkabine und half ihm. Besonders die hohen Töne waren sein Problem. Nicht mal diesen gellenden Dauerton konnte er hören, der ihm über Kopfhörer eingespielt wurde und der so laut war, dass ich ihn noch aus zwei Metern Entfernung ohne Kopfhörer vernahm. Das Jaulen ging mir so auf die Nerven, dass ich mir die Finger in die Ohren steckte und fast aus der Kabine gestürzt wäre, um ihm zu entkommen. Erst da rief Vater endlich „JETZT!“, als Zeichen, das er etwas gehört hatte.

„DA WAR WAS!“

„Ihre Ohren sind schon sehr geschädigt“, drückte es der Filialleiter des Akustikerfachgeschäfts noch behutsam aus. Ein Geschäftsmann, der überraschenderweise nicht sofort alle Hebel in Bewegung setzte, um Vater ein neues teures Hörgerät aufzuschwatzen. Im Gegenteil. Selbst die Auffrischung und Neueinstellung des alten Geräts lief unter Service und war kostenlos. Lediglich das Auswechseln der Knopfbatterien ließ sich nicht vermeiden. Sollte Vater doch mal Lust auf neue Hörapparate verspüren, kaufen wir die hier, dachte ich. In Zeiten des Hyperkapitalismus war man schon froh, wenn man nicht gleich übers Ohr gehauen wurde. Behandelte einen der Verkäufer dann noch wie ein Mensch, kamen einem fast die Tränen.

„Ich wusste gar nicht, dass in Solingen so ein Krach ist“, meinte Vater, als wir im Taxi saßen und zurück zur Schillerstraße fuhren. Er hatte den Hörapparat ausnahmsweise gleich drin gelassen. Daheim ging es mit den akustischen Sensationen weiter. Als Mutter einen Kessel Teewasser aufsetzte und das Wasser zu kochen begann, glaubte Vater Handwerker im Haus zu hören, die mit dem Schneidbrenner zugange waren.

„Machen die etwa kein Mittag!?“ rief er wütend. Und als ich die Balkontüre öffnete, um frische Luft reinzulassen, bellte er sofort „Was??!“, weil er das Quietschen der Tür missgedeutet hatte.

„Ich dachte, ihr hättet nach mir gerufen!“

*

Mutter kochte immer seltener, zum Schluss ließ sie es ganz sein. Sie hatte keine Lust und keine Kraft mehr. Wenn Vater ein Stück Fleisch wollte, abgesehen von den eher wässrigen Mittagmenus des Essens auf Rädern, dann musste er es sich selbst zubereiten.

Einmal besuchten Sanne und ich meine Eltern, der Hund war auch dabei. Es war Mittagszeit, alles knubbelte sich in der engen Küche. Mutter saß auf ihrem alten Bürodrehstuhl, den sie nach der Geschäftsaufgabe vom Schreibtisch in die Küche gerettet hatte, und beobachtete genauso wie Sanne und ich meinen alten Vater, der sich ein Schweinekotelett in die Pfanne haute.

Er hatte sich minutiös vorbereitet, er hatte alles fein säuberlich notiert. Wieviel Minuten anbraten auf jeder Seite, wie paniert man richtig, wieviel Fett kommt in die Pfanne etc. Ich hatte einmal ein angebrochenes Notizbuch von ihm übernommen, wo er auf den ersten Seiten allerlei Tätigkeiten beschrieben hatte, die normalerweise meine Mutter verrichtete. Für den Fall, dass sie in Kur ging, hatte er mit dem Lineal einen Bar-Scheck nachgemalt, um zu wissen, wie man Geld von der Bank holt. Wieviel Lot Kaffee auf eine Thermoskanne kommt. Wie man die Spülmaschine einstellt. Was in die Buntwäsche gehört. Ob Ariel Color auch für Schlafanzüge gilt. Wie man Bratkartoffeln und das Dressing für Kopfsalat macht.

„Das kann Papa gut“, lobte Mutter ihn, „der kann besser Fleischbraten, als ich das je konnte. Der hätte das immer tun können.“

„Ach, ich hatte doch gar keine Zeit dafür..“, meinte Vater geschmeichelt. Auf Platt: ach, ich hatt kin Tiet dafür.

Der Hund starrte ihm die ganze Zeit auf die Finger, und als Vater sich das Kotelett auf den Teller schippte, tropfte der Sabber in glänzenden dicken Strängen auf den Küchenboden.

*

Seit Mutters Tod an Weihnachten 2010 war Vater alleinstehender Witwer, herz- und zuckerkrank, von Asthma geplagt und zunehmend dement, in einer neunzig Quadratmeter großen Wohnung. Ein alter Mann, der nicht mehr viel zu tun hatte, außer warten, dass jemand aus dem Kreis der Familie zu Besuch kam. Am Ende des Lebens bleibt nur die Familie. Wehe dem, der zeitlebens geschludert hat in dieser Richtung – der ist erledigt. Der ist dreimal tot, bevor er tot ist, weil niemand mehr auf der Welt ist, der sich für einen interessiert. Und wofür ist man sonst auf der Welt. Was bleibt, wenn sich niemand mehr nach deiner Meinung erkundigt. Wenn dich niemand mehr fragt, sag mal, wie würdest du das tun.

*

Das Gesicht, mit dem man draussen in der Gesellschaft herumläuft und altert, ist ein anderes als das, welches man von sich selber hat und in sich trägt. Das bleibt jung. Das bleibt länger jung.

Das hält.

*

Solange Vater gesund war und Mutter noch lebte, zog er sich am Nachmittag gern in die Stille und berührende Enge seines bis unter die Decke  vollgestopften Hobbykellers zurück und bastelte großartige Puppenhäuser und Kasperletheater für die Enkelkinder, echte Zauberapparate.

Vater war immer ein Mann der Tat gewesen, doch im Alter waren es ausgerechnet die Hände, die ihn, vom Gedächtnis mal abgesehen, im Stich ließen. Ohne Zuhilfenahme einer Wasserpumpenzange konnte er nicht mal eine lumpige Mineralwasserflasche öffnen. Orgelspielen ging nicht mehr, Basteln war vorbei – es blieb nur warten, ob jemand kam und ihn besuchte.

Andere Leute besuchen ging nicht mehr, seit er das Autofahren hatte aufgeben müssen, zu Fuß losziehen ebenso. Der letzte Versuch, den er in dieser Richtung unternommen hatte, war böse in die Büsche gegangen. Er wollte eine Bekannte besuchen, die einen guten Kilometer entfernt wohnte, was mit einem Zusammenbruch auf der Margaretenstrasse und Sturz in die Hecke endete. Vater konnte froh sein, dass eine aufmerksame Autofahrerin anhielt und ihn einsammelte und wieder nach Hause brachte.

So kam es, dass er von sieben Tagen in der Woche an sieben Tagen zu Hause blieb, ausgenommen den Terminen beim Arzt und kleinen Ausflügen mit meiner Schwester. Den Running Gag, Vater zu fragen, was er denn die letzten Tage angestellt habe, wenn ich ihn übers Wochenende nicht gesehen hatte und Montags um fünfzehn Uhr auf der Matte stand, liessen wir uns aber nicht nehmen.

„Oh, ich bin hübsch zu Hause geblieben!“ flötete Vater lakonisch.

„Dagegen ist nichts einzuwenden“, sagte ich.

*

Pflegestufe 1 bedeutete, es fuhr morgens und abends der Pflegedienst vor, blieb aber selten länger als zehn Minuten, da Vater nicht bettlägerig war. Da sparten die Pflegekräfte gern etwas Pflegezeit ein, die sie bei anderen Patienten nötiger hatten. Das war an sich in Ordnung, weil es ja bedeutete, dass es anderen Alten wesentlich schlechter ging als unserem Vater, andererseits war es kaum Ernst zu nehmen, was der Pflegdienst leistete. Mal eben die Tabletten reichen, den Zuckerwert messen und ein, zwei Zeilen ins Pflegebuch schreiben, und schon fiel die Tür wieder ins Schloss. Es war geradezu lächerlich.

Ich kam meist dreimal die Woche und blieb den ganzen Nachmittag. Mein Bruder war aus Vaters Versorgung größtenteils ausgeklammert, da er als Software-Administrator in Köln arbeitete und unter der Woche kaum vor 20 Uhr zu Hause war. Hinzu kamen seine beiden Jungs im Grundschulalter, seine Frau, die als Krankenschwester auf halber Stundenzahl arbeitete, sowie die Hazienda in den Wupperbergen plus Walburga und Lily, die beiden französischen Langfellschafe, die das Gras am Berghang hinter der Hazienda kurz hielten und jedem Besucher persönlich vorgestellt wurden.

Kurzum: Mein Bruder kam, wenn er Zeit fand, meine ältere Schwester, die an einer Schule unterrichtete, Freitags und am Wochenende. Sie erledigte die Einkäufe und den ganzen Papierkram. Ganz klar, sie war Vaters hellster Stern in dunkler Zeit, sie gab ihm Zuversicht und Orientierung, dagegen konnten wir Söhne nicht anstinken, und wir wollten es auch nicht. Gegen eine funktionierende Vater-Tochter-Beziehung lässt sich nicht anstinken. Sie ist dicker als Blut. Sie ist der Nachfolger von Blut.

Die Wochentage, an denen ich Vater besuchte, wechselten, doch der Montag war von Anfang an eine feste Bank.

Wenn du von deinem Vater kommst, bist du meist gelockert und irgendwie.. zufrieden, so die Gräfin damals.

Natürlich gab es Tage, wo ich lieber zu Hause geblieben wäre. Wo ich genervt war und knurrte, schon wieder los zu müssen, wo ich doch am Schreibtisch gerade so schön in Form gekommen war. Aber hatte ich mich erstmal aufgerafft und war unterwegs zur Schillerstraße, war es jedes Mal in Ordnung. An meiner Seite ein treuer Hund, den steilen Klauberg hoch, an dessen Ende der alte Malorney, genannt der Major, in seiner offenen Garage saß, eine Flasche Bier in Arbeit, „na, Glummi, wieder mit dem Zottelbär unterwegs?“

Ich freute mich darauf, Vater zu sehen und etwas Zeit mit ihm zu verplempern. Darin hatte ich es einmal zum Champion gebracht, das war lange Jahre mein Ding gewesen, das Verplempern von Zeit, zur Meisterschaft erblüht in Zusammenarbeit mit meinem Freund Karlos, doch nun war mein alter Vater so ziemlich der letzte, mit dem das noch funktionierte, mit dem ich das noch hinkriegte, das bloße Beisammensein und den Tag hinterm Horizont verschwinden zu sehen, ohne einen Finger krumm zu machen, was gar nicht so einfach ist, wie es sich anhört. Zum Nichtstun braucht es Talent, man muss in der Lage sein sich zurückzunehmen, sich dem Lauf der Sonne, des Mondes und des Maulwurfs zu unterwerfen.

Aber was blieb dem ältesten Sohn einer gestandenen Solinger Klempner-Legende schon übrig, als das Leben zu verplempern, schon vom phonetischen Standpunkt aus gesehen, wenn er schon kein Klempner werden konnte.. Das Leben verklempnern hatte sich früh erledigt, wegen der zwei linken Hände und dem Unverständnis gegenüber jeglichen technischen Lösung. Sogar handwerklich geprägten Begriffen wie FERTIGUNG stand ich grundsätzlich skeptisch gegenüber, oder HANDEL.

*

„Bist du müde?“ fragte ich Vater.

„Was?!“

„Ob du müde bist.“

„Müde?!“

„Ja, müde. Bist du müde?“

Sein weißes Haar stand wirr in der Luft, wie nach einer überraschend anberaumten Razzia. Er überlegte eine Weile. Dann:

„Ich bin nicht glücklich. Ich bin deprimiert. Und müde.“

*

Das Schreckliche am Tod ist das Gefühl, als wäre nie etwas gewesen, als hätte dieses Leben niemals stattgefunden.

Als hätte es sich jemand bloß ausgedacht.

Als wäre bloß der Tod real.

*

Vater lag seit Wochen in der Klinik und Mutter war allein zu Haus, das war sie nicht gewohnt. Ihr fehlte das Hintergrundrauschen einer fünfzig Jahre währenden Ehe. “Ich denk immer, der muss doch gleich um die Ecke kommen..” Kam er aber nicht.

Von der schweren Herz-OP erholte sich Vater nur langsam. Er litt unter dem Durchgangssyndrom und war oft so durcheinander, dass er sich in Kriegsgefangenschaft wähnte. „Was kochen die Tommies für einen scheiß Kaffee!“ schrie er und schlug die verschorften Hände vorm Gesicht zusammen. “Das mach ich nicht mehr mit!”

Dass er nicht bei Verstand war, setzte Mutter besonders zu. Dass er dement bleiben könnte. Es rührte an ihrer gemeinsamen Würde.

Wenn ich sie besuchte, saß sie verloren im Esszimmer und blickte auf die kaum befahrene Straße. Eine alte Frau mit dünnem grauen Haar, die mit verweinten Augen ins Nichts starrte und jeden Tag mehr abmagerte. Sie wog bald keine hundert Pfund mehr. Wir alle machten uns Sorgen, wie es weitergehen sollte, niemand hatte eine Antwort. Vater kam nicht um die Ecke, Mutter baute in rasender Geschwindigkeit ab.

Eine Erkältung mit Reizhusten wollte trotz Antibiotika nicht weichen, dazu plagten sie hartnäckige Schmerzen in Rücken und Unterbauch, wo ihrer Auffassung nach der Sitz der Seele war. Sie hatte unablässig Harndrang. Nachts musste sie bis zu zehnmal raus. An Tiefschlaf war nicht zu denken. Weil sie so schwach geworden war, spendierte die Krankenkasse einen Toilettenstuhl und einen Rollator, den sie stur als Teewägelchen verwendete.

Auf Anraten der Ärzte schauten wir uns für Vater vorsorglich nach einem Pflegeheim um. Noch aber bestand Hoffnung, dass die Psychose sich zurückbildete. Noch duftete es in der großen Dachwohnung nach ihm, noch saß Mutter zwischen den gemeinsam angeschafften Möbeln der Interlübke-Linie und hielt Wache, ratlos.

„Ich weiß nicht mehr, wo ich es suchen soll“, seufzte sie.

Zeitlebens mochte ich ihre Sprache. Sie benutzte gern solch wunderbare Worte wie huschhascheln, was so viel wie hin- und her räumen, kramen bedeutet, oder ummeln. Wer im Bett liegt und gemütlich vor sich hindämmert, aber noch nicht eingeschlafen ist, der ummelt ein bisschen.

– Bist du schon am schlafen? –

– Nein, ich bin am ummeln. –

Finnig ist eine Suppe, der man auf Anhieb nicht ansieht, wie brühend heiß sie ist. Eine finnige Suppe versteckt ihre Hitze unter einer unauffälligen Oberfläche und man verbrennt sich schnell das Maul.

Um Mutter zu besuchen, nahm ich den Weg durch die Hofschaft Klauberg, vorbei am staubigen Fußballplatz, auf dem ich die schönsten Kämpfe ausgetragen hatte, Elfer-Raus und Fünf-Minuten-Schießen. Mit jedem Schritt stieg ich tiefer in meine Kindheit, einem Kokon aus Füllerpatronen, Asterix-Heften und nicht geputzten Fußballschuhen, die fünfzig Pfennig Strafe nach sich zogen, wenn Sonntags ein Spiel anstand.

Wenn ich die Schillerstraße erreichte und Mutter per Summer die Haustür öffnete, liess ich den Hund von der Leine und sprang wie früher die Treppe hoch, nahm ein halbes Dutzend Stufen auf einmal und zählte die grünen Kacheln im Wandmosaik, bis ich oben angekommen war.

„Da seid ihr ja.. kommt rein..“

Mutter schlurfte voraus ins Esszimmer, in zu groß gewordenen Pantoffeln, und setzte sich ans Fenster. Es war jedes Mal das gleiche Bild. Sie saß im Esszimmer, das unser altes Kinderzimmer war, und schaute betrübt auf die Straße, während Vater zur selben Zeit, aber dreißig Kilometer Luftlinie entfernt, zum Parkplatz der Landesklinik hinunterblickte, in der Hoffnung, Mutter würde vielleicht zu Besuch kommen. Einer hielt Ausschau nach dem anderen. Der Blick ins Leere war ihr letztes Band.

Damit Mutter wenigstens eine Kleinigkeit aß und nicht bei lebendigem Leib skelettierte, kochte ich nach ihrer Vorgabe unkomplizierte Speisen wie Spinat mit Spiegelei, oder wir machten uns eine Pizza warm und teilten sie. Ich war froh, wenn ihre Stimme Farbe gewann und nicht mehr ins Schlingern geriet, wenn ihr Mund ein Lächeln aufbaute und zu schnattern begann, wie in besseren Tagen.

Tage, die noch gar nicht weit zurücklagen, gerade mal eine Seite im Fotoalbum.

Es sind ja immer die kleinen Momente, die einen anrühren, die das Herz absaufen lassen. Da war der Moment, als ihr Hals übergroß in mein Blickfeld rückte, die Falten wie Jahresringe, da war der Moment, als sie sich fürs Mittagsschläfchen hinlegte. Ich zog ihr die Strümpfe aus und deckte sie zu, wie ein kleines Schulmädchen lag sie da, ein kleines Mädchen mit spitzem Näschen und jahrtausendealter Seele.

Zuvor, als ich das Bett hergerichtet hatte, musste jede der diversen Über- und Unterdecken exakt an ihrem Platz sein, und wehe, das Bettlaken war nicht glatt gezogen und warf Falten und Kniffe. Das konnte ihr das ganze Mittagsschläfchen verhageln.

„Davon kriegt man lächerliche Beine.“

„Lächerlich..?“ Ich verstand nicht.

„Kennst du das nicht? Wenn es juckt, als würde man auf Zwiebackkrümeln liegen.., lächerliche Beine eben.“

Ich machte ihr eine Wärmflasche und rieb ihr den gepeinigten Rücken mit Pinimentol ein. Dabei meinte ich es zu gut. Statt wie empfohlen einen wenige Zentimeter langen schmalen Strang aufzutragen, cremte ich sie großzügig ein. Am frühen Abend ging das Telefon. Schon das Läuten verriet, dass etwas nicht stimmte.

Mutter war aufgebracht.

„Ich konnte nicht einschlafen heut Mittag, so kalt war mein Rücken. Ich war ja richtig eingekleistert!“ Ihre Stimme hatte den alten Drive. „Mir war so kalt, als hätte ich im Eisfach gelegen. Oder wolltest du mich schon einfrieren?“

„Oh.. äh. Natürlich nicht. Aber die Wärmflasche war in Ordnung, oder?“

„Die Wärmflasche war so heiß, es hat mir fast den Bauchspeck verschröggelt.“

„Der Bauchspeck? Was für ein Bauchspeck?“

Sie liess den Einwand nicht gelten.

„Erst hat mich die Wärmflasche fast verbrannt, dann kühlte sie so schnell ab, dass ich gefroren hab wie ein Schneider. Ich war voll am bibbern!“

Es dauerte eine Weile, bis sie mein Lachen hörte und ebenfalls zu lachen begann. Erst nur halbwegs besänftigt, dann lauter als ich. Es war das letzte Mal, dass ich sie so lachen hörte.

*

Der kleine Junge, der inmitten einer lärmenden Kindergartentruppe in die Linie 683 eingestiegen war, suchte sich zielsicher den freien Platz mir gegenüber aus und ließ die Beine baumeln. Die Schuhe trugen winzige Stahlkappen.

“Wie heißt du eigentlich?” fragte er sofort und in einem Ton, als hätten wir uns schon stundenlang unterhalten und als wolle er jetzt endlich wissen, mit wem er es hier zu tun hatte, verdammt.

“Andreas”, antwortete ich erstaunt.

“Und mit Nachnamen?”

“Äh.. Glumm.”

“Wie??”

“Glumm.”

“Was ist das denn, ein.. Glumm?”

“Na, das bin ich. Ich bin ein Glumm.”

Er guckte mich verständnislos an, aus großen fruchtigen Augen.

“Und wo willst du eigentlich hin?”

„Das möchte ich auch zu gerne wissen“, sagte ich.

„Was..?“

“Zum Krankenhaus. Meinen Vater besuchen.“

„Deinen Vater besuchen?? Warum?“

„Weil der krank ist.“

„Ja?“

„Ja. Und du? Wo willst du hin?”

“In die Kinder-Uni.”

“Die Kinder-Uni??”

“In die Kinder-Uni.”

“Aha. Und wo ist die?”

“Weiss nicht. Frau Kaiser..!! Wo ist die Kinder-Uni?”

“In Elberfeld, Moritz.”

“In Elberfeld.”

Wir fuhren noch einige Stationen, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, dann hatte ich mein Ziel erreicht. Haltestelle Klinikum. Ich räumte den Platz für einen weiteren kleinen Kommilitonen, der bislang im Gang stand und einen Comic las, JETZT MIT NOCH MEHR MONSTERN.

“Machts gut, Moritz”, sagte ich.

“Du auch, Glumm.”

 *

Er war in seinem Element, wenn er von früher erzählte. Von der Zeit in englischer Kriegsgefangenschaft, in die er 18jährig während der Ardennenoffensive geraten war, vom Tanzengehen nach dem Krieg, als der Eintritt einen Brikett kostete, damit das Tanzcafé beheizt werden konnte, von der Kindheit am wilden Bärenloch.

Besonders die Geschichten rund ums Bärenloch klangen in meinen Ohren wie aus Tausendundeiner Nacht. Es hatte einen fernen dunklen Zauber und war von einer zügellosen Zärtlichkeit durchdrungen.

Nichts tat Vater lieber, als uns mit Anekdoten aus seinem Leben zu versorgen, und so hielt er es auch nach dem plötzlichen Tod von Mutter, wenn ich ihn Nachmittags besuchte und wir auf dem Balkon saßen. Wo die Dynastie der sonnigen Nachmittage ihren Anfang nahm.

Nachdem wir eine Weile unterm Sonnenschirm gesessen, uns gegenseitig aus der Zeitung vorgelesen und den Hund gestreichelt hatten, schaute er über die Balkonbrüstung in den Himmel und begann zu erzählen. Er wusste, dass ich seine alten Geschichten gern hörte und nicht mal etwas dagegen hatte, wenn er sich wiederholte, weil ich es mir dann besser merken konnte. So hatten wir beide etwas davon.

In seiner ruhigen und gemächlichen Art trank Vater einen Schluck von der heißen Trinkschokolade, die eine bräunliche Rinne auf seinen Lippen hinterließ –  an manchen Tagen eine Kruste, eine dicke Kruste.

„Papa, du hast da was“, sagte ich.

Aber ich sagte es auch nur dann, wenn der Kakao-Schnauz so massiv geworden war, dass es mich ablenkte und ich nur noch auf den Mund starrte wie auf einen kleinen schmuddeligen Tatort anstatt den Worten zu lauschen.

Papas Familien-Geschichten waren aktive Ahnenforschung, auch wenn ich bis zum Schluss Schwierigkeiten hatte, die vielen Namen unter einen Hut zu kriegen, ihre verwandtschaftlichen Verhältnisse untereinander zu klären. Und beim nächsten Mal nicht wieder alles durcheinander zu werfen.

Abschließend blickte er in seine verschorften Hände. Sie lagen auf dem Camping-Tisch, die Finger ineinander gekreuzt. Hände, die ein Leben lang hart zugepackt hatten, aber auf eine akribische und langsame Art, bei der Arbeit wie am Akkordeon.

Und jetzt ist alles vorbei, brummte er traurig.

Wie ein kleiner Bub saß er da, ein kleiner Bub Mitte Achtzig, dement in einem noch relativ frühen Stadium, ein Witwer, der nicht mehr weiter wusste. Geplant gewesen war Ewigkeit, verflucht noch mal, nicht alleine zurückbleiben, ohne Frau.

So saßen wir beisammen, Vater und Sohn, zwei Schiffbrüchige, ohne groß Land in Sicht, aber ein Floß unterm Hintern. Ein Floß, immerhin: der Kaffeetisch auf dem Balkon. Die Sonne am Himmel. Der Nachmittag. Der Hund, und die Geschichten.

*

Man konnte nicht damit rechnen, dass es sich so entwickelte, doch so ist das mit den schönen Dingen. Sie kommen, wenn weit und breit niemand mit ihnen rechnet, wenn keiner auch nur den geringsten Gedanken daran verschwendet. Die kostbaren Dinge im Leben geschehen ohne unser gewolltes Zutun, wir müssen bloß eines – wir müssen da sein. Vor Ort. On air. Bereit. Wir müssen bereit sein.

So war es auch mit Vater und mir, als wir auf den letzten Metern Freunde wurden. Wir mochten uns zuvor schon, wir sympathisierten miteinander, doch wie das so ist bei Charakteren, die sich ähnlich sind, man steht sich oft gegenseitig im Weg. Es sind keine unüberwindlichen Hindernisse, es sind keine Barrikaden, die sich zwischen Vater und Sohn im Laufe der Zeit auftürmen, man könnte versuchen, sie beiseite zu räumen, sie einzureissen, doch niemand rührt einen Finger, alles bleibt, wie es ist, man arrangiert sich und lebt das Leben in solider Zuneigung – nicht mehr und nicht weniger. Das ist seltsam, ja natürlich, und doch ist es Alltag, millionenfach bewährt, in aller Welt. Eine Strategie, die dazu dient, die Herzen nicht zu laut zueinander sprechen zu lassen, denn Männerherzen, die zu laut und deutlich zueinander sprechen, sind verdächtige Herzen, auch heute noch. Männer, die ihre Liebe zueinander artikulieren, stellen die Welt in Frage, von Mann zu Mann, von Vater zu Sohn und Bruder zu Bruder.

 *

Auf seinem Frühstückstisch fehlte niemals ein Glas original englische Orangenmarmelade.

„Das ist die einzige Marmelade, die Kraft gibt.“

Wenn ich an Sommernachmittagen die Dachgeschoß-Wohnung betrat, saß Vater oft im Unterhemd auf dem Balkon und schlief im Sitzen. Um ihn nicht aufzuschrecken, war ich mit der Zeit dazu übergegangen, den Hund vorzuschicken, was aber auch nicht viel bringt, wenn man plötzlich die Augen aufschlägt und in die aufgerissene Schnauze eines Untiers starrt, das fröhlich mit dem Schwanz um sich schlägt.

Ich liess ihn schlafen unterm Sonnenschirm und ging in die Küche, um nach Kakao und Apfelkuchen zu sehen. Nun wurde der Backofen nach Mutters Tod nicht mehr so penibel gereinigt wie zu ihren Lebzeiten. Er wurde eigentlich überhaupt nicht mehr gereinigt, weil sich niemand dafür zuständig fühlte. So konnte es passieren, dass der aufgewärmte Apfelkuchen schwer nach Zwiebeln schmeckte, was aber spätestens nach Gabel Nummer 3 ohnehin schnuppe war, da sich der Gaumen an die fremdartige Mischung gewöhnt hatte und kurzerhand einen orientalischen Zwiebelkuchen daraus machte, mit Apfelaroma.

“Halb so schlimm”, sagte ich dann.

“Ja schon, aber auch nur halb so lecker”, sagte Vater.

 *

Wir tranken Kaffee auf dem Balkon. Ich hatte Schokogebäck mitgebracht, das er fast alleine verputzte, in gleichmäßigem Tempo.

„Du haust aber ganz schön rein“, sagte ich.

„Ja nun, was soll ich machen auf meine alten Tage. Das Rauchen anfangen?“

Auf dem Tisch lag die Lokalzeitung. Als ich bei den Todesanzeigen ankam, las ich einige Namen laut vor. Das hatte sich mit der Zeit so eingespielt. Alle paar Tage starb ein bekannter Name.

„Peter Litzenberg.. Geboren 1928. Hat in Gräfrath gewohnt.“

„Wo?“

„Moment. Traueradresse.. Abteiweg.“

„Wo?“

„ABTEIWEG!“

„In Gräfrath??“

„Ja, in Gräfrath.“

„Kenn ich nicht. Gräfrath ist Ausland.“

*

Während meine Schwester unseren alten Vater so oft wie möglich ins Auto verfrachtete, um mit ihm ins Oberbergische zu fahren und irgendwo einzukehren, wo Kaffee und Kuchen gereicht wurde, blieb ich mit ihm meist zu Hause und leistete ihm Gesellschaft. Ich war sein persönlicher Gesellschafter. Sein Privatier. Wir verdrückten Unmengen warmen Apfelstrudel, tranken heißen Kakao in Divisionsstärke und lasen Zeitung auf dem Balkon hoch über den Dächern der Stadt.

Am liebsten war es mir, wenn er sich zurücklehnte und aus alten Tagen erzählte. Das waren echte Highlights. So erfuhr ich, dass Opa Jagd auf Ratten gemacht hatte, mit der 6mm-Pistole schoss er aus dem Fenster auf das Gelichter, das aus dem Bärenloch rüberkam und im offenen Abwasserkanal vor Großvaters Werkstatt nach Nahrung suchte. Gelichter nannte Opa die Ratten. Bei solchen Erinnerungen schwebte ich förmlich über dem Balkon und klebte gleichzeitig an Vaters Lippen, ähnlich fasziniert wie Mutter zu ihren Lebzeiten an seinen Lippen geklebt hatte.

Die kleinen Erinnerungen hatten es mir besonders angetan, Dinge, die er unbedeutend fand und eher nebenbei erwähnte. Etwa die Tatsache, dass es bis in die Dreißigerjahre auf der Solinger Seite von Kohlfurth eine Kneipe namens „Der liebe Jüng“ gegeben hatte, wo es nach feuchter Pappmaché und Sägespänen duftete.

„Das war eine Kneipe, wo man draußen noch sein Pferd festmachen konnte“, erzählte Vater. „Einen schönen Braunen gab es da, den Attila. Wenn wir vorbeigingen, spielten wir immer Cowboy und Indianer, der Gaul wurde schon ganz nervös, wenn er uns kommen hörte.“

Nicht weit vom „Lieben Jüng“ gab es das sagenumwobene Kohlfurther Strandbad an der Wupper, das in meiner Phantasie schon deshalb hohen Stellenwert besaß, weil es seine Pforten längst geschlossen hatte, als ich 1960 zur Welt kam. Ein Naturbad, das von eiskaltem Bachwasser gespeist wurde und wo man mit einer 10er-Karte locker über den ganzen Sommer kam, selbst wenn man jeden Tag bis Sonnenuntergang blieb.

„Ach, die haben es damals mit dem Eintritt nicht so genau genommen. Manchmal war das Kassenhäuschen stundenlang nicht besetzt, dann konnte man einfach durchgehen. Außerdem waren die Zäune ringsum so niedrig, man stand schon aus Versehen drin, wenn man dem Strandbad zu nahe kam.“

*

Auch alte Familiengeheimnisse lüfteten sich an den Nachmittagen auf dem Balkon. Ich erfuhr, dass der Cronenberger Onkel mit der steifen schwarzen Hand schwul gewesen war. Einmal im Jahr nahm er sich eine mehrwöchige Auszeit vom Eheleben und fuhr Männer küssen, wie unter der Hand getuschelt wurde, während seine Frau, Tante Christel, den Lebensmittelladen weiterführte und ansonsten so tat, als wäre alles wie gehabt, nur eben ihr lieber Gatte in Kur.

Ich seh den Onkel noch vor mir, wie er bei meinen Großeltern in der Küche sitzt, mit seiner steifen Hand, die in einem schwarz glänzenden Lederhandschuh steckte. Eine schwarze Hand, aus der ich Pfefferminzbonbons entgegennahm, immer einzeln, wie bei einer Hündchenfütterung. Erst vierzig Jahre später verstand ich plötzlich, dass es sich bei der steifen Hand um eine Prothese handelte, über die ein Handschuh gestülpt war. Eine Kriegsverletzung, Erster Weltkrieg.

Er war kein unfreundlicher Mann, die schwarze Hand, während Tante Christel eher verkniffen rüberkam. Vom vielen Stehen im Lebensmittelladen hatte sie ein dickes Elefantenbein gekriegt, das sie mit Bandagen umwickelte und auf diese Art noch dicker machte, während das andere Bein relativ dünn geblieben war. Gesundheitliche Nöte sowie die Angst um den schwulen Ehemann in Zeiten des Nationalsozialismus sorgten dafür, dass Tante Christel mit schweren Seufzern durchs Leben navigierte.

Wenn sich die Verwandtschaft bei meinen Großeltern sammelte, hockte ich unterm Küchentisch und staunte angesichts der schieren Menge alter Tantenbeine, die in Nylonstrümpfen steckten und grässlicher rochen als ein Stück Stinkkäse, dem die Hose offen stand. Am übelsten waren halbe Strumpfhosen, die bis knapp übers Knie reichten und dann in wabbelige weiße Oberschenkel übergingen. Ich war fasziniert und beschämt zugleich. Ich nahm ein tiefes Näschen und blieb untem Tisch sitzen, bis wir aufbrachen.

*

Mein Bruder erzählt, wie er als kleiner Hosenmatz bei den Großeltern unterm Tisch saß und mit Autos spielte, als neben ihm plötzlich ein Gebiss zu Boden ging, Onkel Willi hatte es beim Lachen verloren. Mein Bruder hob die Zähne vom Teppich auf, „erst glaubte ich, das wäre Legospielzeug“, und reichte sie Onkel Willi hoch, der ihm im Gegenzug ein Fünfmarkstück zukommen ließ.

„Du bist ein lieber Jung.“

*

An Sonntagen besuchten wir Tante Christel und die schwarze Hand, die in Wuppertal-Cronenberg lebten. Die Tante nahm mich beiseite und führte mich in den Lebensmittelladen, den sie extra für mich aufschloss. Das imponierte mir, auch wenn sie kein Licht machte, denn sie war geizig und Elektrizität teuer. (Geizig heißt auf Solinger Platt jau. En jauen Hunk, ein geiziger Hund.)

Vorbei an der langen, relativ uninteressanten Wursttheke kamen wir zu den Süßigkeiten. Lose Ware, die Tante Christel mit dem Schäufelchen auflud und in eine kleine weiße Papiertüte umfüllte, extra für mich. Pfefferminzdragees waren darunter, Erdbeerschaumgummi und Pastillen, die nur nach lila Zucker schmeckten. Was sagte man da? Danke, Tante Christel. Ist das alles

*

Bei aller Einsamkeit, die ihm seit Mutters Tod zusetzte: Sobald Menschen in seiner Nähe waren, zu denen er ein familiäres Band hatte, taute Vater auf und sein Sprachzentrum sprang an. Wie oft saßen wir zu zweit am Kaffeetisch und teilten uns die Zeitung, und wenn Vater auf ein Wort stieß, das er nicht kannte, fragte er nach dessen Bedeutung. Englische Begriffe erriet er gern, auf Basis seiner Grundkenntnisse aus den Tagen in britischer Kriegsgefangenschaft. Bei Heart Attack etwa war er sich sofort sicher: harte Attacke, Mann gegen Mann.

Manches blieb ihm allerdings ein Rätsel, so das Internet in seiner Gesamtheit. Zwar demonstrierte ihm mein Bruder am Laptop, was das Internet alles konnte und wofür es taugte, doch das alles leuchtete Vater nicht wirklich ein. Das Internet war nicht fassbar.

„Wenn du das Internet selber ausprobieren würdest, wüsstest du ganz schnell, wie der Hase läuft“, sagte ich, doch Vater winkte ab. Er hatte für sich beschlossen, das Internet für die große neumodische Erfindung zu halten, für die er einfach zu alt war, damit war die Sache besiegelt. Lediglich wenn ihm ein Wort wie Google dauernd in den Schlagzeilen begegnete, wollte er mehr darüber wissen.

„Wat ist dat, Jung, Googele?“ fragte er, wobei er Google so aussprach, wie es ihn auf Deutsch anblickte, mit langem o und der Endung -le, also Googele.

„Das wird Gugel ausgesprochen“, sagte ich.

„Gugel?“

„Ja. Gugel führt dich durchs Internet, es kennt sich da gut aus. Gugel ist wie ein Schleppkahn, der dich an den Haken nimmt und dahin lotst, wo du hin willst.“

„Hoyy!“ staunte Vater. „Ist das denn so groß, das Internet?“

*

„Dieses vergebliche Bemühen, irgendwie noch mitzukommen in diesem täglichen Wahnsinn in der Welt, das haben du und dein Vater gemeinsam, das ist schon ein bisschen rührend“, so die Gräfin. „Dieses erst dann aufwachen, wenn die Dinge längst Geschichte sind, das liegt bei euch in der Familie. Nur dein Bruder checkt die Dinge irgendwie schneller. Deine Schwester auch. Aber du und dein Vater, ihr seid echte Kriechtiere. Nein, ihr seid Krokodile. Wie die durchs Wasser schleichen, ein Auge überm Wasser, da muss ich immer an dich und deinen Vater denken.“

Was mich betrifft, ich habe tatsächlich eine verlangsamte Wahrnehmung. Tiefenwirksam erst ab dem Moment, wo ich allein bin und mich konzentrieren kann, wenn alle Geschwindigkeit der Welt abgeschüttelt ist. Und ich mich ganz dem Objekt hingeben kann.

*

Viele der alten Notizbücher auf meinem Regal sind eigentlich Aufmaßbücher aus dem Fundus meines Vaters. Er bekam die praktischen Dinger vom Großhändler geschenkt, wenn er Bestellungen aufgab. Die meisten benutzte er für die eigene Arbeit, doch ich bekam regelmäßig meinen Anteil ab.

Natürlich hätte ich es damals schon machen können wie ich es heute mache, die Notizbücher im Bürohandel kaufen, aber ich wartete lieber, bis Vater wieder eins aus dem Großhandel übrig hatte. Es gab die Dunkelblauen von Possehl West (Sanitär – Heizung – Werkzeug – Eisenwaren), es gab die orangefarbenen von Brüne aus Remscheid (Werkzeuge, Maschinen) und viele andere. Die Notizbücher meines Vaters waren immer etwas besonderes. Sie waren meine Verbindung zur Arbeitswelt, zu den „blauen Leinen“, wie mein Vater seine Latzhosen nannte, „Blue collar“, der Blaumann.  Am verheißungsvollsten waren die Bücher, die er selbst schon eine Zeitlang im Blaumann mit sich herumgetragen, aber kaum eine Seite beschrieben hatte. Wenn ich solch ein Königsexemplar erwischte, war ich obenauf. Es duftete nach Männerschweiß und Zollstock, nach harter ehrlicher Arbeit, nach Eisenträgern und Schlitze stemmen.

Ich erinnere mich an einen Tag, es war vielleicht 2007 herum, als meine Mutter mich anrief und meinte, komm doch mal vorbei, der Papa hat was für dich. Allein die Formulierung „der Papa hat was für dich“ elektrisierte mich. Ich war 47 Jahre alte, mein Vater 80. Sie tat richtig geheimnisvoll, und ich wusste nicht, was dahinter steckte, aber ich hörte ihr Lächeln, als sie sprach. Am nächsten Tag stand ich auf der Matte. Mutter öffnete die Tü, wir sprachen ein bisschen, dann rief sie meinen Vater. „Du hattest doch was für den Andreas..“

Mein Vater, schon lange Rentner und aus dem Geschäftsleben raus, hatte im Wandschrank des Schlafzimmers zwei leere Notizbücher gefunden. Zwei von den fruchtigen Brüne, wie ich sie immer nannte, weil sie so starke orangefarbene Deckblätter besaßen. Meine Apfelsinen.

Einen der beiden alten Fruchtkörper habe ich bis heute nicht vollgeschrieben, es ist definitiv das allerletzte Notizbuch meines Vaters. Ich versuche es so wenig wie möglich zu benutzen, damit es noch eine Weile vorhält. Vorne ist ein Kalenderblatt von 1991 abgebildet, erstes Halbjahr, zweites Halbjahr.

*

Anfang Juni 2013 stürzte Vater in der Küche und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu. Wie es genau passiert war, blieb unklar, eins aber stand fest: Er hatte es noch auf die Reihe gekriegt, sein Blut vom Küchenboden aufzuwischen, damit weder wir Geschwister noch der morgens und abends nach dem Rechten sehende Pflegedienst Verdacht schöpfen konnten. Bloß nicht nochmal ins Krankenhaus war seine Devise, bloß nichts ins Altenheim. Bloß in der alten Wohnung bleiben.

Eine Devise, die wir alle teilten.

Es gab Überlegungen, Planspiele, Vorschläge. So fragte Vater die Gräfin und mich, ob wir uns vorstellen könnten, bei ihm einzuziehen und ihn quasi im Vorbeigehen mitzuversorgen. „Ich mach euch doch nicht viel Arbeit“, sagte er, und wie er das sagte, hatte ich dieses schummrige Gefühl im Bauch, das sich immer dann meldet, wenn Liebe zu stark zu werden droht und die Perspektiven verschiebt. Wenn man zu Entscheidungen neigt, die man eventuell bereut. Doch für drei Leute und einen Hund war Vaters Wohnung definitiv nicht geeignet, die Räume waren zu ungünstig aufgeteilt, das sah Vater letzten Endes auch ein. Niemand hätte je seine Ruhe gehabt.

Auch mein Bruder und seine Frau wogen ab, ob der Platz in ihrer Hazienda in den Wupperbergen für eine zusätzliche Person ausreichen würde, doch das alte Haus war zu verwinkelt und hatte zu viele steile Treppen, es wäre für Papa zu gefährlich gewesen. Außerdem waren da die beiden kleinen Rabauken, beide im Grundschulalter und gestählt in endlosen Konkurrenzkämpfen und Lärmorgien.

Nein, wir machten uns die Entscheidung fürs Altenheim nicht leicht, doch die behandelnde Haus-Ärztin setzte uns irgendwann die Pistole auf die Brust. Sie könne keine Verantwortung mehr für Vater übernehmen, sagte sie. Zum Glück fanden wir schnell einen Heimplatz, der zudem in der Nähe der Wohnung meiner Schwester lag.

*

Vermutlich hatte Vater in der Küche gehockt, eine Tomatenbutter mit Zwiebeln gegessen und war dabei vom Drehstuhl gerutscht und auf den Boden aufgeschlagen. Ob er kurzfristig ohnmächtig gewesen war, niemand konnte es sagen. Irgendwann nach dem Sturz musste er sich aufgerappelt haben, um das Blut vom Linoleumboden aufzuwischen, mit der Küchenrolle. Bis auf einen kreisrunden Klecks in der Küchenmitte, den er übersehen hatte, und der ihn verriet.

Ich war gegen halb vier mit dem Hund zur Schillerstraße gekommen. Wenn ich die Wohnungstür aufschloss und nachschaute, wo Vater sich aufhielt, musste ich vorsichtig zu Werke gehen. Ich war ein Ermittler, der erstmals den Tatort aufsucht. In seiner Einsamkeit war Vater oft so tief in sich versunken, dass er fast einen Herzschlag erlitt, wenn man plötzlich vor ihm stand und hallo sagte.

Hallo Papa.

„Junge, was hast du mich erschreckt..!! Ja, bist du denn verrückt! Das kann man doch nicht machen!“

Besonders heikel war es, wenn er sich zum Mittagsschläfchen ins Esszimmer zurückgezogen hatte. Auf dem alten Sofa mit den Bommeln schlief er so tief und fest, man kriegte ihn nicht wach. Da konnte ich beim Betreten der Wohnung noch so laut PAPA! dröhnen, ICH BIN’S! Oder gleich den Hund vorschicken, SUCH DEN PAPA! WO IST DER PAPA?! Aber dann war die Gefahr zu groß, dass Vater plötzlich wach wurde und vor ihm stand ein Riesenköter und zog die Lefzen hoch. Wie ich es auch versuchte, das Aufwecken blieb ein Problem. Im ersten Moment, wenn er aus tiefen Traumschichten aufwachte, war ich für Vater stets ein Fremder, den er nicht kommen gehört hatte, der ihn überfallen und ausrauben wollte. In Amerika, mit der Pumpgun unterm Kopfkissen, hätte er mich locker zwanzig Mal erschossen gehabt, bevor ich nur Hallo Papa hätte sagen können.

*

Vater lag unter Decken begraben auf dem Sofa, er schlief tief und fest, ein vertrauter Anblick. Nur der Kopf war zu sehen und sein wirr abstehender weißer Haarschopf – ein Dirigent, der sich zwischen zwei Aufführungen aufs Ohr gehauen hatte, um sich zu erfrischen.

Ich stand über ihm und begutachtete seinen Schlaf. Manchmal blieb ich minutenlang so stehen, still, bewegungslos, den Blick auf seinen alten geschundenen Körper gerichtet. Wie ein Herzschlag-Bussard kreiste ich über ihn und wachte über seinen Herzschlag, da man in Vaters Alter, in seinem Zustand nie ganz sicher sein konnte, ob die Wolldecke, die sich da im Rhythmus der Atemzüge hob und senkte, sich auch wirklich hob und senkte im Rhythmus der Atemzüge oder ob ich mir das nur einbildete und der Körper längst – oder unlängst – schon erkaltet war.

(Ich war ein Luftbild-Archäologe, der aus der Höhe Muster zu erkennen suchte, Hirnströme im Schädel der Ahnen.)

Oh, süße sorglose Tage, wenn ich am Sofa stand und er laut und wild schnarchte und dann jäh die Augen aufriss und – er war hellwach!

Ach du bist es!

*

Manchmal hatte ich echt die Nase voll. Ich hatte alles mögliche probiert, um ihn schonend wach zu bekommen, doch er reagierte auf nichts, bis ich kurzentschlossen an seiner Schulter rüttelte wie an der bösen Stiefmutter.

„JAA.. BIST DU DENN..? DES WAHNSINNS..? HAB ICH MICH VIELLEICHT ERSCHROCKEN!!“

*

Ich erkannte einen dunklen Fleck an seinem Haaransatz, wie Blut sah es aus, getrocknetes Blut. Ich bückte mich runter. Das Blut verklebte sein graues Haar. Er stöhnte leise im Schlaf. Ich ermunterte den Hund laut zu bellen, damit Vater endlich aufwachte, doch der Hund kapierte nicht, was ich von ihm wollte, da das Bellen für ihn in diesen Räumen sonst untersagt war.

Ich stand vor der Schlafcouch, sagte laut „Vater!“, zupfte unschlüssig an der gesteppten Decke, was natürlich nichts brachte, dafür war der Altersschlaf ein zu mächtiger Begleiter, da half es nicht, unschlüssig an der gesteppten Decke zu zupfen und ein bisschen „Vater“ zu winseln. Ich griff zum finalen Mittel. In der Küche hing ein Wasser-Boiler aus den Sechzigerjahren. Sobald das Wasser kochte, setzte ein lauter Daueralarm ein, ein Inferno, dass dem Mietshaus fast das Dach wegflog, und tatsächlich: sofort war Vater wach, mit schreckensweit geöffneten Augen.

„WER IST.. WAS IST LOS..?!“ keuchte er, aus dem Nachmittags-Traum gerissen.

„Na, das frag ich dich..“, sagte ich.

„WAS??!“

Ich liess ihn erstmal zu sich kommen. Er stöhnte und schmatzte. Nach einer Weile stieß er die Decke weg, streckte die Hand nach dem Hund aus.

„Ach, da ist ja auch der Hund.. Hallo.. Molli.“

Frau Moll schleckte genüsslich Vaters Hand, rauf und runter, wie einen dicken Fleisch-Lolli. Sie liebte die milchige, nach Aprikose duftende Creme, die der Pflegdienst bei ihm auftrug.

„Sag mal, Papa.. was hast du am Kopf gemacht..?“

„WAS??!“

„WAS HAST DU AM KOPF GEMACHT?“

Er saß jetzt halb auf dem Sofa, halb hing er durch, ein gebrochener Schiffsmast, und er winkte verschlafen ab.

„Ach so.. ja. Weiß auch nicht, was da passiert ist..“

Er versuchte das Thema nicht weiter zu berühren, „na, Molli, wo warst du denn so lange?“, doch ich nagelte ihn fest.

„Bist du hingefallen?“

„WAS?!“

„OB DU GESTÜRZT BIST! DU HAST DA EINE DICKE PLATZWUNDE AM KOPF! DA MÜSSEN WIR WAS MACHEN. DAS KÖNNEN WIR NICHT EINFACH SO LASSEN, PAPA! WAS HAST DU GEMACHT?“

Er nickte müde. Ja, ich weiß.. Da war so was. Da ist so was.. geschehen.. Unangenehme Geschichte. Scheint die Sonne..? Setzen wir uns draußen auf den Balkon? Ja? Komm, wir gehen auf den Balkon.

Seine Augen, rot und todmüde, wie die Scheinwerfer eines betagten Doppeldeckers, der den Himmel so oft abgeflogen war, dass er jeden noch so kleinen Winkel kannte da oben, jedes noch so kleine feindliche Luftschiff.

Lass mich einfach in Ruhe, sagten diese Augen.

„Was ist passiert, Papa?“

Nein, er konnte sich nicht erinnern. Ich schaute mir die blutverschmierte, verklebte Wunde aus der Nähe an. Es war nicht zu erkennen, was darunter los war. Vielleicht hatte er eine Gehirnerschütterung. Zum Glück war ihm nicht übel, er hatte auch kein Kopfweh, und schwindelig war ihm sowieso ständig. Das kam vom Zucker.

Um rekonstruieren zu können, was geschehen war, klapperte ich die Wohnung ab und fand schliesslich den kreisrunden Fleck Blut auf dem Küchenboden.

„Du bist in der Küche gestürzt“, sagte ich, holte eine Schüssel voll warmen Wasser und einen Waschlappen. Vater versank auf dem Sofa, ein Häufchen Elend. Er blickte mich aus großen ängstlichen Peter Lorre-Augen an.

„Ich weiss, ja.. Was machst du da..?“

„Ich versuch das Blut abzutupfen ..“

„WAS?!“

„ICH VERSUCH DAS BLUT ABZUWASCHEN.“

Es war aussichtslos. Das Blut war bereits eingetrocknet. Es gelang mir lediglich, die Kruste etwas aufzuweichen, worauf die Wunde wieder zu bluten begann. Es war halb sechs. Der Pflegedienst konnte jeden Moment einfliegen. Vielleicht reichte es, wenn die Pflegerin mal einen Blick auf Vater warf. Vielleicht auch nicht. Ich suchte die Telefonnummer des Pflegedienstes raus, entschied mich aber dafür, lieber bei der Hausärztin anzurufen, deren Praxis um die Ecke lag, keine dreihundert Meter entfernt. Wir sollten uns sofort auf die Socken machen. Wir haben bis 18 Uhr geöffnet. Ich legte auf und rief ein Taxi. Zu Fuß schaffte Vater es nicht.

Ich half ihm beim Anziehen, was nicht so einfach war, da er es hasste, gleich nach dem Aufwachen in eine hastige Aktion verstrickt zu werden. Frau Moll spürte, dass die Situation brenzlig zu werden versprach, und dackelte die ganze Zeit hinter uns her. Sie wollte nichts verpassen. Da die Gräfin sie tags zuvor stundenlang gebürstet hatte, sah sie aus wie ein Riesenstofftier von der Kirmes, und wir mussten lachen.

Um zehn vor sechs war das Taxi da. Ein Taxi für eine Fahrt von 300 Metern. Da hilft nur üppig Trinkgeld, sonst hast du schnell ein Messer zwischen den Rippen. Der Fahrer, ein mürrischer Türke mit kurdischen Wurzeln, kam hoch. Wir nahmen Vater in die Mitte und führten ihn drei Etagen durchs Treppenhaus runter zum Wagen, wobei ich mit der freien Hand noch die Hundeleine halten musste, weil Frau Moll uns sonst zwischen den Beinen hin- und her gewuselt wäre. Ich kam mir vor wie ein Marionettenspieler, der Mühe hatte, die Fäden seiner beiden Puppen auseinander zuhalten.

Natürlich wäre es einfacher gewesen, Frau Moll allein in Vaters Wohnung zu lassen, solange wir beim Arzt waren, doch leider neigte der Hund dazu, Hausgemeinschaften in Schutt und Asche zu kläffen, sobald er sich dort alleine aufhielt.

Nachdem Vater im Taxi saß, schickte ich den Wagen voraus und folgte zu Fuß mit dem Hund zur Vereinsstraße. Alles sehr umständlich. Da die behandelnde Haus-Ärztin nicht im Haus war, musste sich ein anderer Arzt aus der Gemeinschaftspraxis um die Wunde kümmern. Während Vater, der sehr schwach und unkonzentriert wirkte, im Sprechzimmer auf den Doc wartete, trudelten ständig weitere Patienten ein, obwohl die sechs Uhr-Deadline längst überschritten war.

Ich hatte andere Probleme. Wohin mit dem Hund? Ich konnte Frau Moll schlecht in der Praxis lassen, also leinte ich sie im Hausflur am Geländer an, das war okay für sie. Es liess sich aber nicht vermeiden, dass Nachbarn, die in die oberen Etagen wollten oder von dort kamen, über den Hund hinweg steigen mussten, was Frau Moll auf den Tod nicht ausstehen kann. Dann gerät sie in Stress und verliert jedglich Contenance und Beisshemmung, auch wenn es bloß ein Beißen in die Luft ist. Ein Warnbeissen. Doch was sollte ich tun? Den Hund mit in die Praxis nehmen, verbot schon die Front der Arzthelferinnen, ein Trio blutjunger türkischer Frauen mit und ohne Kopftuch. Da konnte ich mir jegliche Diskussion ersparen.

Ich teilte mich auf. Mal fand ich mich für einige Minuten im Sprechzimmer ein, wo ich Vater Gesellschaft leistete beim Warten auf den Arzt, mal war ich im Flur und kraulte den am Geländer angeleinten Hund.

Die ganze Aktion dauerte anderthalb Stunden. Irgendwann rief der Doktor mich zu sich, ein jovial auftretender Mann, leger gekleidet wie für den Everyday Award, der im Gespräch ständig zwischen Du und Sie lavierte und unentschlossen wirkte, wie er mit Vater verfahren sollte.

„Mir fehlen hier die Gerätschaften, um festzustellen, ob Ihr Vater eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Er kann sich ja nicht einmal daran erinnern, was überhaupt passiert ist. Vielleicht war er unterzuckert und ist eine Weile ohnmächtig gewesen, wer weiß.“

Da Vater Diabetes hatte, war der Verdacht durchaus begründet, er bekam seit einiger Zeit Insulin gespritzt. Der Doktor tendierte dazu, Vater übers Wochenende ins Klinikum einzuweisen, zur Beobachtung, „dann sind wir auf der sicheren Seite. Wenn Sie mir jetzt natürlich versprechen, ich schlafe heut Nacht bei meinem alten Daddy, dann können Sie ihn mitnehmen.“

„Dann machen wir das so“, sagte ich, obwohl ich keine große Lust hatte, im ex-Ehebett meiner Eltern zu übernachten, aber darüber war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Hauptsache, er musste nicht ins Krankenhaus, wo übers Wochenende eh keine Untersuchungen stattfanden. Er bekam eine Tetanusspritze, die Wunde wurde gereinigt und desinfiziert, wobei sich herausstellte, dass es sich weniger um eine echte Platzwunde handelte, sondern um einen Riss, aus dem aber schon seit vergangener Nacht kein Blut mehr gesickert war.

Genau in dem Moment, als der Doc „Das ist doch mal eine gute Nachricht“ sagte, hörte ich plötzlich lautes Gebell und Gepolter aus dem Treppenhaus.

„WEM GEHÖRT DIESER SCHEISS KÖTER!!?“

Mit einem vage unguten Gefühl nahe am Abgrund stürzte ich durch die sich leerende Praxis Richtung Ausgang und stieß die Tür zum Treppenhaus auf.

„Der Hund gehört mir. Wieso?“

Frau Moll saß aufrecht auf dem untersten Treppenabsatz und hechelte gestresst, während ein Mann in meinem Alter etwas abseits im Flur stand, er war kaum zu bändigen.

„DER ALTE BOBTAIL DA WOLLTE MEINEN SOHN BEISSEN!“

Ich blickte mich um. Ich sah kein Blut, keine ausgebissenen Fleischstücke, nichts, nicht mal einen vereinzelten losen Zahn. Ja, da war nicht mal ein Sohn zu sehen. Ich beschloss Ruhe zu bewahren. Alles andere machte keinen Sinn.

„Das ist kein alter Bobtail“, stellte ich klar. „Und wo ist denn ihr Sohn?“

„DER IST DRAUSSEN, SO EINE ANGST HAT DER GEKRIEGT! DER IST RAUSGERANNT! DER KÖTER WOLLTE MEINEN SOHN KILLEN!“

Ich fragte, was genau passiert war. Ich entschuldigte mich. Ich sagte, dass ich als Junge ebenfalls Schiss vor Hunden gehabt hätte, dass ich das gut nachvollziehen könne, dass es mir leid täte und dass der Hund niemals wirklich zubeißen würde, er würde nur in die Luft schnappen zur Warnung, wenn man über ihn hinweg zu steigen versucht, etc. etc. Ich nahm allen Wind aus den Segeln. Ich hielt den Ball flach. Es war nichts passiert, und ich hatte andere Sorgen.

*

Während Vater und ich beim Arzt saßen, war die Gräfin im Fernsehen zu sehen. Sie war morgens von einem Lokalreporter des WDR interviewt und gefilmt worden, als sie mit dem Hund eine schnelle Rakete ging.

Eine Rakete ist einer der Rundgänge, denen wir spezielle Namen gegeben haben, damit der Andere sofort Bescheid weiß, ob man mit dem Hund eine große Runde über die Felder plant (90 Min.), eine Betty-Runde dreht (45 Min.) oder eine schnelle Rakete absolviert (Viertelstunde).

Die Rakete führt unterhalb der Hochhaus-Siedlung Neuer Kannenhof durch einen kleinen Hain und war letzten Sommer von der Gespinstmotte befallen. Der gefrässigen Seidenstickerraupe. Die Buchen waren von Kopf bis Fuß in einen silbrigen Umhang aus Spinnfäden gehüllt, ein manischer Frühtau, der wochenlang hielt. Das ganze Areal war so silbrig-weiß, als wäre ein Hubschrauber über den Wald geflogen und hätte kistenweise Kalk und edles Metall abgelassen. Die Raupen hingen in Trauben von den Zweigen wie zerrissene Feinstrumpfhosen. Andere Raupen setzten den Befall mit Gespinsten auf dem Boden fort, bis sie den nächsten Baum erreichten und in Beschlag nahmen. Eine fiese Sache, die außer lokalen Förstern auch den WDR auf den Plan rief.

„Dreimal musste ich den Text wiederholen, bis der Blödmann von Reporter endlich zufrieden war“, maulte die Gräfin.

„Welchen Text?“

„Na, wie wir Anwohner das finden.“

„Und wie finden wir Anwohner das?“

„Fies.“

Der rasende Gespinst-Reporter des WDR war flapp-flapp-flapp auf glockenhellen Joggingschuhen angeflogen gekommen, als die Gräfin und Frau Moll eine schnelle Rakete absolvieren wollten, und nachdem er seinen Beitrag über den Silberwald im Kasten hatte, verschwand er auch genauso glockenhell wieder.

„Das Geräusch werd ich mein Lebtag nicht mehr los, wie der da angeflattert kommt von hinten. Der rasende Gespinst-Reporter.“

Es war Abend, als sie davon erzählte, und sie war immer noch angenervt von dem WDR-Mensch. Als sie ihn morgens Reporter genannt hatte, blickte er irritiert.

„Der wollte lieber Journalist genannt werden.“

Er war Kameramann, Tonmann und Reporter in einem, hatte schütteres Haar, eine dürre Gurke um die Fünfzig. Viele Lachfalten.

„Sonst hätte der mich gar nicht überreden können, einen Text dreimal aufzusagen.“

Selbst den schmalen Weg sollte die Gräfin zweimal gehen, bis endlich alles im Kasten war. Da konnte er von Glück reden, dass sie sich gerade blaue Wildledersandalen zugelegt hatte, „die sind so herrlich weich“, schwärmte sie, „wie ein Küsschen an den Füßchen.“

„Jetzt weiß ich auch, warum Leute im Fernsehen so einen verkrampften Mist verzapfen, wenn sie etwas gefragt werden. Weil sie dauernd den Text wiederholen sollen, wie schlechte Schauspieler.“

„Das war garantiert ein frustrierter Irgendwann-will-ich-aber-wieder-richtigen-Journalismus-machen-Journalist“, sagte ich.

(Obwohl ich nicht dabei gewesen war, wusste ich unheimlich gut Bescheid.)

Für die Teenager des Viertels war die Gespinstmotten-Plage im Sommer 2013 eine Art Live-Spuk gewesen.

„HE! BIST DU VERRÜCKT, MICH MIT DEN FIESEN SILBERFÄDEN EINZUSEIFEN?! DAS IST VOLL GIFTIG, EH!“

„WIESO IST DAS GIFTIG?“

„HAB ICH IM FERNSEHEN GESEHEN, IN SO NER VERDACHTS-SENDUNG!“

*

Während Vater mit versorgter Wunde in der Praxis saß, warteten Frau Moll und ich im Hausflur aufs Taxi, das uns wieder nach Hause bringen sollte. 300 Meter, fett Trinkgeld. Ich kraulte Frau Moll das Fell, damit sie sich beruhigte. Ganz kleinlaut lag sie da, mit vom Durchzug umgeklappten rosa Öhrchen.

Baby, kurz vorm Vollmond hält man die Füße still, flüsterte ich. Weiß doch jeder.

Sie hatte nach dem Jungen geschnappt, der im Treppenhaus auf dem Weg nach unten über sie hinweg gestiegen war, und ihn dabei in den Arm gekniffen. Der Vater des Jungen, alarmiert von dem Geschrei, war aus der Wohnung im zweiten Stock gestürzt, direkt hinterher. Gut, ich hatte mich entschuldigt. Vater und Sohn waren nach oben gegangen, zurück in die Wohnung. Dachte ich. Bis ich ein Flüstern wahrnahm, das immer lauter, genervter wurde.

„Jetzt haben wir uns auch noch ausgesperrt, Vati..“

„..na, sauber..“

In dem Tohuwabohu hatte der Vater den Schlüssel in der Wohnung liegen lassen, und beim Durchzug war die Tür zugeschlagen. Jetzt warteten sie auf die Tochter, die hatte einen anderen Schlüssel. Ich verhielt mich mucksmäuschenstill, schließlich lag das ganze Schlamassel im Schwenkbereich meiner Schuld. Das alles wäre nicht passiert, hätte ich den Hund nicht im Flur angeleint.

Endlich kam das Taxi. Ich holte Vater aus der Praxis. Zum Glück war es derselbe Fahrer wie auf der Hinfahrt. Ich musste nicht viel erklären. Bloß raus hier und nach Hause.

*

März 2014.

Nachdem meine Eltern tot sind, warte ich beinahe sekündlich darauf, erwachsen zu werden. Sanne meint allerdings, ich würde es vom Berufsjugendlichen höchstens zum Hobby-Erwachsenen schaffen. Mehr wäre bei mir vermutlich nicht drin. Nun, sie hat ein Näschen in solchen Angelegenheiten. Alles andere wäre Illusion.

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7 Gedanken zu „Erinnerungen an ein anderes Leben (Geplant war Ewigkeit)

  1. Zwischendurch hatte ich mal Tränen und dann habe ich weitergelesen, sie sind nicht geflossen, ich habe auch gelacht, hier zum Beispiel:“„Desinifizierung?“ rief Vater. „Wieso? Bin ich schon ansteckend doof?!““ und ich habe gedacht, das Liebesbezeugungen zwischen Schwester und Bruder auch nicht so gut ankommen.
    Na, wie auch immer noch, ich habe deins sehr gerne gelesen und finde es fast schade, dass ich jetzt nicht umblättern kann, um weiterzulesen und diesen Tag mit deinen Geschichten zu verbringen …
    herzlichst
    Ulli

  2. Der Ausspruch stammt wohl von einem Bergischen: Kurt Lauterbach – so verriet es mir zumindest Wikipedia.
    In meiner Familie hält man es nun in der dritten Generation vaterlos, sie verblieben nur wie dunkle Schatten über die nie gesprochen wird, obwohl jeder friert. Ich danke dir für den Blick durch dieses Fenster.

  3. Eine Geschichte wie eine dieser Patchworkdecken. Aus mehreren Stücken zusammengenäht zu einem großen Ganzen. Schon fast ein Familienroman. Egal ob hobbyerwachsen oder profi-, Hauptsache ein liebevoller Mensch. Wie du über deine Eltern schreibst, ist einfach so warmherzig-wohltuend.

  4. Die Guten wird es hoffentlich auch noch in den nächsten Generationen geben. Aber diese unglaublichen Menschen, die nach dem Krieg kaum was hatten, geschuftet und eine Familie gegründet haben und uns dann diese Werte vermittelt und vor allem vorgelebt haben, wie deine Eltern und auch meine Eltern, die wird es bald nicht mehr geben. Ein Riesenverlust für die Menschheit. Schon jetzt fehlen sie an allen Ecken und Enden. Ich arbeite seit fast 30 Jahren in derselben Firma. Seit diese Generation vor zehn, fünfzehn Jahren in Rente gegangen ist, hat sich die Firmenmentalität so sehr zum Kotzen geändert. Kameradschaft, Idealismus, Geradlinigkeit- alles verschwunden. Keiner hat mehr Eier, jeder schmimmt mit dem Strom und der fließt in eine völlig falsche Richtung. Man kann unseren Eltern nicht genug Denkmäler errichten!

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