Ich ging rein und setzte Kaffee auf

Eine Zeit lang jobbte sie als Auslieferungsfahrerin für einen Bio-Hof am Stadtrand. Der Firmenwagen, ein weißer VW-Sprinter mit dem Slogan IHR FRISCHE-BAUER, parkte abends unter unserem Fenster, wenn sie die Früh-Tour hatte am nächsten Morgen. Kurz vor Weihnachten weckte sie mich mit einem dampfenden dreifachen Espresso. Oh, wie freundlich..! Lecker! Andererseits: Wenn sie mich mit einem Kaffee weckte, gab es etwas zu tun für mich.

„Monsieur, schaust du mal zum Fenster raus?“

Es war nicht zu überhören, was da draussen los war. Das Scheppern der Schneeschaufeln, die Eiskratzer auf den Autoscheiben – es hatte geschneit über Nacht, und das nicht zu knapp.

„Kannst du den Bus schon mal frei machen..? Ich schaff das sonst nicht. Es ist schon sieben Uhr durch. Ich bin spät dran.“ Sie ließ einen Kuss rüberwachsen, zog ihn aber wieder zurück, als ihr klar wurde, dass ich es immer noch nicht drauf hatte, mir im Schlaf die Zähne zu putzten. „Mannomann, du stinkst wie faule Eier im Endstadium.“

Na gut. Mit heissem Kaffee und Komplimenten ausgestattet machte ich es mir bequem im Bett, trank in Ruhe den 3fachen Espresso und rollte mir eine Kippe. Die erste des Tages. Die Kreislaufkippe. Im Liegen. Ist ja schon ein paar Jahre her, die Geschichte. Als ich den morgendlichen Mundgeruch noch mit Tabak bekämpfte.

„Kannst du die nicht draußen rauchen?“ rief sie ungeduldig aus dem Bad.

Was Frauen so alles mitkriegen.. Schließlich hatte ich die Kippe noch gar nicht angezündet, ich hatte sie lediglich gerollt, doch ihre Ohren bekamen selbst das Lecken über den Klebestreifen des Zigarettenpapiers mit, morgens um sieben, im Osten der Wohnung.

„Beeil dich ein bisschen, bitte..“

Ich zog meinen grauen Herrenhut an, den alten von Pepe, den er so gern getragen hatte, dazu meine dick wattierte kanadische Platzwartjacke und Gummistiefel. Frau Moll kam mit vor die Tür – logisch. Sie hatte die Kristalle längst gerochen und war kaum zu bändigen. Schnee ist ihr König, ihr unmittelbarer Vorgesetzter, ihre Nummer 1 im Chor der Gelüste, noch vorm Pisseschnuppern. Sie liebt es, sich in frisch gefallenen Schneeflocken zu wälzen.

Es war lausig kalt an diesem Dezembermorgen, der Vollmond tunkte den Kannenhof in eine Best of-Kulisse aus parkenden Autos, Schnee und glitzernden Dächern.

Die Gräfin tauchte kurz am Fenster auf.

„He..! Du kannst dich später noch satt gucken! Mach hin, bitte! Ich bin spät dran..!“

Ich war natürlich nicht der einzige Mann, den man um diese frühe Uhrzeit zum Winterdienst abkommandiert hatte. Von zig Hauswänden hallte das Geschaufle und Gekratze der Abkommandierten wider, während die Frauen im Zweitwagen den Berg hochschnurrten, langsam, bedächtig, ja beinahe nachdenklich, ob der Gatte vielleicht doch besser die Schneeketten aufgezogen hätte. Überall knirschte und knarzte es in der altehrwürdigen Genossenschaftssiedlung, und Frau Moll wälzte sich frenetisch durch den zugeschneiten Vorgarten. Einmal versank sie so tief im Schnee, dass nur noch die Nasenlöcher hervorlugten, wie zwei riesige schwarze Pfefferstreuer.

Ich machte mich an die Arbeit. Zuerst schaufelte ich sämtliche vier Reifen frei, damit der Transporter überhaupt eine Chance hatte, vom Fleck zu kommen. Es braucht nämlich viel Platz und Anlauf, um es den steilen Berg hinauf zu schaffen, der vom städtischen Räumdienst selten bedient wird. Mit Handfeger und Premium-Eiskratzer beackerte ich die Scheiben, meine Lunge pumpte und rasselte, die Finger wurden steif vor Kälte und krebsrot. Als ich in den Außenspiegel blickte, stierte mich ein Yeti an, der zuviel Feuer eingeatmet hatte.

Zwanzig Minuten später war der VW-Bus komplett von Schnee und Eis befreit. Der Wagen blitzte im Laternenlicht. Eventuelle Lackschäden waren nicht zu erkennen. Alles voll öko. Auch Frau Moll schien zufrieden.

„Tipptopp, Chef!“

„He..! Was machst.. du denn da..?!“

Die Gräfin stand vorm Haus und glotzte mich entgeistert an. Sie trug ihren blauen Admiralsmantel. Der war schön warm und hatte Chic. Aber ein bißchen unpraktisch beim ständigen Ein- und Aussteigen, meiner Meinung nach.

„Na ja, nach was sieht das denn aus?“ erwiderte ich frech, doch ihre großen, halb belustigten Augen verunsicherten mich. Da war irgendetwas nicht in Ordnung..

„Hast du dir den Wagen mal genauer angesehen..?“

Als ich mich zum Auto umdrehte und ihn studierte, begriff ich: da fehlte etwas. Der Werbeslogan. Auf der Seitentür. Der stand da nicht, der FRISCHE-BAUER. Der stand nirgendwo. Auf der Strasse hatten Kinder „Michi“ in den Schnee geschrieben, mit bloßen Fingern, „du bist fein“ und ein Herz. Das war alles, was es zu lesen gab. Kein Frische-Bauer weit und breit.

Die Gräfin stapfte ein paar Meter die Straße hoch und blieb vor einem weiteren eingeschneiten Transporter stehen, der mir zuvor nicht aufgefallen war, und schloss ihn auf. Alles ganz cool. Sie kletterte auf den Fahrersitz und gab Gas. Der Sprinter rutschte leicht zur Seite weg, wie eine Seifenkiste, dann fing er sich. Lässig winkend bretterte sie den Kannenhof hoch, wobei Unmengen von Schneehütchen vom Wagendach purzelten, wie weisse Riesen-Konfetti. Ich stand da in Anorak und Gummistiefeln, fassungslos, und produzierte gestresste Atemwölkchen, als mich jemand müde von der Seite anmurmelte.

„Morgen..“, sagte er.

Ich kannte den Mann vom Sehen. Er wohnte irgendwo in der Nachbarschaft. Er schloss den weißen Sprinter auf, der scheckheftgepflegt unter meinem Fenster parkte. Als er losfuhr bekam ich etwas am Ohr ab. Mit steifgefrorenen Fingern fischte ich ein schmutziges Eisbröckchen aus meinem Haar, und neben mir kugelte Frau Moll durch den Schnee. Unermüdlich, dieser Hund.

Ich ging rein und setzte Kaffee auf.

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4 Gedanken zu „Ich ging rein und setzte Kaffee auf

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