Ein komischer Sheriff

Als der Dauerregen endlich eine Pause einlegt, setze ich mich auf ein paar Notizen in die Malteser Gründe, dem Stadtpark hinterm Haus der Jugend. Hier haben wir früher ganze Nachmittage mit Fußballspielen verbracht, hier haben wir uns zum Saufen und Potrauchen getroffen, hier haben wir im Gebüsch gebumst mit Geräuschen. Sobald ein Pärchen aus den Sträuchern trat, (ihr tat der Rücken weh von den spitzen Steinchen), wurde es mit frenetischem Applaus empfangen. Lang her. Jahrzehnte. In einer anderen Ära. Einer anderen Welt.

Ein Typ nähert sich, vorsichtig. Etwa mein Alter. Das Haar lugt dünn unterm Baseballcap hervor, rötlicher Schnauzbart. Armee-Klamotten.

„Morgen“, sagt er.

„Morgen“, sag ich.

„Ist trocken?“ fragt er.

„Hier ja“, sag ich.

Unsicher bückt er sich und wischt mit der Hand über die Sitzfläche, bevor er sich auf der Bank niederlässt. Die Turmuhr der evangelischen Stadtkirche schlägt. Zehn Mal.

Wir schweigen.

Schauen durch den Park. Die Wege sind übersät mit Pfützen. Ich frage mich, ob die absolute Menge des Wassers, die auf der Erde zirkuliert, eigentlich immer gleich groß ist. Klar, es verdunsten hier mal ein paar tausend Liter, da regnen mal ein paar Wolken ab, aber so insgesamt.. Meine Vermutung: Irgendwann gab es mal soundsoviel Liter Wasser auf Erden, da hat der Große Statistiker gesagt: Reicht. Ist gut jetzt. Und seither zirkuliert die immer gleiche Menge in Kanälen und Seen und Talsperren, Meeren und Flüssen.

Der Typ räuspert sich.

„Nix los hier heute, wa?“

„Keine Ahnung“, sag ich. „Ich bin nicht mehr oft hier. Früher haben wir hier viel rumgehangen. Ist aber schon lange her.“

Ich zeige auf die andere Seite des Parks.

„Dahinten war ein großes orangefarbenes Zeltdach, unter dem Pop-Gruppen auftreten sollten, ist aber nie was draus geworden, ist nie jemand aufgetreten. Haben immer nur wir Kids aus dem Haus rumgestanden und Karlsquell gesoffen. Die Dose neunundreißig Pfennig.“

Er nickt matt, „das Zeltdach, stimmt..“, und blickt auf das Notizbuch in meinen Händen. „Studium?“

„Ich?! Nee, ich äh.. nein, kein Studium, nur so.“

„Ich dachte nur, wegen den vielen Zahlen.. Hast du vielleicht siebzig Cent übrig, fürn Bierchen?“

Ich schaue ihn an. Normalerweise rücke ich immer einen Euro raus, warum auch nicht, aber irgendetwas wehrt sich in mir. Keine Ahnung, warum. Dabei ist der Typ nicht mal unsympathisch. Er könnte auch im Wilden Westen auf der Bank sitzen, als ausgestorbener Dorf-Sheriff. Sheriff Schmitz.

Was wir in Rio City brauchen, ist eine starke Hand, Ma’am.

„Nee, hab ich nicht“, sag ich. „Die Kohle brauch ich selbst.“

Er zieht ein verknülltes Päckchen Tabak aus der Army-Jacke.

„Ist schon okay. Ich dachte ja nur. Ein Bierchen.“

Er rollt sich eine Kippe mit nikotingelben Reval-Fingern, auch wenn er gar keine Reval raucht. Kein Mensch raucht heutzutage noch Reval. Nur die Finger gibt es noch.

Er blickt wieder auf mein Notizbuch.

„Ich hab auch mal ein Buch geschrieben, vor zehn Jahren“, schnauft er. „Als die Zeiten noch gut waren. War ein Bestseller.“

„Hm? Du hast ein Buch geschrieben..?“ Die Leute entsorgen ihren Müll immer dreister. Das allerdings hab ich noch nicht gehört. „Was denn für eins?“

„Was Frauen an Männern lieben. Vierhundertzwanzig Seiten. Mit Kreuzworträtsel, mit Witzen und allem Pipapo. War alles drin. Aber ich schreib nicht mehr.“

So so. Mit Rätsel. Mit Witzen.

„Und wo hast du das.. Buch veröffentlicht?“

„Bei Bertelsmann. Das Manuskript hab ich zuhause noch irgendwo rumfliegen. Ist sofort angenommen worden damals. Vierhundertzwanzig Seiten. War ein Bestseller. Ein Millionenknaller.“

Seine prompten Antworten überraschen.

„Und jetzt schreibst du nicht mehr?“

Er steckt sich die Handgerollte an.

„Nee. Jetzt schreib ich nicht mehr.“

„Warum nicht? Wenn das erste Buch doch so riesig gelaufen ist..“

Ich gerate immer öfter in Situationen, wo ich denke, ist das hier einer dieser verunsicherten deutschen Spielfilme, wo man das Gefühl nicht los wird, Regisseur und Schauspieler wären in penetrant schwierige Verhältnisse hinein geboren worden? Und jetzt muss das arme deutsche Publikum dafür büßen.

„Ja, ich weiß auch nicht. Ich hab.. den Faden verloren.. mit dem Schreiben. Ich kann keine Witze mehr. Zuviel Tod.. um  mich herum. Erst ist meine jüngste Tochter gestorben. Blutkrebs. Mit sieben. Da machst du nichts. Dann meine Schwester. Mein jüngster Bruder. Und zuletzt meine Frau. Und demnächst stirbt wieder jemand, den ich liebe. Mein schwarzer Anzug hängt an der Garderobe, immer griffbereit. Den kann ich eigentlich direkt an lassen.“

Bei Trinkern ist oft nicht auszumachen, ob es Tränen sind, die sich früh am Tag in den Augen sammeln, oder ist es der noch nicht befriedigte Suff am Morgen.

Der Sehnsuff.

„Guck mal dahinten.., die beiden kenn ich“, sagt er, und sein Gesicht belebt sich. Zwei Mitarbeiter des Ordnungsamtes schreiten den Park ab, als schwarz gekleidete Majestäten. Eine trägt Zopf. Wie im Karneval.

„Da hab ich mal gearbeitet, beim Ordnungsamt, aber die Stadt hat mir gekündigt, aus..“, er lässt ein Lächeln erkennen, „..aus disziplinarischen Gründen. Ich hab nicht genug Leute angeschwärzt, du weißt schon. Ich hab ne soziale Ader. Wenn ich die Penner gesehen hab, hier im Park, hab ich sie nicht vertrieben, ich hab mich dazu gesetzt, ein Bierchen mitgetrunken, du weißt schon..“

Ja, weiß ich.

„Die Penner waren ja auch okay“, fährt er fort, „mit denen bin ich gut ausgekommen, aber die ganzen Ausländer.. Weisst du, wieviel Einwohner Solingen hat?“

„Hundertsechzigtausend.“

„Genau. Und was glaubst du, wie viele davon Ausländer sind?“

„Vielleicht.. zwanzigtausend“, schätze ich. „Keine Ahnung.“

„Keine Ahnung, siehst du! Zwanzigtausend? Ha! Früher mal vielleicht, heute sind das locker..“, er verfolgt seine ehemaligen Kollegen vom Stadtdienst Ordnung mit wässrigem Blick, „.. sind das locker dreißig.. ach was, vierzigtausend. Das Doppelte! All die Flüchtlinge. All die Illegalen. Wenn du die alle zusammenrechnest, kommst du locker auf.. hunderttausend..! Guck nicht! Musst du dir mal vorstellen! Nur in Solingen! Hunderttausend.. alles Ausländer!“

Der ganze Schrott, der so jäh aus ihm herausbricht, addiert sich zu einer Art metallenem Parfüm: Er stinkt wie ein Altmetallhändler. Altmetall Schmitz. Dabei war er doch gerade ein Mensch gewesen, hat vom Tod und von der Liebe gesprochen. Zur Menschenkenntnis gehört auch, dass man sich niemals sicher sein kann. Dass man dauernd daneben liegt. Als er merkt, dass ich angestrengt durch den Mund atme, rümpft er selbst die Nase und wechselt das Thema.

Eher nebenbei erwähnt er, dass er bis vor kurzem vier Jahre in der Kiste gesessen habe. „Am Simonshöfchen.“

„In Wuppertal“, sag ich.

Er nickt.

„War ein harter Klub.“

Als ich ihn nach dem Grund frage, „ich mein, vier Jahre sind kein Pappenstiel“, wird er einsilbig. Ich muss schon zweimal nachfassen. Die Szene anschieben.

„Was war los, wieso vier Jahre..?“

„Wegen.. versuchten Totschlag.“

„Mh. Und wen hast du totschlagen wollen?“

Er starrt in den Himmel.

„Siehst du das Loch da oben?“ fragt er.

„Welches Loch?“

„Da oben in den Wolken. Wo die Sonne durchguckt. Von dem Loch möchte ich so aufgesaugt werden. Die sollen mich endlich hoch holen..“

Ich greife nach meinem Notizbuch. Es wird Zeit. Hinterher hab ich wieder alles vergessen. Ist alles weg. Dann sitz ich zu Hause und denke, da war doch was. Irgendein ein kack Kurzfilm.

„Ich war damals in der Hooligan-Szene..“, beginnt er.

Pause.

„Welche Hools?“ frag ich, ganz Reporter plötzlich. „Welcher Club?“

„Na, die Union!“ antwortet er beinah empört.

Ich muss grinsen. „Eisern Union. Klar.“

Union Solingen hat einen harten Hooligan-Kern und kooperiert gern mit den Fortuna-Ultras aus Düsseldorf.

„Wir waren damals in St. Pauli, beim Auswärtskampf.“

Pause.

„Und?“

„Was und?“

„Was ist passiert? Wieso vier Jahre?“

„Na, was soll schon passiert sein. Der Typ aus St. Pauli war schon am Boden und ich hab immer weiter geboxt. Ich hab die Sau fast totgemacht.. Scheiße.“

Die schwarzen Majestäten vom Ordnungsamt erreichen unsere Parkbank. Sie sind im Gespräch, würdigen uns keines Blickes. Der Sheriff ist bleich geworden. Ich steck ihm einen Euro zu. Ich hab, was ich wollte. So halbwegs. Neues Futter fürs Notizbuch, und mehr krieg ich eh nicht aus ihm raus. Er braucht ein Bier. Einen Schnaps. Ich verabschiede mich.

„Wie heißt du überhaupt?“

„Maik.“

Wir geben uns die Hand.

Keine halbe Stunde später. Nachdem ich in der Stadt ein paar Besorgungen gemacht hab, nehme ich auf dem Heimweg die Abkürzung über den Friedhof, und wen seh ich da vor einem Grab? Nahe der Kapelle? Maik. Ganz still steht er da, den Blick zu Boden – beinah, als bete er. Er sieht mich dennoch vorübergehen, aus den Augenwinkeln.

„Tja, so ist das..“, sagt er mit zittriger Stimme, ohne den Kopf zu heben.

„Ein Kumpel von dir?“ grinse ich blöd.

„Nee. Meine Frau.“

Als ich am Friedhofsausgang kurz stehen bleibe und mich umdrehe, sehe ich ihn die akkurat gestutzte Hecke streicheln, die das Grab einfasst.

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3 Gedanken zu „Ein komischer Sheriff

  1. Bei uns war es der Park am Jugendhaus, eigentlich eher ein bewaldeter Krater mit Teich unten drin und Bäumen drumherum, mit 12/13 hing ich da nachmittags mit den Trinkern rum, Hansa Export, kein Pils. Die waren menschlicher als die KInder im Jugendhaus, die mussten sich nichts mehr auf Kosten anderer beweisen, tragische Könige in ihrem ganz eigenen Reich. Bis irgendwer den dicken Flocki totschlug, und ich ihn bäuchlings im Teich fand -irgendwas wegen Heroin, man munkelte die Marokkaner oder Albaner – hat eigentlich auch keinen interessiert, solange es auf jeden Fall einer von „denen“, und keiner von „uns“ war.

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