Sie hat es wieder getan. Sie hat wieder von Gott geträumt

Beim Frühstück habe ich gern meine Ruhe, lese ein paar Sachen, vielleicht das Etikett der neuen Marmelade – und dann das: Zwei doppelte Espresso und neben mir eine Frau, die ohne Ende auf mich einquasselt, da bricht mir der Schweiss gleich an mehreren Orten aus, doch sie quasselt einfach weiter. Es ist mir ein Rätsel, wie man um diese frühe Uhrzeit auf solch ein Thema kommen kann: Salzgebäck – und was die diversen Knabbereien über ihre Benutzer aussagen.

„Junge Leute essen gern geriffelte Chips“, sagt sie. „Klar. Die sind noch im Aufbau. Die brauchen das als Nahrung.“

„Bacons! Dieser eklige Schweinegeschmack! Das ist was für Pervertierte, die sich am liebsten selbst aufessen würden, und zwar von hinten nach vorn!“

„Konsumenten von Erdnussflips sind grundsätzlich Weicheier, aber auch stur und linientreu. Man sollte es sich nicht mit ihnen verderben. Erdnussflipsliebhaber entscheiden oft darüber, ob Urlaub gewährt wird.“

Ich will auch mal was sagen.

„Gibts eigentlich noch Partymischungen mit Fischlis?“ werfe ich verzweifelt ein. „Oder wo sind die geblieben? Haben Fischlis denn gar keine Fürsprecher mehr?“

„Die gibts noch. Ruhe, Mann – ich quassle.“

„Ja, Frau.“

Einig sind wir uns bei folgenden Knabber-Typen: Anbeter  und Fans von Ungarischen Chips legen eine gewisse feminine Härte an den Tag. Sie haben stets zwei Gesichter, und selten ist hundertprozentig klar, mit welchem man gerade in Vollkontakt steht. Grissini-Stangen-Mümmler sind Mehlwürmer: Blasse Gesellen, die sich für würzig halten, aber nicht mehr draufhaben als mümmeln.

„Und wieso heisst das Zeug eigentlich Kichererbsen? Ich hab mal ne halbe Tüte Kichererbsen gefressen und mir war überhaupt nicht nach Lachen zumute. Im Gegenteil. Mir war übel.“„

„Übelerbsen“, sag ich.

Cracker- und Salzstangen-Sympathisanten? Nein – darüber verliert sie kein Wort.

*

Mein Blick fällt auf die Zeitschrift, die in der Mitte aufgeschlagen auf dem Küchentisch liegt, seit Tagen. Das großformatige Schwarz-Weiß-Foto, das sich über zwei Seiten ersteckt, stammt aus der verdammten Nazi-Zeit. Es zeigt einen großen Berg Leichen in einem Konzentrationslager. Es ist genau die Art Foto, die mich als Jugendlicher an diesem Land verzweifeln liess. Knochenabfall, ein Hügel Müll, wie hinterm Burger King. Und darunter ein kleines Bild vom Führer.

„Wenn ich Adolf Hitler sehe, wünsche ich mir, ich wäre in der SS-Zeit ein Kerl gewesen und hätte ihn vergewaltigt“, sagt sie plötzlich. „So richtig niederdrücken und von hinten in den Arsch ficken, bis er gewinselt hätte.“

*

„Das liegt in der deutschen Natur: Wenn andere Völker etwas schlimmes anrichten, machen wir es noch schlimmer. Das saugen wir quasi mit der Muttermilch auf. Ein normaler Krieg reicht uns nicht, wir zetteln gleich zwei Weltkriege an und müssen Millionen Juden, Schwule, Kommunisten, Zigeuner töten. Deutsche können nur extrem. Extrem fade übrigens auch.“

*

Sie nennt es den „Kosmischen Sprung“. Wenn die Atmosphäre zwischen zwei an sich befreundeten Menschen plötzlich aus dem Gleichgewicht gerät, wenn eine winzige Verschiebung stattfindet und niemand eine Erklärung dafür findet. Wenn sich unerklärliche Nervosität einschleicht zwischen zwei Menschen, die sich eigentlich nahe sind,

„dann“, sagt sie, „hat der Himmel eingegriffen. Aber warum? Aus purer Lust am Eingriff?“

„Ja aber natürlich, meine Liebe. So ein Himmel ist ja auch nur Chirurg“, stimme ich zu.

*

Der Hund hat die Wohnung bereits verlassen und tigert im Treppenhaus auf und ab, um seine Nerven zu beruhigen. Er wartet darauf, dass wir unser ausgiebiges Frühstück beenden und mit ihm rausgehen, damit er endlich sein Geschäft verrichten kann. Er hat schon eine ganz warme Nase. Hoffentlich kackt der uns nicht auf die Trep.

*

Die Gräfin ist noch beim Traum der letzten Nacht.

„Ich hab wieder von Gott geträumt. Er war groß und schlank und hatte Haare auf der Brust, wie Burt Reynolds früher auf der Couch. Richtig sexy war der, ein attraktiver Bursche. Ich bin zu ihm hin und wollte ein bisschen flirten, aber er hat nicht reagiert. Er reagiert nie. Ich mein, ich hab noch nie im Traum mit Gott geschäkert, ich hab noch nie zu Gott gesagt, na, hör mal, du bist mir ja vielleicht einer..“

*

Es schneit und schneit, es hört nicht auf zu schneien. Es schneit Hundertschaften winziger weißer Go-Go-Boys, eine flockige Milliarde. Ich frage mich, ob es wohl einen großen Statistiker gibt, der all diese Massen fallender Schneeflocken registriert. Der auf die Flocke genau weiß, wieviel täglich zu Boden geht, aus prallvollen Wolkenverbänden. Ob es wohl jemanden gibt, der das alles durchzählt, der bis aufs letzte Kristall, aufs Körnchen genau ermittelt? Ist Gott vielleicht Mathematiker? Ein Kristall-Ermittler?

Ein Schneefarmer?

*

Es gibt Milliarden Galaxien. Allein unsere Galaxie hat Milliarden Sterne, um die sich Millionen Planeten drehen, auf denen sich erdähnliche Zivilisationen gebildet haben könnten. Und in diesem ganzen gewaltigen „Könnte sein“-Weltraum soll es bloß einen einzigen A. Glumm geben? Ja, garantiert. Mich gibt es nicht noch einmal. Nur dieses eine einzige Mal. Das ist ein sehr tröstlicher Gedanke. Und er ist sehr gefährlich.

*

Sie selbst ist der einzige mir bekannte Mensch, der seine Kartoffelchips lutscht und nicht knabbert. Das heißt, sie lässt lutschen, sozusagen. Sie legt den Kartoffelchip unter die Zunge und wartet einfach die Zeit ab, bis die Gewürze sich irgendwann von ganz allein lösen und allmählich in Backentasche und Mundraum einsickern.

„Hmm.. und zum Schluß, wenn der Chip ganz mini und ohne alles ist, ohne Gewürze, quasi nackig, dann isses soweit und ich hole ihn mir mit der Zungenspitze hervor und – ccchrrpp! Weg damit!“

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5 Gedanken zu „Sie hat es wieder getan. Sie hat wieder von Gott geträumt

  1. Also, wenn er mal wieder mit Brusthaar auf der Couch hockt, der Herr Gott…dann tät ich ihm gern zurufen: „Howdy! Trotz aller Pannen, wegen diesen beiden am Küchentisch samt Treppenhaushund allein war’s schon saugut, daß Du alles erschaffen hast!“
    Ciao, mit großer Freude!

  2. Ich liebe die freigelassenen Gedanken der Gräfin. Das fließt und ist manchmal so skurril uund schräg und dann wieder so klug. Besonders gut wird es, wenn Ihr Euch die Bälle zuwerft, oder der Eine die Gedanken der Anderen lakonisch ergänzt.

    ( Chips esse ich übrigens auf ähnliche Weise wie die Gräfin. Allerdings drücke ich sie gegen den oberen Gaumen, wo sie sich festsaugen und nach und nach auflösen. Kauen ist mir zu laut und zu schnell. Marke: Chips frisch, ungarisch. Das sind die besten)

  3. 1853 erfunden in Neuengland
    etwa zu der zeit der Hungersnöte bei schlechter Raumluft
    hat sie sich hier angesiedelt
    auf äckern aber auch in gärten
    das geile an der Kartoffel sind ihre verschieden sorten
    und namen und Unsterblichkeit
    einfach einbuddeln fertig
    wie vorwiegend festkochende -(was ich nie ganz verstand)
    und natürlich Pommes
    so kam sie denn übers Meer
    bis nach Ungarn
    Chips gibt’s (nicht)
    eigentlich !

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