Von Flatulenzen im Endstadium, einem Kindergeburtstag ohne Kinder und Männern ohne Hobby

In einem seiner autobiografischen Romane hilft der italienischstämmige US-Autor John Fante alias Arturo Bandini seinem alten Vater beim Bau eines Hauses. Wie immer bei Fante geht eine Menge schief, tragende Wände stürzen ein, Knochen brechen, und da ist dieser alte Familienhund, der als Running Gag den ganzen Tag in der Ecke liegt und vor sich hin furzt, er hat Flatulenzen im Endstadium.

Als ich das Buch 1990 in einem Haps weggelesen habe, amüsierte mich noch die stinkende alte Töle, ohne zu ahnen, dass uns zwei Jahrzehnte später ein ähnliches Schicksal ereilen sollte: Eine Hündin, die hässliche kleine heiße Schleicher absondert, während wir friedlich zu Tisch sitzen. Ein bösartiger Gestank, der einem keine andere Wahl lässt als angewidert aufzustöhnen, verdammt, was hat der blöde Hund draußen wieder gefressen! Ist ja nicht zum Aushalten!

Der Hund trollt sich beleidigt, todunglücklich aus dem Hintern müffelnd. An selbstbewussteren Tagen sieht die Sache anders aus. Sobald wir auf ihre unsäglichen Flatulenzen zu sprechen kommen, dreht sich Frau Moll auf ihrer Schmusedecke um und furzt einfach in die andere Richtung, frei nach dem Motto: Gringo, guck nicht so blöd.

Ich war’s nicht.

Wem so ein Hintern gehört, ist im übrigen nach Meinung so gut wie aller Hunde nicht geklärt. Mit seinem Hinterteil an sich hat ein Hund nämlich nichts zu schaffen, das Bewusstsein für sein Ich endet für ihn mit der Schnauze. Alles, was dahinter kommt, obliegt einer fremden geheimnisumwitterten Macht. So passiert es immer wieder, dass Frau Moll vor den eigenen Darmwinden davonläuft, sie kapiert nicht, dass es ihr eigener Gestank ist, der ihr Probleme macht. Im Gegenteil, Sound und Geruch empören sie derart, dass sie den ganzen Abend auf der Flucht vor sich selbst ist. Arme Frau Kimble. Und das bei einer Hündin, die ansonsten absolut nichts dagegen hat, sich in verwesenden Resten von toten Buntspechten zu wälzen, um den Rüden ein parfümiertes Wohlgefallen zu sein.

*

Sie humpelt kaum noch. Sie war mit der linken Vorderpfote in eine Glasscherbe getreten, der Riss im Fußballen ist verheilt, dennoch vermeidet sie Belastung auf diesem Bein, besonders auf Asphalt. Die ersten Tage trug sie noch einen schwarzen Sanitätsschuh, mit dem sie nicht gut zurecht kam, und wir tauften sie El Schühchen.

*

Morgenrunde, 8 Uhr früh. Ein stechend blauer Himmel, sonnig, es soll heute 20 Grad warm werden. Richtung Theegarten höre ich Gesang, ein schwungvolles Da-di-balla-da-di-balla. Das kann nur Betsy Heller sein, und Cara, die Dackeldame. Tatsächlich, hinter der Kurve wackelt Frau Heller auf uns zu wie ein kleines viereckiges Schiffchen. Sie trägt ein dunkles fleckiges Lackmäntelchen, Stulpenstiefel, die Schminke ist verlaufen.

„Morgen! Lang nicht mehr gesehen“, ruft sie fröhlich.

Dackeldame Cara steht wie immer im Weg herum, ohne rechte Begeisterung. Sie und Frau Moll haben sich nichts zu sagen. Sind keine Rivalinnen, aber auch erst recht keine Sympathiesantinnen. Man ignoriert sich, so gut es geht.

„Ich hab Hühneraugen“, fährt Betsy Heller ohne Umschweife fort, „an den Füßen, kriegt man nicht weg, kann man machen, was man will, ich hab so Tropfen, wissen Sie, bringt aber nichts. Schlimm ist das.“

Ich nicke fortwährend und möchte auch mal was sagen, komme aber nicht zum Zuge. Ich weiß schließlich um die Unannehmlichkeiten, die man sich einhandelt, wenn man viel auf den Beinen ist.

„Was ist denn mit dem lieben Hund los?“ fragt sie. „Humpelt der?“

„Ja, ist in ne Scherbe getreten. Letzte Woche schon.“

Als El Schühchen ihren Namen hört, „lieber Hund“, beginnt sie zu jammern, und Cara lässt sich seufzend nieder, mitten auf dem Radweg.

„Schlimme Menschen gibt es, erst ins Koma saufen und dann schmeissen sie auch noch die Flaschen kaputt, und unsere Hunden holen sich blutige Pfoten und müssen zum Tierarzt.“

Wie Frau Heller so vor mir steht, erinnert sie an eine bunte Torte auf dem Kindergeburtstag, voller Liebesperlen und in der Mitte ein Kussmund. Und da wäre noch die wunderbare kleine Cara, ihre kleine Geheimwaffe, die niemals einen Ton sagt, immer still ist und geduldig hinterher trabt. Nur manchmal lässt sie sich hundertfünfzig Meter weit zurückfallen, wenn ihr alles zu viel wird. Auch ein kleiner Hund möchte mal ganz für sich allein sein.

Frau Heller, 1941 gebaut in einer norddeutschen Werft, wurde Ende der 50er Jahre ausgeliefert ins Bergische Land. Alle Menschen, die sich in diesem Landstrich offenherzig geben, sind Zugewanderte, sind Hängengebliebene. Den Einheimischen dagegen erkennt man auf hundert Metern Entfernung: mißtrauisch, muffelig, in sich gekehrt.

„So, ich habs eilig, ich krieg gleich Möbel geliefert, zwei Badezimmerschränkchen, gebrauchte Möbel, wissen Sie, haben mich 30 Euro gekostet, bezahlt das Grundsicherungsamt. Seit zwei Jahren gibt’s schon neue Gesetze, aber jetzt erst krieg ich die Badezimmerschränkchen, ist jetzt erst genehmigt worden, aber die Ausländer, die kriegen alles, die wissen, wie man das macht, die kriegen alles hinten reingeschoben, ungerecht ist das, die Welt ist ungerecht, es gibt keine Gerechtigkeit mehr. So, Cara, komm, grüßen Sie schön ihre Frau.“

Das Schiffchen legt ab.

*

Kaum kriegen wir daheim kurzfristig vermehrt Besuch, schon träumt sie davon, das Haus niederzubrennen und irgendwo in der Südsee inkognito weiter zu leben. Wir sind Autisten, wir wollen so viel wie möglich von der Welt mitkriegen, ohne von ihr behelligt zu werden. Je schneller die Leute von einem Reiz zum nächsten springen, desto weniger mögen wir noch mitmischen. Wir sind vogelfrei.

„Am besten, wir schleichen uns in eine betreute Aussenwohngruppe ein, damit wir den Kopf frei haben für die wirklich wichtigen Dinge“, meint die Gräfin. „Dann sind wir Königin!“

*

„Haben Sie noch mehr, über das Sie schreiben könnten? Andere Sachen?“ fragte die Frau.

Sie arbeitete als Lektorin beim zweitgrössten deutschen Verlagshaus und hatte die Stories gelesen, die ich ihr auf ihren Wunsch hin geschickt hatte, sie hatte meinen Blog abonniert, sie hatte das Treffen arrangiert . Wir saßen draußen vorm Cafe. Wind kam auf.

„Noch mehr? Was meinen Sie?“

„Nun ja, mehr halt.. anderes. Andere Themen.“

Andere Themen? Was meinte sie? So.. Hobbies? Ausser mit dem Hund rausgehen?

„Fußball“, sagte ich schließlich, „hat mich immer interessiert. Und Popmusik, klar.“

„Fußball? Ja, da ist eine Geschichte von Ihrem Trainer, die ist gut, aber mehr hab ich zu dem Thema nicht gefunden.“

„Da ist noch eine“, protestierte ich. „RSV, heißt die. Da geht s auch um Fußball. Da kommt mein Trainer auch vor. Und andere Trainer.“

„Ach ja, richtig. RSV. Stimmt. Gut. Sonst nichts?“

„Was meinen Sie, sonst nichts.. von Fußball? Oder sonst nichts.. von allem?“

Ich sah den Wind durch ihr schweres dunkles Haar kriechen, wie ein Volvo in der Tempo 20-Zone. Passagiere stiegen aus und blickten sich um. Wo sie gelandet waren. Auf welchem Stern. Auf welchem gekrönten Haupt.

„Ja, zum Beispiel Fußball..“, sagte die Frau vom Verlag, und schüttelte sich. „Ach, ich weiß nicht. Das müssen Sie wissen, Sie sind der Autor. Ob da Themen sind, an denen Sie sich noch gar nicht abgearbeitet haben.“

Verdammt. Ich hatte keine Hobbies. Ich war mein eigener Parteichef. Ich war ein Ich-Kommunist. Ich saß auf der Stube, die Uhr blickte von der Wand hinunter und schlug. Ich war.. Ich weiss auch nicht, dachte ich.

Wer bin ich überhaupt.

Vielleicht waren wir auf verschiedenen Dampfern unterwegs, die Frau vom großen Publikumsverlag und ich. Sie hatte immer betont, dass ich gut schreiben könne, und das wäre ja schliesslich das A und O in unserem Metier, gut schreiben können, das hätte auch die Programmdirektorin gemeint, als sie meine Geschichten zu lesen bekam. Und jetzt kam ich so langsam dahinter, was damit gemeint war: Ich sollte bitteschön mein Talent einsetzen, um andere Sachen zu schreiben. Marktkonforme. Wie die großen Hunde schreiben. Keine Heroin- und Hartz 4-Biografien. Ein Kochbuch sozusagen. Am besten ohne Kochen. Nur heisse Platten.

„Popmusik“, fügte ich irritiert an, „hat mich.. früher interessiert..“

Ja, früher, genau. Ich hatte längst das Interesse verloren. Sollte ich darüber schreiben, wie lächerlich all die 40, 50, 60jährigen aussahen, die immer noch „yeah!“ und „uuuhuuh!“ machten und auf den Fingern pfiffen, sobald nach dem Rolling Stones-Konzert das Licht anging? Aber selbst wenn ich das tat, war das ja auch nur ein kleiner Absatz. Nein, ich hatte nichts anderes, ich hatte nur mich zu bieten. Ein Mann um die fünfzig, ohne Hobbys, Schuhgröße 43 oder 44.

Je nachdem, wie der Schuh ausfiel.

*

Aber ich will mich nicht beschweren. Ein zum Buch verdichtetes Manuskript hab ich immer noch nicht auf die Reihe gekriegt. Tausend lose Enden überall – und kein Ende in Sicht.

*

„Es gibt wichtigeres im Leben“, sagt ein Mann zum anderen an der Haltestelle.

„Ja, Existenz“, sagt der andere.

*

Molli hat uns gerade mitgeteilt, dass sie im nächsten Leben lieber als Mensch zur Welt kommen möchte, „wegen dem abwechslungsreichen Futter.“

Besonders ein geregeltes warmes Mittagessen wäre für sie von Interesse.

*

Von Hunden lässt sich noch was lernen. Etwa, dass Rausgehen die schönste Sache der Welt ist, schöner noch als fressen. Um morgens einen Tick früher vor die Tür zu kommen, plant unsere Frau Moll jetzt schon schneller zu schlafen. Gute Idee.

Sie sollte es sich auf gar keinen Fall patentieren lassen, das bringt nur Ruhm und Geld.

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7 Gedanken zu „Von Flatulenzen im Endstadium, einem Kindergeburtstag ohne Kinder und Männern ohne Hobby

  1. Ein Work in progress hat den Vorteil, anschlussfähig zu bleiben: nicht nur lose Enden, sondern auch ungeahnte neue Anfänge und Varianten. So bleibt – bestenfalls – das Schreiben frisch, unverbraucht, und die Themen werden in immer anderen Kon-Texten präsentiert. Eine unendliche Annäherung.
    So jedenfalls verstehe und lese ich Deinen Blog.

    Ein ausnehmend reizendes Hundefoto übringens.

    Gruß, Uwe

  2. An die Dame vom Verlag: Wenn Sie schon diesen Blog abonniert haben, dann haben Sie auch das ergebene Kommentariat entdeckt, nicht? Und hier kommentiert nur die Spitze des Eisbergs. Alles potentielle Käufer, die liebend gerne einen ausgedruckten Glumm zuhause hätten und verschenken würden.
    Es wird soviel Mist hochgejazzt, heutzutage. Und hier kann einer schreiben, der von Männern und Frauen gleichermaßen geschätzt wird. Das ist was ganz seltenes. Er wird andauernd verlinkt. Noch mehr Käufer. Denken Sie mal drüber nach.

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