Mutter

Ende 2010 starb Mutter in der Klinik. Obwohl es ihr seit Monaten nicht gut ging, sie war bis auf 48  Kilogramm abgemagert, hatte Wasser in den Beinen und wusste nach ihren eigenen Worten nicht mehr, „wo ich es noch suchen soll“, ihr Tod überraschte uns alle. Damit hatte niemand gerechnet.

Nachdem sie sich zu Hause bei einem Sturz einen komplizierten Bruch oberhalb des Knies zugezogen hatte, sie war über die eigenen Schläppchen gestolpert, als sie ein Dessert-Tellerchen aus der Küche holen wollte, wurde sie in die Ohligser Lukas-Klinik eingewiesen und behandelt. Sie erinnerte an ein zerzaustes Vögelchen, das in den Regen gekommen war, und kam nicht mehr auf die Beine. Während der täglichen Arztvisite am 27. Dezember erlitt sie einen Herzinfarkt. Sie wurde sofort reanimiert und auf die Intensivstation verlegt, wo sie kurz darauf einem weiteren schweren Herzanfall erlag.

„Ihre Mutter starb uns unter den Händen weg..“

Wäre sie nicht gestorben, sie wäre ein Pflegefall geworden, abhängig von Familie und Pflegepersonal. Doch ihr Herz spürte ihren letzten Willen und nahm das Heft in die Hand. Das Heft des Handelns. Das Welt-Heft, in dem für jedes einzelne Herz, das auf dieser Welt schlägt, detailliert aufgeführt wird, wann die Zeit gekommen ist, um auf Reisen zu gehen.

Zuvor war sie für vier Wochen nach Bethanien verlegt worden, um sich im Einzelzimmer zu erholen. Auch wenn sie in diesen Tagen oft allein war, sie genoss die Ruhe im Sanatorium, und eine bis dahin unbekannte, oder doch lange nicht mehr gesehene Entspannung bemächtigte sich ihrer Seele – es war, als hätten ihre inneren Streitkräfte eine letztes Mal die Waffen ruhen lassen, auch wenn sie in diesen Tagen oft allein war. Ich weiss, wir hatten das schon – aber sie war wirklich viel allein damals. Und es tut mir im Nachhinein leid, dass ich sie nicht öfters dagewesen bin.

An einem Sonntag im späten November 2010 besuchten wir sie in Bethanien: Vater, Sanne und ich. Zu viert saßen wir in ihrem Zimmer im Erdgeschoß, in diesem gemütlichen kleinen Erker mit Blick auf das weitläufige Parkgelände. Vater war mal wieder viel zu laut und redete dummes Zeug, bekam sogar einen Hustenanfall vor lauter Nervosität, doch selbst damit arrangierte sich Mutter, erst gegen Ende des Besuchs schien sie etwas genervt.

Zuvor saß sie unerschütterlich wohlgesonnen in ihrem Rollstuhl am Fenster und schnippte den hochgewachsenen indischstämmigen Boy herbei, um ihre Bestellung aufzugeben. Es war, als säßen wir in einem Cafe an der Königsallee und nicht in Bethanien; ein Bollywood-Moment erster Güte.

„Vier große Kaffee, Kiran“, sprach sie mit heiterer Nonchalance, dass wir alle dahinschmolzen zu Füßen der Königin, und sie lächelte nachsichtig auf uns nieder. „Sie sah aus wie Astrid Lindgren“, meinte Sanne später.

Als Indianersquaw hätte Mutter sicher „Kleiner Vogel“ geheissen. Wenn man sich zur Begrüßung am Krankenbett zu ihr hinunterbeugte, bot sie einem ihr geschürztes Mündchen feil, wie ein hungriger junger Vogel, der Futter erwartete. Nur mit dem Unterschied, dass Mutter im Alter kaum noch Appetit verspürte.

(Und was das Begrüßungsküsschen betraf: eins reichte vollkommen.)

Sanne schenkte ihr an diesem Tag ein gerahmtes kleines Bild, zehn mal zwanzig Zentimeter groß. Sie war über ihren eigenen Schatten gesprungen und hatte auf Mutters Wunsch hin erstmals ein klassisches Stilleben angefertigt. („Mir fiel überhaupt nichts ein, aber ich hab mein ganzes Herzblut hineingelegt.“) Das Bild zeigt einen Strauss Blumen in einer Vase. Aber so ganz konnte Sanne es natürlich nicht lassen: Mitten in dem bunten Strauß rekelt sich eine dicke Raupe mit frechem Gesichtsausdruck, und im Hintergrund sieht man ein kleines Mädchen, das durch die Verandatür ins Haus späht, mit einem kecken Winken: Sanne herself. Das gerahmte kleine Bild stand nicht nur in Bethanien am Fenster, es leuchtete auch vom Fenstersims des Zweibettzimmers in der St. Lukas-Klinik.

Am Abend vor ihrem Tod, an zweiten Weihnachten, so erzählte es die letzte Zimmergenossin, eine herzensgute Hanseatin, gelernte Hutmacherin, schalteten Mutter und sie um 20 Uhr 15 den Fernseher ein, wo eine Sendung mit dem unvergessenen Diether Krebs lief. Ein Weihnachts-Special.

„Eine Quatschsendung“, so die Hutmacherin, und dass Mutter sich prächtig amüsiert hätte.

Wenn mir seither beim Zappen durch die Programme ab und an eine alte Sketchup-Folge mit Diether Krebs begegnet, muss ich daran denken, dass ihr letztes Lachen einem schnoddrigen Dickerchen und ex-Juso aus dem Ruhrpott galt. Und dann muss ich auch.. lachen. Nicht so richtig. Es ist vielleicht nicht mal ein Lachen. Aber irgendwas kleines schon, verdammt.

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20 Gedanken zu „Mutter

  1. Grüß Dich, Andreas! Weißt Du was, ich plag mich schon den ganzen Nachmittag damit herum, den seit Moooonaten versprochenen und ständig vor mir hergeschobenen Text für die Tausend Mutterbilder bei der Mützenfalterin endlich herauszuwürgen…nix geht vorwärts…mir fällt einfach nichts ein zum Thema Mutter…
    Seltsam, und jetzt ist mir plötzlich irgendwie, als hättest Du ihn an meiner Stelle geschrieben…aber Deine Mutter war total anders wie meine und überhaupt ist alles ganz anders, mit mir hat das doch alles gar nichts zu tun…warum heule ich dann Rotz und Wasser, wenn ich Deine Geschichte lese…kannste mir das mal sagen…

    Ganz liebe Grüsse
    Margarete

  2. Dieses „Lächeln“ … Vielleicht ist es einfach ein zufriedenes Lächeln dass es deiner Mutter am Ende nicht schwer gefallen ist zu gehen und du das weißt.
    Interessant finde ich allerdings die Blüte linksseitig von der Mitte der Vase. Der Blütenblätter sehen aus wie Daumen und Zeigefinger … den Stempel mag ich nicht so recht interpretieren … das schau ich mir noch einmal genauer an. 😉

  3. Wie Margarete habe ich auch an die 1000 Mutterbilder von Mützenfalterin denken müssen, dahinein würde sie gut passen!
    Danke für diesen Text, der mir nah gegangen ist, nein, nicht wegen deiner Mutter, sondern weil du ihn schreibst, wie du ihn schreibst!
    herzlichst
    Ulli

  4. Ach, das ist doch wieder ein Text, so schön und…. mir fällt bald nichts mehr ein, was sich von vorherigen Hudeleien unterscheidet.

    P.S. Wäre ich dieser ominöse Stefan, würde ich dich gleich anrufen.

  5. „Das Welt-Heft, in dem für jedes einzelne Herz, das auf dieser Welt schlägt, detailliert aufgeführt wird, wann die Zeit gekommen ist, um auf Reisen zu gehen.“

    Darauf 1 Follower mehr der Herr ….

  6. Pingback: Mutter | kreuzberg süd-ost

  7. Eine Momentaufnahme, kurz und prägnant, und doch ein ganzer Glumm:
    Emotionalität, gepaart mit Humor und einer genauen Beobachtungsgabe.
    Und die offenen Enden will man gar nicht mehr missen.
    Gruß, Uwe
    PS Die Finger-Blüte ist schon sehr eigen. Aber vielleicht sehen wir dort ja
    eine fleischfressende Raupe 😉 Innerhalb eines Bilderrahmens ist alles möglich.

    • Die „Finger-Blüte“ sollte laut Malerin eigentlich ein Schmetterling werden, bzw. die beiden Finger die Schmetterlingsfügel. Warum es dann doch nicht (so richtig) dazu kam, bleibt ungeklärt.

  8. So viel Zärtlichkeit, was für ein schönes Abschiedsgeschenk. So ganz ohne Groll (wo doch jeder weiß, wie nervig Mütter sein konnten). Das habt Ihr gut gemacht und Deine Mutter hat bestimmt gespürt, wie sie von Euch geliebt wird.
    Das erinnert mich an meinen Abschied von meiner kleinen Schwiegermutter Brunhilde 2013 (https://paulacolumna.wordpress.com/2012/05/13/oma-verabschiedet-sich/), ich habe mir hinterher auch vorgeworfen, sie nicht öfter besucht und sie nicht zu uns geholt zu haben. Aber ich tröste mich selbst mit dem Gedanken, dass es keine Rolle spielt, wie oft, sondern dass ich sie besucht habe. Sterben muss man eh allein.

  9. Pingback: Mutter | Self

  10. der ominöse (döse)?
    tja ,Baby Connections sind alles im leben
    falls ein Handy zur verfügung ist
    mir hat der txt sehr gefallen und das sag ich nicht nur so
    um was nettes zu sagen
    er ist wirklich rund um Weltklasse
    also der text und vorallem das den schmerz lindernde Allheilmittel
    ein Küsschen und mal fest drücken
    cest la vie…..

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