Wenn der Mainstream vorüberzieht, immer schön winken

Die Abendrunde mit dem Hund endete bei uns im Hinterhof. Abend für Abend standen wir in der Dunkelheit und schauten zur Wohnküche hinauf, in der sich verzauberte Lichterketten der Wand entlangschlängelten. Es war, als könne man hineingreifen und beim Zimmerwirt einzelne Sterne und Galaxien ordern, wie an einem interstellaren Kiosk, der lange geöffnet hat, bis weit in die Nacht hinein.

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Sie sagt: „Ich bin langsam, schwerfällig und ängstlich – und all diese Hürden führen mich zu mir. Und machen mich flott, leichtfüßig und mutig, mit ein bißchen Glamour dabei.“

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„Wenn ich morgens aufwache und mir wünsche, Pablo Picasso zu sein, dann nicht etwa, um malen zu können wie Pablo Picasso, sondern um aufzuwachen wie Pablo Picasso: Auf denn! Dies ist mein Tag!! Es geht los!!!“

(Die Gräfin)

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„Das ist kulinarische Kriegsführung“, schimpft sie, als sie die Nährwert-Tabelle auf der Chinesische Nudeln-Packung liest. „Pro Portion 500 Kalorien! Wahnsinn! Die Chinesen wollen uns so fett machen, bis wir es nicht mehr schaffen, aus Europa rauszukommen! Dann haben sie uns endgültig im Sack.“

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„Wenn ich mir anschaue, was in meinem Kopf so los ist an einem ganz normalen Wochentag, da frage ich mich schon: Wie zum Himmel kann der liebe Gott soviel fundierten Unsinn in einem einzigen Kopf zulassen..!?“

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China. Sagen wir, sie mag es nicht. Es ist das Milliardengwimmel, das sie nervös macht, die Arbeitsmoral der Chinesen, alles zu tun, was einem aufgetragen wird. Das findet sie besonders gruselig. Und, ja, sie ist sogar der Überzeugung, auch ich würde zunehmend wie ein Chinese lachen, wenn ich lache.

„Musst du dir mal angucken, wie sich deine Mundwinkel in die Länge ziehen, wenn du lachst – Schlitze, endlose Schlitze!“

Ihr eigene Lache hingegen sei kontinental-europäisch geblieben.

„Pass bloss auf“, warnt sie mich, „Hu Jintao.“

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Henrystutzen. Manchmal reicht schon ein einziges kleines Wort, und man taucht ab in die eigene Jugendherberge.

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„Ruhe ist das Schlimmste, was ich nicht finde.“

(Die Gräfin)

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Es ist nicht so sehr das Mittelmaß, das in der Gesellschaft den Ton angibt, es sind vielmehr diejenigen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dazu zu gehören. Zum verdammten Mittelmaß. Als wäre es der Sinn des Lebens, nichts besonderes darzustellen. Das Leben abzuheften, zur Wiedervorlage, mit einem schwunglosen Häkchen:

erledigt.

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Lass dir nichts erzählen. Man muss nicht gegen den Strom schwimmen. Es reicht aus, stehen zu bleiben und nicht mitzuschwimmen. Das ist gar nicht so schwer. Man muss bloß ein bißchen robust sein. Zur Not zieht man eine Bleiweste über und winkt schön, wenn der Mainstream vorüberzieht. Immer schön winken. Damit es hinterher nicht heißt, der hat ja nicht mal gewinkt. Gewunken. Gewankt.

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“Da hat man nur ein einziges Leben, Joe, und dann verbringt man es so, wie andere es wollen?? Nach ihren Regeln?!!”

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Verweigerung ist Selbstbestimmung.

In der Mitte des Flusses stehen zu bleiben, wenn einem die Fliessrichtung nicht passt, ist Selbstbestimmung.

Sich keinen beschissenen Yeti-Vollbart wachsen zu lassen, nur weil alle anderen es gerade tun, ist Selbstbestimmung.

Die Parade der Neuen Apparatschicks, der allgegenwärtigen, in Karnickelstarre verfallenen Smartphone-Glotzer in Ruhe an sich vorüberziehen zu lassen, ist Selbstbestimmung. (Ein Bild, das schon in zwanzig Jahren wieherndes Gelächter provozieren wird: Papa, habt ihr früher WIRKLICH so senil auf euer blödes Telefon geglotzt!!?)

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Natürlich kann man mit vier Beinen doppelt so viel Schuhe anziehen wie normale Leute. Und hätten wir an jeder Hand 10 Finger, man könnte die Klaviere ein schönes Stück kleiner bauen und einhändig bespielen.

Sie verstehen.

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Es gab mal eine Zeit, da wünschte ich mir eine Kamera auf der Stirn, die automatisch mitläuft und alles aufzeichnet und dokumentiert, was einem so tagtäglich unter die Augen tritt. Damit endlich dieses häßliche, alles verfälschende Erinnern aufhört, auf das man sich beim Schreiben und Erzählen stützen muss. Dass ich endlich Beweise parat habe, welch unzumutbar anstrengendes Leben ich führe als Chronist meines Daseins, der noch umständlich mit Notizbuch und Stift hantiert. Mit einer Automatik-Kamera auf der Stirn dagegen wäre alles ganz easy, dachte ich. Keine Lügen mehr, kein Fake.

Pro Drehtag rechnete ich mit ca. 12 Spielfilmen á 90 Minuten, weltweit live in die Kinos gespült. Überall in den Metropolen dieser Welt würde es eigene Glumm-Kinosäle geben, die das neueste aus meinem Leben zeigen, Monate im Voraus ausverkauft.

Und plötzlich, Jahrzehnte später, kommt Google mit einer faulen Nuss genannt Kopfkamera um die Ecke, die genau das verspricht, was mir früher vorschwebte: alles aufzuzeichnen, alles zu dokumentieren, was man sieht.

Das ist das Ende aller Kunst.

Das ist das Ende.

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Wenn ich tot bin, gehöre ich endlich mir.

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Auf dem Höhepunkt nicht weitermachen wollen, den Höhepunkt als Höhepunkt begreifen und aufzuhören, das ist die Kunst. Das wird schwer. Das geht.

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Sie ist an einem Mittwoch geboren. Ist es da ein Wunder, dass sie mittwochs stets müde ist und schon früh am Morgen wieder schnell zurück ins Bett will.

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„Es gibt eine Menge Leute, wenn ich wüsste, ich wäre genauso wie die, ich würde mich auf der Stelle umbringen – bei aller Liebe.“

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Einer gelernten Steinmetzin darf man ruhig Steine in den Weg legen.

„Ich bitte darum!“

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Solange du dem Leben keinerlei Fragen stellst, kommen die fetten Antworten.

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Man muss gar nicht unbedingt gegen den Strom schwimmen. Es reicht vollkommen aus, mitten in der Wupper stehen zu bleiben und nicht mitzuschwimmen. Das ist gar nicht so schwer. Man muss nur ein bißchen robust sein, 108 Kilo wiegen und eine doppelte Bleiweste tragen. Und wenn dann der Mainstream vorüberzieht, immer schön winken.

Tückisch wird es nur, wenn man vor lauter Standhaftigkeit im Schlamm des Flußbetts versinkt und allmählich zu ersaufen droht.

Hilfeschreie lohnen gelegentlich.

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„Manchmal schaust du wie ein Baby aus der Wäsche, das schon zuviel gesehen hat.“ (Die Gräfin)

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4 Gedanken zu „Wenn der Mainstream vorüberzieht, immer schön winken

  1. Jedes einzelne Teilchen eine Perle. Danke euch beiden einmal mehr für eure Gedanken.
    Das mit der Kamera hab ich mir auch gelegentlich gewünscht. So ab 25jährig. Mir dann aber vorgestellt, dass ich gar keine Zeit hätte, mir die Filme anzugucken, weil ich ja die Zeit zum leben brauchte. Das mit den Kinosälen wäre mir nie eingefallen (ich wollte ja nur jeden meiner manchmal tollen Gedanken verpassen und herausfiltern können, so ganz alles dann doch nicht.)
    Auch heute sprechen Irgendlink und ich zuweilen dadrüber, weil er ja bei seinen Radtouren so was ähnliches tut.
    Mich persönlich interessieren mehr die gedachten Gedanken als die gesehenen Bilder – die tät ich gerne „auszeichnen“ können zur späteren Verwendung.

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