Kiss Kiss

san.maulhelden.gross

Skip war auf skandinavische Weise hübsch. Sie hatte langes blondes Haar und unzählige Sommersprossen, die sich wie eine Seenplatte auf ihrem hübschen Gesicht verteilten.

Skip war es auch, die mir 1974 den ersten Zungenkuss meines Lebens verpasste, im Metropol-Kino, zweite Reihe. Das Kino lag in der unterirdischen Karstadt-Passage am Graf Wilhelm Platz. An den Film selbst hab ich keinerlei Erinnerung, aber die Genickstarre und den ebenso nassen wie drängelnden Lappen Fleisch, der sich wie eine Tunnelvortriebsmaschine durch meinem Mund fräste, habe ich bis heute nicht vergessen. Ich wurde gnadenlos überrannt. Im Sitzen. In meinem eigenen Mund. In der Nachmittagsvorstellung, zweite Reihe. Wenn das der Startschuss für noch mehr Sex sein sollte, was würde dann noch alles kommen..?! Es war atemberaubend. Ich weiss nicht, ob überall Blut war, aber es fühlte sich so an. Zungenkuss. Humpff.

FFUMPPP!

Nach der Schule trafen wir uns hinterm Karstadt, die ganze Clique. Skip war fünfzehn. Ich war vierzehn. Es war Herbst. Es war windig. Es war überhaupt eine zugige Ecke damals hinterm Karstadt, einem Komplex, zu dem auch das Turm-Hotel gehörte.

Um halb sieben, wenn Feierabend war, kam der schwule Benno, der in der Lebensmittel-Abteilung arbeitete, aus dem Seitenausgang und versorgte uns Jungs mit Zigaretten. Mädchen existierten für ihn nicht. Er übersah sie einfach.“Die Weiber rauchen doch sowieso nicht“, verteidigte er seine streng maskuline Linie, was natürlich Quatsch war. Besonders Gudrun, die jeder nur Kippen-Guddi nannte, rauchte eine nach der anderen. Manchmal hatte sie drei Kippen zur selben Zeit am brennen, die Stengel glühten vor sich hin wie ein stinkendes kleines Lichtermeer.

Rosenmontag führte der schwule Benno hinterm Karstadt ein Tänzchen auf, nur für uns Jungs. Wie ein Gockel fegte Benno übers zugige Parkett, einfach so, ohne Musikbegleitung, nur er und seine fliegenden Musical-Beine und sein schwungvolles durchgeknalltes Schwulsein. Wir haben geklatscht und gelacht und sogar die Mädchen mochten ihn an diesem Tag. Er rückte eine Extraschachtel Kippen heraus, Overstolz ohne Filter.

Meist standen wir pärchenweise hinterm Karstadt, an die große Schaufensterscheibe gelehnt und machten stundenlang Kiss Kiss, wie meine norditalienische Oma das zu nennen pflegte. („Na, gehst du wieder in die Stadt, Junge, Kiss Kiss machen?“) Karlos machte Kiss Kiss mit Biene, der dicke Hansen machte Kiss Kiss mit Elly, ich machte Kiss Kiss mit Skip und der schwule kleine Benno machte heimlich Kiss Kiss mit sich selbst auf dem Personalklo des Karstadt, das ein kleines Fenster nach hinten raus hatte.

Eines Tages kam der Moment, vor dem ich mich gefürchtet hatte. Klassenkameraden, die schon mehr wussten als ich, hatten selbstgefertigte kleine Bleistift-Skizzen herumgehen lassen, auf denen zu sehen war, wie eine Muschi ungefähr aussah. Es war damals nicht so einfach, an handfeste Pornos ranzukommen. Ich erinnere mich an eine Skizze von Seyfarth, der später nach Amerika ging und Karriere bei einer grossen Bank machte. Nach seinen Beobachtungen sah eine Muschi aus wie ein Fischli aus der Partymischung. „Is auch so salzig.“

Dann war es soweit. Der Tag war gekommen. Es war Winter. Es war arschkalt hinterm Karstadt. Wir trugen Persianer und andere ausgediente Fellmäntel unserer Mütter. Wir sahen aus wie im Zoo. Skip kicherte und nahm meine Hand und führte sie in ihre Hose. Zentimeter um Zentimeter fingerte ich den Bauch runter, bis ich den Ansatz ihres Schamhaars erreichte. Zum ersten Mal im Leben fasste ich den Busch an. Ich musste an Tina denken, die Hündin meines Opas, ein Deutsch Drahthaar. Aber wieso zum Teufel hatte ich die Hündin meines Opas im Kopf, wenn ich grade der schönsten Schwedin weit und breit in die Hose ging?

(Heutzutage legen die Backfische ja schon vorm ersten Sex ihr Schamjäckchen ab und hängen es über den Bügel. Früher waren robuste Naturen gefragt, wir waren in der Wildnis. Es gab Schamhaarpartien, bei denen mir spontan der Begriff Sassafrass einfiel, ohne jetzt ganz genau zu wissen, warum.)

„Weisst du was, wir machen das am besten mal bei mir zuhause, ganz in Ruhe“, meinte Skip schließlich und zog entnervt meine Hand aus ihrer engen Jeanshose. Sie hatte schon mit ganz anderen, mit viel älteren und erfahrenern Jungs rumgefummelt, sie kannte sich aus im Metier, während es für mich die Premiere gewesen war. Die Pettingpremiere.

Fürs erste war ich raus aus der Nummer.

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7 Gedanken zu „Kiss Kiss

  1. Habe dort Ende der 70er auch gestanden. Auf die tieferliegende Tanke geschaut. Wurde mein Kumpel von einer Böe erfasst oder war er gesprungen? Zügig war es damals auch.

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