Dreissig Polaroids

Kein einziges Foto ist geblieben. Keins einziges von über dreißig Polaroids, aufgenommen im grimmigen Winter 1978 in diesem oberbergischen Kaff, wo der dicke Hansen ein Fachwerkhaus erben sollte. Das wollten wir uns mal anschauen, Karlos, Pepe und ich. Und bei der Gelegenheit eine Runde rodeln. Ein bisschen kiffen, Musik hören. Was man so macht, wenn man achtzehn ist und mit Freunden unterwegs.

Die Hinfahrt in Hansens blauer Ente war frostig. Weil nacheinander Heizung und Lüftung ausfielen, beschlugen die Scheiben des 2CV so stark, dass wir zeitweise bei offenem Seitenfenster fahren mussten, damit frische Luft reinkam und der dicke Hansen am Lenkrad überhaupt mal was sehen konnte und nicht bloß auf Verdacht fuhr.

„Hört mal mit der Kifferei auf dahinten! Ich seh nix.“

Das sagte der richtige, zählte doch der dicke Hansen zu den grössten Kiffern der Erdkugel, er schätzte sich selbst als veritables Haschgetüm ein. Hätten die Bullen ihn an diesem Wochenende angehalten und den THC-Gehalt in seinem Blut bestimmt, sein Lappen wäre für Jahrhunderte weg gewesen. Doch die Polizei hatte genug mit dem jähen Wintereinbruch zu tun. Unter der Last des vielen Neuschnees waren Bäume umgeknickt, verlassene Fahrzeuge standen am Strassenrand, Warndreiecke überall. Selbst Hansens Autoradio und das Tapedeck stellten den Dienst ein. Keine Musik im Wagen ist ärgerlich, aber mit achtzehn, auf dem Weg ins Kiffer-Wochenende, ist es eine Kampfansage. Aus lauter Frust stimmten wir einen Kanon ein, den wir alle noch aus der vierten Klasse drauf hatten, ohne nennenswerten Texthänger: Bruder Jakob. Schläfst du noch? Hörst du nicht die Glocken..?

DING DANG DONG. BIM BAM BUM.

Seltsam war, dass so viele Autos bei Eis und Schnee ausfielen, unsere vollbesetzte, wie im Orkan schwankende Ente aber ihren Weg machte, und das ganz ohne Schneeketten. Als wir das Kaff im Oberbergischen erreichten, holte Hansen seine futuristische Stereoanlage von Wega aus dem Kofferraum und heizte uns in seinem künftigen Heim mit Country ein, während ich meine nass gewordenen Wildlederstiefel auszog und zum Wärmen auf den bullernden Ofen stellte, wo ich sie über Nacht vergaß. Am nächsten Morgen waren sie voller Beulen und zwei Nummern zu klein, eine Pizza Calzone, die Bläschen warf. „Scheißdreck“, fluchte ich.  Die Dinger waren im Eimer.

Das Fachwerkhaus hatte drei Etagen und versank Stunde um Stunde tiefer im Schnee. Wir hockten in der von einem englischen Kanonenofen befeuerten, gemütlichen Klause im ersten Stock und drehten eine Tüte nach der anderen. Pepe hatte sagenhaftes Dope auf der Tasche, das in der Szene als Türkenplättchen kursierte, dünn wie Oblaten, potent wie Opium. Wir saßen zu viert um den großen Nussbaumtisch herum, hörten Musik und grölten albernes Zeugs wie Wir verkiffen unsrer Oma ihr klein Häuschen.

“Mann, seid nicht so laut“, fauchte Hansen, „die hören das doch da unten! Die sind doch nicht doof, nur weil sie auf dem Dorf wohnen!“

Das Erdgeschoss war an ein einheimisches älteres Ehepaar vermietet, das lebenslanges Wohnrecht besaß. Wenn Hansens Großmutter am nächsten Tag gestorben wäre und Hansen hätte das Haus geerbt, das Ehepaar wäre ihm auf unabsehbare Zeit erhalten geblieben, man hätte sich arrangieren müssen. Aber was kümmerte uns das. Wir waren achtzehn und rauchten Haschisch, als ginge es um die Weltmeisterschaft im Haschischrauchen.

Und wir verehrten JJ Cale, seine lässige amerikanische Okie-Musik, easy come, easy go, anyway the wind blow. JJ Cale war der Kitt, der uns alle zusammenhielt, auf den wir uns musikalisch verständigen konnten, auch wenn der eine sonst lieber Zappa hörte und der andere Reggae. Es war Cales beste Zeit in den späten Siebzigern, als er den Tulsa-Sound entwickelte und jedes Jahr ein Album herausbrachte. Niemand sonst schaffte es, Pop, Blues, Jazz und Country so mühelos miteinander zu verdrahten, als wäre es immer so gewesen, so laid back, wie nebenbei. Und, natürlich: JJ Cale hatte Obeine. Obeine sind wie ein Eintrag im Personalausweis: guter Mann. JJ Cale war der stoppelbärtige Tramp, der im offenen Viehwaggon durch den Westen reiste, lässig auf einem Grashalm pfeifend, einen Nagel in den Stiefel getreten.

Überm Kanonenofen hing ein seit Jahren abgelaufener Pin up-Auto-Kalender, der nur noch aus einem einzigen Blatt bestand, Miss Juni 1975. Miss Junis Möpse 1975, JJ Cale auf Hansens futuristischer WEGA 2000-Stereoanlage und Türkenplättchen, die zunächst schlicht aussahen, sich beim Bröseln aber aufplusterten wie ein Federkleid und großes Zauberhaschisch wurden, dazu ein Haufen frischer Pulverschnee, das war das Wochenende im Oberbergischen, Winter 78. Und da waren noch die dreißig Polaroids. Dreißig witzige übermütige Aufnahmen, die wir ausnahmslos am ersten Abend schossen und mit Untertiteln versahen, die noch Jahre später für Furore sorgten.

“War das an dem Wochenende, als ihr im Oberbergischen auf die Fresse gekriegt habt?” hieß es, wenn die Fotos auf irgendeiner Party durch die Hände gingen. “Kann schon sein”, antworteten wir stolz, “glaub schon, ja.. sicher, das war das Wochenende”, und mit jedem Erzählen bezogen wir mehr Dresche, hatte Karlos mehr Finger gebrochen, fehlten Pepe gleich zwei Schneidezähne statt einer Füllung, tat mir der Schädel immer noch weh.

Dreißig Sofortbilder vom Winter 1978, die von einer versunkenen Zeit künden, einer Ära, die es (wahrscheinlich) so nie gegeben hat, wer weiß das schon, die Beweise fehlen, sie sind verschollen, seit langem verloren, dreißig Polaroids, niemand weiß, wo sie abgeblieben sind.

Sie sind weg.

Für die Gräfin, die Pepe niemals leibhaftig begegnete, ist Pepe bis heute das Phantom, dessen nobler grauer Hut an unserer Garderobe hängt, an prominenter Stelle. Der Hut ist alles, was geblieben ist von Pepe, der Jahre später an einer Überdosis Heroin verrecken sollte: der Hut und zwei verkratzte Langspielplatten von Iggy Pop und Bob Marley, auf denen Pepes Name verewigt ist, rechts oben in der Ecke, auf alle Zeit.

In der Nacht bekamen wir plötzlich einen Budenkoller und wagten uns auf die Felder, obwohl ein Schneesturm tobte. Weil meine Schuhe auf dem Ofen standen, trug ich Gummistiefel, die ich irgendwo im Haus gefunden hatte, echte Bulldozer, aber irgendwas musste ich ja an den Füßen haben. Zugedröhnt bis zum Anschlag stapften wir durch die Nacht, es war stockfinster, der Wind brüllte und heulte, wir lachten laut in den Schnee und kamen kaum voran.

“Der Schnee hat den Weg geklaut!” schrie Karlos orientierungslos, und erst eine nur halb verwehte Traktorspur führte uns unter Mühen zum Ortseingang zurück.

Sonntagvormittag wurde uns im Erdgeschoss ein bergisches Bauernfrühstück serviert, mit Bratkartoffeln und Kaffee, auf ausdrücklichen Wunsch von Hansens Großmutter. Sie hatte früh am Morgen angerufen und sich nach uns erkundigt. “Ich hab heut Nacht kein Auge zugetan”, hörten wir die Frau schimpfen. Erst dachten wir, sie hätte den Schneesturm als Übeltäter ausgemacht, doch sie meinte uns. Ihr Ehemann tat sich grummelnd dadurch und schmiss die Haustür zu. Was wir nicht wussten: Unsere Anwesenheit war nicht unbemerkt geblieben. Das ganze Dorf hatte uns bereits auf dem Kieker.

Nach dem Frühstück zogen wir uns ins Obergeschoss zurück. Vorsichtshalber hatte Hansen gleich nach der Ankunft die Ritze unter der Etagentüre mit Tüchern abgedichtet, um den Potgeruch auszusperren. Was nicht viel brachte. Im Gegensatz zu Pepe, Karlos und mir war er aus der Kindheit mit der Mentalität der Leute aus dem Dorf vertraut, er wusste von ihren Vorurteilen gegen die aus der Stadt: Hippies, Taugenichtse, Haschgetüme.

Das Fiasko nahm seinen Lauf nach einer heftigen kurzen Auseinandersetzung zwischen dem dicken Hansen auf der einen und uns dreien auf der anderen Seite. Der Anlass war nichtig. Wir wollten es partout nicht einsehen, vor unserer Abfahrt die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Wir stellten uns stur, bis der dicke Hansen drohte, ohne uns heimzufahren, worauf wir noch bockiger wurden und ihn als Spießer und Omis Hündchen verhöhnten. Es ging ums Prinzip. Wir waren drei verwöhnte Jungs, wir erwarteten, dass drei Muttis vom Himmel fielen und hinter uns herräumten, wie wir das von daheim gewohnt waren. Wutentbrannt machte der dicke Hansen Ernst und dampfte in seiner blauen Ente davon, die WEGA 2000-Anlage auf dem Beifahrersitz.

„Dann seht zu, wie ihr nach Hause kommt!“

Nicht mal meine Soul-Platten nahm er mit, er sortierte sie fein säuberlich aus und liess sie da. Damit hatten wir nicht gerechnet, doch niemand versuchte ihn aufzuhalten. Es hätte auch keinen Sinn gemacht, Hansen aufzuhalten, wenn er sich verletzt fühlte. Als Kind waren er und sein jüngerer Bruder von der überforderten Mutter zur Oma abgeschoben waren. (Der Vater starb früh an Krebs und blieb den Jungs als großer Held in Erinnerung, der sie im Sommer mit zum Angeln nahm.) Fortan hasste der traumatisierte Hansen jede Frau, die sich von ihm trennte. Frauen, die sich von ihm trennten, überzog er mit Hass und Niedertracht. Er verpfiff sie beim Finanzamt, wenn sie schwarz kellnerten, er machte Telefonterror, er schlitzte die Reifen ihrer Autos auf. Er mochte es nicht, wenn man sich gegen ihn stellte. Aber wer mag das schon.

Während der dicke Hansen allein im Wagen auf der Rückfahrt war, steckten wir zu dritt im Oberbergischen fest. Was blieb uns anderes übrig, wir würden die gut zweihundert Kilometer bis nach Hause trampen müssen.

“Zur Not zeig ich am Straßenrand meinen nackten Hintern”, bot Pepe an. Das war mehr als ein blöder Spruch, er hatte einen perfekt geformten, wunderbar weichen Frauenhintern, beinah wie ein Schwämmchenverkäufer. Als wir uns endlich auf die Socken machten, setzte die Dämmerung ein. Mit den illuminierten Christbäumen in den Vorgärten und dem weißen Rauch aus den Schornsteinen wirkte es so friedlich, als habe das Dorf gerade den neuen Papst gewählt und der Welt verkündet. Und dann kamen wir daher, drei Burschen aus der Stadt, (davon einer in gestohlenen Gummistiefeln), und schmissen Schneebälle. Gegen eine Hauswand. Gegen eine Kellertür, ein kleines Fenster. Vielleicht haben wir auch nur zu laut in den Schnee gelacht. In den Schnee gerotzt. Zu rotzig durchs Dorf geblickt.

Keine Ahnung.

Eine Haustür wurde aufgerissen. Im Eingang bauten sich ein Vater und seine drei Söhne auf. Kräftige Söhne, mit aufgepumpten Fäusten, dahinter die Mutter. Mütter von idiotischen Söhnen wissen in der Regel, dass sie idiotische Söhne zur Welt gebracht haben, und feuern sie mit aller Kraft an, um nicht blöd dazustehen, als Erziehungsberechtigte. Es dauerte keine halbe Minute, da lagen sämtliche Langspielplatten, die ich in einer Plastiktüte trug, im Schnee verstreut, und mein Schädel klopfte, als hätte mir jemand Betonwürfel ins Auge gedrückt. Karlos hatte einen Finger gebrochen und ging stiften, am ärgsten aber erwischte es Pepe, ihn stampften sie wirklich ein. Seine Brille splitterte, das Nasenbein knackte, er spuckte Blut. Ein Schneidezahn war weg.

Natürlich gab es dauernd Schlägereien damals. “Sollen wir vor die Tür gehen, Alter!?”, “Ja, gehen wir vor die Tür, Alter!” und dann ging man vor die Tür, Alter, und markierte den dicken Max, doch so richtig auf die Nuss gab es eher selten. Die Sache im Oberbergischen dagegen war anders. Sie kam kurz und bündig wie eine Eilmeldung: paff, paff, paff! Macht, dass ihr wegkommt! Lasst euch nie wieder hier blicken! Paff! Und wir waren viel zu bekifft, um uns wirklich wehren zu können.

Auf der Polizeistation im nächst größeren Ort, ein Fremder hatte uns an der Landstraße aufgelesen und mitgenommen, ließ man uns auf der Bank schmoren. Man beschimpfte uns als “Drogensüchtige”, die schon verdient hätten, was ihnen widerfahren war.

“Und wagt euch ja nicht, uns die Wache vollzubluten, ihr Säue!”

Erst als Pepes Vater, ein vermögender Unternehmer, der sein Geld mit einer Kette Jeans-Stores gemacht hatte, spät am Abend vorfuhr, im einschüchternd strengen Benz und braungebrannt vom letzten St.Tropez-Aufenthalt, bequemte man sich, einen Arzt zu rufen und Strafanzeige aufzunehmen. Die im Sande verlief. Wir haben nie wieder von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft etwas gehört, in dieser Sache. Wir waren heilfroh, als wir im beheizten Mercedes saßen und Pepes Vater kutschierte uns heim, wortkarg durch die Dunkelheit.

Ein einziges Mal noch wurden wir munter. Wir hielten an einer hell ausgeleuchteten Jet-Tankstelle, wo ein Engel mit barocker Figur, viel zu dünn angezogen, seinen Wagen betankte, und wie auf Kommando trällerten wir im Chor LA-LA-LA! ICH GEH IN DIE STADT! Im Benz duftete es nach Leder, im Nachtradio lief Burt Bacharach. Wahrscheinlich war es James Last.

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6 Gedanken zu „Dreissig Polaroids

    • das macht bei 30 bildern ja schon mehr als 30.000 worte… das ist allerhand. aber es stimmt nicht so ganz, dass keins übrig geblieben ist. ein bild ist doch übrig geblieben. es befindet sich in karlos‘ besitz. es zeigt pepe, der mit hut am tisch sitzt, den dicken hansen, der daneben steht, und karlos, der die hosen runtergezogen hat und den nackten hintern gen kamera streckt. darunter irgendein pubertärer spruch mit eiern.

  1. Hab mir dazu das besagte Lied von JJ Cale angehört und liebe es. Vielleicht, weil ich es nun mit dieser Geschichte verbinde. Und Deinem Schreibstil. Ich glaube, Du bist einer meiner Lieblingsautoren ❤

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