Die Nachtportiers

Im Sommer 1985 lerne ich beim Trampen von einem Stadtteil zum anderen zufällig Bob kennen, den Geschäftsführer des Turm-Hotels. Er liest mich am Strassenrand auf, in seinem blauen Familien-Kombi. Ich komme gerade von einem ernüchternden Vorstellungsgespräch, worüber Bob und ich sprechen. Du suchst einen Job? fragt er. Fünf Minuten später hab ich einen Job. Im Turm-Hotel, dem riesigen Einwegfeuerzeug aus Beton in der City. Als Nachtportier, zunächst als Aushilfe, und als Kofferträger, wenn amerikanische Reisegruppen für eine Nacht absteigen, auf ihrer zweiwöchigen Heart of Europe-Tour.

Ich lerne die beiden etatmäßigen Nachtportiers kennen. Sokolov ist ein kleiner zäher Mann, der sich zur Rente etwas hinzuverdient. Er stammt aus Sofia und ist krankhaft sparsam. Er weigert sich, verdorbene Wurst wegzuschmeißen, selbst wenn die Schlieren auf den Mortadellascheiben kaum noch zu übersehen sind. Dann schabt er sie heimlich ab, und schon fällt im diffusen Licht des Frühstückbüffets nicht mehr auf, was für ein kranker Aufschnitt da auf dem Tablett liegt.

Wäre Sokolov jünger gewesen, er hätte einen Eins-a-Foodstylisten abgegeben. Er hat alle Tricks drauf. Auch aufgeweichte Cornflakes, von den Gästen achtlos in der Milchschüssel zurückgelassen, biegt er wieder gerade, er macht sie knackfrisch. Keine Ahnung, wie er das hinkriegt. Sokolov ist ein Zauberer. Ich muss oft kotzen. Am schlimmsten aber ist es, wenn er aufs Klo ging und die Pisse nicht abzieht, um Wasser zu sparen.

“Ist doch Trinkwasser”, versichert er mit hochrotem Kopf. “Hier, siehst du.” Er schöpft das Wasser mit beiden Händen aus dem Klo und tut so, als würde er daran nippen.

“SOKOLOV!“ schreie ich ihn an, “DU MACHST UNS NOCH ALLE KRANK!”

“WIESO?”

“WEIL DU HIER DEINE BAKTERIEN VERBREITEST!”

“BAKTERIEN..? WIE, BAKTERIEN?! WAS FÜR BAKTERIEN?! ICH HABE KEINE BAKTERIEN! WAS WILLST DU!?”

Bei Dienstbeginn bin ich aufs Personal-Klo gegangen und hab es versäumt, pro forma den Abzug zu betätigen bevor ich den Klodeckel anhebe. Es kann immer mal sein, dass ein güldenes Pfützchen von Sokolov in der Porzellanschüssel lauert, ein Pfützchen vom Tag zuvor oder vom Tag vorm Tag zuvor.

“SOKOLOV! DU MACHST UNS ALLE KRANK!”

Das ist zu viel für ihn. Bulgarische Schimpfworte quillen mir entgegen. Wenn Sokolov sich angegriffen fühlt, verteidigt er sich in seiner Muttersprache. Das ist seine Linie. Er verlässt niemals seine Linie. Er ist konsequent, er ist fabelhaft.

“BÄH!” mache ich, doch es ist sinnlos.

Sokolov ist eine fabelhafte bulgarische Pottsau.

Möckendorf, der andere Nachtportier, ist ebenfalls Rentner, aber einer von der stillen und zurückgezogenen Sorte. Seine fahle Gesichtsfarbe erinnert an Kalbsfleischwurst, die schon Geschmack angenommen hat. Möckendorf ist es auch, der mich in den Job des Nachtportiers einarbeitet. Er zeigt mir, wie man den Frühstücksraum korrekt eindeckt, wie man das Buffet aufbaut, wie man Brötchen bestellt. Wieviel Löffel Kaffee auf eine große Kanne kommen. Welche Brotsorten für Gesellschaften aufgetragen werden. Nur wie man damit klarkommt, sich eine ganze Nacht um die Ohren zu schlagen, ohne mit Freunden abzuhängen und im besoffenen Kopf noch eine Tüte zu rollen, das sagt einem niemand.

Zuletzt versucht Möckendorf mir zu demonstrieren, wie das mit dem Wurst- und Käseschneiden geht. Sagt er. Ich frage mich, was es da zu demonstrieren gibt. In der Küche befindet sich eine riesige Wurstschneidemaschine, ein altertümliches Monster, mit dem sich vermutlich auch Brennholz kleinhacken lässt.

Moment noch, sagt Möckendorf und öffnet den Kühlschrank. Er zieht ein volles silbernes Tablett heraus, belegt mit Wurstaufschnitt, übriggeblieben vom Buffet der vorangegangenen Nacht. Möckendorf langt tüchtig zu. Er vergisst völlig, dass ich hinter ihm stehe und dabei zuschaue, mit welcher Gier er eine Scheibe Fleischwurst nach der anderen einrollt und in sich hinein stopft, schmatzend er wie ein altes Schwein überm Trog.

Es ist dieses Schmatzen in der Hotelküche früh um fünf, das sich in mein Gedächtnis einbrennen wird, da bin ich mir jetzt schon sicher. Das werd ich nicht mehr los, diese Spur ist eingraviert ins Gehirn bis ans Lebensende.

Möckendorfs verdammte Fleischwurstfresserei und Sokolovs gülden schimmernde Urin-Pfützchen – irgendwie ahne ich schon zu diesem frühen Zeitpunkt, dass ich kaum unbeschadet aus dieser Geschichte herauskommen werde.

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7 Gedanken zu „Die Nachtportiers

  1. warst du bei der
    Sache
    und den laden untergehen
    staubiges Inferno
    oder doch
    da war ich mal im Fahrstuhl
    und bin stecken geblieben noch
    als das taxi
    vorbeikam–bei die abeit
    ok?
    ja

  2. Da bin ich gespannt, ob die Geschichte noch weitergeht 😉 Was sich bei mir seinerzeit in der Putzkolonne der Kölner Messe enbrannte, war dat Kariinsche und dat Liebelein. Neonröhrengeflacker und Klimaanlagengebrumme, während ich Brötchenkrümel und Kippenstummel von 2000qm Teppich saugte und meinen inneren Monologen lauschte.Das war so schön, wie es schrecklich war. Und das eigentlich wirklich schreckliche war die Erkenntnis, was wir Alle für privilegierte Jammerlappen waren… eine meiner türkischen Kolleginnen hatte es ausgerechnet, ihr Leben in Deutschland, 6 ganze Jahre verbrachte sie davon in diesen Gebäuden für 11DM/Stunde, damit die 4Töchter in der Türkei studieren können, für ein besseres Leben.

    • ich kam grad an wobei ich noch den parklatz suchte mit hänger
      damals zu meiner zeit gab es keine Handys noch
      also musste ich mich durchfragen
      es war eingrosses überdachtes geläde und geladen
      ich kam aus Hamburg und war schon lange unterwegs wenn die messe
      aufgerichtet
      da ich im stau war und kostbare zeit verstreichen konnte war ich im stress
      es war ziemlich weit im süden
      aber es könnte auch bei köln gewesen sein
      ja
      ich komm mir ziemlich albern vor mit meinem desintesse
      etwas überfahren nicht müde riss ich mit meiner schulter der rechten zufällig an die geschichte
      es war aber auch eine aufbaustimmung
      irgendwas mit Medizin ging zu bruch
      so kleene Röhrchen mit licht drinn
      der stand warb für Disziplin und morpfium
      er war noch nicht ganz fertig aber ich brachte das noch nich ganz aufgebaute teil zum
      stand
      es herschte augenblicklich stille und entsetzen
      das wüürd teuer ….junger mann
      ob ich versichert wär?
      ich sagte ich hätte jetzt kein zeit
      ich komm gleich wider
      dann klären wir die Schuldfrage
      der stand hatte keine Bedeutung mehr ohne licht was mich im nachhinein ermutzig
      den nun freihabenden gesangsbanausen ein freies Wochenende arrangiert zu haben bei der drei tage Woche im textmerken
      beim Rückweg ,nachdem ich meinen kram losgeworden bin kam ich natürlich am
      unfallort an um zu fragen was denn nunweiter geschehe
      eher zufällig
      ich war noch unterschock
      ich sollte meinen Arbeitgeber melden der mich kurz darauf entlassen musste
      ich war jetzt stadtbekannt
      so messemäßig..hihi

  3. kein schreiber den ich kenne sucht
    nach
    unterschiedlichen momenten
    nicht während
    oder in sachgeschichten
    ein schreiber ist sich seiner Gedanken sicher
    wobei der dichter glumm
    nochmal wiederholt was er meinte
    und dieser reiz eine besondere Vielfalt im sinne der Gegenwart
    bestimmt
    im reiz der abgeschiedenden Vervielfältigungen
    wobei der erste gedanke auch stimmen könnte
    bei dem versuch ihn zu bestimmen
    den klang oder das wortgeflecht einer Begegnung unterwegs
    zu lösen
    kommt die geschichte und nimmt Anteil
    mitleid oder nur Sehnsucht
    das Abenteuer sich zu trennen
    von allen guten geistern
    ja.

  4. Mal eine Frage zur „Mordsache Männlein“ auf deinem 500-Beine-Blog: Beruht die Geschichte tatsächlich auf einer wahren Begebenheit bzw. ist es deinem ehemaligen Kollegen Ratzki tatsächlich gelungen, dem Angreifer seinen Überfall auszureden? In einem Film würde ich das ja für einen ganz und gar unglaublichen Plot halten.

      • Vielen Dank für die Aufklärung. Da ich erst seit etwa eineinhalb Jahren mitlese, kannte ich die wahre Überfall-Story tatsächlich noch nicht. Mir sind natürlich auch gleich ein paar Parallelen zur „Mordsache Männlein“ aufgefallen. Ob du in der fiktiven Geschichte wohl deine Tarantino’schen Rachephantasien verarbeitet hast?! – Wie auch immer: Ich schaue hier mittlerweile fast täglich rein und freue mich sehr über deine tollen Erzählungen. Vielen Dank dafür und weiter so!

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