Letzens hab ich einen Zwanni gefunden

Letzens hab ich einen Zwanni gefunden. Bei uns direkt vorm Haus.

„Ach! Hier ist die Goldgrube..!“

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*

Fast hätte ich dem Leben einer Nacktschnecke ein Ende bereitet. Mit dem Stiefel. Dachte ich. Doch als ich den Stiefel anhebe und in die Hocke gehe, um mir die Bescherung anzugucken, ist sie gar nicht tot. Im Gegenteil. Der fette Bauchfüßer schürzt nur das rostfarbene Mäulchen, saugt häppchenweise Luft an und entdellt sich in aller Seelenruhe, während ich ihn beobachte. Wie ein Batzen Mäusespeck vom Büdchen, auf dem man den halben Nachmittag versehentlich rumgesessen hat, regeneriert er sich in die Urform.

„Schau-spie-ler!!“ kanzle ich die Schnecke angewidert ab, wie einen Nationalspieler, den man bei einer allzu offensichtlichen Schwalbe erwischt hat.

„Schaum-gum-mi!“

Auf nichts ist mehr Verlass. Auf gar nichts. Man wird gefoppt, wo man geht und drüberlatscht.

*

Im Sommer 86 beschlossen Karlos und ich, gemeinsam eine Bude zu suchen. Die dritte Wohnung, die wir uns ansahen, lag am Kannenhof, einer Genossenschafts-Siedlung aus den 20er Jahren, die man nach dem Vorbild Wiener Gartensiedlungen errichtet hatte, mit viel Grün und Gärten hinter den Häusern. Außerdem gab es die große Parkanlage, die einst der Botanische Garten der Stadt gewesen war. Karlos war ganz in der Nähe aufgewachsen, auf der gegenüberliegenden Seite der Anlage.

Ein trauriger alter Mann öffnete die Tür. Sein Name klang wie eine anschwappende kleine Welle, Paul Loe, mit Betonung auf dem e, wie er uns leise erklärte, nachdem ich ahnungslos Hallo, Herr Lö gesagt hatte. Er schlurfte gebeugt vor uns her und führte uns durch die Zimmer. Vermutlich war er gar nicht so furchtbar alt, aber er war einsam, da zählt jedes Lebensjahr doppelt und dreifach. Er hatte keine Lust mehr in dieser dunklen Hütte zu wohnen.

„Ich muss hier raus“, sprach sein Leib.

Das Schlafzimmer, das später mein Zimmer werden sollte, war ganz gelb vom vielen Nikotin und düster wie eine Schiffskajüte unter Deck, dritte Klasse. Der alte Mann erzählte, dass er lange mit Frau und Sohn in diesem Loch gelebt habe. Erst sei seine Frau gestorben, dann sein Sohn. Er zündete sich eine Filterzigarette an, und wir rauchten eine mit.

„Der Doktor meint, ich soll mit dem Rauchen aufhören. Der soll mir lieber was verschreiben, damit die Kippen wieder schmecken.“

*

„Stell dir vor, plötzlich ist Elvis wieder da, geklont aus altem Militärmaterial aus den Fünfzigerjahren. Was glaubst du, welch ein Vermögen die Karten für seine erste Las Vegas-Show nach 40 Jahren kosten würden..!“

„Au ja!“ Sie ist sofort Feuer und Flamme. „Da bin ich für! Elvis klonen!“

Elvis the Pelvis Presley war ihre erste große Liebe. Als sie an einem heißen Augusttag 1977 von seinem Herztod im Radio erfuhr, brach sie weinend zusammen. Sie war 14.

„Aber dann sollen sie auch direkt Elvis‘ Mutter wieder auferstehen lassen. Der hat seine Ma doch so verehrt und geliebt.“ Sie glüht vor lauter Vorfreude. „Peter Sellers sollen sie auch gleich auferstehen lassen. Über den musste Elvis immer lachen. Er hat sich eigens ein Kino gemietet, nur um mit seinen Kumpels Inspektor Clouseau-Filme zu gucken. Elvis hatte eine schöne Lache. Mit so einer schönen Stimme kann man ja nur eine schöne Lache haben.“

Das beste Elvis-Lachen, so die Gräfin, gibt es in einer Live-Version von „Are you lonesome tonight“. Da sitzt im Hilton International in Las Vegas in der ersten Reihe eine Dame im Publikum und summt und singt jede Zeile so laut mit, bis Elvis auf sie aufmerksam wird. Bei „Are you sorry we’re drifting apart“ schließlich muss Elvis so lachen, dass er aus der Fassung gerät und der ganze Saal in sein Lachen einfällt.

Ich habe die Aufnahme nie gehört, aber so oft erzählt bekommen, dass ich sie quasi doch kenne – und so ist das ja auch richtig mit Legenden, so muss das sein. Die Gräfin hätte diese Nummer gern auf Vinyl oder CD, und es wäre ein leichtes, über die Elvis Presley-Gesellschaft herauszubekommen, von welch spätem Live-Album bewusste Aufnahme stammt, doch das hat sie nie getan. Auf Flohmärkten haben wir jahrelang Ausschau nach Live-Platten gehalten und auch einige gekauft, auf denen „Are you lonesome tonight“ drauf war, doch vergeblich. Die Dame in der ersten Reihe, die so laut mitsingt, war nirgends zu hören. Aber es ist ja auch viel schöner, mit einer Ahnung von Schönheit durchs Leben zu gehen als der Schönheit selbst zu begegnen.

Das ist wie mit dem Träumen. Kennt ihr das, wenn man den ganzen Tag mit dem Geschmack des Traums herumläuft, den man morgens nach dem Aufwachen auf der Zunge hatte, den man zu rekonstruieren versuchte, doch je länger man es versucht, desto weniger Bildmaterial bleibt übrig. Und je länger der Tag andauert, desto schwacher wird der Eindruck und der Geschmack des Geträumten bis am Ende des Tages nicht mal mehr eine Ahnung davon übrigbleibt, nur eine flüchtige süße Unkenntnis.

*

Der Althippie in unserer Nachbarschaft, der uns seit Jahren mit Oldies versorgt, war im letzten Sommer ganz besonders aktiv. Sein CD-Spieler lief so rund, dass die Gräfin schon genervt mit den Augen rollte, wenn sie von der Küche aus in den Garten guckte, wo der Althippie sein Blockhäuschen hat, hinter der halbhohen Hecke, und Cat Stevens hört. Ich wusste lange Zeit nicht, wie der Typ überhaupt aussieht, weil er immer nur im Gartenhäuschen hockt, bis spät in die Nacht, hinter der Hecke, und Musik hört. Seit letztem Sommer weiß ich, wie er aussieht. Er ist mir über den Weg gelaufen. Das hätte er besser nicht getan. Ich hab ihn mir immer mit langem verwuschelten Haar vorgestellt, ein bißchen übrig geblieben, wie Donovan. Oder Cat Stevens, der morgens neben seiner toten Geliebten erwacht, Lady d’Arbanville. („She looks so cold tonight.“) Stattdessen sieht er aus wie ein Metallfacharbeiter Ende vierzig, das Gesicht auf Rechteck gestanzt, mit Vollbart. Ich hätte ihn besser nicht gesehen.

„Mh? Isn das fürn Fertigen?“ fragte ich die Gräfin, als wir morgens den Kannenhof hoch schlappten und sie von jemandem begrüßt wurde.

„Na, unser Hippie“, sagte sie leichthin.

„Unser Althippie??“

„Ja.“

„Ach du Scheiße.“

Dabei nervt mich seine Musik gar nicht. Im Gegenteil. Erstens spielt er sie nicht besonders laut, und zweitens ist es die Musik, mit der ich aufgewachsen bin: Glitter Rock. Paranoid. The Slade.  Suzie Quatro. Groovin‘ with Mr. Bloe. Manchmal bin ich richtig gespannt, welche Nummern heute laufen, und ab und zu überrascht er mich mit einem Titel, den ich Jahre nicht mehr gehört hab. Ach was, Jahrzehnte.

„SCHORSCH! MACH MA LAUTER!“ ruft der andere Nachbar, der mit den unzähligen blonden Kindern und den beiden schwarzen Pudeln, kleinen Fotzenleckern, die immer in unseren Garten würsteln. „WAT IS DAT NOCH MAL, HÖMMA!?“

Kann ich dir sagen, was das ist, das ist eine dösige Instrumentalnummer aus den 70ern, die mich auch an irgendwas erinnert, aber ich weiß nicht an was.

Althippie hat auch keinen Plan.

„WEISS NICH, HÖMMA! MUSS ICH GUCKEN!“

Es ist Anfang September, 27 Grad am Nachmittag. Die Nachbarskinder kicken den Fußball hoch in die Bäume („SCHIESS MA‘ FESTER, JAN-CHRISTOPHER!“), wo sie ihn nicht mehr runter kriegen, weil die Äste zu dicht sind. Sind ja nicht alle Bäume wie unser Essigbaum, der im Spätsommer dasteht wie eine spärliche Grafik. Und dann läuft ein weiteres Instrumental, Soundtrack-Musik der 70er.  Ich tippe auf Lalo Schifrin.

„MACH DIE HOSE WIEDER ZU, JAN-CHRISTOPHER! ABER GANZ SCHNELL!“

Manchmal setz ich mich spätabends in den Garten, im Dunkeln, wenn die Grillen zirpen, als wären sie auf Besuch aus Nizza, und lausche dem Metallfacharbeiter, wie er leise seine Lieblings-Songs mitpfeift.  Und letztens lief Steve Harley, live. Wo im Publikum alle mitsingen, in England 1976.  Da kamen mir ein bißchen die Tränen.

„HALLO!“ ruft der kleine blonde Nachbarsjunge zu mir rüber, und winkt.

„Hallo“, sag ich.

Das scheint ne reine Instrumental-CD zu sein.

„SIND NUR SERIEN DRAUF!“ ruft Althippie durch den Garten. „IST ALLES DRAUF: DALLAS, FURY, CLARENCE, DER SCHIELENDE LÖWE! UND HIER, BONANZA!“

Die Cartwrights reiten ein! Der dicke Hoss und seine Brüder! Nichts wie weg hier!

Einmal lief sogar „Long cool woman in a black dress“ von den Hollies. Einer meiner absoluten Lieblingsrocksongs mit 14, und bestimmt zwanzig Jahre nicht mehr gehört. Die Hollies waren eine komische Band. Haben ne Menge übler Schnulzen versemmelt, und dann wieder so Kracher rausgehauen wie „The Day that Curly Billy shot down Crazy Sam McGhee“ und natürlich: „He ain’t heavy, he’s my brother“, die Hymne aller kleinen Brüder dieser Erde, die ihre großen Brüder verehren. Wie es sich gehört.

Ich geh mal rein.

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3 Gedanken zu „Letzens hab ich einen Zwanni gefunden

  1. Von „Bus Stop“ hab‘ ich sogar noch die Original Single. „Sorry Suzanne“ war auch gut. Herrlicher Bass!
    Aber die Hollies galten nun mal nicht als so cool wie Led Zeppelin oder die Stones, oder oder…

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