Buschpiloten

24.12. 1986

Neben einem Hügel vollgerotzter Tempos aufwachen kann zweierlei bedeuten. Entweder ich hab gekokst in der Nacht, (wobei schon eine einzige Nase scharfkantiger Kristalle ausreicht, um meine Schleimhaut zu verätzen), oder ich bin mit kurzgeschorenem, noch feuchten Haar durch die eiskalte Dezemberluft gelatscht, ohne mir groß was dabei zu denken. Darin bin ich Meister. Das kann ich.

Als ich mir ein schon mehrfach gebrauchtes Tempo aus dem Hügel greife und reinschneuze, quillt der Schnodder zu den Seiten raus und läuft mir über die Finger.

„Ääh..“

Das sieht nicht gut aus. Ich schleppe mich Richtung Badezimmer, durch den Flur, vorbei am Spiegelschrank. Hallo? Wer ist dieser Mann? Sind Sie in der Rüstung tätig? Karlos klopft an die Tür.

„Ich hab’s eilig, ich muss los“, sagt er. Er hat seine schwarzen Friedhofsklamotten an und grinst. „Och nee, der Glumm war beim Frisör.. Siehst aus wie ein schwuler Berliner. Also, Süße, bis später.“

Als er fast zur Haustür raus ist, rufe ich ihn zurück.

„He, Karlos, was machst du heut Abend?“

„Ich geh zu meinen Eltern – wieso? Du nicht?“

„Doch, klar. Ich mein, danach.“

„Weiss nicht. Oben am Schaberg soll ne Heiligabendfete sein.“

„Am Schaberg..? Von wem?“

„Weiss nicht“, sagt er und macht sich auf zum Friedhof, um einen dicken toten Mann zu bestatten. „Wiegt angeblich vier Zentner die Sau. Hoffentlich halten die Seile. Also, bis später, Süße.“

Karlos verdingt sich nebenher als Sargträger. Was heisst nebenher. Hat der denn noch einen anderen Job? Haha, sehr witzig. Provinz-Bukowski und fideler Schauspiel-Heini legen ihre spärlichen Haushalte zusammen und träumen vom Durchbruch. Ihr Einsatz: Saufen, Kiffen, Koksen. Das muss ja ein Erfolg werden. Geht ja gar nicht anders. Hängepartie ausgeschlossen.

Das Sympathische an Männern, und was Frauen so hassen: dass jeder Mann glaubt, er sei unschlagbar. Wir sind alles Buschpiloten.

Bis in den Nachmittag bleib ich im Bett liegen. Ziehe einen weiteren Hügel Rotzfahnen hoch und lese lustlos im Kuss der Spinnenfrau. Würde ja lieber was witziges lesen, aber mein Regal gibt nichts witziges mehr her, was ich nicht schon mindestens ein dutzend Mal aus dem Regal gelacht hätte. Richard Brautigan, Tom Wolfe, Walter Serners Pfiff um die Ecke, John Fantes Arturo Bandini, Bukowski. Lebt Bukowski eigentlich noch? Drecksack. Apropos. Fällt mir direkt letztes Jahr Heiligabend ein.

1985.

Mit Lena war das erste Mal Schluss. Ich hatte sie vierzehn Tage nicht gesehen, ich war total im Eimer. Ausgelaugt. Dennoch bin ich zur Bescherung rüber zu meiner Schwester. Klar, die ganze Familie war da. Konnte ich ja schlecht nein sagen, ich komm nicht, ich bleib im Bett, die Frau ist weg. Es gab Fassbier und Grappa, vom Fondue ist nicht viel hängen geblieben. Der Vater meines Schwagers saß wie jeden Heiligabend schwer und schweigsam in der Ecke, eine Figur aus einem russischen Wintermärchen, ein König, der die Huldigungen seiner Untertanen entgegennimmt. Ein großartiger Typ. Um Mitternacht holten mich Karlos und sein Bruder ab, zur obligatorischen Heiligabendfete. Sind wir erstmal auf einen Sprung zu mir rüber, eine Tüte rauchen. Ich war so blau und wütend auf Lena, dass ich mit der bloßen Faust die Milchglasscheibe meiner Badezimmertür eingewichst habe. Folge: eine dicke Schnittwunde. Auf dem Weg zur Party (irgendwo in Glüder) hab ich dann den Wagen von Karlos‘ Bruder eingesaut, den ganzen Rücksitz voll.

„Mensch, Glumm, du Arsch, pass doch auf, wo du hinblutest – das kriegt doch kein Schwein mehr raus!“

Auf der Fete bin ich sofort ins Bad, weiterbluten. Ich seh mich noch am Wannenrand sitzen, besoffen und bekifft, und vor mir hockt Schnaat, der mir einen notdürftigen Verband um die Hand wickelt und sich nicht mehr einkriegt, weil ich mir das Mullzeugs dauernd abreisse, wie ein störrischer alter Knecht.

„Vorsicht, hier kommt das klirrende Christkind!“ führte Schnaat mich aus dem Bad, wie einen misslungenen klinischen Versuch. Ja. Das war schon eine grandiose Heiligabendparty letztes Jahr. Ich schwadronierte von einer neuen Bewegung in England, den Collapsing New People, bis mich irgendwer genervt in die Schranken wies. „Collapsing New People ist ein Song von Fad Gadget, mehr nicht, du Schwätzer.“ Was mich natürlich in keinster Weise daran hinderte, weiter zu palavern.

Ein Jahr später geht es deutlich ruhiger zu. Da meine Schwester, mein Schwager und der kleine Dennis in Wintersport gefahren sind, findet die 86er-Bescherung im kleinen Kreis statt.

„He, da kommt ja ein Igel!“ ruft Vater, als ich Punkt fünf Uhr zu Hause einmarschiere, auch Mutter ist erstaunt. „So kurz waren die Haare ja noch nie.“

Wir sitzen im Esszimmer. Es gibt Kaffee und Christstollen.

„Den hab ich dieses Jahr mit Haferflocken gemacht“, sagt Mutter. „Papa kriegt sonst Bauchschmerzen, wenn ich Butter nehme.“

Wohltemperiert läuft im Hintergrund Weihnachtsmusik. Stille Nacht. In der Weihnachtsbäckerei. Oh Tannenbaum.

„Scheiss Wetter draussen, ne?“ sagt Vater.

Das Wetter ist sein Thema geworden. Je älter er wird, desto wichtiger wird das Wetter. Er zieht sich eine Wetterkarte nach der anderen rein. Die Windverhältnisse. Der Strassenzustand. Er versteht meine Schwester und meinen Schwager nicht, dass sie in einer Tour zum Wintersport in die Schweiz durchgefahren sind, ohne eine Übernachtung einzulegen. „Ist doch viel zu gefährlich mit dem kleinen Dennis.“ Und wenn ich heut Abend nach Hause gehe, dann nur mit einer seiner Pudelmützen, sonst würde ich mir noch den Tod holen. Wo ich doch eh schon angeschlagen bin.

Manchmal könnte ich platzen bei all seiner verfluchten Übervorsichtigkeit, seinem Drang, jegliches Risiko im Leben zu meiden, (hauptsächlich, weil es mich so frappierend an mich selbst erinnert), doch heute legt mich die Erkältung lahm. Neben dem Esstisch baue ich den nächsten Hügel Zellstoff auf, und zwar auf der Marmorplatte überm Heizkörper, gleich neben dem goldenen Rauscheengel, der sich schön gleichmäßig im Kreise dreht, angetrieben von der aufsteigenden Heizungsluft, die auch meine Schleimtüchlein trocknet und versteift. Sie sehen aus wie grünliche Origami-Arbeiten.

Zwischendurch wechseln wir ins Wohnzimmer, wo die von Vater aufgebaute Stadt darauf wartet, gewürdigt zu werden. Die Stadt ist eigentlich ein Dorf, doch niemand würde auf die Idee kommen, die mittelalterliche Stadt ein Dorf zu nennen. Vater baut sie jeden Weihnachten auf, es ist seine Verneigung vor der Glummschen Tradition, eine Krippe herzurichten. Auf einer großen ausgedienten Modelleisenbahnplatte stehen einige Dutzend selbstgebastelter kleiner Häuschen im bergischen Fachwerkstil. Es gibt Kirchen und eine Parkanlage, Gaslaternen in den Strassen, eine Burg auf dem Hügel. Vor der Dorfpost versammeln sich Spielzeugfiguren (Handwerker und Gesellschaftsdamen) zum Plausch. In den Häusern, hinter bunten Fenstern aus Pergamentpapier, baumeln winzige Glühbirnen. Kunstschnee bedeckt die Modellstadt, im Hinterland gibt es saftige Wiesen aus Moos, das traditionell im Wald gesammelt wird, in einer heiligen Familien-Aktion.

Die gesamte Kindheit über hiess es am Tag vor Heiligabend: ab in den Wald, mit Schüppe und Eimer, zum Moos-Sammeln. Fand sich ein lohnenswertes Stück, wurde es vorsichtig mit der Spachtel untergehoben und abgetragen, wie ein Stück Torte, und in einen mitgebrachten Schuhkarton übereinander geschichtet. Bis in den Januar hinein riecht es in der gesamten Wohnung nach feuchter Muttererde und Wald, bis die Stadt wieder abgebaut wird.

Das Merkwürdige: die Stadt lädt zum Spielen ein, doch ist es für ein Kind beinah unmöglich darin zu spielen, dazu ist alles zu filigran und würde zu schnell kaputt gehen. So blieb uns früher nichts anderes übrig, als staunend vor der Stadt zu verweilen und die Phantasie walten zu lassen. Ich stand immer am längsten vor der Platte und dachte mir kleine Geschichten in den Strassen aus. Onkel Fitting drehte in den 60er Jahren einen kurzen Stop-Motion-Trickfilm in der Stadt, mit der Super 8 Kamera. Bei der Präsentation im Familienkreis saß ich als Knirps mit grossen Augen vor der Leinwand und konnte kaum glauben, was ich da sah. Dass die Kutschen plötzlich losfuhren, wenn auch ruckelnd, und dass in der idyllisch gelegenen Waldschänke ZUM LANDSKNECHT Räuberhauptmänner ein und ausgingen, während die feinen Damen der Gesellschaft unterm Schirmchen durch den Schnee schnurrten. Im Nachspann brachte Onkel Fitting noch zwei bumsende Spielzeug-Rehe unter, da hatten alle was zu lachen.

Mutter räumt die Kaffeetafel ab und erzählt, dass Conny gestern hier gewesen sei und ein Geschenk für mich dagelassen habe. Sie zeigt es mir. Ein Plüschtier. Was rosanes.

„Das ist so ein liebes Mädchen“, schwärmt Mutter.

Conny war meine erste Freundin, im vorletzten Jahrhundert. Dennoch ist sie für meine Mutter der Inbegriff einer Schwiegertochter geblieben. Danach kamen in ihren Augen nur noch Schlampen, die ihre schmutzigen Höschen bei mir rumfliegen liessen. Ich erkläre ihr, dass ich mit lieben Mädchen nichts anfangen kann, weil ich selber lieb genug sei – im Prinzip. „Versteh ich nicht“, meint Mutter und hinterher versteht sie es dann doch. Vater kniet vor der Stadt und flötet, irgendetwas mit dem Trafo scheint nicht in Ordnung zu sein. Das Laternenlicht flackert, er lässt einen fahren. Das geht in Ordnung. Ein Mann muss furzen dürfen in den eigenen vier Wänden. Mutter hat es im Laufe der Zeit akzeptieren gelernt, nur hin und wieder tadelt sie ihn. „Hen-ryy!!“ Ich finde das gut. In Gesellschaft muss man sich das Furzen oft genug verkneifen. Das hilft niemanden weiter. Auch hier: freie Fahrt dem Hintern und seinen Riechliedern. Ausserdem hab ich Schnupfen und rieche sowieso nichts.

Später gibt es Schinkenröllchen mit Spargel, die endlich auch meinen Bruder aus seinem Bau locken, wo er sich mit seinem neuen Tele-Spiel „Olympia“ verschanzt hat. Er ist gerade beim Zehnkampf.

„Stabhochsprung bin ich bei sechs Metern“, sagt er abgekämpft.

„Gratuliere“, sag ich. „Noch drei Zentimeter bis Bubka.“

Ich hab kaum Appetit. Selbst das Flaschenbier, das mein Vater extra besorgt hat, für meinen Bruder und mich, läuft nicht.

„Wer ist Bubka?“ fragt meine Mutter, immer neugierig. „Auch so ein Popsänger?“

„Genau“, sag ich. „Sergej and his Bubkas.“

Mutter lässt die Geschichte des Selbstmörders nicht los, der sich von der Müngstener Brücke gestürzt hat, der höchsten Eisenbahnbrücke Deutschlands, direkt bei uns um die Ecke in den dunklen Wupperbergen. Dabei durchschlug der 20jährige einen Andenkenstand am Wupperufer, Stützmauern wurden eingerissen, sämtliche Scheiben zerstört, von der puren Wucht des Falls aus 107 Metern Höhe. Der Besitzer war gerade dabei Ware einzusortieren, als ihm plötzlich jemand durchs Dach knallt. Aber er hatte Glück, wie durch ein Wunder ist ihm nichts passiert.

Keiner sagt etwas. Jeder hängt den Bildern nach.

„Muss das ein Rumms gegeben haben“, meint Vater.

Mein Bruder, einen Kopf grösser als ich, trägt Vollbart und das Haar so lang, als würde der späte Jim Morrison mit am Tisch sitzen. Er ist vor vier Tagen zwanzig geworden. Schinkenröllchen sind kein Auftrag für ihn.

„Du kennst doch Wilma“, sagt er zu mir.

„Den Hund von nebenan?“

Er nickt.

Wilma ist ein kleiner schwarzer Mischling, der wie ein Ur-Pudel aussieht, aber nie ohne Maulkorb aus dem Haus geht. Wilma hat Probleme mit anderen Weibchen.

„Neulich war ihr ganzer Maulkorb voller rotem Zeugs“, erzählt mein Bruder. Wilmas Frauchen, eine Pädagogin, die den Hund aus schlechter Haltung übernommen hat, denkt noch, he, wie hat das Luder es geschafft, etwas vom Boden aufzunehmen durch den Maulkorb, bis sich herausstellt, dass Wilma sich in den Maulkorb übergeben hat, Reste von Tomsatensauce mit Gehacktes, die sie zu hastig runtergeschlungen hat.

„Das war voll die Gehackteskotze“, so mein Bruder.

„Muss das sein?“ stöhnt Mutter. „Zu Weihnachten?“

„Sah original aus wie beim Italiener.“

„Wieso..? Hast du es gesehen?“

„Ja klar – live!“

Eine Stunde später, und diverse krude Begebenheiten, wie nur 20jährige kleine Brüder sie erzählen können, hab ich auf der Marmorplatte über der Heizung den nächsten Haufen Tempotaschentücher hochgezogen. (Ein Statiker hätte seine Freude daran, wie gewisse Dinge funktionieren, gegen jede Wahrscheinlichkeit.) Ich bin so erledigt, dass ich mich schon um halb Zehn verabschiede.

Draussen ist Totenstille. Selbst die Enten geben Ruhe, als ich durch den Park latsche, die Hände tief in den Hosentaschen.

Zuhause haue ich mich sofort ins Bett und lese etwas, als Modell Hamburg läutet, das hässlichste Telefon der Welt. Es steht auf dem Küchentisch zwischen verkrusteten Kaffeetassen, Notizzetteln und Dauergebäck. Jeder, der zu Besuch kommt, bestaunt den Riesenapparillo, den Karlos und ich nur aus einem einzigen Grund gekauft haben. Wer so hässlich ist, dass der lokale Telefonladen ihn im untersten Regal versteckt, der hat es verdient, aus den Klauen der Telekom befreit zu werden und auf unserem Küchentisch zu landen. Modell Hamburg ist ein beigefarbenes Tastentelefon für Sehbehinderte und reichlich anspruchslos, mit Modell Hamburg kann man lediglich anrufen und angerufen werden, fertig, aus. Das Innenleben dieses großen kompakten Sonderlings muss aus massiv Luft bestehen.

„Jede Wette, das Geheimnis des Universums ist in diesem Gehäuse verborgen“, meinte ich zu Karlos, als uns der Apparat im Telefonladen ins Auge fiel.

(Dass das Geheimnis des Universums in unserem Telefonapparat Obdach gefunden hat und lediglich von einigen Schrauben zusammengehalten wird, diese Vorstellung macht mir jedes Mal Freude, wenn Modell Hamburg klingelt.)

Der dicke Hansen ist dran.

„Kommst du gleich mit, auf die Party am Schaberg?“

„Nee, ich glaub nicht. Bin so schlapp. Erkältet.“

„Äh, der schlappe Glumm.“

„Wer macht die Party überhaupt?“

„Keine Ahnung. Irgendein Monschi. Was ist mit Karlos?“

„Der ist nicht hier.“

„Wo ist der denn?“

„Bei seinen Eltern. Ruf mal da an.“

Keine halbe Stunde später kommt die ganze Bande vorbei, und wir fahren auf die übliche scheiss Heiligabend-Party.

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5 Gedanken zu „Buschpiloten

  1. Bei mir ist Flaute.Schreibflaute sowieso, Leseflaute, Denkflaute. Wenn ich’s nicht besser wüßte, würde ich auf Depression tippen.
    Und da wollt ich mal eben auf die Schnelle deine neusten Veröffentlichungen überfliegen, aber- und das ist einmal mehr ein Kompliment- das funktioniert bei dir nicht. Mich ergreift Melancholie, wenn ich mir die Glumms am Heiligabend vorstelle. 30 Jahre soll’s her sein, aber die Atmosphäre damals überträgst du mit deinen Worten in’s Jahr 2017. Ich liebe diese Geschichten, immerimmer wieder und immer noch finde ich mich wieder, mittendrin, bei euch am Kannen oder bei uns in der Pestalozzi.
    Schön, daß du wieder so viel schreibst! Ganz ehrlich!

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