Die Kichererbse

„Den Tag werde ich nie vergessen,“ schwärmte Karlos, „obwohl ich mich an nichts erinnern kann.“

Welch ein Satz!!! Welch ein Treffer!! Welch hochrangiger Gast im Landstrich Lakonia! Tatsächlich hat mein alter Freund Karlos damit, wenn auch ungewollt, die Grundschwierigkeit jedes Menschen angesprochen, der zu schreiben versucht: dieses dauernde Vergessen. Dieses Sich-nicht-erinnern-können. Dieses verfluchte „alles, was man nicht sofort aufschreibt, ist für immer weg“.

Wenn ich überlege, wieviel abertausend Erlebnisse wohl schon abgetaucht sind auf den Grund meines Gedächtnisses, wo Unmengen von Schwarzen Rauchern rumsitzen und nur darauf lauern, alles aufzurauchen, was ihnen vor den Schlund kommt und was nicht niet-und nagelfest gepeichert ist im Notizbuch, in ganzen Sätzen am besten und mit viel Gefühl fürs eigene Gekritzel, dieser elenden Grundschulklaue, dann macht mich das ganz kirre.

Alles weg, alles für die Katz erlebt!

Erst wenn mir Jahre später eine längst verschollen geglaubte Anekdote in einem alten Notizbuch begegnet, zufällig, weil ich eigentlich etwas ganz anderes gesucht habe, erst dann öffnet sich plötzlich eine Tür und eine vage Erinnerung steht auf der Matte und wartet mit großen Augen darauf, in die gute Stube gebeten zu werden.

„Halunke..! Komm herein!“

Erzähl.

*

1. März ’94.

Ich betrat die „Kichererbse“, eine neu eröffnete Kebap-Bude am Rande der Innenstadt. Ich war der einzige Gast und bestellte einen Kebap-Teller mit gemischtem Salat und Reis. Es roch gut in dem Schuppen, ein Geruch wie Vormittags auf dem Rummel, wenn das Bratöl in den Fritteusen noch gut ist, und das Brot kommt aus dem Jetstream-Ofen.

Ich las einen Werbe-Aufsteller:

Neu! Falafel! Frittierte Bällchen aus Kicherbsen in Fladenbrot!

„Wie schmecken eigentlich Kichererbsen?“ erkundigte ich mich neugierig beim Türken hinter der Theke.

Neugier ist mein erster Wohnsitz.

Er blickte überrascht hoch.

„Anders als normale Erbsen?“ setzte ich nach.

Er war etwa so alt wie ich, Anfang bis Mitte dreissig, und kratzte sich am Hals.

„Anders, ja, wie soll ich sagen..?“

Er rang nach Worten.

„Süßer?“ versuchte ich es.

„Süßer, nein.. also.. kann ich nicht erklären, hier, mußt du probieren.“

Er schaufelte ein paar Kichererbsen auf einen Teller.

„Hier, probier selber.“

Ich nahm eine Gabel, schob zwei Erbsen darauf, und führte sie zum Mund. Er beobachtete mich.

„Gut?“ fragte er.

Ich hatte noch gar nicht richtig gekaut.

„Moment..“ Ich kaute. „Mh. Bisschen mehlig. Ja.. mh.. so Mehl. Aber.. lecker.“

Wir kamen ins Gespräch. Er war kein Türke, er war Araber und seit knapp drei Jahren in Deutschland. Ein Flüchtling.

„Aus Gaza.“

„Gaza..? Ach du Scheiße.“

Erst wenige Tage zuvor hatte im Gaza-Streifen ein Israeli mit einer Maschinenpistole in eine betende Palästinenser-Menge gehalten, es hatte 29 Tote und viele Verletzte gegeben. Ein Blutbad. Die Nachrichten waren voll davon. Mittlerweile war der Kebab-Teller fertig, ich aß an einem Stehtisch.

„Schmeckt Klasse“, lobte ich.

„Ja, das Fleisch ist immer ganz frisch und die Gewürzbeilage nach einem Rezept meiner Mutter.“

Er blieb hinter der Ladentheke, kam mir aber näher. Ich weiss nicht genau, woran es liegt, im Allgemeinen fassen die Leute schnell Vertrauen zu mir. Man erzählt mir Dinge, man glaubt mir. Und kaum dreht ihr mir den Rücken zu, schreibe ich über euch. Alle Themen, alle Gewichtsklassen. Er erregte sich über Israelis, die die Palästinenser in Gaza wie Tiere behandelten. Er sagte Israelis, nicht Juden.

„Wir arbeiten, wir zahlen Steuern, aber wir haben keine Rechte. Wir dürfen nicht ausreisen, wir bekommen kein Arbeitslosengeld, wir dürfen nur arbeiten, arbeiten, arbeiten. Das heisst, wenn wir Glück haben und Arbeit finden. Und wehe, du gehst abends nach Hause und guckst einen israelischen Soldaten schief an, dann wirst du sofort erschissen…!“

„Erschossen“, verbesserte ich ihn, ansonsten überrascht, wie perfekt er die deutsche Sprache beherrschte.

„Ja, erschossen! Genau!“

Zwischendurch kam einheimische Kundschaft zur Türe rein, die ohne Ausnahme Pommes Currywurst verlangte, zum Mitnehmen, mit doppelt Mayo, Meister. Als wir wieder allein waren, sagte er diesen einen Satz: „Ich bin Politiker.“ Ich war baff.  Hatte ich das jemals aus dem Munde eines gleichaltrigen Deutschen gehört, ich bin Politiker? Natürlich nicht. Nicht mal im Scherz. Wir lebten in einer wehleidigen, in einer angepissten Gesellschaft, nur am stöhnen, wie schlecht es einem geht, obwohl man alles hat, was man zum Leben braucht – Frieden, Freiheit, Demokratie. Aber das kümmerte keinen. Die Leute waren gekränkt vom Leben, sie wollten gekränkt sein vom Leben, es mangelte ihnen an Aufmerksamkeit, Schluss, aus.

Und du bist auch nicht besser, dachte ich. Ich will auch nur mein verpimpeltes kleines de Luxe-Leben weiterleben. Ich bin niemand, der neue Dinge anschiebt. Der sich einsetzt für sein Volk. Für eine Idee. Für Dinge, die es längst gibt, Dinge, mit denen wir groß geworden sind.

Als ich ihn fragte, warum er aus Gaza geflüchtet sei und ob er jemals dorthin zurückkehren wolle, wich er aus, und nicht nur das, plötzlich war da dieser militante Blick. Das war kein plaudernder Imbißblick mehr. Das war anders.

„Zuhause muss ich 399 Jahre ins Gefängnis.“

Meine Gabel stand in der Luft.

„399 Jahre..? Was bedeutet das? Viermal lebenslänglich?! Oder wie?“

Die ganze Geschichte wollte er nicht rausrücken, nur soviel: bei einem Schusswechsel waren vier israelische Soldaten ums Leben gekommen, und er sei daran beteiligt gewesen. „Es war Notwehr!“ beteuerte er. Er selbst sei auch mehrfach getroffen worden. „Eine Kugel hab ich heute noch im linken Bein.“

Nach dem Tod der vier Soldaten waren alle Krankenhäuser in Gaza streng überwacht worden, er konnte sich nirgends behandeln lassen. Eine Woche später steckte ihm ein ranghöheres PLO-Mitglied ein gefälschtes Visum zu, mit dem er über Norwegen nach Deutschland flüchten konnte, wo er seit 1993 mit einer Deutschen verheiratet war.

Zum Nachtisch nahm ich ein Yes-Törtchen Nuß.

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5 Gedanken zu „Die Kichererbse

  1. Kleine Anmerkung dazu: Dass 1995 ein Israeli im Gazastreifen 75 betende Araber erschossen hat, wäre mir neu. Wahrscheinlich verwechselst du das mit Baruch Goldstein, der 1994 in Hebron (Westbank) 29 Palästinenser in der Höhle der Patriarchen erschossen hat.

    • ich hab mal im notizbuch nachgeguckt. 1995 stimnmt nicht, da hast du recht. der eintrag ist vom 1.märz 1994 und der anschlag war am 25. 2. 94 und es gab 29 tote, nicht 75. danke. hätte mich vorher schlau machen müssen.

  2. Gut zugehört, gut aufgeschrieben. Die Selbstzweifel kenn ich gut. Was wert ist man nur, wenn man mit Stullenbüchse morgens um sechs auf Arbeit geht oder für die Weltrevolution kämpft. Das isso, wenn man in den Achzigern groß geworden ist. Und ja: Wir sollten mal den Arsch hochkriegen und uns für die Demokratie einsetzen -und nicht nur bei denen, die eh dafür sind- sonst ist sie bald weg.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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