Es gibt immer was zu schreiben. Es fällt einem nur manchmal nicht ein

Der Glücksfall ist: Aufwachen, wenn man den Traum noch auf der Zunge hat, wenn die letzten Bilder noch präsent sind, wenn man im ersten Moment nicht weiss, was ist Wirklichkeit, was ist Traum. Denn je länger ein Tag dauert, desto schwächer wird der Geschmack, bis am Abend nur noch eine vage Ahnung übrig bleibt, eine Zungenspitze, eine flüchtige, süße Unkenntnis; und selbst das ist noch mehr als der Normalfall:

überhaupt gar nichts behalten.

*

Wenn mir früh am Morgen auf der innerstädtischen Korkenzieher-Trasse einer dieser impertinent drängelnden Radfahrer entgegengeprescht kommt, unrasiert, mit knallgelbem Nike-Stirnband und auf der Klingel stehend, dann, liebe Freunde, plagt mich die Vorstellung, ich würde in dem winzigen Moment, in dem wir uns während unserer Begegnung auf gleicher Höhe befinden, einen Ausfallschritt andeuten, so zackig, dass der Gute vor lauter Schreck aus den Pedalen rutscht, ins Taumeln gerät und mit der Fresse aufs Lenkrad knallt. Dabei verliert er ein Auge, das lustig über die Strasse springt wie eine Ping-Pong-Lychee beim Chinesen. Meine visuelle kleine Nervenshow bricht in diesem Moment meist ab und ich lasse den Radler passieren, der atemlos „Guten Morgen!“ stammelt, so vital, wie nur echte Sportler es drauf haben, dir früh am Tag haarscharf einer Katastrophe entronnen sind.

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Schreiben ist Schlaf, Schreiben ist Trance. Wenn ich einige Stunden geschrieben hab und vom Schreibtisch aufstehe, beginne ich zu frieren. Ich gähne sechs, sieben, acht Mal hintereinander, ich bin komplett k.o. Es ist, als habe das Schreiben sämtliche Energie abgezogen und auf einen einzigen Punkt konzentriert, im Herzkopfbauchgerät.

„Das ist das schönste für dich, wenn du dich in Trance befindest, nicht wahr?“

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So schmilzt es dahin, das Leben. Dabei hab ich immer geglaubt, ich käme aus der Nummer mit dem Altwerden irgendwie raus. Aus der Nummer mit dem Dahinschmilzen. Na schön, was solls. Solange das Herz noch radamm macht und Tageslicht in mein Gesicht fällt.

*

Der nahende Frühling empfängt uns mit einer Brise, als betrete man eine warme Vogelhandlung. Und die Gräfin hat plötzlich einen Seitenscheitel.

„He! Mach das weg! Das nervt!“ Eine lange lockige Strähne fällt ihr ins Gesicht, bedeckt das Auge wie ein Korkenzieher. „Ich seh nichts! Das nervt! Mach das weg!“

„Sieht doch gut aus. Pariser Chic. Existenzialistisch.“

„Pah, Paris..! Das nervt.“

Sie wirft die lockige Strähne zurück auf den Kopf, wo sie nun ausharrt wie eine Fliegerstaffel, die auf ihren nächsten Einsatz wartet: Beim nächsten Windstoß ist es soweit.

„He! Mach das weg!“

*

Beim Durchblättern der Weihnachtsprospekte ruft sie: „Ich will von dir zu Weihnachten einen Kosmetikkoffer haben!“

„Ja genau“, sag ich. „Du willst doch nur den Pinsel da drin haben.“

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