Solange man lebt, verursacht man Vergangenheit

Wenn jemand vor dir sitzt, der sich seelisch mit dir beschäftigt, das kitzelt genauso schön wie eine kleine Berührung.

Sanne

*

Ich geh durch die Stadt, es ist Nachmittag, alles wie immer, als ich plötzlich ein zweites Mal hingucke:

Steht da ein mächtiger Knabe, das Gesicht wie grobe Sackleinen, im Blaumann vorm neu eröffneten Frisörladen und lauscht einer Bekannten, die intensiv auf ihn einredet, ihn regelrecht beharkt, umtost von Auto- und Busverkehr, als der Kerl beginnt, sich mit seinen riesigen gutmütigen Müllmannpranken eine Zigarette zu drehen, den Tabaksbeutel in der Hand, eine rabenschwarze Packung, auf der in großen roten Lettern BRENNSTOFF steht, ja, das macht Sinn, BRENNSTOFF:

ein Hochkaräter unter den Eindrücken!

jetzt aber weiter;

*

Samstagvormittag elf Uhr. Eiskristalle flirren in der Luft wie Diamantenstaub und Kinderlachen. Der Schnee läßt sich gut falten.

*

Hunde folgen Prinzipien. Hunde leben von Ritualen. Na schön, Hunde leben von Futter, Wasser, Luft, logisch, aber Hunde lieben Rituale. Dinge, die sich immer und immer wiederholen, da stehen Hunde drauf. Ich bin ein Hund.

„Ihr Männer wisst doch gar nicht, was in uns Frauen alles vorgeht“, sagt sie. „Während wir von euch alles wissen.“

Und wenn schon. Wir sind Hunde. Wir wissen von nichts. Man stromert.

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Wenn ich mit Frau Moll die Abkürzung über den Friedhof nahm, musste sie unbedingt stehen bleiben und aus einem der zahlreichen Brunnen saufen, sonst wurde sie ungemütlich. Da konnte ich es noch so eilig haben, ein Stopp an einem der Brunnen, wo die Giesskannen in Reih und Glied hängen, war Pflicht. Da machte es auch nichts, dass wir erst ein paar Minuten vor der Tür waren und sie noch gar keinen Durst haben konnte, aber darum ging es nicht. Es ging darum, dass sie als Welpe an heißen Sommertagen gern Wasser aus den Brunnen gesoffen hatte, also musste sie auch Jahre später Wasser aus einem Brunnen saufen, wenn wir die Abkürzung über den Friedhof nahmen. Ist doch logisch. Wenn ich also den Wasserhahn aufdrehte, kam Molli über die Gräber gesprungen, bohrte die Schnauze waagerecht in den Wasserstrahl und verbiss sich so glücklich darin, als wär’s ein Hendl gewesen aus dem Wienerwald.

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Es gibt ein paar Filme, viele sind es nicht, aber es gibt sie. Einer ist Phoenix- Blutige Stadt, USA 1997, den ich gestern Nacht noch mal gesehen hab, als es draußen schneite. Mit Ray Liotta als Cop, der wegen seiner Spielsucht tief in der Scheiße steckt – keine besonders fintentreiche Story, doch dann lernt Liotta die Bar-Kellnerin Leila kennen, gespielt von Anjelica Huston. Da ist so viel Hoffnung in dem Film, so viel vorsichtige Annäherung zwischen den beiden. Zum Schluß stirbt Liotta, wie jeder echte Outlaw, hinterm Steuer seines Wagens, nachdem er kurz zuvor ein Blutbad angerichtet hat, während Anjelica Huston zu Hause besorgt aus dem Fenster schaut und auf ihn wartet.

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Spazierengehen, welch ein langweiliges, welch ein zutiefst biederes Wort für eine Überraschung nach der anderen; in ständiger Vorfreude auf den nächsten Schritt, voran!!

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Wer lebt produziert Vergangenheit. Tonnenweise.

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„Schau mal, da vorn“, sag ich zu ihr, als wir durch die Hofschaft Theegarten schlendern, die Muskeln gelockert vom dauernden Auf und Ab der Wupperberge, „das Haus hat ein Loch.“

„Das steht das Fenster offen, du Blödmann“, sagt sie.

Wir rasten einen Moment auf der Rampe vorm alten Kuhstall, wo man gut sitzen kann, wo die Beine baumeln und der Wind bläst durch die Tannen.

„Die haben das gehört“, sagt sie leise.

„Hm? Wer hat was gehört?“

„Die Leute, die da wohnen. Die haben das Loch gerade zugemacht.“

*

Jedes Jahr zum Christfest wurde Frau Moll zum Gegenstand religiöser Verehrung. Es war das weiße Kreuz auf ihrer Brust, das besonders deutlich am 1. Weihnachtstag hervortrat. Pilger kamen von weit her und brachten Rinderpansen, Schweinepfoten aus dem Wok und andere Spezereien, nur um einen Blick auf den geheiligten Hund und sein weißes Mal werfen zu dürfen.

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3 Gedanken zu „Solange man lebt, verursacht man Vergangenheit

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