Drittes Jahrtausend Deutschland im Jahr 17

Sandy war so fertig, so geschlaucht von der Trinkerei, ihre Leber spielte nicht mehr mit. Die halbe Flasche Schnaps, die sie morgens brauchte, um nur den Pegel aufzufüllen, bekam sie nicht mehr runter, ohne es wieder auszukotzen.

„Je ne regrette rien? Dass ich nicht lache. Ich bereue alles..! ALLES!“

Sie hatte seit Wochen kaum noch gegessen, war abgemagert auf 52 Kilo. (Wovon, wie sich im Krankenhaus später zeigen sollte, allein 15 Kilo Wasser waren.) In dieser Zeit liess sie sich kaum noch blicken, Sandy schloss sich zum Trinken zu Hause ein. Aus einer einstmals rätselhaft schönen Frau, die an Jeanne Moreau erinnerte, war ein krankes Geschöpf geworden. „Du hast überhaupt keinen Arsch mehr in der Hose“, sagte ich hochmütig, als sie mir einmal über den Weg lief, ich hatte ja keine Ahnung, dass sie am Saufen war, andererseits: Wer war in den Neunzigern nicht nach irgendetwas süchtig, wer war nicht irgendwo drauf. Die Neunziger waren ein langer finsterer Korridor. Wer ihn durchlief, ohne durchzudrehen, hatte gewonnen: das neue Jahrtausend. Das 2. Nee, das 3.

Das nächste beschissene Jahrtausend. Die Aufnahme im Städtischen Klinikum gestaltete sich als schwierig. Sandy hatte einen Einweisungsschein von ihrem Hausarzt, den sie in der Ambulanz vorzeigte. Der diensthabende Oberarzt überflog die Einweisung, las von Alkohol- und Drogenabusus, reichte den Schein zurück, murmelte „Nehmen wir nicht..“ und rauschte mit wehendem Kittel davon.

Sandy: „Ich hinterher, zwei dicke Koffer in den Händen.“

„Ich hab hier einen Einweisungsschein, Sie MÜSSEN mich aufnehmen..! Ich bleibe solange hier sitzen, bis ich schwarz werde..! Ich geh hier nicht weg!“

„Na, denn viel Erfolg.“

Der Arzt verschwand, Sandy nahm Platz vor seinem Büro. Eine halbe Stunde liess sich niemand blicken, dann kehrte der Oberarzt zurück. Er warf einen Blick auf die Frau.

„Immer noch hier?“

„Immer noch hier“, sagte sie.

Nach einem weiteren Disput, („Wir haben kein Bett frei für Neuaufnahmen!“ „Dann schlafe ich auf dem Gang!“ „Das dürfen Sie nicht!“ „Ist mir egal. Sie dürfen mich auch nicht abweisen. Sie müssen mich aufnehmen..“ etc.) gab der Doktor zähneknirschend nach.

„Na schön“, knurrte er. „Folgen Sie mir.“

Den Weg zur Inneren hätte man bequem per Aufzug bewältigen können, doch der Oberarzt dachte gar nicht daran. Er liess Sandy hinter sich her stolpern, einen Koffer links, einen Koffer rechts, dazu ihr beginnender Alkohol-Entzug. Sie hatte früh am Morgen gerade so viel Wodka reingekriegt, um sich auf den Beinen halten zu können. Der Arzt nahm das Treppenhaus, flog voran mit flinkem Schritt, Sandy mühsam hinterher, aber sie dachte nicht daran aufzugeben. „Dann hätte ich ihm ja nur in die Hände gespielt.“

Sie sprüht Funken, als sie davon erzählt.

„Der Arsch hat mir jede, wirklich JEDE Zwischentür vor der Nase zugeschlagen, immer in der Hoffnung, ich würde den Anschluss verlieren und aufgeben, da hatte er aber nicht mit mir gerechnet. Anstatt mich zu entmutigen, aktivierte ich meine letzten Reserven, das war so etwas wie meine letzte große Mobilmachung: ich flog alle paar Meter fast auf die Fresse, so fertig war ich, aber irgendwann hatten wir die verdammte Station erreicht. Mir lief die Suppe so runter.“

Sie blieb zwölf Tage, zwölf Nächte, die alles andere als eine Belohnung für ihre Hartnäckigkeit waren. Nicht nur von den Ärzten, auch vom Pflegepersonal wurde sie gemieden, wo es nur ging – mit vom Schnaps ruinierten Weibern wollte niemand etwas zu tun haben. Trotz des vielen Wasser in ihrem Körper bekam sie in der ganzen Zeit nicht eine einzige Entwässerungstablette, was die Aufnahmeärztin des LKH Langenfeld, Sandys nächster Station, zu der entsetzten Fragestellung verleitete: „Was zum Teufel hat man denn zwölf Tage lang in diesem Krankenhaus mit Ihnen gemacht!??“

„Nichts.“

„Ja, seh ich auch so.“

Aber sie hat durchgehalten. Nicht diesen ersten Versuch, der schlug fehl, aber den zweiten Alkoholentzug hat sie bestanden, in einer feinen Essener Klinik. Seither ist Sandy clean. Seit acht Jahren. Spielt sie wieder Nouvelle Vague.

*

Einmal im Leben trifft man auf jemanden, der genauso ist wie man selbst. Dann heisst es entweder zugreifen und festhalten oder schnell abhauen.

Mulmig wird einem in jedem Fall.

*

„Du lässt dein Schmuckkästchen verstauben und verschmutzen, das ich dir mal geschenkt habe, aus echtem Silber. Dann glänzt auch dein Leben nicht.“

(Die Gräfin)

*

Kortenbach wurde in Köln von zwei jungen Nafris bedroht, mit den Worten: „Tschad Child-Warriors! Gimme all money! We kill you!“ Nordafrikaner heissen in Köln nur noch Nafris, seit Hunderte von ihnen in der Silvesternacht 2016 deutsche Frauen belästigt haben. „Wovon aber keiner spricht“, so Korte, der schon lange in Köln lebt, „wieviel deutsche Männer Silvester aufs Maul gekriegt haben.. davon will keiner erzählen.“

Die Stimmung in der Stadt ist gereizt, von der kölschen Lässigkeit im Umgang mit Fremden ist nicht viel geblieben. (Von Projekten wie Urban Gardening mit Flüchtlingskindern mal abgesehen.) Was war passiert? Korte saß Freitagabends in seinem kleinen Laden im Gewerbegebiet. Es ist kein Ladenlokal, eher eine Art Lager mit Büro. Plötzlich geht die Tür auf, stehen da zwei junge Burschen.

„Nafris – vielleicht elf, zwölf Jahre alt. Mit Schraubenziehern in der Hand, so angespitzte Schraubenzieher. Tschad Child-Warriors! Gimme money! All money!“

Kortenbach war so überrumpelt, er wusste überhaupt nicht, was er machen sollte.

„Ich hab denen tief in die Augen geguckt.. ich hab noch nie soviel coole Abgewichstheit gesehen. Die hätten mir für ein paar Euro die scheiß Schraubenzieher in den Bauch gerammt..“

Was tun? Sich auf einen Kampf mit Kindern, mit skrupellosen Kindern einlassen? Korte greift nach einem Holzknüppel unter der Theke, den er erst Tage zuvor dort platziert hat, und schlägt einem der Kids auf die Hand, und der angespitzte Schraubenzieher, „die Dinger sahen aus wie im Knast gefrickelt“, fällt zu Boden. Der Junge will sich nach der Waffe bücken, und Korte haut geistesgegenwärtig auch dem zweiten Burschen den Schraubenzieher aus der Hand. Damit haben die beiden nicht gerechnet, sie fliehen durch die offenstehende Tür.

„We come back! We kill you! Tschad Child-Warriors!“

Halbe Stunde später. Kortenbach hat zwischenzeitlich die Polizei informiert, doch obwohl die nächste Wache keine fünf Minuten entfernt ist, hat sich niemand blicken lassen. Auch beim zweiten Anruf wird Kortenbach nur vertröstet.

„Die Kollegen müssten gleich da sein.“

Dann sieht er sie kommen, schon aus einiger Entfernung, bestimmt an die zehn Halbwüchsige aus dem Maghreb. Burschen, die nichts zu verlieren haben, die Schulden haben bei ihren Schleusern und auf Teufel komm raus Geld machen müssen. Doch diesmal ist Korte gewappnet. Er hat sich keine Woche zuvor eine täuschend echt aussehende Schreckschusspistole besorgt, ab der zweiten Kugel kommt Pfeffermunition zum Einsatz. Er läuft aus dem Laden, den Kindersoldaten entgegen, brüllt „PISS OFF OF MY CLOUD!“ und schiesst in die Luft. Er macht soviel Bohei, dass die Bande Hals über Kopf kehrt macht und flieht. Nachdem sie weg sind und Staub und Pfeffer auf dem Hof sich gelegt haben, füllen plötzlich Sirenen und Blaulichtbatterien das Gewerbegebiet, die Schmiere ist da, im Einsatz sind fünf Streifenwagen mit Kölner Kennzeichen.

„Bisschen spät, wa“, meint Korte.

*

Ein klingelndes Handy, stumm geschaltet, klingt wie eine abgeflachte Oboe.

*

Vielleicht einer unter Tausend schafft es, sich aus seinem Milieu wegzustemmen, 999 schaffen es nicht – warum auch. Ist doch lecker warm im Milieu.

Linie 82 nach Höhscheid. Hinter mir sitzen ein Schüler und eine Schülerin.

„Kauf dir ein neues Leben, Alter!“

„Kauf du dir erstmal ein neues Leben, Alter! Du bist voll schmerzhaft für die Welt, dass du geboren wurdest!“

„Und du? Als deine Mutter gepisst hat, bist du mit rausgeflutscht, Alter! Du bist voll Muttis Pisse!“

„Ich werd hässlich, wenn ich dich angucken muss! Ich sah besser aus, bevor du eingstiegen bist! Der ganze Bus sah besser aus, bevor du eingestiegen bist, als du noch an der Haltestelle warst! He! Guck die Leute nicht so an, die wollen nicht so hässlich aussehen wie du! Du steckst alle an mit deiner Hässlichkeit, Alter!“

„Kauf dir erstmal einen Backofen, Alter, hast du wenigstens ein Dach überm Kopf!“

Nächste Station Erfer Strasse.

„Frisst du immer noch den ganzen Tag Fingernägel, Alter? Wird man davon satt?? Hier, nimmst du ein paar Fingernägel von mir. Die sind lackiert, hast du wenigstens paar Vitamine, du alte Asikuh. Hier, lecker, lecker!“

„Sag mal, deine Mutter, sitzt die immer noch bei LIDL an der Kasse?! Wenn die Feierabend hat und durch den Ausgang raus muss, macht es überall PIEP PIEPP PIEPP, oder nich?!“

„Du hast null Freunde, Alter! Wenn du einen Freund brauchst, musst du ne Hotline anrufen und einen Fuffie hinlegen! Per Blitzüberweisung, Alter!“

„Und du einen Hunni, Alter!“

„Wir haben wenigstens einen Hunni zuhause! Wo wir wohnen, ist voll teuer, Alter, nicht so wie bei euch, wo alle vom Balkon kacken müssen!“

„Ich kack vom Balkon, wenn ich genau weiss, dass du unten stehst, Alter! Hier, willst du meine Pussy fühlen? Damit du mal was Gutes in der Hand hältst, ein Mal im Leben wenigstens!“

Nächste Station Höhscheid Denkmal.

„Bis morgen, Alter.“

„Bis morgen.“

*

„Ich bin mir selbst zutiefst suspekt. Wenn ich mir da draussen irgendwo begegnen würde, ich hätte voll die Alarmglocken an, glaub mir das.“

Die Gräfin

*

„Was ist bloß aus meiner großen verdorbenen Existenz geworden.“

Ich

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4 Gedanken zu „Drittes Jahrtausend Deutschland im Jahr 17

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